Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Autoren

Index
» Autoren
» Henscheid, Eckhard

Henscheid, Eckhard - Leben und Biographie



Mit feinem Gehör für Idiome und Sprachmetastasen kartografiert Eckhard Henscheid seit den 1970er Jahren Soziotope und gesellschaftliche »Orchideenhäuser« der Bundesrepublik Deutschland.
      Henscheid wird der »Neuen Frankfurter Schule« zugerechnet, einer Gruppierung, die, wiewohl sie Theodor W. -* Adornos Kritische Theorie gern erwähnt, mit der philosophischen Frankfurter Schule um Adorno, Max -> Horkheimer, Herbert ^Marcuse u.a. vor allem den städtischen Standpunkt gemeinsam hat. In Frankfurt arbeitete Henscheid für die Satireblätter Pardon und Titanic, Letzteres wurde von ihm mitbegründet; mit einem Roman über die Kulturszene der Stadt [Die VollidioteN) betrat er 1973 die literarische Bühne. Spätere Buchveröffentlichungen befassen sich u.a. mit Franz ->Kafka, dessen Amerika-Fragment Henscheid weiterschrieb [Roßmann, Roßmann, 1982).
      Henscheids Schaffen geht dabei über das eines Satirikers als Humorist hinaus. Seine Polemiken ebenso wie die immer auch analytische Charakterisierung seiner Protagonisten durch ihren Sprachgebrauch zeichnen das Bild ihrer Zeit und erinnern in ihrer Detailtreue an die französischen Gesellschaftsromane des 19. Jahrhunderts. Wo Henscheid scheinbar Groteskes oder Absonderliches beschreibt, oszilliert diese Darstellung immer hin zum Hyperrealistischen: Werbesprache, Kneipenwitze und Spon-tisprüche kombiniert er mit dem hohen Ton destraditionellen Romanciers, mit dem er auch nüchterne, beinahe vulgäre Handlungsorte als Idyllen beschreibt.
      Mit Karl Kraus wiederum scheint Henscheid den Glauben an die moralische Kraft einer Sprachlehre zu teilen {Dummdeutsch, 1985). In diesem Sinne sammelt und dokumentiert er über lange Zeiträume und in allen Medien sprachliche Fragwürdigkeiten wie übermäßigen Bindestrichgebrauch bei Nachnamen, falsche Genitiv-Apostrophe oder die Inflation des »Kultur«-Begriffs.
      Die Vollidioten
In seinem zweiten Roman überführt Henscheid die Frankfurter Kulturszene der frühen 1970er Jahre in eine wenig ehrenhafte, ans Alltägliche rückgebundene Zeitlosigkeit. Entstehung: Der bis dahin wenig bekannte Autor kündigte seinen Roman 1972 in der Zeitschrift Pardon an - für den Fall, dass 2000 Leser noch vor Fertigstellung subskribierten und ihm jeweils 10 DM überwiesen. Es fanden sich zwar letztlich nur 500, deren Zahlungen aber teilweise das Geforderte übertrafen, und so erschienen DieVollidiotenim folgenden Jahr. Inhalt: Der Roman beschreibt eine Woche des Jahres 1972 in Frankfurt, nach Henscheids Aussage authentische Vorgänge, die sich in seinem Bekanntenkreis abgespielt hätten. Mit abgewandelten Zitaten aus FjodoT -» Dostojewskis Dämonen und den Brüdern Karamasow wird ein Reigen von Nichtigkeiten eingeleitet, in der die Liebesgeschichte des Schweizers Jackopp zu einem Fräulein Czernatzke den größten Raum einnimmt. Bekannte Personen aus der Frankfurter Szene treten auf, der neueste Klatsch wird herumerzählt, Pläne zum Weltumbau bekannt gegeben. In einem nicht endenden Strom der Banalitäten schwimmt der Ich-Erzähler, den der Leser mit Henscheid gleichsetzt, eifrig mit, so dass der Roman mit seinem Ende keinesfalls zu einem traditionellen Abschluss kommt. Aufbau: Die Berufung auf Dostojewski, auch im Titel, ist sarkastisch zu nehmen: Die von Henscheid zitierten Sätze und der von ihm fortgesetzt hohe Ton entlarven gerade durch ihr Pathos die meisten Mitglieder der Szene als oberflächliche »Westentaschenrevolutionäre«. Die vollendeten Idioten aus Henscheids Frankfurt verharren in geruhsamer Selbstgefälligkeit, ihre Handlungen konzentrieren sich vor allem auf komplizierte Geldbesorgungen im Freundeskreis für den Kneipenbesuch.
      Wirkung: Der Roman bedeutete den Durchbruch für seinen Autor und war ein erster Bestseller für den Buchvertrieb Zweitausendeins, der Die Vollidioten zunächst exklusiv im Programm hatte. Er sorgte nicht nur für die Profilierung der »Neuen Frankfurter Schule« im Umfeld von Pardon und später Titanic, er nahm auch Entwicklungen des anspruchsvollen Un-tcrhaltungsromans vorweg, die erst ab den 1980er Jahren zum Tragen kamen. Die literarische Verbindung von Sicherheit des Tons, Genauigkeit des Blicks und Kneipenrealismus gelang allerdings erst wieder Frank Schulz {Kolks blonde Bräute, 1991).
     


 Tags:
Henscheid,  Eckhard    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com