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Farah, Nuruddin - Leben und Biographie



Nuruddin Farah widmet sich in seinen Romanen der Geschichte Somalias im Allgemeinen und den Fragen nach der Legitimation von Militärherrschaft im Besonderen. Er schreibt bevorzugt Trilogien, deren einzelne Romane durchaus für sich stehen. Auffällig sind die starken Frauenfiguren, die Farahs Werk bevölkern , sowie die Elemente der mündlich überlieferten Literatur Somalias.
      Farah kommt aus einer Familie, in der das mündliche Wort einen hohen Stellenwert hatte. Seine Mutter war eine traditionelle Erzählerin, der Vater arbeitete als Dolmetscher des britischen Gouverneurs. Farah studierte in Indien Literatur, Philosophie sowie Soziologie und unterrichtete an der Universität in Mogadischu. Nach einem Auslandsaufenthalt 1974 kehrte er 22 Jahre lang nicht mehr nach Somalia zurück, weil ihn der Militärherrscher Siad Barre nach Erscheinen des Romans Aus einer Rippe gebaut in Abwesenheit zum Tod verurteilt hatte.
      Wiederkehrende Inhalte von Farahs Romanen sind die vorkoloniale und präislamische Geschichte Ostafrikas sowie Fragen zum Macht-und Abhängigkeitsverhältnis zwischen Erster und Dritter Welt . Farah erhielt u.a. den Neustadt-Literaturpreis Oklahoma und gilt als Kandidat für den Literaturnobelpreis.

      Geheimnisse
In dieser Familiengeschichte über drei Generationen lässt Nuruddin Farah am Vorabend des somalischen Bürgerkriegs die mythische Welt des Großvaters, die traditionell afrikanische Welt des Vaters und die rationale Welt der Hauptfigur aufeinander treffen. Inhalt: Kalaman lebt als gut verdienender Leiter eines Computerunternehmens in Mogadischu, als eines Tages seine Jugendbekanntschaft Sholoongo aus den USA auftaucht und sich von ihm ein Kind wünscht. Wegen der zunehmenden Kämpfe der Milizen in Mogadischu 1991 fährt Kalaman zu seinen Eltern aufs Land, wo auch sein Großvater lebt. Sholoongo taucht ebenfalls bald auf dem Land auf und mit ihr kehren Bilder aus der Vergangenheit zurück, steigen Erinnerungen hoch. Die Reaktionenseiner Familie auf Sholoongos Ankunft schüren in Kalaman den Verdacht, dass ein Geheimnis über seiner Geburt liegt. Nach und nach stellt sich heraus, dass er nicht der leibliche Sohn seines Vaters ist; dieser hatte Kalamans Mutter nach einer Zwangsheirat und Massenvergewaltigung geheiratet, um ihr Schmach zu ersparen. Kalamans Großvater klärt diese Familiengeschichte auf und stirbt, kurz nachdem er das Geheimnis gelüftet hat.
      Aufbau: Anhand des Zerfalls einer Familie stellt Farah den Zerfall der somalischen Gesellschaft in divergierende Clan-Interessen dar. Die Frage nach der Identität der Hauptfigur lässt sich auch als Frage nach der nationalen Identität eines zersplitterten Volks verstehen.
      Farah erzählt seinen Roman aus wechselnden Perspektiven und teilt ihn in Prolog, zwölf Kapitel und Epilog ein. Die strenge Struktur dieses Aufbaus wird inhaltlich durch sinnliche, nicht selten minutiös geschilderte Liebesszenen aufgehoben, die zu den besten Passagen des Buchs gehören und sich in ihrer Faszination so nicht in anderen Werken Farahs finden. In der von ihm gern verwendeten Patchwork-Technik formen Anekdoten, Geschichten, historische Exkurse, Parabeln, Fabeln, Märchen, Sprichwörter, Analogien, politische Debatten und Kommentare das imposante Mosaik dieses Romans, dessen Spannungsbogen dramaturgisch brillant einem fesselnden Finale entgegenführt. Mythologie: In keinem seiner anderen Romane nimmt Farah so umfangreich Bezug auf Mythologie und Religion wie in Geheimnisse. Motive des griechischen Mythos sowie die Muster antiker Tragödien finden sich hier ebenso wie Szenen afrikanischer Mystik. Ein Elefant rächt sich an einem Großwildjäger, Kalamans Mutter hat drei Brüste, eine Krähe verfügt über heilsame Kräfte; Geier, Affen und Wassermolche haben eine totemistische Bedeutung; ein Dorfbewohner begattet eine Kuh und verwandelt sich dabei selbst in ein Tier. Auch Sholoongo durchläuft die Metamorphose in ein Tier. Insbesondere Kalamans Großvater repräsentiert die spirituelle Welt; er beschäftigt sich mit alche-mistischen Formeln, kabbalistischen Regeln und spricht mit den Tieren, die ihm tags und in seinen Träumen erscheinen. Indem er Figuren der gemeinsamen Religionsgeschichte - wie -etwa Maria - nachspürt, betont Farah außerdem die Berührungspunkte zwischen Islam, Judentum und Christentum. Wirkung: Das weltweite Echo, das Geheimnisse fand, gab der Rezeption afrikanischer Literatur auch in Deutschland einen neuen Impuls und lenkte das Augenmerk der Ã-ffentlichkeit auf die Seite derer, die bis dahin lediglich als Objekte des Globalisierungsprozesses betrachtet wurden.
      Hauptfiguren in »Geheimnisse« von Nuruddin Farah
Kalaman: Der teiter eines mittelständischen florierenden Computerbüros mit internationalen Verbindungen in Mogadischu ist modern, gebildet, rücksichtsvoll, sensibel und höflich. Problemen zwischenmenschlicher Art geht er lieber aus dem Weg, als dass er eine Aussprache sucht. Er kann schlecht Nein sagen und hat ein positives Verhältnis zu seinen Eltern sowie zu seinem Großvater. Im Alter von etwa 30 Jahren erfährt er die Hintergründe seiner bis dahin verborgen gehaltenen Herkunft. Normo: Kalamans Großvater wird, der somalischen Kolonialsprache Italienisch folgend, schlicht Nonno genannt. Er ist ein weiser, lebenserfahrener Mann, ein würdevoller, autoritärer Familienpatriarch und einer der Dorfältesten, der die Fäden der Macht im Hintergrund zu ziehen versteht. Er musste aus seiner Heimat fliehen, lässt die Gründe dafür aber im Dunkeln. Distanziert steht er über dem Geschehen und bewegt sich gedanklich in einer jenseitigen Welt der Mystik und Kabbalistik.
      Mutter: Dominanz und Leidenschaftlichkeit verbergen die Furcht vor der Entdeckung ihrer Vergangenheit, der Vergewaltigung, Zwangsheirat und Erpressung aufgrund derangeblich illegitimen zweiten Ehe mit Kalamans Vater. Sie reagiert panisch und hektisch, wenn sie die labile familiäre Sicherheit gefährdet sieht. Kalaman bemuttert sie bis zur Aufdringlichkeit. Sholoongo: Sie wurde als Neugeborenes wegen einer verheerenden Sternenkonstellation von ihrer Mutter in der Wildnis ausgesetzt und angeblieh von Löwen großgezogen. Die zwielichtige Figur ist eine Femme fatale, deren ausgeprägte Weiblichkeit Urfrau-Mythen in Erinnerung ruft und sexuelles Begehren weckt. Sie arbeitet in den USA als Model und Schamanin und soll somalische Bürgerkriegsmilizen finanzieren. Von Kalamans Mutter wird sie der Erpressung verdächtigt. Eine jugendliche Romanze verbindet sie mit dem etwas jüngeren Kalaman. Sie hat Affären mit Kalamans Vater und seinem Großvater.
     


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Farah,  Nuruddin    


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