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Dostojewski Fjodor - Leben und Biographie



Ejodor Dostojewski gilt als einer der bedeutendsten Romanautoren der Weltliteratur. Thomas -» Mann empfahl, seine Texte, welche die Abgründe des menschlichen Wesens ausleuchten, nur »mit Maßen« zu konsumieren. Friedrich -> Nietzsche hielt Dostojewski für den einzigen Psychologen, von dem er etwas lernen konnte. Dostojewski war der Sohn eines Moskauer Armenarztes. Nach ersten literarischen Erfolgen wurde er im März 1849 als Mitglied eines revo-lutionären Geheimbunds verhaftet; erst auf dem HinrichUmgsplatz milderte Zar Nikolaus 1. die verhängte Todesstrafe zu Zwangsarbeit und Verbannung ab. Diese Erfahrung wandelte den Schriftsteller vom Atheisten zum gläubigen Christen und Konservativen. Als solcher verfasste er, nach der Rückkehr aus Sibirien 1859, seine großen Romane zum Teil unter elenden Bedingungen. Er war zeitlebens von schwacher Gesundheit, dem Glücksspiel verfallen und musste wiederholt vor seinen Gläubigern ins Ausland fliehen.
      Die Bücher von Fjodor Dostojewski
Arme Leute 1846 Dostojewskis erfolgreiches Erstlingswerk erzählt von der hoffnungslosen Liebe eines kleinen Beamten zu einem Mädchen, das schließlich einen reichen Mann heiraten muss.
      Aufzeichnungen aus einem Totenhaus 1860-62 In dem zwischen autobiografischem Bericht, realistischer Reportage und Roman angesiedelten Text schildert Dostojewski Leben und Erlebtes im sibirischen Arbeitslager.
      Schuld und Sühne 1866 Ein armer Student ermordet eine alte Pfandleiherin und deren Schwester, wird von seinem Gewissen geplagt und ringt sich dazu durch, seine Strafe auf sich zu nehmen.
      DerSpieler 1867 In diesem Roman wird, wiederum stark autobiografisch motiviert, das Psychogramm eines Spielsüchtigen entworfen.
      Der Idiot 1868/69 Der epileptische Fürst Myschkin, ein christusähnlicher Charakter, versucht verständnisvoll helfend auf seine Mitmenschen einzuwirken, erreicht aber das Gegenteil.
      Die Dämonen 1871/72 Im Zentrum des politischen Romans steht eine Gruppe nihilistischer Verschwörer: Ein Abtrünniger wird ermordet, der düstercharismatische Stawrogin tötet sich selbst.
      Derjüngling 1875 Die Tagebuchaufzeichnungen des halbwüchsigen Arkadi sind eine Art Entwicklungsroman, in dessen Verlaufsich der Held mit seiner unehelichen Herkunft auseinander setzt.
      Die Brüder Karamasow 1879/80 Der Roman erzählt die Geschichte dreier Brüder. Der Ã"lteste wird zu Unrecht als Vatermörderverurteilt, der Mittlere ist Atheist, der Jüngste findet als Mönch zu Gott.
      Schuld und Sühne
Schuld und Sühne ist der erste von Dostojewskis großen Romanen und vielleicht sein bekanntestes Werk. Die spannende Kriminalhandlung, die harmonische Komposition und die psychologisch brisanten Charaktere machen den Text zu einem Höhepunkt realistischer Erzählkunst.
      Entstehung: Dostojewski arbeitete an Schuld und Sühneseh Sommer 1865. Den frühen Entwürfen zufolge war der Trinker Marmeladow, eine spätere Nebenfigur, als Held vorgesehen, bevor die Geschichte eines Studenten, der zum Mörder wird, in den Mittelpunkt des Interesses rückte und dem Roman eine neue Richtung gab. Inhalt: Der junge Habenichts Rodion Raskolnikow tötet eine alte Pfandleiherin und erschlägt auch ihre Schwester, um das Verbrechen zu vertuschen. Zur Tat treibt ihn einerseits die blanke Not, andererseits seine Weltanschauung: Er rechnet sich vor, die Alte sei für niemanden von Nutzen, und ihr Geld wäre anderswo sinnvoller angelegt. Außerdem möchte sich Raskolnikow beweisen, dass er wie die großen Männer der Weltgeschichte im Stande ist, um eines großen Zieles willen Menschenleben zu opfern. Da es seiner Ãoberzeugung nach keinen Gott gibt, ist alles erlaubt, was sich logisch begründen lässt. Nach dem Mord allerdings setzen ihm der Untersuchungsrichter Porfiri Petrowitsch und vor allem sein eigenes Gewissen zu. Raskolnikow wird von Fieberträumen verfolgt und siecht dahin, bis ihn Sonja, eine junge Frau, die ihreheruntergekommene Familie als Prostituierte ernährt, durch ihre Liebe und ihren Glauben auf den rechten Weg zurückführt. Sie liest ihm aus der Bibel von der Auferstehung des Lazarus vor und bewegt ihn, seine eigene, spirituelle Auferstehung in Angriff zu nehmen: Raskolnikow gesteht die Tat und büßt seine Schuld in Sibirien. Darin, dass sein Held dem Druck seines Gewissens nicht standhält, liegt Dostojewskis eigenwilliger Gottesbeweis und darin liegt auch seine Kritik an den atheistischen Gesellschaftstheorien, die zu seiner Zeit in Mode waren. Struktur: Die Ereignisse sind so angeordnet, dass der Mord bereits im ersten der sechs Teile geschildert wird, während der Prozess der Läuterung die nächsten fünf Teile einnimmt; die biblische Lazarus-Episode dient dabei als Leitbild. Der Held ist von Charakteren umgeben, die helle und dunkle Fassetten seines eigenen Charakters symbolisieren: Sonja und dem treuen Freund Ra-sumichin stehen der perfide Kleinbürger Luschin und der moralisch verkommene Swidrigailow gegenüber. Auch die einzelnen Figuren sind nach dem Kontrastprinzip und gerade deshalb so spannungsvoll konzipiert: Raskolnikow ist ein widerwilliger Mörder, Sonja eine ehrbare Prostituierte und Porfiri Petrowitsch will den Studenten zwar überführen, zeigt 'hm gegenüber aber auch väterliches Verantwortungsbewusstsein. Wirkung: Ein russischer Kritiker, der in Raskol-nikows nihilistischen Thesen seine eigenen wiedererkannte, soll bei der Lektüre in Tränen ausgebrochen sein. Schuld und Sühne fand in ganz Europa großen Widerhall, im Zuge eines zunehmenden Interesses an Psychologie rühmte man an dem Roman besonders die glaubwürdige Darstellung pathologischer Zustände. Direkt unter seinem Einfluss stehen z.B. Mit dem Augen des Westens [ 1911) von Joseph ^Conrad sowie Leviathan[ 1929) von Julien -> Green. Der Text ist in viele Sprachen übersetzt, dramatisiert, als Oper inszeniert und verfilmt worden.

Epilepsie
Mythos: Der Epilepsie, einer Nervenkrankheit, deren Hintergründe auch heute noch nicht restlos aufgeklärt sind, haftet traditionell eine Aura des Geheimnisvollen an; sie galt schon in der Antike als Morbus sacer, als »heilige Krankheit«. Mystische Ereignisse wie die Vision des Paulus in der -> Bibeloder die Paradiesreise Mohammeds im -> Koran wurden und werden in diesem Sinne ausgelegt: In der medizinischen Literatur zur Zeit von Dostojewski betrachtete man den christlichen Apostel und den islamischen Propheten als Epileptiker. Biografisches: Dostojewski war selbst von Kindheit an Epileptiker, wenngleich er bisweilen behauptete, die Krankheit sei während der Verbannung nach Sibirien erstmals aufgetreten. Zeit seines Lebens litt er unter Anfällen; Ende der 1860er Jahre, als Der Idiot entstand, waren sie besonders heftig. Sein zweijähriger Sohn Aljoscha starb 1878 an Epilepsie.
      Den Mythos, der sein Leiden umgab, wusste sich Dostojewski durchaus zu Nutze zu machen. Er stilisierte sich gern zum visionär begabten Künstler, verwies aber auch nach der Verhaftung 1849 auf seine Nervenerkrankung, um die Beteiligung an einem illegalen Zirkel zu entschuldigen. Bedeutung: In den Romanen von Dostojewski ist Krankheit niemals etwas Zufälliges, sondern als Motiv immer sorgfältig bedacht. So auch in Der Idiot: Wenn Fürst Myschkin seine epileptischen Anfälle als Visionen voller Harmonie beschreibt, darf nicht vergessen werden, dass es sich dabei um eine nur scheinbare, abstrakte und in der Lebenswelt nicht zu verwirklichende Harmonie handelt. Ganz wie die Lichtgestalt Myschkin durch das Auftreten ihres »Zwillings« Rogoschin immer wieder relativiert wird, so folgen für den Epileptiker auf einen kurzen Glücksmoment lange Phasen todähnlicher Bewusstlosigkeit.
      Der Idiot
Dieser Roman stellt Fjodor Dostojewskis ersten großen Versuch dar, einen vollkommen guten Charakter, »einen im positiven Sinne schönen Menschen« künstlerisch glaubhaft zu machen. Sein Schaffen gewinnt damit eine religiös-utopische Note. Der christusähnliche Fürst Myschkin wird mit der rauen Realität der russischen Gegenwart konfrontiert, scheitert aber schließlich - und mit ihm scheitert Dostojewskis kühnes Experiment. Jahre später, in den Brüdern Karamasow, wird er es wieder aufnehmen.
      Entstehung: Während der Arbeit an Der Idiot befand sich der Verfasser auf der Flucht vor seinen Gläubigern im Ausland: in Deutschland, in der Schweiz und in Italien. Die Entwürfe belegen, wie Dostojewski - fieberhaft gegen seine Schulden anschreibend - die Konzeption immer wieder änderte und sich nach und nach dazu durchrang, seinen problematisch gewordenen Idealhelden zu opfern.
      Inhalt: Lew Myschkin, der letzte Spross eines verarmten Fürstengeschlechts, der nicht nur wegen seiner schweren Epilepsie, sondern auch wegen seines demütigen und kindlich-naiven Wesens als »Idiot« bezeichnet wird, kehrt von einem Schweizer Sanatoriumsaufenthalt nach Russland zurück, wo er auf seine Mitmenschen eine unerhörte Anziehungskraft ausübt. Insbesondere lieben ihn zwei schöne Frauen: die junge Generalstochter Aglaja und die lasterhafte, zynische, aber tief unglückliche Nastasja Filippowna. Letztere wird zugleich von dem dämonischen und brutalen Kaufmann Rogo-schin begehrt, der als eine Art Kontrastfigur zu Myschkin all die Eigenschaften aufweist, welche jenem fehlen. Der Fürst entscheidet sich schließlich für »die große Sünderin« Nastasja, vor allem aus Mitleid und weil er sie vor Rogoschin schützen möchte. Die stolze Aglaja kann diese Kränkung nicht verwinden; sie wirft sich einem dahergelaufenen Anarchisten an den Hals, folgt diesem ins Ausland und stürzt damit ihre Familie ins Unglück. Nastasja Filippowna flieht kurz vor der Trauung mit Myschkin zu Rogoschin, der sie noch in derselben Nacht vor pathologischer Eifersucht ersticht. In einer gespenstischen Szene halten der Fürst und Rogoschin Totenwache am Bett der Ermordeten. Als man sie am nächsten Morgen findet, ist Myschkins Bewusstsein praktisch erloschen. Er wird ins Sanatorium zurückgebracht, wo er den Rest seines Lebens vor sich hindämmert.
      Das moralische Grundproblem des Romans besteht darin, dass der Held all seiner Güte zum Trotz Chaos und Verderben über seine Umwelt bringt. Myschkin erweist sich nämlich als durchaus nicht vollkommen. Er ist zu sehr Heiliger und zu wenig Mensch und kann daher Aglaja bzw. Nastasja kein vollwertiger Partner sein: so entscheidet sich der Fürst zwischen ihnen nicht aus Liebe, sondern aus Mitleid. Die von Gewissensbissen geplagte Nastasja findet bei ihm, dem das in Dostojewskis gesamten Schaffen so zentrale Thema »Schuld« völlig fremd ist, keine Hilfe und ist gezwungen, sich ihre Strafe seihst, im Messer Rogoschins, zu suchen.
      Dostojewski kam im Laufe seiner Arbeit an diesem Roman immer mehr zu der Ãoberzeugung, dass ein »im positiven Sinne schöner Mensch«, kein einseitig naiver Charakter sein könne. Freilich hat er Myschkin noch eine ande-re, eine nationalistische Utopie in den Mund gelegt, die ihn selbst zu jener Zeit stark beschäftigte, und zwar eine radikale Kritik am Westen und am Katholizismus sowie die Prophezeiung einer Erlösung der Welt durch das russische Volk. Wirkung: Wie alle großen Romane von Dostojewski wurde Der Idiot, dessen Katastrophenhandlung Walter -» Benjamin mit »einem ungeheuren Kratereinsturz« verglich, vielfach übersetzt, dramatisiert und verfilmt. Fürst Myschkin gehört mit Don Quyofevon Miguel de -> Cervantes Saavedra und Mr. Pickwick von Charles -> Dickens zu den großen tragikomischen Idealisten der Weltliteratur.
      Die Dämonen
Die Dämonen ist unter den Hauptwerken von Fjodor Dostojewski dasjenige, welches am stärksten an der Tagespolitik orientiert ist, am konkretesten auf reale Ereignisse und Personen Bezug nimmt. Zugleich handelt es sich um den am heftigsten umstrittenen seiner Romane. Entstellung: Der Verfasser hatte zunächst ein Traktat unter dem Titel Die Atheisten geplant, in dem er mit den sozialistischen und anarchistischen Umtrieben abrechnen wollte, die seinerzeit die russische Gesellschaft erschütterten. Als unmittelbare Quelle dienten ihm Berichte der Boulevardpresse über das Verfahren gegen den Terroristen Netschajew, einen jungen Fanatiker, der 1869 einen Mitverschwörer ermordet hatte. Inhalt: Anhand der Vorgänge in einer namenlosen russischen Provinzstadt wird das Bild einer aus den Fugen geratenen, gleichsam von bösen Geistern besessenen Welt entworfen. Der Autor porträtiert eine Gruppe von Revolutionären um den Nihilisten Pjotr Werchowenski und dem amoralischen, jenseits von Gut und Böse agierenden »Ãobermenschen« Nikolai Stawrogin. Der eine ermordet willkürlich den Studenten Scha-tow, weil von diesem angeblich Denunziation drohe, der andere - eine ebenso dämonische wie charismatische und darin für Dostojewski typische Figur - ist ein tief unglücklicher, am Verlust seines Glaubens leidender Ã"sthet, zugleich aber abscheulicher Verbrechen fähig: Er vergewaltigt ein elfjähriges Mädchen und erlaubt, dass seine »aus Lust an der Qual« geheiratete, geistesschwache und hinkende Frau von Pjotr Werchowenski getötet wird. Der muss schließlich ins Ausland fliehen, Stawrogin erhängt sich mit einer Seidenschnur.
      In der Person des ehemaligen Hochschuldozenten Stepan Werchowenski lässt Dostojewski einen typischen Vertreter des Liberalismus westlicher Prägung auftreten und zeigt, wohin dieser seiner Meinung nach geführt hat: Gutmütigeridealist und sympathischer Mensch, ist der alte Werchowenski doch zugleich der Vaterdes Ungeheuers Pjotr und der Erzieher Stawro-gins. In derselben Tradition steht der schöngeistige Schreiberling Karmasinow, welcher sich in idyllischen Beschreibungen wie »Eine Nixe flötet im Gebüsch, Gluck spielt im Schilf Geige« ergeht - und eine gehässige Karikatur des mit Dostojewski zerstrittenen Iwan -> Turgenjew darstellt, der ihm diesen Karmasinow sehr übel genommen hat.
      Struktur: Das bemerkenswerteste Strukturmerkmal der Dämonen ist der von Dostojewski eingesetzte anonyme Ich-Hrzähler, eine Art Biedermann, welcher die Geschichte nicht immer zuverlässig und sogar bisweilen parteiisch wiedergibt. Indem er sich bemüht, das Gewirr von Intrigen in seiner Stadt zu durchschauen, wird die düstere Situation dem Leser erst Schritt für Schritt zugänglich. Dieser Kunstgriff bewirkt eine gewisse Unübersichtlichkeit der Handlung, gleichzeitig aber bezieht sie gerade von hier aus besondere Eindringlichkeit und Dynamik. Wirkung: Die Urteile über diesen Roman sind ausgesprochen widersprüchlich. Während Die Dämonen den einen als chaotisches Durcheinander und als plattes ideologisches Pamphlet gilt, halten andere den Text für das künstlerisch vollkommenste Werk Dostojewskis, ja sogar -obwohl er fast ausschließlich politisch gewirkt hat - für den ersten surrealistischen Roman der Weltliteratur. Die sowjetische Kritik hatte es mit diesem russischen Klassiker und seiner antisozialistischen Tendenz nicht leicht; er wurde bis 1957 unterdrückt. -> Lenin meinte, Die Dämonen sei »genial, aber widerwärtig«. Im Westen ließen sich Joseph -» Conrad und Heimito von -»Doderer, vor allem aber Albert -> Camus, der 1959 eine Bühnenfassung schrieb, durch das Werk inspirieren.
      Die Brüder Karamasow
Der letzte Roman Fjodor Dostojewskis übertrifft alle vorausgegangenen in der Breite und Komplexität der Anlage. Er kann als Vermächtnis, als die Summe seines Schaffens gelten: Hier laufen alle philosophischen und thematischen Hauptlinien zusammen. Eme geplante Fortsetzung kam wegen des frühen Todes des Autors nicht mehr zu Stande.
      Inhalt: Es scheint beinahe unmöglich, die auf verschiedenen Ebenen sin entfaltende Handlung bündig zu referieren, zu Grunde liegt aber auch diesem Roman die bei Dostojewski typische Fabel einer Krimina lerzählung: Die drei Söhne von Fjodor Karamasow, einem alten Lüstling und Possenreißer, kehren als Erwach-sene ins Elternhaus zurück und müssen sich mit ihrem Hass auf den Vater auseinander setzen, dessen Tod sie alle mehr oder minder offen wünschen. Mit dem Ã"ltesten, dem sinnlichen und aufbrausenden Dmitri, konkurriert er um die Gunst der schönen Gruschenka. Der zweite Bruder, Iwan, ist ein stolzer Intellektueller und atheistischer Rationalist. Seine Weltanschauung erläutert er mithilfe der selbst gedichteten »Legende vom Großinquisitor«: Christus erscheint im mittelalterlichen Spanien und wird eingekerkert. Der greise Großinquisitor - ein Vertreter des von Dostojewski gehassten Katholizismus - beschuldigt den Heiland, die Menschheit mit falschen Versprechungen ins Unglück zu stürzen, während die totalitäre Macht der Kirche ihnen zumindest eine bescheidene weltliche Illusion des Glücks bieten könne. Christus küsst den Inquisitor, geht wortlos seiner Wege und kehrt nie zurück. Der jüngste Sohn, Aljoscha, lebt meistenteils im nahen Kloster in der Obhut des Abts Sosima, dessen einer Heiligenvita ähnelnde Lebensbeschreibung von Aljoscha niedergeschrieben und im Text ausführlich zitiert wird. Schließlich ist es aber ein vierter Sohn, der uneheliche, von Fjodor Karamasow mit der schwachsinnigen Lisaweta gezeugte Smerdjakow, der den Alten hinterrücks erschlägt. Der Täter begeht aus Langeweile und Ekel vor dem Leben, aber ohne jede Spur von Reue Selbstmord. An seiner Stelle wird Dmitri als Vatermörder verurteilt und als Zwangsarbeiter verschickt, und dies auch deshalb, weil er in dem Bewusstsein, eine moralische Mitschuld am Tode des Vaters zu tragen, die Strafe resigniert annimmt. Die Zeugenaussage von Iwan, der den Mörder mit losen Bemerkungen zur Tat inspiriert hatte, kann den Schuldspruch nicht abwenden, er selbst wird von einem schweren Fieber befallen und schwebt am Ende des Romans zwischen Leben und Tod.
      Dostojewskis Sympathien und Hoffnungen liegen ganz eindeutig bei dem frommen Aljoscha. Dieser ist in ideeller Hinsicht am wenigsten ein Nachkomme des alten Karamasow, sondern Ziehsohn und Lieblingsschüler des »heiligen« Sosima. Er geht ganz in tätiger Nächstenliebe auf und schart - ähnlich wie Fürst Myschkin in Der Idiot- mit Vorliebe Kinder um sich. Anders als Myschkin ist Aljoscha Karamasow freilich kein handlungsunfähiger Idealist: Von seinen Brüdern zunächst nicht recht ernst genommen und als »Mönchlein« belächelt, entwickelt er sich im Verlauf des Romans mehr und mehr zu einer moralischen Autorität. Die nicht mehr zu Stande gekommene Fortsetzung sollte Aljoscha als verheirateten Mann zeigen und seine Prüfungen in der Welt beschreiben.
      Wirkung: Für Sigmund ^ Freud war Die Brüder Karamasow »der großartigste Roman, der je geschrieben wurde«. Thomas -^Mann und James -> Joyce lobten ihn und spielten in ihren eigenen Texten mehrfach auf Motive des Werks an. Eine höchst sinistere, aber durchaus »dostojew-skische« Reverenz erwies ihm Truman ^Capote in dem Roman Kaltblütig : Capotes Held, ein stiller Student, erschießt seine ganze Familie, nachdem er zuvor noch in aller Ruhe Die Brüder Karamasow ausgelesen hat.
     


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