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Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Reinmar



»Mich riuwet diu wol redender munt und din vil süezer sanc«
- mit diesem in der mittelhochdeutschen Literatur einzigartigen Nachruf preist Walthcr von der Vogelweide den verstorbenen Kunstgenüssen R. In einer Parallelstrophe zitiert er überdies den Eingangsvers einer für dessen Kunst typischen Strophe: »So wol dir wip wie reine din nam« . Walther preist aber nicht nur, er parodiert auch die für R.s Lyrik charakteristische übersteigerte Lob- und Klagegebärde in einem Lied, das wiederum wörtlich auf ein R.-Lied Bezug nimmt. Schon aus diesen seltenen Textbezügen geht hervor, daß R. und Walther von der Vogelweide, die beiden zu ihrer Zeit bedeutendsten mittelhochdeutschen Lyriker, in enger Beziehung zu sehen sind, wobei sich Walther allem Anschein nach gelegentlich durch Parodien und Anspielungen als aggressiver Konkurrent von R. absetzt. Der lyrische Schlagabtausch zwischen den beiden Dichtern wurde in der Forschung unter dem Stichwort »Reinmar-Walther-Fehde« herausgearbeitet.

      Auch Gottfried von Straßburg rühmt R.: Im Literaturexkurs seines Tristan nennt er den Verstorbenen die »leitefrouwe« der Minnesänger, deren Nachfolge Walther von der Vogelweide angetreten habe. Er apostrophiert R. dabei als »nahtegal von Hagen-ouwe«, ein Beiname, der in der früheren Forschung ohne rechte Begründung als Herkunfts- oder Geschlechtsname aufgefaßt worden ist. In allen Handschriften wirddieser Dichter aber nur »R.« genannt; lediglich die Große Heidelberger Liederhandschrift legt ihm das Attribut »der Alte« bei . Weiteres ist über die Person R.s nicht überliefert. Die Forschung hat den in einer sogenannten Witwenklage auftauchenden Namen Liupold auf Leopold

V.

von Österreich bezogen und dieses Rollengedicht etwas voreilig zu einer offiziellen Totenklage erhoben und daraus auf eine langwährende >Hofpoetenstelle< R.s am Wiener Hof geschlossen. Diese Hypothese ist jedoch nicht beweisbar.
      R. scheint in der mündlichen Ãœberlieferung schon bald mit seinem jüngeren Namensvetter, dem von den Meistersingern zu den Zwölf Alten Meistern gezählten Spruchdichter Reinmar von Zweter, verwechselt worden zu sein: So heißt etwa der Mitstreiter Walthers von der Vogelweide im »Wartburgkrieg« Reinmar von Zweter, und schon in Rubins Totenklage über mittelhochdeutsche Lyriker 12. Hälfte 13. JahrhunderT) ist es nicht mehr auszumachen, welcher der beiden Dichter gemeint ist. — In der schriftlichen Tradierung behielt R. der Alte jedoch seinen Rang. Nirgends sind seine Strophen mit solchen Reinmars von Zweter vermischt. R. ist in der handschriftlichen Tradition der hochmittelalterliche deutsche Lyriker, der nach Walther mit der größten Zahl an Strophen bezeugt ist. In der Würzburger Handschrift E ist er sogar allein mit diesem vertreten. Die Konstellationen der Ãœberlieferung lassen nur den einen Schluß zu, daß R. wie Walther um 1200 als fahrender Sänger unterwegs war und mit diesem in poetischer Konkurrenz stand. Einer ihrer dichterischen Turnierplätze könnte die von Gottfried mit R. in Verbindung gebrachte, damals bedeutendste Kaiserpfalz Hagenau im Elsaß gewesen sein, an der die beiden im Wettbewerb ihre Lieder vorgetragen haben mochten: R. seine gedankenschwere, selbstquälerische Reflexionslyrik zur Hohen Minne , gegen welche Walther seine Töne setzte. R. hat allerdings auch »leichtere« Texte geschaffen : etwa Frauenlieder, die frühe Form des Wechsels und — selbst in die problematisierenden Lieder eingestreut — erotisch schillernde Strophen wie die Kußraub-Wiedergutmachung oder die Probenacht. Ãœberliefert sind auch zwei Kreuzlieder. R.s wehleidig wirkende Scelenanalysen, Entsagungsgebärden und Leidensbereitschaft, die er mit Stolz zur Schau zu tragen schien, sind aber weniger Zeugnisse eines persönlichen Frauenkultes oder realer Liebeserfahrungen, als vielmehr lyrische Aussagen einer allgemeinen existentiellen Befindlichkeit, einer Erlösungssehnsucht aus menschlicher Isolierung und aus den Bedrängnissen eines undurchschaubaren Fatums, poetische Seismogramme des damaligen Mentalitätsstatus. Diese starke Zeitgebundenheit erklärt R.s Resonanz um 1200, erschwerte aber offenbar eine spätere Rezeption außerhalb der hochmittelalterlichen höfischen Sphäre und vor allem in der Neuzeit.
     


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