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Gordimer, Nadine - Leben und Biographie



Nadine Gordimer beschreibt in Romanen und Erzählungen das Unrechtssystem der Rassentrennung in Südafrika. Nach dessen Abschaffung 1991 schildert sie in ihren jüngsten Werken u.a. die seelischen Deformationen von Schwarzen und Weißen durch die Tradition von Hass und Gewalt in ihrem Heimatland.
      Gordimer entstammt einem jüdisch-englischen Elternhaus und gehört zur kaufmännisch und städtisch orientierten, meist liberalenweißen Minderheit Südafrikas. Bereits mit 16 Jahren veröffentlichte sie ihre erste Kurzgeschichte, ab 1952 erschienen Erzählungen und Romane in England sowie in den USA. Seit den 1960er Jahren erhielt sie mehrere Literaturauszeichnungen, u.a. 1974 den britischen Booker-Preis sowie 1991 den Literaturnobelpreis. Trotz Repressalien durch die weiße Justiz hielt sie am Wohnsitz Johannesburg fest.
      Hauptthemen ihrer Romane und Erzählungen, die überwiegend in Südafrika spielen, sind die gesellschaftliche Prägung des Einzelnen , die Stellung deT Weißen zum Unrechtssystem , die Frage der Selbstbestimmung der Schwarzen [Julys Leute, 1981) sowie die individuellen und gesellschaftlichen Konflikte seit dem Ende der Apartheid .
      Hauptfiguren in »Bürgers Tochter« von Nadine Gordimer
Rosa Burger: Tochter kommunistischer Regimegegner; Krankenschwester; früh selbstständig und couragiert; verliert Mutter und Vater in jungen Jahren; setzt nach einer Selbstfindung in Europa die politische Arbeit ihrer Eltern fort. Lionel Burger: Rosas Vater, Arzt und Kommunist; politisch und menschlich ein Vorbild für Schwarze und Weiße in seiner Umgebung; kompromisslos und kämpferisch; stirbt nach jahrelanger Haft im Gefängnis. Cathy Burger: Rosas Mutter, zweite Ehefrau von Lionel Burger; kommunistische Gewerkschafterin; warmherzig und gütig zu ihrer Tochter, loyale Gefährtin ihres Mannes in der politischen Arbeit; stirbt an einer Krankheit.
      Katya/Madame Bagnelli: Geschiedene erste Frau Lionel Burgers; ehemalige Tänzerin;lebt mit Müßiggängern aus verschiedenen Ländern im mondänen Milieu an der Cöte d'Azur; nimmt Rosa Burger eine Zeitlang auf. Bernard: Rosas Geliebter in Frankreich; Lehrer und linksgerichteter Intellektueller; schreibt an einer Dissertation über farbige Einwandererin Frankreich. Baasie: Schwarzer, Sohn eines Funktionärs des Afrikanischen Nationalkongresses, der in Haft stirbt - wahrscheinlich von Polizisten ermordet; er wächst bei den Bürgers auf; lebt orientierungslos und verbittert im Exil in London, wo er Rosa als Weiße schroff zurückweist.
      Conrad: Ehemaliger Liebhaber von Rosa; liberal, individualistisch, skeptisch gegenüber den kommunistischen Ideen im Hause Burger; fiktiver Dialogpartner Rosas, der ihre kritische Selbstreflexion in Gang setzt.

      Burgers Tochter
Das poetische Porträt einer jungen weißen Frau in Südafrika, die sich nach einem Reifeprozess dem politischen Vermächtnis ihrer Eltern, zwei radikalen Kämpfern gegen die Apartheid, stellt, ist zugleich ein großer politischer Roman. Inhalt: Rosa Burger wächst als Tochter des angesehenen Arztes Lionel Burger in Johannesburg in einem hochpolitischen Umfeld auf. Ihre Eltern engagieren sich in der Kommunistischen Partei Südafrikas gegen das Regime der Rassentrennung. Als sie im Gefängnis landen, muss Rosa mit 14 Jahren den Haushalt allein organisieren. Mit 18 verlobt sie sich zum Schein mit einem Regimegegner. Mit 20 Jahren ist sie als Tochter ihres zu lebenslanger Haft verurteilten Vaters politisch abgestempelt und als Bürgerin ohne Reisepass.
      Nach dem Tod ihrer Eltern fühlt sich die 25-jährige Rosa zunächst verpflichtet, deren Arbeit fortzusetzen. Doch dann weigert sie sich zum ersten Mal, die erwartete Rolle zu übernehmen. Nachdem sie endlich ihren Pass erhalten hat, reist sie nach Europa. In Frankreich lernt sie Katya, die erste Frau ihres Vaters, kennen und den linksgerichteten Intellektuellen Bernard lieben. In London trifft sie ihren im Exil lebenden schwarzen Ziehbruder Baasie wieder, der sie als Weiße zurückweist. Inmitten des kultiviert-dekadenten Lebens in Europa erkennt Rosa, wo sie hingehört. Sie kehrt zurück nach Südafrika und nimmt den Kampf gegen die Apartheid wieder auf.
      Aufbau: Der Roman erzählt eine politische Geschichte als Einzelschicksal. Das brutale Regime der Rassentrennung dringt in jede Privatsphäreein. Wer sich - wie die Burgers - auflehnt, erfährt die gnadenlose Härte des staatlichen Sicherheitsapparats. Die politische Lage eskaliert 1976, als die unterdrückte Bevölkerungsmehrheit im Johannesburger Schwarzenviertel So-weto einen Aufstand beginnt, der von der Polizei niedergeschlagen wird und mehrere hundert Todesopfer fordert.
      Der komplexen Entwicklungsgeschichte von Rosa entspricht eine vielschichtige ETzählstruk-tUT. Der Roman ist aufgefächert in inneren Monolog, szenische Darstellung und Bericht, Erinnerung, Assoziation und philosophische Reflexion. Von allen Seiten lernt der Leser Denken und Eühlen Rosas kennen, sogar aus der Sicht der Polizei. Ãober weite Strecken spricht Rosa zu imaginären Zuhörern, die ihre persönliche Entwicklung spiegeln: zuerst mit Conrad, ihrem einstigen Geliebten in Südafrika, dann mit Katya. Zuletzt findet sie zum Vater zurück, dessen Eigur an den südafrikanischen Kommunistenführer Bram EischeT erinnert. Nadine Gordimer stilisiert aber keine Helden, sondern folgt den Spuren engagierter Bürger, die aus persönlicher Erfahrung von Unrecht und Gewalt durch ihre Zivilcourage Beispiel geben.
      Wirkung: Nach den Aufständen von Soweto 1976 bezog die englischsprachige Literatur Südafrikas aus unterschiedlichen Perspektiven Stellung zur Apartheid. Der so genannte Tendenzroman schilderte die Ereignisse aus der Sicht der Schwarzen. Zur wichtigsten weißen Stimme wurde Nadine Gordimer. Ihr Roman Burgers Tochter wurde von den südafrikanischen Behörden wegen angeblicher kommunistischer Propaganda verboten und erst nach weltweiten Protesten von der Zensur freigegeben. Emotional bewegend und künstlerisch anspruchsvoll bekennt sich die Autorin in diesem Werk zu einem mutigen Humanismus, der als Lebenshaltung täglich neu bewiesen werden muss.

      Die Hauswaffe
Sechs Jahre nach dem Ende der Apartheid in Südafrika beschäftigt sich Nadine Gordimer in diesem Roman mit den Nachwirkungen der blutigen Vergangenheit und den Chancen auf ein friedliches Zusammenleben in Zukunft. Anhand einer Eamiliengeschichte aus dem liberalen weißen Milieu schildert sie Zweifel, Verunsicherungen, aber auch Hoffnungen der Menschen in einer nunmehr freien Gesellschaft, in der alle ihren Platz und ihr Verhältnis zur Geschichte noch finden müssen.
      Inhalt: Die Ã"rztin Claudia und der Versicherungsvorstand Harald Lindgard sind ein geachtetes weißes Ehepaar aus Johannesburg. Ihr begütertes Leben gerät völlig aus den Fugen, als sie erfahren, dass ihr 27-jähriger Sohn Duncan, ein begabter Architekt, wegen Mord es verhaftet worden ist. Ihr sensibler Sohn soll Carl, einen seiner besten Freunde und Wohngenossen, erschossen haben, nachdem er ihn auf dem Sofa in flagranti mit seiner Freundin Natalie erwischt hatte. Tatwerkzeug ist die »Hauswaffe«, die im gefährlichen Johannesburg zum Schutz gegen Einbrecher in fast jeder Wohnung zu finden ist. Bei der Rekonstruktion des psychologisch vielschichtigen Falles stellen Duncans Eltern ihr gesamtes Leben infrage: ihre langjährige Ehe, die liebevolle Erziehung ihres Sohnes, das Verhältnis zu weißen Freunden und Kollegen. Ihre einzige Hoffnung verkörpert ausgerechnet ein Schwarzer, der brillante Verteidiger Hamilton Motsami, der ein mildes Urteil für Duncan erreicht. Der Richterspruch - sieben Jahre Haft -weckt Zuversicht, dass der Justizapparat, der zur Zeit der Apartheid ein Instrument staatlicher Repression war, im freien Südafrika zur Säule des Rechtsstaats werden kann. Wirkung: Die Autorin beweist mit diesem Roman erneut, dass sie menschliche Dramen aus unterschiedlichen Perspektiven präzise und glaubhaft schildern kann - mal kühl und distanziert, mal mit tiefem Mitgefühl. Mit Ele-menten des Kriminalromans variiert sie das Grundthema ihres umfangreichen Gesamtwerks, das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß. Die Hauswaffe wurde als Gordimers literarisches Bekenntnis zum demokratischen Südafrika gewertet. Die Figur des erfolgreichen schwarzen Anwalts steht für die Hoffnung der unterdrückten Bevölkerungsmehrheitauf Gerechtigkeit und Chancengleichheit.
      Die wichtigsten Bücher von Nadine Gordimer
Entzauberung 1953 Ein weißes Mädchen löst sich von seinem gut situierten Elternhaus und findet trotz der Schrecken des allgegenwärtigen Apartheidregimes schließlich seinen individuellen Lebensweg.
      Fremdling unterFremden 1958 Ein junger weißer Engländer aus progressivem Elternhaus erfährt in Südafrika durch den Alltag der Apartheid und persönliche Kontakte zu Regimekritikern seine politische Reife.
      Anlass zu lieben 1963 Eine Liebe zwischen Schwarz und Weiß scheitert weniger an staatlicher Repression und Willkür als an den in beiden psychisch wirksamen Vorbehalten wegen ihrer Rassenunterschiede.
      Der Ehrengast 1970 Wechselvolle Erlebnisse eines liberalen Weißen in einem fiktiven afrikanischen Staat nach Erlangung der Unabhängigkeit.
      Der Besitzer 1974 Ein wohlhabender Weißer muss erkennen, dass sein Traum vom harmonischen Landleben Illusion bleibt, solange die in der Gesellschaft unterdrückten, ihm fremden Schwarzen für ihn arbeiten.
      Burgers Tochter 1979 Im Mittelpunkt steht die Suche der Tochter eines weißen inhaftierten Anti-Apartheid-Aktivisten nach ihrer Identität und Stellung in der rassistischen Gesellschaft Südafrikas.
      Julys Leute 1981 Ein schwarzer Diener gerät nach der Revolte der Schwarzen in einen Loyalitätskonflikt zu seiner weißen Herrenfamilie.
      Ein Spiel der Wofür, 1987 Eine weiße Südafrikanerin heiratet den Präsidenten eines schwarzafrikanischen Staates; aus der Ferne erlebt sie das glückliche Ende des jahrzehntelangen Rassendramas in ihrem Heimatland.
      Die Geschichte meines Sohnes 1991 Liebesgeschichte eines verheirateten schwarzen Lehrers mit einer weißen jungen Frau, die sich aktiv für die Rechte der unterdrückten schwarzen Bevölkerungsmehrheit in ihrem Land einsetzt.
      Die Hauswaffe 1998 Ein liberales weißes Ehepaar gerät in eine Identitätskrise, als ihr psychisch labiler Sohn aus Leidenschaft zum Mörder wird.
     


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