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Gustav Seivert - Leben und Biographie



Gustav Seivert wurde 1820 als Sohn eines Beamten in Hermannstadt geboren. Er besuchte hier das Gymnasium und •später das Lyzeum in Klausenburg. Wegen Rechtsstudien hielt er sich in Berlin auf. Nach seiner Heimkehr war er mit verschiedenen Dienstaufträgen Angestellter der Hermannstädter Stadtverwaltung. Ab 1872 war er im Archiv seiner Vaterstadt vollamtlich tätig, in dem er schon früher mit Sichten und Ordnen der Bestände beschäftigt gewesen war. Er starb 1875 in Hermannstadt.
      Zahlreich sind Seiverts Veröffentlichungen auf historischem Gebiet. Sie sind besonders der Geschichte seines Geburtsortes gewidmet 2, doch beschäftigte er sich auch mit der siebenbürgischen Vergangenheit im allgemeinen 3.
      Der äußere Umfang seines literarischen Werks wird durch •seine Culturhistorischen Novellen aus dem Siebenbürger Sachsenlande 4 schon beinahe ganz bezeichnet. Es gibt allerdings noch etliche historische Erzählungen von ihm, die nicht in diese Sammlung aufgenommen worden sind. Ein Blick auf den Inhalt der Bände zeigt, daß bei der Zusammenstellung eine gewisse Willkür geherrscht hat. Sie sind nach keinem einleuchtendem Konzept angelegt worden, die einzelnen Teile wurden einfach nebeneinandergestellt. Seiverts Bestreben, wichtige Momente aus der Geschichte der Siebenbürger Sachsen zu schildern, wird durch die jeder Chronologie widersprechende Anlage eher entgegengewirkt. Dennoch ist die zyklische Disposition der Novellen unverkennbar. In dieser LIinsicht stand Seivert nicht allein. Auch an andern sächsischen Autoren läßt sich das Bestreben wahrnehmen, über die vereinzelte Erzählung hinauszugehen und, durch das Zusammenfügen verschiedener Texte, das umfassende Bild einer geschichtlichen Periode oder gar mehrerer Perioden zu geben. Doch diese Absicht wurde nur in gewissem Maß verwirklicht. Josef Marlin beispielsweise schloß unter dem Gesamttitel Geschichten des Ostens alle seine Prosaarbeiten zu einem Zyklus zusammen. Dieser Titel, der eine gewisse poetische Resonanz hat und im Verfasser eine elegische Stimmung auslöst, so daß er sich dazu angeregt fühlt, 'jenen geheimnißvollen Ostenmit all' seinen seltsamen Bildern und Großthaten" darzustellen ' ist eigentlich kein gemeinsamer Nenner für seine Arbeiten, die vom Standpunkt der erfaßten Zeit und der Schauplätze schwer zu vereinbaren sind. Traugott Teutsch, der eine Folge von Erzählungen unter dem zusammenfassenden Titel Siebenbürgische Erzählungen veröffentlichen wollte, ließ sich von diesem Ziel immer wieder ablenken. Et kam allerdings des öfteren darauf zurück, doch gibt es zwischen seinen innerhalb eines längeren Zeitraums entstandenen Arbeiten historischer Prosa doch auch Bruchstellen. Allein Seivert gelang es, obwohl auch er eine gewisse Unsicherheit der Konzeption nicht ganz überwinden konnte, seinen Culturhistorischen Novellen eine dokumentarisch und, in gewissem Maß, auch ästhetisch eindeutige Ausrichtung zu geben. Von ihm läßt sich wohl am ehesten sagen, er habe im Sinn der Anregung von Anton Kurz gehaadelt, der historische Schriftsteller möge darauf achten, daß er 'seine werthvollen Arbeiten in einer chronologischen Reihenfolge dergestalt fortsetzen möchte, daß durch die Zusammenstellung mehrerer seiner historischen Romane eine größere Epoche aus dem grauen Dunkel der Vorzeit jedem Leser, und vorzüglich dem, der nur nach Unterhaltung hascht, lebhaft versinnlicht würde".
      Ein Wesenszug von Seiverts Schilderungen ist ihr dokumentarischer Charakter, das Bestreben des Verfassers, sich 'so genau als möglich an die Quellen selber" zu halten 7. Seivert sah in der Verbreitung historischer Kenntnisse den 'Hauptzweck" seiner kulturgeschichtlichen Novellen8, was ihn von allem Anfang an dazu verpflichtete, seine Darstellung möglichst gründlich zu unterbauen. Alles, was sich nur wenig vom wissenschaftlich Belegbaren entfernte, wurde von ihm skrupelhaft als 'licentia poetica" bezeichnet, an die der Autor zu appellieren genötigt sei, weil für weiter abliegende Zeitabschnitte die Informationsquellen spärlicher wären: 'die Geschichte, namentlich die der früheren Jahrhunderte, liefert uns zwar interessante Motive, allein was sie liefert, sind nur Skelette und diese oft mank; da muß denn in einer Erzählung auch die Sage ausgebeutet und die Interpretation freier behandelt werden". Indes konnte er wohl zu Recht sagen, daß er glaube 'der urkundlichen Geschichte nirgends Gewalt angethan zu haben". Dichtung war ihm ein etwas unheimliches Mittel zum Zweck, dessen er sich im Bewußtsein seiner Unzuständigkeit bediente: 'Es fehlt mir", schrieb er übermäßig bescheiden, 'jeder innere Drang nach poetischer Darstellung und auch die Befähigung dazu." Mit der bildenden Absicht verband Seivert die erzieherische. Er weist wiederholt darauf hin, daß er durch die Schilderung von erfolgreich bestandenen Heimsuchungen die Verteidigungsbereitschaft seiner Zeitge-snossen stärken wolle. So spricht er den Leser in der Skizze Gaan von Salzburg an, aus dem kampfreichen Leben der Vorfahren 'Hoffnung und Zuversicht auch für unsere Zeit" zu fassen. Auch zu Beginn der Erzählung Der Grefenhof von Kelling hebt Seivert den erzieherischen Wert der Geschichte hervor. Wieder wendet er sich direkt an den Leser: 'es kann doch unmöglich auf Menschen ohne Wirkung bleiben, zu erfahren, was Menschen vor ihnen thaten, litten, fühlten, und wenn dies im Allgemeinen der Fall ist, wird es Dich nicht anregen zu vernehmen, was Deine Väter gethan, wirst du nicht trachten, in dem, was sie Edles geschaffen, ihnen nachzueifern, in dem was sie unrecht angegriffen, ihren Fehler zu bessern?"
Selbst jene entfernteren Zeitabschnitte der siebenbürgischen Geschichte, die auf andere Schriftsteller eine geringere Anziehungskraft ausübten, sind von Seivert literarisch behandelt worden. Doch sich jenseits des Mongolensturms in die Vergangenheit zurückzubegeben, fühlte auch er sich nicht angehalten. Bei der literarischen Gestaltung dieses Ereignisses — in der Erzählung Vor 621 Jahren — hatte Seivert einen Vorgänger, doch kein nachahmenswertes Muster: 1852 erschien im Historien-Kalender die ungezeichnete Erzählung Der Mongoleneinfall. Wenn Seivert ein authentisches Bild jener Zeit geben wollte, so mußte er über diese Arbeit hinausgehen, da in ihr weder die Landesbewohner noch die Eroberer über das Niveau einer banalen Stereotypie emporgehoben worden waren. Auch Seivert gelingt es indes nicht, sich der Allmacht des Klischees ganz zu entziehen. Seine Versuche, die Materie zu beseelen, schlagen wiederholt fehl, es bleibt viel Unechtes in der Empfindung und Gespreiztes in der Redeweise der Personen. Die Gestalt Klingsors, hier als Zauberer gesehn, der nach der voreingenommenen Meinung vieler eine unheilvolle Wirkung auf das Schicksal der Gemeinschaft ausübt, gibt ihm dennoch eine Möglichkeit, der Interpretation der Ereignisse eine neue Dimension hinzuzufügen, daß heißt, vor allem die Befürchtungen des Volkes und seine Unruhe zu erfassen und verschiedene Zwangsvorstellungen und abergläubische Ansichten — beispielsweise, die Mongolen seien unbesiegbare Wesen — so in die Struktur des Textes hineinwirken zu lassen, daß seine Intensität gesteigert wird. Klingsors Worte über die Zukunft seiner Landsleute haben ein besonderes Gewicht. Sein Vermächtnis ist eine Aufforderung zur Kampfbereitschaft und wird dadurch in gewissem Sinn zu einem Präludium der Kämpfe, die in den folgenden Jahrhunderten in Siebenbürgen noch folgen sollten und denen Seivert, seinem Inter-esse für die einschneidenden Ereignisse der siebenbürgisch-sächsi-schen Geschichte getreu, entsprechend Beachtung geschenkt hat.
      Weniger überzeugend als Seiverts Erzählung über den Mongolensturm ist jene, in der der Aufstand des Gaan von Sahburg geschildert wird. Diese Erhebung des Jahres 1277 wird als Folgeerscheinung der mongolischen Verheerungen in Siebenbürgen ausgegeben wie auch als Ergebnis des zwieträchtigen Geistes in den Kreisen der Herrschenden, der durch die Einstellung 'Jeder wollte befehlen und Niemand gehorchen" bewirkt wurde. Obwohl der Aufstand als wahre Massenbewegung verstanden wird — Gaans Heer wird mit 'einer Lawine, die sich im Bewegen vergrößert", verglichen, gibt es hierfür keine ausreichende Begründung und deshalb auch keine zwingende Darstellung, da Gaans Bedürfnis, den Tod seines Vaters Alard am Weißenburger Bischof Petrus zu rächen, kein plausibler Grund für eine Erhebung größeren Ausmaßes ist. Daß es sich in Wirklichkeit um die Revolte des niederen Adels gegen die mächtigen Feudalherren handelte, wird nicht deutlich, ja streckenweise erscheint Alard — im Gegensatz zum wahren Sachverhalt — sogar mächtiger und einflußreicher als der Bischof Petrus. Doch selbst wenn man sich darauf beschränkt, den Sinn der Erzählung bloß aus ihren eigenen Voraussetzungen zu interpretieren, erweist sie sich in der Erkenntnis und Deutung von sozialen und psychischen Vorgängen als rudimentär. Der Verfasser begnügt sich damit, die Beweise exzessiver Grausamkeit durch die rauheren Sitten der Zeit zu erklären, durch die abschreckende, aber auch, beeindruckende Tatkraft der Menschen von damals. Dieser Auslegung nach wird auch das Porträt des Titelhelden auf das eines unbedenklichen Gewalttäters verengt, dem 'ein Menschenleben weniger galt, als uns ein Nachtsfalter, der sich des Abends am Licht versengt". Er geht sofort an die Verwirklichung seiner Racheabsichten, nicht wie der Hauptheld in Otto Fritz Jickelis Schauspiel Gan von Salzburg , der erst gewisse Zweifel überwinden muß.
      Ein historisches — und dadurch für Seivert auch ein gestalterisches —• Problem, dem er, darauf bedacht, die Grundformen des sächsischen Gemeinschaftslebens zu erhellen, mehrere Prosatexte gewidmet hat, ist das der Adelsherrschaft im südlichen Siebenbürgen. In diesen Erzählungen — Der Grefcnhof von Kelling, Um Ostern 1442 und Hermannstadt im Jahre 1467 —, deren Handlung sich im 14. und 15. Jh. abspielt, versucht er, einen wesentlichen sozialen Vorgang in allen seinen Verzweigungen darzustellen. Besonders die erste Erzählung ist — was der Verfasser selbst hervorhebt — auf das Aufkommen und die Beseiti-


;gung eines Erbadels unter den Sachsen ausgerichtet. Dieser Prozeß wird zuerst in sachlichen Ausführungen nachgezeichnet, was um so willkommener ist, als das 14. Jh., zum Unterschied von den folgenden Jahrhunderten, nur selten zum Gegenstand literarischer 'Schöpfungen geworden ist. Der in der Einführung skizzierte Vorgang wird dann in Erzählsubstanz umgesetzt, manchmal auf etwas mechanische Weise — ein Verfahren also, dessen ein genuiner Erzähler wie Marlin überhoben worden wäre — und das dennoch partienweise ausgezeichnete Schilderungen ergibt. Der Leser erfährt nur wenig über das innere Erleben seiner Personen, sie sind zuweilen nur Sprachrohr des Autors, Verkörperungen gewisser Grundsätze oder Tendenzen und nicht lebendige Charaktere. Allerdings darf man von Seiverts Erzählungen auch nicht zu viel psychologische Einsicht erwarten. Von seinen Novellen gilt diesbezüglich das gleiche wie für die von ihm als Vorbild angegebenen Kulturgeschichtlichen Novellen von Wilhelm Heinrich Riehl24. Immerhin bietet Seiverts Erzählung ein umfassendes, dialektisch angelegtes Panorama, das durch Dynamik gekennzeichnet wird. Die Schilderung ist abwechslungsreich, entsprechend ihrem kaleidoskopischen Bauprinzip, auf das der Verfasser folgendermaßen hinweist: 'Doch wie im Leben oft dem Glücke in der unmittelbarsten Nähe die grinsende Schreckensgestalt des Unglücks folgt, so müssen wir auch in unserer Erzählung zu andern Gegenständen übergehn, vom Glück der Liebe zum herben ITader und von diesem zum wilden Waffengetöse, zur lodernden Brandstätte des Krieges." Der behandelte soziale Vorgang wird vom Sonderstatus der Grafen verursacht, einer Zwischenschicht in der siebenbürgischen Gesellschaft. 26 Ihre soziale Stellung bewirkt einerseits ihr Bestreben, dem Adel gleichgesetzt zu werden, andererseits — freilich mehr nur im Ausnahmefall — ihren Kampf gegen feudale Bevorrechtung, daß es einzelnen nicht gelingen möge, Privilegien 'weiter auszudehnen, als sie mit der allgemeinen Wohlfahrt verträglich sind" 27. Der Konflikt zwischen den Parteien nimmt alle nur denkbaren Formen an, von der kriegerischen Auseinandersetzung und von Zweikämpfen zu Wortgefechten in den Volksversammlungen und feindlichen Intrigen. Erzählerisch wichtig und oft wirkungsvoll genutzt sind jedoch vor allem die inneren Zwiespalte, die sich in den einzelnen Personen durch Verpflichtungen den Gräfengeschlech-tern und der Bevölkerung gegenüber ergeben. Persönliche Bindungen werden hierdurch zumeist gelöst, nicht ohne daß dies Reue und Resignation hervorriefe, doch sind die Gegensätze zu groß, um überbrückt werden zu können. In der Anlage und Führung des •Geschehens beweist der Verfasser ein sicheres Gefühl dafür, daßdie Handlungen der Persönlichkeiten, anhand deren wir jene Zeit erleben, nur dann von Erfolg gekrönt sind, wenn ihre Träger Exponenten allgemeiner Bestrebungen sind: 'Große Männer sind meist nur die Spitze einer bereits im Volke liegenden Richtung, sie gleichen dem ersten Anstoß, der eine Lawine in Bewegung setzt; der Schnee muß aber bereits da sein und locker liegen, wenn der Erfolg eintreten soll. Sind große Männer ihrer Zeit zu weit voraus,, so fehlen die nothwendigen Vorbedingungen und im erfolglosen Kampfe mit einer Zeit, die sie nicht begreift, gehn sie zu Grunde." In der Erzählung Um Ostern 1442 — einer Arbeit von den Ausmaßen eines Romans — wird die besprochene Problematik in gewissem Maß fortgeführt. Doch handelt es sich — was schon aus dem Titel hervorgeht — um ein anderes Stadium des Kampfes gegen die Gräfengeschlechter. In der Auffassung vieler Stadtbürger von Hermannstadt, wo sich die Handlung abspielt, waren die Grafen 'ein Krebsschaden an unseres Volkes Lebensbaum, der mit der Zeit Alles vergiften wird, wenn man ihn nicht bald ausschneidet" 31. Die städtischen Gemeinschaften waren zu jener Zeit schon so kräftig, daß es ihnen gelang, den Anmaßungen der Grafen die Stirne zu bieten. Wesentlicher als dieser Streit sind in der Erzählung andere Aspekte des sozialen Lebens: die eingehende Zeichnung des Zunftlebens enthält auch die Schilderung einer Handwerkerrebellion, des sogenannten Schneideraufruhrs von Hermannstadt. Die Unzufriedenheit der Gesellen mit Zunftleitung und Stadtrat bewirkt ihren Entschluß, den Herren den Gehorsam aufzusagen. Die Befürchtung, der Aufstand könne sich ausbreiten, und der Gedanke an die für den Stadtrat nachteiligen Folgen der Erhebung, zwingt^ die Obrigkeit einzugreifen, um die Ruhe wieder herzustellen. Diese Erzählung ist auch aus einem anderen Gesichtswinkel aufschlußreich, da sie sich in die umfangreiche Liste der literarischen Arbeiten fügen läßt, die die Türkenkriege zum Gegenstand' haben. In ihr werden eingehend die Kämpfe wiedergegeben, die 1442 im südlichen Siebenbürgen stattfanden. Was jedoch in diesen Kampfszenen geboten wird, ist ein eher konventionell angelegtes; Geflecht derartiger Episodik, etwa mit folgenden Motiven: belauschter Verrat; dem Verräter wird zuvorgekommen; Kundschafter, die ihre Botschaften nach Ãœberwindung großer Schwierigkeiten zur rechten Zeit ausrichten; der edle, in seiner Tapferkeit nicht zu. überbietende Feldherr; Tumult; Schleichwege zwischen den Wachposten des fremden Heeres; Hilfe im letzten Augenblick; Entführung; ein scheintoter Held; ein Opfertod usw. Verbunden werden die verschiedenen Handlungsebenen durch die Gestalt des jungen Malers Johann Rosenauer. Seine Liebe zur Tochter eines Gold-schmiedmeisters findet schließlich, nach vielen Umwegen, ihre Erfüllung. Damit weicht Seiverts Erzählung vom Geschehen der sächsischen Volksballade Honnes Moler wesentlich ab, in der, der Ãœberlieferung nach, der gleiche Maler erscheint^ der das Kreuzigungsfresko in der Hermannstädter Stadtpfarrkirche gemalt hat. In der Ballade wird der junge Maler wegen Ehebruch zum Tod verurteilt.
Einige Momente der Erzählung Um Ostern 1442 werden auch im 'culturhistorischen Bild" Hermannstadt im Jahre 1467 wiederaufgenommen, was das rege Interesse beweist, _ das,_ mit dem Aufschwung historischer Forschung zu Seiverts Zeit, diesen Vorgängen gewidmet wurde; ihre Beleuchtung erschien jedenfalls geeignet, das sächsische Selbstverständnis zu fördern. Eine gewisse Rolle spielt auch hier der soziale Gegensatz zwischen den Grafen und den Volksmassen. Zu Beginn der Regierung von Matthias Corvinus konnten die Gräfengeschlechter ihre Herrschaftsansprüche ausweiten, da sie in dieser Hinsicht auch vom Adel unterstützt wurden. An einem Komplott gegen den König, das dessen Beseitigung und die Kräftigung der Adelsgeschlechter bezweckte, waren auch der Königsrichter Benedikt Roth und der Hermannstädter Bürgermeister Peter von Rothberg beteiligt. Es schlägt indes fehl und stört dadurch auch die ehrgeizigen Pläne jener, die einen höheren sozialen Rang anstrebten, als er in der sächsischen Gemeinschaft einzunehmen war. Die Art, in der diese historische Substanz literarisch verwertet wird, enttäuscht jedoch. Die Intrigen werden allzu primitiv entworfen und geführt, es ist, als wären die porträ-tistischen Ressourcen des Verfassers erschöpft. Er variiert bloß die allgemeinen Kenntnisse über menschliche Temperamente, Altersgruppen, Charaktere, die auch jenem Schriftsteller zu Gebote stehen, der sich mit dem Anfertigen von schematischen Literaturprodukten begnügt. Ein gewisses Verdienst kommt dam Autor hier — wie auch bei der vorangegangenen Erzählung — durch die vielseitige Darstellung des alltäglichen Lebens in der mittelalterlichen Stadt zu.
      Der entscheidende Beitrag zur Kenntnis der sozial-politischen Verhältnisse in der ersten Hälfte des 16. Jh. liegt in Seiverts Erzählung Pempflinger. Diese Feststellung wird durch die Tatsache nicht in Frage gestellt, daß Friedrich Schuler von Libloy in seiner Arbeit Bürger und Bauer einige Begebenheiten, die auch in Seiverts Werk vorkommen, vor diesem auch schon behandelt hatte. Allein Schuler von Libloys Erzählung scheint offenbar nur beweisen zu wollen, daß ein vielfältiges Dokumentationsmaterial noch Ikeinen brauchbaren literarischen Text gewährleistet, daß vielmehrdie Archivquellen als das Gegebene mit Phantasie durch wirkt werden müssen, wenn nicht gerade in Marlins einfallsreicher Art, so' doch wenigstens auf dem Niveau der sorgsam zusammengestellten Arbeiten Seiverts. Bürger und Bauer ist — um eine Fügung des Autors zu gebrauchen — auf weiten Strecken 'phrasenreich und ceremoniell" 36. In der Erzählung Pempflinger, die im wesentlichem als geschichtlicher Bericht angelegt ist, werden die äußeren Handlungen und das psychische Erleben der Personen von den Gegensätzen zwischen katholischer Königsmacht und den Anfangsstadien eines 'Nationalstaates" unter türkischer Oberhoheit bedingt, der sich dem religiösen Reformgeist gegenüber aufgeschlossener zeigt. An Pempflingers Verhalten wird die Widersprüchlichkeit der politischen und ideologischen Vorgänge ablesbar, da er anfangs ein Verfechter der Sache Zäpolyas ist, sich später jedoch für Ferdinand: entscheidet, dessen getreuer Anhänger er bleiben wird. Durch sein, diplomatisches Geschick versteht er es lange Zeit, ausgleichend zu wirken und den Ausbruch offener Feindseligkeiten zwischen gegnerischen _ Parteien zu verhindern. Trotz Pempflingers Vorsicht und' Klugheit^ wird auch er ein Opfer dieser Kontraste. Er verliert durch die Intrigen seiner Feinde — unter ihnen der Humanist Georg; Reicherstorffer — viele Parteigänger und schließlich auch das Vertrauen des Königs Ferdinand. Längere Zeit verbringt er an dessen Hof, wo er, 'gleichsam in einer ehrenvollen Internierung", lebt und wo ihm 'der Unterhalt gar kerglich gereichet", wird, 'gleich einem alten Hund, der schwach geworden ist"37. So kommt es, daß Pempflinger im letzten Viertel der Erzählung nicht mehr auftritt, das dadurch in gewissem Maß seines Zentrums entbehrt. Die letzten Phasen des Kampfes zwischen den Anhängern Ferdinands und jenen Zäpolyas, an denen Pempflinger nicht mehr beteiligt ist 38, werden dennoch überzeugend geschildert, vor allem durch die Einführung; von Massenszenen. In diesen, wie in der Erzählung im allgemeinen, legt der Verfasser von seiner Kunst Zeugnis ab, sich die Sprechweise der verschiedenen Stände und Schichten vorzustellen und zu reproduzieren, ganz gleich, ob es sich um Söldner handelt, um Handwerker, Gastwirte oder Ratsherren, und er zeigt sich auch' darin erfahren, die Meinungsänderung in den Volksmassen begreiflich zu machen. Besonders dieser Text ist für Seiverts Erzähltechnik bezeichnend. Er selbst verweist auf seine Methode, die sowohl Vorzüge als auch Schwächen der Erzählung verursacht: er habe die Ereignisse 'vielleicht etwas zu chronikhaft" dargestellt39. Andererseits macht er von der 'Allwissenheit" des objektiven Erzählers einen allzu unbedenklichen Gebrauch, vom Vorrecht, 'allen; Personen unserer Erzählung ihre Gefühle und Gedanken abzu--lauschen und sie, wo es Noth tut, zu Selbstgesprächen zu zwingen" 40. Dadurch erscheinen die Personen der Handlung zuweilen etwas marionettenhaft.
      Durch ihren Gegenstand ist Seiverts Novelle Politik und Liebe 41 mit der Erzählung Pempflinger verbunden, handelt es sich doch um die Aktualisierung und um das Echo der oben_ skizzierten Gegensätze auf die Verhältnisse des Jahres 1555, als die Rivalität zwischen Isabella, der Nachfolgerin Zäpolyas, und Ferdinand das sächsische Bürgertum erneut in zwei Lager schied. Die Alternative zwischen dem Streben nach einem autonomen Siebenbürgen und andererseits nach einer von Habsburg abhängigen Landesführung wird allerdings nicht mit der nötigen Klarheit in ihren Vor- und Nachteilen aufgezeigt, so daß die geschichtlichen Ereignisse in dieser Novelle auf einer tieferen Stufe als in der Erzählung fempflinger gestaltet werden. Das vielleicht auch, weil die Gegensätze der Zeit fast ausschließlich nur in Rede und Gegenrede aufklingen und eine entsprechende dramatische Handlung fehlt. Die im Titel angedeutete Verquickung von Politik und Liebe wird vom Verfasser auf recht phantasielose Art erzählerisch genutzt.
      In Seiverts besprochenen Erzählungen spielen Fragen des sächsischen Gemeinschaftslebens, zumal seiner Hierarchie und Leitung, eine bedeutende Rolle. Gerade die nach der chronologischen Folge ihres Inhalts hier anschließenden Erzählungen_ sind dafür aufschlußreich. Sie zeigen, wie sehr — im Vergleich zu den Prosaarbeiten der Zeit vor 1848 — das Verständnis für soziale Fragen und auch die Kunst ihrer differenzierten Darstellung zugenommen hatten. Eine Bürgermeisterwahl zeichnet sich durch die Schilderung des gesellschaftlichen Gefüges einer südsiebenbürgischen Stadt aus. Der Verfasser beschreibt beispielsweise Szenen aus dem Nachbarschaftsleben, wobei er die Gegensätze zwischen dem aus Patriziern gebildeten Magistrat und dem Volk nicht übergeht. Diese Konflikte bewirkten im Jahr 1579 eine Rebellion gegen die Obrigkeit, deren unmittelbarer Anlaß die Weigerung des Magistrats war, die Wahl eines Bürgermeisters aus den Reihen derer zuzulassen, die nicht zum Stadtrat gehörten, d. h. die Wahl von Johann Wayda, der von den weniger wohlhabenden Stadtbürgern vorgeschlagen worden war. Zum Unterschied von der Erzählung Um Ostern 1442, wo der Schneideraufruhr eine Rolle spielt, hat die Kundgebung des Volkswillens in diesem Text ein positives Ergebnis und erfreut sich auch einer größeren Sympathie des Autors, ohne daß er _ freilich der Proteststimmung einen allzu betonten Charakter verliehen hätte. Obwohl der Verfasser die Forderungen des Volkes_ gerechtfertigt findet, welche auf die Abschaffung einiger Mißbräuche ab-zielen, ist er mehr auf der Seite des Königsrichters Albert Huet. Dieser versucht die Gegensätze auszugleichen, wobei deutlich wird, daß er gegen jene hochmütigen Patrizier ist, die verlangen, daß 'der wüthige Pöbel" gewaltsam unterdrückt werde, mit den rechten Mitteln für 'diesen unsinnigen Herrn ,Omnes'" 43. In allem handelt Huet nach seiner Ãœberzeugung, die er in die Worte faßt: 'In einem Gemeinwesen, wie das unsrige, wo die Freiheit wohnen und regieren soll, da ist es besser, daß in einem Falle der nicht zu überzeugende Unverstand obsiege, als daß des Volkes klar ausgesprochener Wille mit Gewalt unterdrückt werde." 44 Einen ähnlichen Konflikt verspricht auch Seiverts Erzählung Ein verfehltes Leben darzustellen. Es wird auch wiederholt auf die Parallelen hingewiesen, die die etliche Jahrzehnte später geschehenen Ereignisse zu Waydas Wahl aufweisen. Doch lenkt der Verfasser das mit anspruchslosen Mitteln gestaltete Geschehen bald in andere Bahnen und schildert die ehrgeizigen Unternehmungen des Hermannstädter Bürgermeisters Johann Rehner, Fürst von Siebenbürgen zu werden.
      Ein bezeichnendes Beispiel für Seiverts Neigung zu sozialer Thematik bietet auch die Erzählung Der Kirchenstuhl46. Sie ist, wie auch andere Arbeiten des Verfassers, auf den Alltag der in Zünften tätigen Handwerker ausgerichtet. Diese thematische Wahl beeinträchtigt durch nichts die Qualität der Arbeit, sie bewirkt im Gegenteil, daß dieser Text als die gelungenste historische Novelle des Verfassers angesehen wurde, da sie sich am besten in das ästhetische Programm des Verfassers einfügt, aufschlußreiche Bilder aus der Kulturgeschichte zu entwerfen. 47 Der Konflikt ergibt sich aus dem Widerstand einiger Handwerker gegen die strengen Bestimmungen der Zunftordnung und findet seine Lösung durch einen Paragraphen des gleichen Reglements. Hervorzuheben ist an dieser Erzählung außer dem sicheren Handhaben der archaischen Sprechweise, durch die die Mentalität und das Verhalten der Menschen jener Zeit gekennzeichnet werden, die ironische Distanz des Verfassers zu seinen Personen, die ihm gestattet, auch ihre Fehler leichter zur Sprache zu bringen. Außer diesen und etlichen andern, hier nicht besprochenen Culturhistorischen Novellen , in denen die Sage 'gar artig der Geschichte die Hand" reicht48, hat Seivert noch eine Reihe ethnographisch-literarischer Schilderungen unter dem Titel Ausgestorbene Originale aus dem siebenbürgischen Sachsenlande 49 verfaßt. Dergleichen Beschreibungen haben — Seiverts Humor freilich abgezogen — in der sächsischen Literatur eine gewisse Tradition, in den lateinischen Schriften der Humanisten

— etwa in Georg Reicherstorffers chorologischen Schilderungen — und im Schrifttum der Aufklärung, d. h. in den historisch-volkskundlichen Abhandlungen von Martin Felmer und Michael Lebrecht. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts verfaßte Joseph Leonhard Arbeiten zu diesem Gegenstand. Ãœber Gustav Seivert und manchen seiner Zeitgenossen — unter ihnen auch die dem dichterischen Schaffen nahestehenden Vertreter wissenschaftlicher Volkskunde wie Johann Karl Schuller, Josef Haltrich, Friedrich Wilhelm Schuster, Friedrich Müller — läßt sich die Entwicklung der ethnographisch-literarischen Schilderungen zur realistischen Literatur unseres Jahrhunderts verfolgen. Trotz so imponierender Deszendenz und gleichgerichteter Bemühungen von namhaften Zeitgenossen müssen Seiverts Schilderungen in den Vorhof der schöngeistigen Literatur verwiesen werden. Sie sind hier kaum vom Gesichtspunkt eines effektiven Beitrags zur Dichtung anzuführen, sondern eher von jenem der Wirkung, die sie auf die nach der Natur gezeichneten Lebensbilder von Johann Plattner, Emil Sigerus, Georg Adolf Schuller, Anna Schuller-Schullerus u. a. ausübten. Möglicherweise ist jedoch die Nachwirkung der Seivertschen Charakterbilder auf spätere Schriftstellergenerationen von diesen nicht bewußt aufgenommen worden. Mit seinen Originalen ging es ihm wohl wie mit seinen Culturhistorischen Novellen: er erwarb sich durch sie 'viele, aber rasch vergessende Freunde" 50.
     


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