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Hamsun, Knut - Leben und Biographie



In Abwendung von der etablierten Erzählkunst verfasste Knut Hamsun Romane, denen die literarische Avantgarde des 20. Jahrhunderts entscheidende Impulse verdankt. Sein experimenteller Subjektivismus, gekennzeichnet durch die expressive und vielschichtige Brechung der ge-schilderten Vorgänge im darstellenden Bewusst-sein, wurde zu einer der wirkungsmächtigsten Inspirationsquellen des modernen Romans.
      Hamsuns Kindheit war geprägt von Armut, mangelnder Schulbildung und früher Berufstätigkeit . Zwei gescheiterte Auswanderungsversuche nach Amerika bildeten den Ausgangspunkt einer fortdauernden antiamerikanischen und antidemokratischen Haltung.
      Das schriftstellerische Debüt erfolgte erst 1890 mit Hunger. Nachdem es Hamsun mit diesem Werk gelungen war, sich endgültig auf der literarischen Szene Europas zu etablieren, veröffentlichte er in dichtem Abstand zahlreiche weitere Schriften und erhielt 1920 den Nobelpreis für Segen der Erde.
      Da Hamsun mit den Nationalsozialisten sympathisiert, anlässlich der deutschen Besetzung Norwegens zur Kollaboration aufgerufen und einen verherrlichenden Nekrolog auf Hitler ver-fasst hatte, wurde ihm 1947 der Prozess wegen Landesverrats gemacht. Nur zögernd vollzog sich nach dieser Beschädigung seines Ansehens die Rückkehr zu einer differenzierenden Beurteilung seines literarischen Werks.
      Die wichtigsten Bücher von Knut Hamsun
Hunger 1890 Die Darstellung des psychosomatischen Ãoberlebenskampfs eines namenlosen Schriftstellers in Kristiania ist ein literarisches Experiment in der Ich-Form, das sich die Intensivierung seelischer Prozesse unter den Bedingungen eines physischen Ausnahmezustands zu Nutze macht.
      Mysterien 1892 Johan Nilsen Nagel lebt einige Monate als Außenseiter in einer norwegischen Kleinstadt und nimmt sich schließlich das Leben. Im deutlichen Reflex auf Nietzsches Ich-Kritik problematisiert dieser Roman die Existenz des Künstlers.
      Pan 1894 Der Roman behandelt die Problematik eines Grenzgängers zwischen Naturmystik und Zivilisation, dessen widersprüchliche Existenz den inneren Konflikt des modernen Menschen spiegelt und schließlich in die Katastrophe führt.
      Benoni, 1908/ Rosa, 1909 Unter Berücksichtigung sozialhistorischer Aspekte bietet dieser Doppelroman eine ländlich-burleske Schilderung der nordnorwegischen Gesellschaft um 1870.
      KinderderZeit 1913/ O/e 5ro Woolf perfektionierte Stream-of-consciousness-Technik.
      Segen der Erde
Segen der Erde gehört zu den klassischen Texten zivilisationskritischer und utopisch-rückwärts gewandter Belletristik. In gewisser Hinsicht schafft Knut Hamsun mit diesem Roman ein Gegenmodell zu der in Hunger thematisierten Zerrissenheit des von den anonymen Mächten der städtischen Lebensform beherrschten und auf sich selbst zurückgeworfenen Individuums. Dennoch wird die einseitige Deutung im Sinne eines unreflektierten Anachronismus sowie einer ideologisch motivierten Remythisierung vorindustrieller Verhältnisse dem Werk nicht ganz gerecht. Es handelt sich um ein literarisches Arrangement, dessen programmatische Entgleisung durch das Korrektiv ironisch-gegenläufiger Zwischentöne verhindert wird. Inhalt: lsak, ein wortkarger Mann von außerordentlicher physischer Kraft, dessen Vorgeschichte nicht mitgeteilt wird, siedelt als Pionier im norwegischen Ã-dland. Unterstützt durch seine spätere Erau lnger vergrößert er seinen Landbesitz und Viehbestand, lnger, die vor ihreT Ehe schwer unter der Entstellung durch eine Hasenscharte gelitten hatte, tötet ihr mit ebendiesem Makel behaftetes drittes Kind nach der Geburt, um ihm ein ähnliches Schicksal zu ersparen. Von ihrer Verwandten Oline denunziert, wird sie zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Zivilisationstechniken wie Lesen und Schreiben sowie städtische Sitten, die sie sich während ihres Gefängnisaufenthalts aneignet, werden zum Keim einer Unzufriedenheit mit lsak und dem einfachen Leben im Ã-dland. Erst als lsak eines Tages ihr gegenüber handgreiflich wird, erkennt sie seine Autorität wieder an. Doch auch danach kommt es immer wieder zu Anwandlungen von »Leichtfertigkeit«, die sich mit Zuständen religiöser Schwermut abwechseln. Eine Schlüsselrolle spielt die Figur des undurchsichtigen ehemaligen Lehnsmanns Geissler, der lsaks Anwesen den Namen »Sellanraa« verleiht und die Familie in allen Angelegenheiten unterstützt. Inseinem pathetischen Schlussmonolog betont er den ewigen Wert der bäuerlichen Tätigkeit und bezeichnet sich selbst als jemanden, der »das Rechte weiß, es aber nicht tut«.
      Anknüpfend an eine aktuelle norwegische Debatte rückt im zweiten Teil des Romans die Thematik des Kindermords in den Vordergrund. Barbro, eine junge Frau aus dem Ã-dland, tötet ihr neugeborenes Kind, durch das sie die von ihr geplante Zukunft in der Stadt gefährdet sieht. Dennoch wird sie auf Betreiben der feministisch engagierten Frau des Lehnsmanns Heyerdahl gerichtlich freigesprochen. Die negativen Auswirkungen der Zivilisation spiegeln sich auch im Werdegang von lsaks ältestem Sohn Eleseus, der ebenfalls durch den Kontakt mit der Stadt für das Leben im Ã-dland untauglich gemacht wird. Er wandert schließlich nach Amerika aus und kehrt nie wieder in seine Heimat zurück. Der zweite Sohn hingegen führt das Werk des Vaters fort. Den Abschluss des Romans bildet ein idealistisch verklärendes Tableau: Die goldene Abendsonne bescheint den säenden lsak, lnger beschirmt als »Vestalin« das Feuer des heimischen Herds.
      Wirkung: Segen der Erde- nicht selten als Hamsuns bestes, aber häufig auch als sein untypischstes Werk bezeichnet - wurde 1920 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Gerade in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wurde der an Jean Jacques -> Rousseau erinnernde Appell »zurück zur Natur« als scheinbar einzig verbleibende Alternative angesichts eines kompromittierten Fortschrittsglaubens enthusiastisch begrüßt. Andererseits wird bis in die Gegenwart hinein gerade aus diesem Roman zitiert, wenn es um den Nachweis geht, dass es sich bei Hamsuns Sympathien mit dem Nationalsozialismus nicht nur um die temporäre Verirrung eines senilen Mannes, sondern um eine substanziellere Affinität gehandelt habe. Weitgehend unbestritten hingegen erscheint die Notwendigkeit einer Abgrenzung gegenüber der Blut-und-Boden-Literntur des Dritten Reichs.


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Hamsun,  Knut    


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