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Edgü, Ferit - Leben und Biographie



Ferit Edgü gehört zu den literarischen Vertretern der städtischen experimentellen Literatur der Türkei. Die Absurdität des Lebens, menschliche Obsessionen und die Entfremdung des Intellektuellen sind seine Hauptthemen, die er in einer mal poetischen, mal prägnant-sezieren-den Sprache und mit stets wechselnden Erzählebenen und -Perspektiven gestaltet.
      Der in der Metropole Istanbul aufgewachsene Edgü ging nach dem Studium der Malerei 1959 nach Paris und kehrte erst 1964 in seine Heimat zurück, um dort seinen Militärersatzdienst zu absolvieren. Er wurde als Lehrer in das Dorf Pikanis in die ostanatolische Provinz Hakkari geschickt, wo er ein Jahr blieb. Anschließend arbeitete er in Istanbul als Werbetexter, führte eine Galerie und einen Verlag. Er veröffentlichte mehrere Romane, darunter Jemand und Ein Winter in Hakkari {1977) sowie zahlreiche Sammlungen mit Kurzgeschichten.
      Spruchdichtung
Herkunft: Der deutsche Germanist und Schriftsteller Karl Simrock führte den Begriff in seiner Ausgabe der Werke des mittelhochdeutschen Dichters Walther von der Vogelweide von 1833 ein.
      Bedeutung: Simrock bezeichnete mit dem Begriff derSpruchdichtung die mittelhochdeutschen Lieder und Gedichte, die sich thematisch und zum Teil auch formal vom Minnesang unterschieden. Sie behandeln Fragen der Moral, üben Kritik an politischen sowie religiösen Zuständen und enthalten Lebensweisheiten. Sie sind meistens einstrophig, können aber auch zu

Strophenreihen oder Zyklen zusammengeschlossen auftreten.
      Anwendung: Der Begriff wird u.a. als Bezeichnung für die in der Edda enthaltenen Sittengedichte verwandt; sie sind meistens im gnomischen Sechsversmaß gehalten. Das bedeutendste Sittengedicht der Edda ist Die Sprüche des Hohen. Es enthält Ratschläge für das tägliche Leben - etwa wie man sich beim Besuch unter fremdem Dach verhält, welchen Schaden zu großes Sorgen und Sparen mit sich bringen kann oder welcher Art der Umgang mit Freund und Feind zu sein hat - und belehrt über den Wert der Lebensgüter.

      Ein Winter in Hakkari
In seinem zweiten, stark autobiograhschen Roman hal Ferit Edgü seine Erlebnisse in der Abgeschiedenheit deT von Kurden bewohnten Hochgebirgsregion Hakkari nahe der türkischiranischen Grenze verarbeitet. Ein Winter in
Hakkari eine außergewöhnliche Mischung aus Selbsterfah-rungsbericht, Sozialroman und Sprachkunstwerk, das mit seinem Wechsel von Erzählpassagen, Tagebucheintragungen, Dialogszenen und Prosagedichten immer wieder die klassische Eorm des Romans durchbricht und in seiner Rätselhaftigkeit an das Werk von Franz -> Kafka erinnert.
      Inhalt: Der Ich-Erzähler, ein namenloser Türke aus der fernen Großstadt , kommt als Lehrer in ein kurdisches Dorf im äußersten Südosten des Landes. Der Grund für seine Verbannung bleibt unklar, er selbst fühlt sich als gestrandeter Kapitän, dem man das Ruder zur Kursbestimmung des eigenen Lebens aus der Hand genommen hat. Wie ein Schiffbrüchiger ist der Intellektuelle in dem isolierten Bergdorf hilflos und fremd, argwöhnisch beäugt von den Einheimischen, von denen kaum einer seine Sprache spricht.
      Trotz aller Widrigkeiten stellt »Er« sich der Aufgabe, Kindern, mit denen er sich nur durch nonverbale Kommunikation verständigen kann, die Welt außerhalb ihres unwirtlichen Heimatdorfs ohne Straßen, ohne Elektrizität und Wasserversorgung zu erklären. In den langen Wintermonaten, in denen das Dorf vom Schnee eingeschlossen ist und eine Epidemie alle Säuglinge tötet, erwirbt der Lehrer das Vertrauen der Kinder wie der Erwachsenen. Gleichzeitig verlieren in der Einsamkeit und Sprachlosigkeit alle aus der Zivilisation mitgebrachten Normen, Werte und Träume ihre Bedeutung. Um bei Verstand zu bleiben, beginnt er seine Eindrücke und Erlebnisse niederzuschreiben.
      Als im Frühling der Schulinspektor ins Dorf kommt und dem Lehrer die Nachricht überbringt, dass sein Zwangsaufenthalt beendet und er frei sei zu gehen, wohin er wolle, hat dieser fast vergessen, dass er ein Verbannter war. Trotzdem begibt er sich ohne Ziel »auf eine ganz neue Reise« und lässt seine Schulkinder mit der einzigen »Wahrheit« zurück, die ihm wichtig erscheint: »Nichts ist Schicksal.« Wirkung: Der Roman von Edgü erlangte in der Türkei wegen seines artifiziellen und daher teilweise antirealistisch wirkenden Charakters erst durch die Verfilmung 1982 {Eine Saison in Hakkari, Regie: Erden KiraL) größere Aufmerksamkeit. Der 1983 in Berlin mit dem »Silbernen Bären« ausgezeichnete Film wurde zunächst von der Zensur freigegeben, gleich darauf abervon der Militärregierung verboten und kam erst 1988 in die türkischen Kinos. Obwohl Kiral auf jede vordergründig politische Aussage verzichtet hat, wirkt sein Film durch die dokumenta-risch-ethnografische Schilderung des trostlosen Lebens in Kurdistan wie »ein schweigender Schrei« gegen die Kurdenpolitik der türkischen Regierung.


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Edgü,  Ferit    


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