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Gustafsson, Lars - Leben und Biographie



Das Werk von Lars Gustafsson, das neben zahlreichen Romanen auch mehrere Lyriksammlungen und eine nicht unbeträchtliche Produktion essayistischer Beiträge umfasst, kann als ein pa-radigmatischer und zugleich eigentümlich verfremdender Brennspiegel der schwedischen Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts betrachtet werden. Die literarische Entwicklung des Autors führt vom mystifizierenden Intellektualismus der Frühphase über die subjektzentriertc Gesellschaftskritik der mittleren Periode bis hin zum späteren, vom Postmodernismus inspirierten Experiment mit religiösen und existenziellen Fragestellungen.
      Schon bald nach Abschluss seines Studiums an den Universitäten Uppsala und Oxford gelang es Gustavsson, dessen Debütroman Vägvila 1957 erschienen war, sich innerhalb der schwedischen Literaturszene zu etablieren. 1966-72 leitete er die einflussreiche Zeitschrift Bonniers Litterära Magasin. Entscheidend für seine internationale Anerkennung wurde die Rezeption im deutschsprachigen Raum, wo er 1966 mit dem Gedicht Die Maschinen einen literarischen Durchbrach erzielte. Zahlreiche akademische Auslandskontakte sowie ausgedehnte Reisen in Europa und nach Ãobersee gingen einher mit einer zunehmenden Distanzierung vom politischen und literarischen Milieu seines Heimatlandes Schweden.
      Eine grundlegende Neuorientierung in weltanschaulicher Hinsicht markierte Gustafsson mit seinem Ãobertritt zum jüdischen Glauben . Seit 1983 lehrt er als Professor für Literatur an der Universität von Austin, Texas.

      Herr Gustafsson persönlich
Der Roman Herr Gustafsson persönlich repräsentiert einen Einschnitt in der literarischen Produktion von Lars Gustafsson. Er bildet den Auftakt zu der Pentalogie Die Risse in der Mauer, die sich von der poetisch-mystifizierenden Ausrichtung des Frühwerks entfernt. Nach wie vor konzentriert sich das Interesse des Autors auf die literarisch-experimentelle Auslotung des Identitätsproblems, das nun jedoch vor dem konkreten Hintergrund seines eigenen autobiografischen
Erfahrungshorizonts sowie der von den Universitäten Westeuropas ausgehenden gesellschaftlichen Erschütterungen reflektiert wird. Herr Gustafsson persönlich und die sich anschließenden Teile der Pentalogie fügen sich ein in das bekenntnishafte üokumentar-Genre, das sich in Schweden ab Mitte der 1960er Jahre etabliert hatte. Dennoch nimmt die Romanfolge in diesem Xontext aufgrund ihrer existenziellen Tiefendimension und ihrer ebenso intensiven wie undogmatischen Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition Europas eine Sonderstellung ein. Inhalt: In einer Wartehalle des Frankfurter Flughafens unternimmt der Ich-Erzähler des Romans, ausgestattet mit dem Namen des Autors sowie mit zahlreichen Elementen aus dessen eigener Biografie, den Versuch einer Slandortbestimmung. Skizziert wird der persönliche Werdegang des scheinbar min-derbegabten und verachteten Grundschülers, der sich bis zu der anerkannten Position eines einflussreichen Schriftstellers und Redakteurs heraufarbeitet. Ein Gefühl der Orientierungslosigkeit, der inneren Leere und der Einsamkeit beherrscht die Szenerie.
      Während des Flugs nach Berlin macht Gustafsson die Bekanntschaft der marxistischen Philosophiedozentin Johanna Becker, deren mütterliche Ausstrahlung ihm die kurze, aber intensive Erfahrung »embryonaler Geborgenheit« vermittelt. Bin Besuch in ihrem Haus wird zum Initialereignis seines Aufbruchs aus dem Teufelskreis von Tod, Angst und Lüge. Johanna verspricht auf der ihm bevorstehenden Reise in sein persönliches »Inferno« die Rolle des »Vergi-lius« zu übernehmen. Das gegenseitige Vertrauensverhältnis wird bei einem späteren Zusammentreffen bekräftigt und in der Form eines »Bündnisses gegen den Tod« besiegelt.
      In einem einsamen Turm bei der italienischen Stadt Cannobio am Lago Maggiore macht sich Gustafsson an die literarische Ausarbeitung seiner Abrechnung mit den beherrschenden Mächten der Zeit und seines eigenen Selbst. Begrifflich reflektierende Passagen wechseln mit deprimierenden Bildern einer gespaltenen Gesellschaft sowie schmerzvollen Erinnerungen an traumatisierende Fragmente der persönlichen Biografie.
      Im »innersten Höllenkreis« entdeckt der Protagonist sein eigenes Bündnis mit dem Tod, dem er die befreiende Kraft einer erneuerten Sensibilität und eines in persönlichen Begegnungen zurückgewonnenen »Wir-Gefühls« gegenüberstellt. Das Bild des bei der Ausfahrt aus dem Sankt-Gotthard-Tunnel erscheinenden Sternenhimmels - eine der zahlreichen Anspielungen Gustafssons auf Die göttliche Komödie von -> Dante Alighieri - symbolisiert das Ende der »Infernowanderung«. Aufbau: Die beiden grundlegenden Kompositionselemente sind die Begegnung des fiktio-nal-biografischen Erzähler-Ichs mit Johanna Becker sowie die Niederschrift des Romans im Turm bei Cannobio. Beide Darstellungskomplexe sind unter weitgehender Auflösung des chronologischen Prinzips aufs Engste miteinander verwoben. Als Zwischenglieder dienen zahlreiche Mosaikteile autobiografischer Herkunft. Kennzeichnend für die Darstellung ist das Strukturelement der Autoreferenz: In der Thematisierung seiner als »Trauerarbeit« und »Infernowanderung« charakterisierten Niederschrift machen sich der Roman sowie die in ihm verwendete Sprache zu ihrem eigenen Gegenstand. Wirkung: Zusammen mit den folgenden Teilen der Pentalogie Die Risse in der Maueryiurde das Werk zum literarischen Resonanzboden der in Schweden seit Mitte der 1970er Jahre deutlich anwachsenden Kritik am zentralistischen Volksheim-Modell. Der Roman gehörte zur Vorhut einer ihre Autonomie zurückgewinnenden Dichtung, die sich von der lähmenden Alternative zwischen Revolte und Reaktion emanzipierte.

Die wichtigsten Bücher von Lars Gustafsson
Herr Gustafsson persönlich 1971 Der erste Roman der Pentalogie D/eß/sse in derMouerist eine auto-biografisch gefärbte Schilderung der Wiederentdeckung gemein-schaftsstiftenderEmotionalitätvordem Hintergrund desgesell-schaftlichen Aufbruchs der 1960er Jahre.
      Wollsachen 1973 Im zweiten Roman seiner Pentalogie wird der durch den politischen Zentralismus heraufbeschworene »innerschwedische Kolonialismus« kritisiert, in dessen desolatem Umfeld dennoch Keime einer paradoxen Hoffnung sichtbar werden.
      Das Familientreffen 1975 Im dritten Roman der Pentalogie, nach Einschätzung des Autors Tiefpunkt der im Romanzyklus unternommenen »Infernowanderung«, verschiebt sich der Blickwinkel in das Zentrum der Macht.
      Sigismund 1976 Im Erzählungsgeflecht des vierten Teils der Pentalogie verdichten sich historische, mythologische und autobiografische Elemente zu einer fantastischen Parabel von der Rückkehr des verlorenen Ich.
      Der Tod eines Bienenzüchters 1978 Die Tagebuchnotizen des an Krebs erkrankten Protagonisten beschreiben im letzten Teil der Pentalogie das paradoxe »Paradies« einer im Leiden aufgehobenen Fragmentarizität des Selbst.
      Trauermusik 1983 Die fiktionale Darstellung dreier Lebensläufe, in denen - vor dem Hintergrund dreier Kontinente - die unerfüllten Wünsche und ver-passten Möglichkeiten einer Generation reflektiert werden.
      Die dritte Rochade des Bernard Foy 1986 Im formalen Rahmen postmoderner Genremischung werden auf drei ineinander verschachtelten Fiktionsebenen Aspekte eines existenziellen Selbst-und Weltverständnisses ausgelotet.
      Die Sache mit dem Hund 1993 Ein mystifizierendes Experiment mit der Kategorie des Bösen und verschiedenen Ansätzen einer Daseinsdeutung, realisiert mit den Spannungserzeugenden Mitteln eines Kriminalromans.
     


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