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Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Sachs, Nelly



Mit Else Lasker-Schüler und Gertrud Kolmar teilt sie aufgrund ihrer jüdisch-deutschen Herkunft ein gemeinsames, leidvolles Schicksal. Johannes Bobrowski hat diese drei großen Lyrikerinnen unseres Jahrhunderts in einem lyrischen Tryptichon verewigt und der S. darin ihren dichtungs- und menschheitsgeschichtlichen Ort zugewiesen: als der ständig Bedrohten und auf der Flucht Begriffenen, die »an die Stelle von Heimat die Verwandlungen der Welt« setzt. 1966 erhielt die Dichterin zusammen mit Samuel Josef Agnon den Nobelpreis für Literatur. Aus diesem Anlaß verfaßte sie einen Lebenslauf, der aus drei lapidaren Sätzen bestand: »N.S., geb. am 12. io. 1891 in Berlin. Am 16. Mai 1940 als Flüchtling mit meiner Mutter nach Schweden gekommen. Seit 1940 in Stockholm wohnhaft, als Schriftstellerin und Ãœbersetzerin tätig.«

Trotz aller Kargheit dieses Lebenslaufs sind die entscheidenden Fakten des so ganz nach innen gerichteten Lebens und Leidens genannt: die großbürgerliche, jüdischdeutsche Herkunft aus einer Fabrikantenfamilie, die sie nachhaltig prägt und schon früh mit der Musik und der Literatur vertraut macht. Besonders die deutschen Romantiker haben es ihr angetan - vor allem liest sie die Karoline von Günderode. Sie besucht die Moabiter Dorotheenschule, muß aber bald — aus gesundheitlichen Gründen — häuslichen Privatunterricht nehmen. Seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr steht sie mit der schwedischen Dichterin Selma Lagerlöf in Briefkontakt, noch nicht ahnend,wie lebenswichtig diese Verbindung für sie und ihre Mutter werden sollte. Die 1921 veröffentlichten Legenden und Erzählungen sind Selma Lagerlöf vielfach verpflichtet. Die S. »bleibt durch eigenes unglückliches Schicksal unverheiratet — dem im Konzentrationslager umgebrachten Bräutigam, dessen Identität sie nie preisgegeben hat, widmet sie eine der erschütterndsten Totenklagen der Weltliteratur: Dein Leib im Rauch durch die Luft .
      Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten — eine für den Insel-Verlag geplante Gedichtausgabe kommt nicht mehr zustande - beginnen für S. die Jahre der immer »neuen Schauer der Angst«, des Untertauchens, der persönlichen Lebensbedrohung, der Berichte vom Tod der nächsten Angehörigen und Freunde in den Vernichtungslagern des Dritten Reichs. Sie stärkt sich mit der Lektüre jüdisch-mystischen Schrifttums, vor allem Jakob Böhmes, und sammelt in sich ein Potential an Leiderfahrung an, das sie zu einer in der deutschen Dichtung einzigartigen lyrischen Verarbeitung des Schmerzes und des Grauens befähigt, welches sie angesichts des Todes, der millionenfach in den Konzentrationslagern gestorben werden muß, empfindet. Sie ist dann einzig Paul Celan verwandt. Als das Visum für die Ausreise nach Schweden im Mai 1940 endlich eintrifft - Selma Lagerlöf hatte sich bis zuletzt dafür eingesetzt - bedeutet es für Mutter und Tochter die Rettung in letzter Minute.
      Bis zu ihrem Tod bleibt sie in Schweden ansässig. Die Tätigkeit als Ãœbersetzerin schwedischer Lyrik sichert nicht nur den Lebensunterhalt, sie bietet der S. auch die Gelegenheit, sich Zugang zur »lyrischen Weltsprache der Moderne« zu verschaffen. Die Phasen lyrischer Produktivität werden immer wieder von plötzlich auftretender Todesangst durchbrochen; es folgen längere Aufenthalte in Kliniken und Sanatorien. Nach und nach erscheinen ihre Gedichte und szenischen Spiele, die zunächst nur den Freunden bekannt sind, in ost- und später in westdeutschen Verlagen. 1947 erscheint der Gedichtband In den Wohnungen des Todes mit dem bereits erwähnten Gedicht auf ihren Bräutigam im Ostberliner Aufbau-Verlag und 1949 im Amsterdamer Querido-Verlag der Band Sternverdunklung. 1950 nimmt Peter Huchel Gedichte von ihr in seine Zeitschrift Sinn und Form auf, 1951 wird ihr »Mysterienspiel vom Leiden Israels« Eli bekannt. 1956 erscheinen ihre Ãœbersetzungen schwedischer Lyrik in der Bundesrepublik, dann folgen das Gedichtwerk und die szenische Dichtung beim Suhrkamp Verlag und beim Luchterhand-Verlag die Schwedischen Gedichte . Eine erste große Anerkennung ihres Werks - neben anderen wie dem Lyrikpreis des schwedischen Schriftstellerverbands — erfährt sie vor dem Nobelpreis durch die Verleihung des »Friedenspreises des Deutschen Buchhandels«
.
      Mit der Veröffentlichung des von Bengt Holmquist herausgegebenen Buchs der Nelly Sachs ist eine breitere literarische Öffentlichkeit auf sie aufmerksam geworden. Nur erscheinen auch ihre späten szenischen Dichtungen unter dem Titel Verzauberung in ihrem Todesjahr. Dabei ist bemerkenswert, daß sich in ihren beiden letzten Jahrzehnten die radikale Absage an die »Mördersprache« immer deutlicher abschwächt. Schließlich fordert sie zur »Einübung in die neue Heiligensprache« auf, zu der sie sich durch die Lektüre des Buchs Sohar, dem Hauptwerk der jüdischen Kabbala,der alttestamentarischen Psalmen, der mittelalterlichen Mystiker, der Dichtungen des Novalis und der Ãœbersetzungen Friedrich Hölderlins aus dem Griechischen, insbesondere Pindars, anregen läßt. So ist ihr Spätwerk durch ein dicht aufeinander bezogenes Metaphern- und Chiffrenrepertoire gekennzeichnet, von dem eine visionäre Botschaft ausgeht.
     


Nelly sachs (i89i-i970): ihr meine toten ... abschiede, todeswunden

Jeder Mensch hat >seine< Toten, >sein< Gedenken an sie, >seine< Fragen nach dem Erbe, das weiterzugeben ist. Wenn aber eine Autorin, die erst im letzen Augenblick der Judenjagd entgehen und mit ihrer Mutter von Berlin nach Schweden fliehen konnte, um die anderen, um die in den Vernichtungslagern umg .....
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Index » Stationen der deutschen Lyrik » Kain und Abel

Nelly sachs (i89i-i970)

Sieben Jahre mußte sie unter Hitlers Schergen leiden, bis sie mit Hilfe von Selma Lagerlöf 1940 nach Stockholm fliehen konnte, wo sie bis zu ihrem Tode lebte. 1966 erhielt sie den Nobelpreis. In ihren bildkräftigen, den Psalmen nachempfundenen Versen verzichtet sie auf jede Anklage. Sie will Zeugin .....
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Index » DAS ZWANZIGSTE JAHRHUNDERT » Nach 1945

Die tänzerin - nelly sachs

D.H. Deine Füße wußten wenig von der Erde, Sie wanderten auf einer Sarabande Bis zum Rande — Denn Sehnsucht war deine Gebärde. Wo du schliefst, da schlief ein Schmetterling 5 Der Verwandlung sichtbarstes Zeichen, Wie bald solltest du ihn erreichen — Raupe und Puppe und schon ein Ding In G .....
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Index » Gedichte aus unserer Zeit - Interpretationen

Sachs, nelly

Auf den Landstraßen der Erde Sialm-Bossard, Victor. In: Linguistik und Didaktik 12, 1981, S. 168- 171. Auf der äussersten Spitze Sowa-Bettecken, Beate. In: Sprache der Hinterlassenschaft, 1992, S. 73 - 85. Ausgestreut bist du Cervantes, Eleonore K. In: Struktur-Bezüge, 1982, S. 100- 105. .....
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Nelly sachs (i89i-i970)

Für das Jahr 1943 hält Simon Wiesenthal in seiner Chronik jüdischen Leidens am 16. Mai fest: Aus dem Warschauer Ghetto meldet Jürgen Stroop, der SS-General, der den jüdischen Aufstand niederschlägt: Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr. Zur Feier des Sieges wird die Große Synagog .....
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Sachs, hans

Der edelfalk Mache. Ulrich. In: Gedichte und Interpretationen 1, 1982, S. 68 - 80. Der klagend ernholdt über fursten und adel Binder. Alwin und Scholle, Dietrich. In: Ca ira, 1975, S. 43 - 46. .....
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Sachs, hans

Geb. 5.11.1494 in Nürnberg; gest. 19.1.1576 in Nürnberg Er steht im achten Lebensjahrzehnt, da macht er Inventur gleich einem redlichen Gewerbetreibenden, pünktlich zum Jahreswechsel 1567. Zu revidieren ist, was er auf Lager hat an selbstgefertigten Produktionen: »Da inventirt ich meine Bücher.« Je .....
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Lateinische dichtung zur zeit der sachsenkaiser

Den Karolingern gebührt das Verdienst, die Dichtung in deutscher Sprache gefördert zu haben. Die Sachsenkaiser geben dem Latein den Vorzug. Das Christianisierungswerk war inzwischen vollendet, somit fühlten sich die Geistlichen der Ottonenzeit der bisherigen Aufgabe, die Heilige Schrift volkstümlich .....
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Index » GERMANISCHES ERBE

Hans sachs (i494 i576)

Er wurde als Sohn eines Schneiders in Nürnberg geboren, besuchte einige Jahre lang die Lateinschule und erlernte dann das Schuhmacherhandwerk. Fünf Jahre Wanderschaft ab 1512 durch Bayern, Österreich, West- und Norddeutschland brachten ihm schon in jungen Jahren Welterfahrung und Menschenkenntnis e .....
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Index » DIE DICHTUNG DER RITTERLICHEN WELT

Der sachsenwald

Schiffssirenen heulen im Hafen, von den Werften klingen Niethämmer und Schweißautomaten herüber, und der Straßenlärm liefert dazu die großstädtische Geräuschkulisse. Doch einer läßt sich gewiß nicht vom Zivilisationslärm beeindrucken: Hoheitsvoll blickt das steinerne Bild des ersten deutschen Reichs .....
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Index » Deutsche Landschaften

Sachsen-weimar

Wenn man in einem Haus an der Straße geboren ist, die Goethe und Karl August, Großherzog von Sachsen-Weimar, »Donnerstag nach Belvedere« hinaufritten, wenn man zudem wanderfreudige Eltern hatte, ergeben sich die besten Voraussetzungen, daß Kindheit und Landschaft in der Erinnerung identisch werden. .....
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Index » Deutsche Landschaften

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