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Jakob van Hoddis (I887-I942)



I. Poesie zwischen Weltende und kabarettistischem Unsinn
Die Engel fürchten sich vor Gottes Fluch Und haben Zigaretten in der Fresse.
      Denn Luzifer ist heute eingeladen Und geht mit einem sicherlich zu Bett.
Diese frivolen Verse über die sexuellen Nöte himmlischer Geschöpfe und ihre kleineren Laster gehören gemeinhin nicht zu den ersten Versen, die man mit Jakob van Hoddis verbindet. Zu leicht und verspielt scheint der hier angeschlagene Ton. Dabei hat der Autor eine Reihe eher kabarettistischer Texte veröffentlich, beispielsweise ein Couplet auf 'ein Mädchen von keuschem Geblüt / Und sie hat doch für viele Männer geglüht" und sogar ein Andante für singende Kühe. Dass er trotzdem literaturwissenschaftlich meist unter Schlagworten wie Negation, Deformation, Desillusionierung und Zerstörung verhandelt wird, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen ist Jakob van Hoddis auch der Verfasser des Gedichts Weltende, das den expressionistischen Generations- und Epochenstil prägte. Zum anderen setzt der Respekt vor einem Lebensweg, der später über verschiedene Heilanstalten in den Holocaust führte, der Rezeption Akzente, die Krisenbewusstsein und die Vorausahnung der Katastrophe betonen. Dabei wird häufig übersehen, dass Jakob van Hoddis zugleich ein Wegbereiter des Dadaismus ist.
      'Das berühmteste Gedicht des deutschen Expressionismus" nennt Peter Rühmkorf Weltende, Robert Gernhardt scheut sich nicht, das Gedicht als 'Ohrwurm", 'Smash-Hit" und sogar als 'Evergreen" zu titulieren. Publiziert wurde Weltende zuerst 1911, zum Synonym für die junge Literatur des zweiten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts wurde es spätestens mit der von Kurt Pinthus 1920 herausgegebenen Anthologie Menschheitsdämmerung. Programmatisch steht es dort im ersten Abschnitt als eröffnendes Gedicht.

      Weltende
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,

In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
      Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei

Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.
      Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.
Schon die Mitstreiter des Expressionismus haben emphatisch die furiose Wirkung beschrieben, die von dem Text ausging:
Diese acht Zeilen entführten uns. Immer neue Schönheiten entdeckten wir in diesen acht Zeilen, wir sangen sie, wir summten sie, wir murmelten sie, wir pfiffen sie vor uns hin, wir gingen mit diesen acht Zeilen auf den Lippen in die Kirchen, und wir saßen, sie vor uns hinflüsternd, mit ihnen beim Radrennen. Wir riefen sie uns gegenseitig über die Straße hinweg zu wie Losungen, wir saßen mit diesen acht Zeilen beieinander, frierend und hungernd, und sprachen sie gegenseitig vor uns hin, und Hunger und Kälte waren nicht mehr.
Etliche Male wurde Weltende seitdem als expressionistisches Exempel interpretiert. Das Gedicht formuliert ein zeitspezifisches Krisenbewusstsein, aber es formuliert es derart, dass es die Konsequenzen für die gattungsgeschichtliche Tradition gezogen hat - und das macht es bedeutend. Disparate Wahrnehmungselemente unterschiedlicher Dramatik werden addiert und verdichten sich in der Montage; ein Verfahren, das seitdem als Reihungs- oder auch Simultanitätsstil bezeichnet wird. Der Mensch wird verdinglicht, wenn Dachdecker wie Spielzeuge entzweigehen, dafür wird die Dingwelt personifiziert und übernimmt die aktive, weltverändernde Rolle. Die geänderten Prämissen der Wahrnehmung in der beschleunigten Welt lösen die Gattungskonventionen jedoch nicht vollständig auf, beibehalten werden alternierendes Metrum und Endreime. Die klassifizierenden Stichworte des Epochenkatalogs lassen sich demnach friktionsfrei anwenden. Aber sie sind nicht ausreichend. Insbesondere im Vergleich mit motivgleichen Texten anderer Expressionisten fällt auf. dass van Hoddis das apokalyptische Szenario gleichsam unterwandert: Die Zeugen für den drohenden Untergang sind fragwürdig, verlassen sich auf Lektüre, der Schnupfen als apokalyptisches Zeichen wirkt grotesk. Wird hier tatsächlich ein apokalyptisches Szenario prophezeit oder eine allgemeine Zeitstimmung parodiert? Das anklingende Pathos, das für Teile der expressionistischen Bewegung charakteristisch ist, wird durch Verben wie 'hupfen" spielerisch destruiert. Somit ist Weltende das Startsignal für ein Kunstprogramm, dessen Absolutheitsanspruch es schon infrage stellt. Dieser Doppelbödigkeit der Texte von van Hoddis wird im Folgenden nachgegangen werden; damit soll auch ein Plädoyer für ein erweitertes Bild der Dichtung von Jakob van Hoddis gehalten werden.
     

II.

Publikationsgeschichte und Biographie
Die Gedichte des Autors wurden hauptsächlich zwischen 1911 und 1914 in avantgardistischen Zeitschriften, beispielsweise im Sturm und der Aktion, gedruckt. Weiteren Publikationen stand die zunehmend dramatische psychologische Situation entgegen. Bereits im Herbst 1912 erfolgt eine Zwangseinweisung in eine Heilanstalt, die van Hoddis aber durch eine Flucht nach Paris beenden kann. Seit Kriegsausbruch befindet er sich in wechselnder Privatpflege, zunächst in Thüringen, dann in Tübingen. Diagnostiziert wird Schizophrenie. Die weitere Krankengeschichte führt in Kliniken in Tübingen, Göppingen und schließlich in die Israelitischen Kuranstalten in Bendorf-Sayn. Von hier wird er gemeinsam mit den anderen Patienten und dem Personal 1942 deportiert und ermordet. Der einzige Lyrikband, der zu Lebzeiten erschien, wurde ohne Beteiligung des Autors aus bereits veröffentlichten Texten von Franz Pfemfert, dem Herausgeber der Aktion, zusammengestellt und im eigenen Verlag 1918 unter dem Titel Weltende herausgebracht. Wiederentdeckt wurde das schmale Werk von Jakob van Hoddis erst weit nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie sich herausstellte, war der Nachlass des Autors nach Israel gelangt und dort von dem Jugendfreund Erwin Loewenson entdeckt worden. Daher konnten Gedichte aus dem Nachlass in den 1958 erschienenen Band Weltende. Gesammelte Gedichte aufgenommen werden. Eine umfangreiche Edition Dichtungen und Briefe, herausgegeben von Regina Nörtemann, erschien schließlich 1987.
      Das Pseudonym van Hoddis wurde anagrammatisch aus dem Namen Davidsohn gebildet. Unter diesem Namen wurde der spätere Dichter am 16.5.1887 in Berlin geboren. Der Vater war Arzt und ein Vertreter des jüdischen Bürgertums. Der Bildungsweg des jungen Hans Davidsohn ist problematisch. Das königliche Friedrich-Wilhelm-Gymnasium muss er 1905 wegen einer Auseinandersetzung mit einem Lehrer verlassen. Das Abitur kann er aber ein Jahr später am städtischen Friedrichsgymnasium absolvieren. In Der Oberlehrer, einem Gedicht, das wahrscheinlich schon 1908 in der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung vorgetragen wurde, diagnostiziert van Hoddis die Sprachlosigkeit zwischen Lehrer und Schülern als ein Generationserlebnis:
Er spricht von Theben heute Nachmittag. Einige heben ihre kleinen Hände, Einige kitzeln leise sich am Sack Und gucken schläfrig auf die leeren Wände.
Nichtsdestotrotz versucht sich Hans Davidsohn am Bildungskanon zu orientieren und studiert nach einem Abstecher in die Architektur zunächst Klassische Philologie in Jena und dann 1908/1909 an der Friedrich-Wilhelms-Universität, Berlin, Altphilologie. Wegen sogenannten 'Unfleißes" wird er drei Jahre später exmatrikuliert. Geblieben ist ein allgemeiner Hohn und Spott auf die akademische Welt. Böse geht der parenthetische Kommentar in Der Morgen des Philosophen mit den biederen Visionen eines philosophischen Fachvertreters ins Gericht, indem es dessen inneren Monolog lapidar paraphrasiert und dessen Lächerlichkeit enthüllt.
      In den wenigen Jahren, die Jakob van Hoddis in der literarischen Öffentlichkeit präsent ist, gehört er zu den Initiatoren und Organisatoren der jungen Literaturbewegung in Berlin. Dieses Engagement ist auch für die Entwicklung des ästhetischen Urteils und der eigenen literarischen Produktion von großer Bedeutung. Während seines Studiums tritt er zunächst in die Studentenverbindung Freie Wissenschaftliche Vereinigung ein. In deren Zeitschrift publiziert er 1907 auch seinen ersten Text, zudem hält er dort Vorträge über Architektur und Philosophie. Kritisch gewertet wird von ihm jedoch der Bildungscharakter, den das Programm der Vereinigung hat. Zusammen mit Kurt Hiller und Erwin Loewenson gründet er 1909 daraufhin den Neuen Club. Hier trifft sich in den folgenden Jahren die Berliner Avantgarde, von Georg Heym über Ferdinand Hardekopf bis zu Else Lasker-Schüler. Auch der Kontakt zu den maßgeblichen avantgardistischen Zeitschriften Der Demokrat und Der Sturm wird hergestellt. Die Veranstaltungen liefen unter dem Titel Neopathetisches Caba-ret. Die Texte müssen sich vor den Zuhörern bewähren, wenden sich nicht an den zurückgezogenen Leser, sondern unmittelbar an den kritischen Zuhörer. Der Autor benutzt nun, Ende 1909, zum ersten Mal das Pseudonym Jakob van Hoddis. Bis zu mehreren Hundert Zuschauern kommen zu den Veranstaltungen, die von der Presse genau verfolgt werden. Das Feuilleton erkennt die eigene Qualität der Texte von van Hoddis, denn das 'tanzt und lacht und grinst und hat doch viel ernsteren Sinn als die sausenden Gewalten und die flügelschlagenden Würmer."
Welche Provokation für den bürgerlichen Kunstverstand von den Versen ausgeht, signalisiert ein Beitrag der Münchner Allgemeinen Zeitung: 'Ich habe selten so etwas bodenlos Häßliches gehört." . Jakob van Hoddis lernt in dieser Zeit Emmy Hennings, die Puppenkünstlerin Lotte Pritzel, Georg Heym und Karl Kraus kennen. Dem Erfolg stehen Zurückweisungen und Konflikte mit den Künstler-Freunden gegenüber: Der Neue Club löst sich 1912 auf, zwischen van Hoddis und Hiller kommt es zum Zerwürfnis, Lotte Pritzel weist den verliebten van Hoddis ab. Der erprobt in dieser Zeit Äther-Experimente und wendet sich dem Katholizismus zu. Der erste psychische Zusammenbruch des Autors im gleichen Jahr wird in Zusammenhang mit diesen Ereignissen gesehen, die einen tragischen Höhepunkt durch den Tod Georg Heyms finden, mit dem ihn eine konfliktreiche Freundschaft verbindet. .
      I

II.

Der Italien-Zyklus als poetologische Selbstverortung
Die Auflehnung gegen den ästhetischen Kanon sowie die tradierten sozialen Bindungen und Normen, aber auch die Suche nach noch möglichen Schreibweisen, schlägt sich in einem zentralen Gedichtszyklus im Werk von Jakob van Hoddis nieder, in Italien. Im Frühjahr 1910 bereist er diesen Sehnsuchtsort deutscher Dichtergenerationen. Italien steht hier zunächst weniger für ein Reiseerlebnis als für poetische Konzepte, zu denen sich der Dichter der Moderne verhalten muss. Der Zyklus beginnt folgerichtig mit einer Distanzierung von konventionellen Sprechmöglichkeiten, einerseits von ästhetisierender Weltschmerzlyrik 'Laß ab mit Gesten trauriger Poeten / In Reim und Wohllaut sinnig zu verklingen," andererseits aber auch mit der Distanzierung vom Dichter als Auserwähltem und quasireligiöser Führerfigur: 'Du brauchst auch nicht als schlauster der Propheten / Probleme lösend, nach Erlösung ringen." Was dem lyrischen Ich bleibt, ist der ironische Blick, der tradierte Italienbilder durch eine Montagetechnik destruiert, die an Weltende erinnert:

Auf Säulchen thronen hier Geflügelgreife.
      Steinerne Löwen heben ihre Schweife.
      Ein Dampfer kommt und raucht und tutet laut.

     
Die literaturgeschichtliche Überfrachtung des Topos Italien mit Projektionen hat derartige Konsequenzen, dass im dritten Gedicht bereits die florentinischen Paläste mit Goethe-Anekdoten auf das lyrische Ich einreden, denn 'Sein weißer Schlafrock glänzt durch die Gezeiten". Damit wird ein Flehen 'o sprecht, ihr hohen Paläste!" aus den Römischen Elegien auf unerwartete Weise erfüllt. Goethe ist der literarische Übervater, an dem vorbei ein eigener Weg gefunden werden muss. Hier verbinden sich Kritik am Bildungsbürgertum, an der literarischen Tradition und Auflehnung gegen die Eltern. Übervater ist hier durchaus auch biografisch zu verstehen. Von seiner Mutter, Doris Davidsohn, stammen biografische Aufzeichnungen, in denen sie Familiengeschichte festhielt. Dominantes Bildungserlebnis war für Doris Davidsohn Goethe:
Immer und wieder las ich Goethe; seit meinem achtzehnten Jahre bin ich nie ohne einen Band Goethe gereist. Goethes Art, die Welt zu schauen und zu fühlen, ist mir zur Lebensluft geworden [...] Darum kann ich unmöglich einen Einfluß im einzelnen schildern; ich kann nur sagen, daß ich ohne ihn mir mein Leben nicht vorstellen kann und daß mich oft ein überströmendes Dank- und Glücksgefühl überfällt, dafür, daß ich nach ihm geboren bin.
Für den Sohn wird das Nach-Goethe-Geboren-Sein - man kann über die daraus resultierenden Erziehungsmaximen nur spekulieren - allerdings zum Problem. Die Reise nach Italien war ein Geschenk der Mutter. Später gibt sie im Gespräch mit einem behandelnden Arzt Jakob van Hoddis' Apathie in Italien als Krankheitssyndrom an. Es ist ein Topos in der Expressionismusforschung, dass am Anfang der literarischen Bewegung die Revolte gegen die Väter steht. Auch im Italien-Gedicht von van Hoddis klingt die Auflehnung an, wird aber sofort relativiert: 'Ja, hätt' ich Feinde zu endlosen Kämpfen, / Ließe mein Haß mich viele Straßen gehen." Gegen Überväter, die man in weißen Schlafröcken der Lächerlichkeit preisgeben kann, muss man nicht mehr kraftstrotzend revoltieren. Überliefert ist von van Hoddis die Bemerkung, er möchte es soweit bringen, dass der Name Goethe nur noch mit einem ironischem Schmunzeln ausgesprochen wird. Noch fleht das lyrische Ich: 'Entdecke dir die Häßlichkeit der Welt" , doch es bleibt bei dem frommen Wunsch. Jakob van Hoddis entdeckt in seinen Gedichten nicht primär die Hässlichkeit der Welt, sondern vielmehr die subversive Kraft des Lächerlichen, des täglichen Unsinns; so schließt das Gedicht gelassen:
So waren wir auch in Italien Gäste, Und haben dort so manchen Tag verschlafen. Wir tranken Wein in Kinematographen, Und krochen durch die Gärten und Paläste.
      Und gaben manchmal uns den ungestümen Facaden hin, Gewölben und Kapellen, Schlanken Pilastern und den Ungetümen Und dicken süßen Leibern in Bordellen.

     

I

V.

Motive: Großstadt - Variete - Traum
Die in Italien gewonnene Position formt eine Prämisse für das Schreiben. Diese schließt das bekannte 'O Mensch"-Pathos ebenso aus wie einen messianischen Expressionismus, der im Zeichen der Erneuerung eine Führergestalt erwartet. Allerdings bleibt auch die idyllisch-laszive Haltung der Schlussstrophe so nur Episode. Insbesondere in den Großstadtgedichten, wie in Zweifel dominiert das Krisenbewusstsein: 'Da diese Nächte uns nur Morgen sind / Für Feuertage, die wir nicht erkennen." Zu den Charakteristika des Werkes von van Hoddis gehört, dass eine gerade entwickelte Schreibweise, die neue Wahrnehmung fixiert, nicht zu einem Muster wird, sondern durch neue Sprach- und Formexperimente erweitert und kontrapunktiert wird. So ist auch Weltende stilprägender für den Frühexpressionismus als für van Hoddis selbst. Seine Stadt-Gedichte reichen daher vom Spott-Gedicht auf philosophierende Städtebewohner über Industrialisierungskritik bis zur Halluzination, in der die Stadt mythologisiert wird .
      Das Grundgefühl der Langeweile, bereits bekannt aus Italien, wird in zahlreichen anderen Gedichten thematisiert. Dabei geht es nicht um individuelles Empfinden. Vielmehr war, wie die Aufzeichnungen des Expressionismus zeigen, die Langeweile, das Gefühl der eigenen Funktionslosigkeit, eine Zeiterscheinung. Van Hoddis wirft den ironischen Blick auf die Zeitgenossen und die eigene Künstlerschaft. Die Unterhaltungsrituale der Großstadtmenschen haben seine besondere Aufmerksamkeit, so im Variete-Zyklus, der neun Variete-Nummern kommentiert, darunter den Auftritt des kraftstrotzenden Athleten, des Humoristen, eines Balletts, einer Soubrette etc. Das Finale stellt eine kinematographische Vorführung dar. All das löst beim Betrachter allenfalls Überdruss aus:
Und in den dunklen Raum - mir ins Gesicht -Flirrt das hinein, entsetzlich! nach der Reihe! Die Bogenlampe zischt zum Schluss nach Licht -Wir schieben geil und gähnend uns in Freie.

     
Georg Heym diagnostiziert eben diesen Überdruss. Bei ihm wird schließlich die Möglichkeit des Krieges oder der Revolution sogar als Befreiung von der Untätigkeit empfunden. Diese Sehnsucht nach dem Krieg ist der Lyrik van Hoddis' fremd. In Karthago, einem Geeicht, das die Verbindung von Mythologisierung und historischer Analyse gelingt, wird die Vergeblichkeit des Menschenopfers benannt:
Eure Töchter und Söhne verbrennt ihr im gräßlichen Feuer vergebens.
      Horch, es klingt der gläserne Tod durch die wüste Stunde.
      Und es erstarrt im Mittagswunder der Traum und die Kraft eures Lebens.

     
,0 Traum, Verdauung meiner Seele!" - mit diesem Ausruf beginnt die Timm-Hymne von an Hoddis auf den 'Zerstörer aller Dinge die mir feind sind; / Aller Nachttöpfe, / Kochlöffel und Litfaßsäulen ..." . Der Alp in dieser Art Traum entspringt vermutlich der bürgerlich-beschaulichen Phantasie, wo man sich allenfalls vor 'Großmama Pauline" und obigen Alltagsutensilien in Acht zu nehmen hat. Diese Mischung aus antibürgerlicher Gro-teske und poetischem Unsinn fand Resonanz bei den Dadaisten, die die Hymne in Club Voltaire abdruckten und in Zürich rezitierten. Während ein großer Teil der Ge-dichte des Autors von einem halluzinatorischen Sog erfasst sind, die eine Distanzierung rieht ermöglichen und vom Zerfall des Ichs künden, glückt es in anderen Texten - es sind diejenigen, die in Interpretationen selten Berücksichtigung finden -, den Alp abzuschütteln, ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Es handelt sich um Gedichte wie Der Teufel spricht: Dieser Text evoziert in den ersten Versen ein ähnliches Bild wie am Anfang von Georg Heyms Der Krieg. Der Text von van Hoddis scheint zunächst ein ähnliches Bedrohungsszenario zu diagnostizieren: 'Ein alter Leichnam kriecht aus seinem Loche / Im Eisenkleid nach alter Krieger Art." Die Parallelen sind augenfällig. Dann kippt das Bild bei van Hoddis jedoch ins Lächerliche, wenn Satan in seinem Monolog fortfährt 'Er tut es jeden Sonntag in der Woche / [...] / Mit seiner Rechten macht er Winke-Winke."
Das Gedicht Die Himmelsschlange, aus dem das Eingangszitat dieses Beitrags stammt, gehört zur Gruppe der kabarettistischen Unsinnspoesie. Der Autor zeigt hier eine Reaktion auf die Entfesselung der Moderne, die ganz anders ist als das konventionelle Expressionismusverständnis:
Ach, dem Denker wird es übel, Der das Heut' bedenken soll. Steckt ihn in den Wasserkübel. Er ist toll.
Karl Riha hat in einer Interpretation von Weltende angedeutet, dass 'die ironisch-buffone-seke Auffassung des Endzeitgeschehens, die bei van Hoddis Faszination und Distanz grotesk aneinander bindet und im Witz löst" , später nur gegen den Expressionismus wieder einzuholen gewesen wäre. Diese Qualität des Werkes von Jakob van Hoddis, die weit über das an Weltende geknüpfte Expressionismusverständnis hinausreicht, ist immer noch zu entdecken - in der Spannung von Krisenbewusstsein und befreiender Unsinnspoesie.
     

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Jakob  van  Hoddis  (I887-I942)    

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