Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Autoren

Index
» Autoren
» Julius Theiß

Julius Theiß - Leben und Biographie



Abwechslungsreich, voll unerwarteter Ãœbergänge und im einzelnen noch nicht überschaubar — wie auch sein schriftstellerisches und publizistisches Werk — ist das Leben des Erzählers Julius Theiß. Bloß spärliche Daten zu seinem Lebenslauf stehn uns zur Verfügung: selbstbiographische Aufzeichnungen, die allerdings nur sein Schauspielerdasein beleuchten1, und etliche Angaben in einem Nachschlagewerk2. Hinzu kommen noch Hinweise auf die Person des Erzählers in einigen seiner Skizzen und Novellen, die auf den Verfasser selbst bezogen werden können.
      Julius Johann Theiß wurde 1846 in Hermannstadt als Sohn eines Bäckers geboren. Hier besuchte er die Realschule, worauf er ein Handwerk — die Tischlerei — erlernen sollte. Dies geschah auch, doch übte er den gewählten Beruf nicht lange aus. In Wien ließ er sich zum Schauspieler ausbilden und führte ein bewegtes Leben in Österreich und Deutschland. Nach seinem vierzigsten Lebensjahr wandte er sich hauptberuflich der Publizistik zu und lebte als Journalist in Chemnitz.
      Von seinen literarischen Arbeiten ist hierzulande bloß das zugänglich, was in einheimischen Publikationen erschienen ist. Das Bild des Schriftstellers Theiß wird vermutlich vielschichtiger sein, wenn man auch seine in deutschen Zeitungen veröffentlichten Beiträge berücksichtigt. In seiner Heimat ließ Theiß vor allem das erscheinen, was dem hiesigen Lebensbezirk verbunden ist, zu dem er durch gelegentliche Besuche die Verbindung unterhielt. Seine siebenbürgischen Aufenthalte hat er offenbar stets dazu genutzt, Eindrücke aus dem heimischen Volksleben zu sammeln, die er dann in seinen Erzählungen verwertete.
      Stoff seiner Erzählungen ist das siebenbürgische Leben in seiner ganzen Vielfalt. Er hat nicht nur das Dasein der Sachsen, sondern aller Volksstämme der Provinz beachtet. Damit im Zusammenhang macht sich ein für den 'Ausländer" kennzeichnender Hang zum Exotischen bemerkbar: das, was der Einheimische infolge der Gewöhnung nicht mehr wahrnimmt oder ihm zu weit vom Eigentlichen abzuliegen scheint, ist dem Fremden eher Anreiz zur Gestaltung. Er wird — im Bestreben, das Eigenartige der sieben-bürgischen Verhältnisse aufzuzeigen — sich gerade von jenen Vorfällen ansprechen lassen, die das Merkwürdige ins Abenteuerliche und Sensationelle steigern und dabei nicht allzu bedenklich danach fragen, ob die erfahrene Begebenheit von allgemeiner Gültigkeit für den landschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmen ist, den er schildert.
      Ein thematischer Bereich der Erzählungen von Theiß ist die siebenbürgische Geschichte. Bei den weiter zurückliegenden historischen Epochen stützt sich der Verfasser auf mehr oder weniger allgemein bekannte Ortssagen. So ist Das Mädchen von Draas die Erzählung einer sagenhaften Begebenheit, die nicht nur von Draas, sondern auch von anderen Ortschaften berichtet wird: wie ein beherztes Bauernmädchen durch List den Nachstellungen eines Tataren entgeht. Was jedoch in der Sammlung der Siebenbürgischen Sagen in wenigen Zeilen erzählt wird, ist von Theiß erweitert und auch durch ein ethisches Motiv bereichert worden: unter Einsatz ihres Lebens rettet Marie Palmer ein bei der Flucht vor den Feinden in einem Weingarten zurückgelassenes Kind. Auch Die Pfarrerstochter von Seiburg hat wohl einen sagenhaften Vorfall zum Ausgangspunkt. Es fällt schwer, in diesem mit einem gewissen Schwung entworfenen Historienbild einen besonderen geschichtsinterpretatorischen oder seelenkundlichen Sinn aufzuspüren, da das an sich spannende Geschehen an der Oberfläche bleibt und wesentliche Zusammenhänge nicht andeutet, geschweige denn offenbart.
      Daß die historischen Erzählungen von Theiß nicht aussagekräftiger sind, erklärt sich wohl auch aus dem Umstand, daß der Autor wenig tief in die Problematik der geschichtlichen Ereignisse eingedrungen ist. Der Kuruzenaufstand beispielsweise wird vom Verfasser in seiner Eigenart und Bedeutung verkannt, und so können auch die beiden Erzählungen des Verfassers, deren Geschehen sich in jener Zeit abspielt — Der Gutsherr von Iklod und Die Gefangenen des Grafen Forgach — literarischen Ansprüchen nicht genügen. Besonders die erstgenannte, früher verfaßte Erzählung ist eine ziemlich gewöhnlich ausgeführte Abenteuergeschichte, was weiter nicht verwundert, wenn man sich die eingangs leichtfertig hingeworfenen Bemerkungen über den Kuruzenaufstand vorhält. In der Erzählung Die Gefangenen des Grafen Forgach ist der Verfasser bei der Darstellung des Geschehens mehr um historische Treue bemüht. In Fußnoten beteuert er gelegentlich, daß er geschichtlich beglaubigte Vorfälle schildere. Dennoch ist er auch bei dieser Erzählung zu sehr vom Schema unterhaltsamer, spannender Lektüre abhängig. Wie auch in anderen Erzählungendes Verfassers wird der Hilfsbereitschaft in der Gefahr Lob gespendet. Daß der nachmalige Leschkircher Königsrichter Brekner einem Rumänen das Leben rettet, lohnt ihm dieser, als beide mit anderen Siebenbürgern in Gefangenschaft geraten, indem er unter wagemutigem Einsatz seines Lebens zu Brekners Befreiung beiträgt. Im bewegten Ausdruck der Dankbarkeit, die dieser dem selbstlosen Mann entgegenbringt, wird jenes Gefühl der Einmütigkeit lebendig, auf dem Theiß' Erzählungen über Siebenbürgen und die hier wohnenden Völkerschaften größtenteils beruhen.
      Auch Episoden aus der Revolutionszeit der Jahre 1848/49 bewältigt der Verfasser schriftstellerisch kaum, wiewohl er solche wiederholt aufgegriffen hat. Die Ursache für dieses Ungenügen liegt wohl auch hier in der Konzeptionslosigkeit des Verfassers. Dies bedeutet jedoch keineswegs, daß seine Erzählungen aus der Revolutionszeit nicht spannend und die von ihm porträtierten Gestalten nicht lebendig geschildert wären — die Unbefangenheit des Autors hat eben auch ihre guten Seiten. Die Erzählungen Zigeunerblut 10, Auf dem Gutshofe zu Kis-Kerek n und In bedrängter Lage 12 streichen zumindest einige Aspekte des Revolutionsgeschehens überzeugend hervor — seine Dynamik, seine oft sich überstürzende Hast, seine Gefahren.
      Außer historischen Erzählungen hat Julius Theiß eine ganze Reihe von Geschichten aus dem siebenbürgischen, vorwiegend rumänischen Volksleben geschrieben. Diese Erzählungen bezeugen eine gute Kenntnis der heimischen Dorfgemeinschaft. Aus der Vielfalt der Wesenszüge, die das Leben auf der Landgemeinde prägen, tritt als Dominante ein Gefühl der Rechtlichkeit und eine daraus entspringende Hilfsbereitschaft hervor. Diese beiden Grundgefühle sind eine Gewähr, daß dem unsozialen Verhalten von Außenseitern Schranken gesetzt werden, was freilich jene Menschen manches Opfer kostet, die ihrem Rechtsbewußtsein Nachdruck zu verleihen gewohnt sind. Ein Beispiel hierfür ist in der Erzählung Die guten Freunde gegeben. Nicon Ventilian, ein älterer Pächter im Hu-nedoaraer Gebiet, handelt aus dem Gefühl einer sicheren Ãœberzeugung, die ihn selbst einer seinem Leben drohenden Gefahr nicht ausweichen läßt. In dieser Gestalt und ihrem Tun werden die rumänischen Verhältnisse in Siebenbürgen sowie Mentalität und Verhaltensweise des einfachen Menschen zutreffend erfaßt. Dabei ist Nicon Ventilian durchaus nicht idealisiert, seine negativen Wesenszüge werden nicht verschwiegen — etwa ein gewisser Hochmut, der ein Ergebnis seines zusehends größeren Wohlstands ist, eine Eigenschaft, die ihn dazu verleitet, sich über seinesgleichen, darunter auch seinen ehemals besten Freund, hinwegzusetzen. Aufdieser Person, ihren Anschauungen, ihrem Verhalten, ihrem Lebenskreis liegt der Hauptakzent der Skizze und nicht auf den atypischen, eher auf Sensation ausgerichteten Schilderungen der Verbrecherbande, die sich um Trajan Muresianu schart und in einer verrufenen einsamen Mühle ihr Standquartier hat — auf Szenen, die so ähnlich etwa ein halbes Jahrhundert vorher von Josef Marlin in seiner Erzählung Das einsame Haus schon gestaltet worden waren.
      Auch in der Erzählung Der alte Romane wird dem Gedanken der Rechtlichkeit zum Durchbruch verholfen, allerdings auf dem Umweg des Unrechts, das gesühnt werden muß. Vassilie Opriscu, der 'ganz den Eindruck eines würdigen Greises" macht, 'in dessen Zügen sich eine heitere Ruhe ausprägte" 15, ist — wie seine Lebenserzählung erweist, die sich als eine Art Beichte anhört — nur allmählich in diesen Zustand der Abgeklärtheit hineingewachsen. Was er als Mitglied einer Schmugglerbande erlebt, ist nach dem Zuschnitt der damals beliebten Schmuggler- und Bri-gantengeschichten verfaßt und hat einen deshalb nicht weiter zu beschäftigen. Aufschlußreich und der Beachtung wert ist allein der Weg der Läuterung, den die Hauptgestalt begeht. Dieser setzt so recht dort ein, wo Opriscu sich der Folgen einer Gewalttat bewußt wird, die er verübt hat. Das Recht siegt, wie immer im Kalender-Märchen, das positive Ergebnis der Wandlung, die der Hauptheld durchmacht, wird in der sichernden, bestätigenden Gegenwart des bloß skizzierten Rahmengeschehens aufgehoben, das nur diese bekräftigende Funktion hat.
      Andere Erzählungen des Autors variieren die Episodik der genannten Arbeiten aus dem siebenbürgischen Volksleben, indem sie ihr im Detail noch manches hinzufügen; sie setzen jedoch kaum wesentlich andere Gestaltungsmittel ein. Auch im Ich-Erzähler der Novelle In der Teufelsschlucht tritt der von Theiß bevorzugte Menschentyp in Erscheinung, und zwar in der Person des buckligen Danilu Munteanu, der — unerwartet bei seiner unansehnlichen Figur — durch seine Taten sich als ein hochherziger, mutiger und opferwilliger Mensch erweist, wie es auf den einführenden Seiten der Erzählung heißt. Es gelingt ihm nicht, einen Raubanschlag auf einen Gutshof zu verhindern, und doch ist es seinem entschlossenen Handeln, seiner Standhaftigkeit und Geschicklichkeit zu verdanken, daß die vom Gutshof in eine abgelegene Schlucht geführten Gefangenen befreit werden. Nicht so sehr das Geschehen, das in den Hauptzügen schon in den zuvor besprochenen Erzählungen vorgezeichnet ist, gibt der Erzählung eine eigene Note, sondern einzelne Details der Personen- und Landschaftszeichnung, die das
Lokalkolorit der im Hochland lebenden Bevölkerung gut treffen. Beispielsweise ist das Auftreten von Danilus Großvater, des alten Ilie Stantzu, mit porträtistischem Geschick erfaßt, wobei auch die Eigenheiten seiner Rede berücksichtigt werden.
      Die Erzählung Tamasdans Fluch ist am sprechendsten für die Kenntnis, die der Autor vom siebenbürgischen Dorf besitzt. In der Geschichte spielt sich ein Drama ab, das die gestalterischen Kräfte des Autors anspornte und ihn eine über den Durchschnitt derartiger Produktion hinausragende Geschichte aus dem siebenbürgischen Landleben schreiben ließ, in der symbolhafte Bezüge eine flüchtige, aber doch wahrnehmbare Rolle spielen. Diese Novelle läßt sich zunächst als Tatsachenbericht auffassen, der einen glaubwürdigen Vorfall in gewissermaßen wörtlicher Niederschrift fixiert. Erzählt wird von einem Mord, verübt aus unerwiderter Liebe, von der Flucht und dem langjährigen Verschollensein des Täters, vom wirtschaftlichen Ruin seines Vaters, eines Müllers. Die Zäsur im Ablauf der Handlung, jene Jahre, die seit dem Mord vergangen sind, ein Einschnitt in das Geschehen, der von dem unproblematischen, eigentlich kunstlosen Erzähler Theiß ganz unbedenklich in die Mitte seiner Geschichte gesetzt wird, bezeichnet jedoch den Anfang eines Teils, der einen daran zweifeln läßt, daß es sich hier bloß um die Aufzeichnung von Fakten handelte, um ein einmaliges Geschehen, das notwendig an die örtlichkeiten der siebenbürgischen Westkarpaten gebunden ist, vielmehr liegt die Vermutung nahe, daß es sich um eine Sage handelt, um die sie-benbürgische Variante eines offenbar weitverbreiteten Wandermotivs: die Geschichte des Fremdlings, der nach langen Jahren der Abwesenheit im abgelegenen Gasthof seiner Eltern absteigt, sich nicht zu erkennen gibt, da er die Sinnesart seiner Angehörigen erkunden möchte, und der, seines Geldes wegen, von diesen umgebracht wird, worauf sich auch an ihnen ein verhängnisvolles Geschick erfüllt. Thematisch rückt die Erzählung dadurch in die Nähe des Einakters Der vierundzwanzigste Februar von Zacharias Werner, eines Stückes, das dem Schauspieler Theiß vermutlich bekannt gewesen ist.
     
   Auch in anderen Erzählungen des Verfassers wird das sieben-bürgische Volksleben mit mehr oder weniger Geschick geschildert. Die Verflachung der in den bisher genannten Erzählungen behandelten Schuld- und Sühneproblematik auf das Niveau der gängigen, konventionellen Abenteuergeschichte wird etwa in der Erzählung Der heilige Georg deutlich. Hier macht der Autor von allzu unbedacht aneinandergereihten Fügungen des Zufalls Gebrauch, so daß der Wahrheitsgehalt des Textes, trotz einiger humorvoller Sei-ten, wesentlich geschmälert wird. Auch Nikuliz und seine Herrin 20 erreicht bloß ein Mindestmaß der Hauffschen Wirtshaus-im-Spessart-Atmosphäre und -Authentizität. Eine andere Erzählung aus dem heimischen Lebensbereich — Das Hexenkind — versandet in einer dürftigen Idylle, wiewohl sie in den Ansätzen eine manches versprechende Schilderung des Hirtenlebens im Zoodttal verheißt. Die Aufzählung von Erzählungen des Verfassers könnte^ fortgesetzt werden, sowohl mit solchen, deren Schauplätze in Siebenbürgen liegen, als auch mit anderen, deren Geschehen außerhalb der Heimat des Schriftstellers lokalisiert ist. Autoren vom Rang eines Julius Theiß hat es um die Jahrhundertwende unter den Siebenbürger Sachsen mehrere gegeben. Wenn er hier herausgestellt wird, so geschieht das, um auch auf einen kennzeichnenden Vertreter der Jugend- und Abenteuerliteratur jener Zeit hinzuweisen.
     


Becke, julius

Maria schickt den Michael auf den Schulweg Roesch, Claudia H. In: Bild des Kindes, 1989, S. 44 - 46. .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Index der Gedichttitel

Bierbaum, otto julius

Abendlied Nentwig, Paul. In: Dichtung im Unterricht, 1969, S. 130- 131. Er entsagt Buch, Hans Christoph. In: Frankfurter Anthologie 6, 1982, S. 117- 120. .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Index der Gedichttitel

Mosen, julius

Der Trompeter an der Katzbach Neis, Edgar. In: Krieg im Gedicht, 1980, S. 27 29. .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Index der Gedichttitel

Rodenberg, julius

Die reinen Frauen Schönen, Jörg. In: Gedichte und Interpretationen 4, 1983, S. 323 - 333. .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Index der Gedichttitel

Zerzer, julius

Reisebegleitung Kraft, Werner. In: Österreichische Lyriker, 1984, S. 20 - 24. .....
[ mehr ]
Index » Autoren » Index der Gedichttitel

 Tags:
Julius  Theiß    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com