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Hrabal, Bohumil - Leben und Biographie



Bohumil Hrabal war im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts der populärste Schriftsteller seines Landes. Seine Geschichten von kleinbürgerlichen Anarchisten, gewitzten Träumern und passionierten Biertrinkern sind Liebeserklärungen an die einfachen Menschen und machten den großen Stilisten der Umgangssprache zum »traurigen König der tschechischen Literatur«.
      Bohumil studierte Jura, promovierte und arbeitete anschließend als Stahlarbeiter, Kulissenschieber und Vertreter, ehe er 1963 mit dem Prosaband Die Perle auf dem Grund debütieren konnte. Nur in der kurzen Ã"ra des Prager Frühlings konnten Hrabals Werke frei von Fremd-und Selbstzensur erscheinen. Nachdem er gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts protestiert hatte, erhielt er Publikationsverbot und veröffentlichte fortan in einem Sa-misdat-Verlag. 1976 arrangierte ersieh mit dem Regime und unterwarf seine Werke einer vorbeugenden Selbstzensur. In der Folge kursierten offizielle und inoffizielle Versionen seiner Bücher. Die Umstände seines Todes im Februar 1997 wirkten, als seien sie für einen seiner Helden entworfen: Beim Taubenfüttern stürzte er im fünften Stock aus dem Fenster eines Krankenhauses.
      Ich habe den englischen König bedientohumil Hrabals Schelmenroman um das Leben eines tschechischen Kellners zählt zu den großen europäischen Romanen unserer Zeit. Entstehung: 1971 fertig gestellt, konnte das Buch in der Tschechoslowakei zunächst nur als Samisdat-Druck kursieren und wurde 1978 von einem Kölner Exilverlag herausgegeben. In den
1980er Jahren erschien es als Beilage einer Jazz-Zeitschrift. Erst nach der politischen Wende von 1989 konnte eine unzensierte Ausgabe auf normalem Weg publiziert werden. Inhalt: In einer böhmischen Kleinstadt der 1930er Jahre lernt der Ich-Erzähler Dite als Hilfskellner im Hotel »Goldenes Prag«. Er begreift schnell, dass sich im Leben alles ums Geld dreht. Durch kleine Betrügereien ergaunert er sich ein Einkommen, das er mit Vorliebe in Bordells trägt. Auf seinem Weg nach oben, der ihn durch immer größere Hotels führt, begegnet er dem Oberkellner Skrivanek, einer Instanz der Kellnerzunft und einem unfehlbaren Vorbild schon allein deswegen, weil er einmal den englischen König bedient hat. Dite begreift die Mechanismen des Groß- und Reichwerdens und die Regeln der Zeit. Als die Deutschen 1938 das Land besetzen, wird er zum Kollaborateur, heiratet eine sudentendeutsche Turnlehrerin und plappert völkische Parolen nach. Ihr deutschtschechisches Kind gerät zur Missgeburt und Diles Frau verliert im Bombenhagel den Kopf, doch der Kellner wird durch eine glückliche Fügung vermögend und baut sich nach dem Krieg ein wunderbares Hotel.
      Als er endlich erreicht hat, wonach er sein Leben lang strebte, verlässt ihn das Glück. Er wird als Emporkömmling verachtet, ehemalige Chefs und Hotelier-Kollegen versagen ihm die Anerkennung. Durch den Putsch der Kommunisten von 1948 verliert er seinen Besitz, ist gezwungen, in einem Haftlager zu kellnern und erkennt, dass sein Streben nach Reichtum ins Nichts geführt hat. Schließlich verschlägt es ihn als Zwangsarbeiter in den Westen des Landes, aus dem die Deutschen nach dem Krieg vertrieben worden sind. Als Straßenwärter an einer gottverlassenen Bergstraße lebt er das Dasein eines Eremiten und beginnt zu schreiben, um sich Klarheit über sich selbst und sein Leben zu verschaffen.
      Struktur: Hrabals Roman über die Wirren in Mitteleuropa zwischen 1930 und 1950 gliedert sich in fünf große Kapitel. In umgangssprachlichem Erzählton wird eine Fülle von Episoden und Anekdoten aneinander gereiht, in denen sich Wirklichkeit und Fantasie überlagern. Der Duktus des mündlichen Erzählens bestimmt Sprache und Form des Romans. In langen nebengeordneten Satzreihen treibt der Autor seinen Helden durch ein Leben von absurder Dramaturgie, in dem Glück und Unglück so nah beieinander liegen wie im Text amüsante Komödie und ergreifende Tragödie. Dabei geht es Hrabal nicht nur um das Erzählte; das Erzählen selbst wird zum wichtigen Teil menschlicher Existenz. Wirkung: Mit dem Roman Ich habe den englischen König bedient gelang Hrabal auch international der literarische Durchbruch.


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Hrabal,  Bohumil    


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