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Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Neidhart



Einer der radikalsten und originellsten Neuerer der deutschen
Literaturgeschichte: Neu war die Verkehrung der höfischen Minneszenerie in ein antihöfi-

sches Liebes- und Rauftheater mit bäuerlicher Staffage, neuwar die Aufteilung der Lieder in jahreszeitlich geprägte Sommer- und Winterlieder mit z.T. neuen Liedgattungen , neu die Mischung von traditionellen Minnestrophen und Weltklagen mit »dörperlichen« Tanz-, Scheit- und Streitstrophen, neu auch der ansatzweise Bezug der Lieder auf einen Handlungshintergrund , neu die sog. Trutzstrophen, in denen N. das in den Liedern inszenierte Maskenspiel durchbricht und gegen bestimmte eigene Strophen polemisiert . Neu war die Erweiterung des lyrischen Personals und die Namengebung der in den Frühliedern nur typisierten Figuren. Neu war schließlich auch die Einführung eines männlichen Protagonisten unter einem symbolisch gemeinten Namen: der »knappe« oder »ritter von Riuwcntal«. Eine kurzschlüssige Forschung hat dann allerdings diese dichterische Kunstfigur aus dem poetischen Zusammenhang gerissen und in die Realität des Dichters verpflanzt. So entstand in Verkennung der Metaphorik des Werkes der angebliche Dichter N. von Reuental als Produkt einer biographistischen Germanistik im 19. Jahrhundert. Die oberdeutsche mittelalterliche Ãoberlieferung kennt dagegen durchweg nur den Dichter N. und in einem Teil seiner Lieder die Figur des Ritters von Reuental. Mit der Trennung der beiden Gestalten geht allerdings eine der wenigen Möglichkeiten verloren, den Dichter vermeintlich biographisch zu fassen, ihn etwa dem niederen bainschen Adel zuzuweisen. N. gehört wohl eher mit Reinmar und Walther von der Vogelweide in den Kreis nichtadliger Sänger. Während nun die grundlegende parodistisch-poetische Ausschmückung der Lieder N.s biographisch ernst genommen wurde, hat man ausgerechnet zwei in ihrer Art wiederum einmalige Strophen für unecht erklärt, in welchen N. so etwas wie eine Werkbilanz zieht: Im Winterlied 28 gibt er 80, im Winterlied 30 104 Lieder als Ergebnis seines Schaffens an. Ausgehend von einem nicht auf der handschriftlichen Ãoberlieferung basierenden Werkbegriff und Dichterbild wurde ihm etwa die Hälfte der unter seinem Namen tradierten Texte »abgesprochen«, so daß schließlich gerade noch 66 Lieder als sein Eigentum galten. Aus einzelnen Liedern ist mit einiger Wahrscheinlichkeit ableitbar, daß N. zunächst in Baiern lebte ; er zog dann auf Grund nicht näher genannter Umstände an den Wiener Hof, der ihm schließlich eine Bleibe in Medelicke gab. Spielten die frühen Lieder in einer stilisierten ländlichen Umgebung , so siedelt N. in scheinrealistischer Ausmalung seine österreichischen Lieder im Tullner Feld an. Aus einem Abwehrlied Walthers von der Vogelweide und aus einer Anspielung Wolframs von Eschenbach im Willehalm ergibt sich, daß er ein jüngerer Zeitgenosse der beiden war. Durch N.s

Apostrophe Herzog Friedrichs

II.

von Ã-sterreich kann seine Schaffenszeit etwa zwischen 1200 und 1240 eingegrenzt werden. Das Kreuzlied verrät, daß N. wohl an der unglücklich verlaufenen Kreuzfahrt von 1218 bis 1221 nach Ã"gypten teilgenommen hat, auch dies Lied eine originelle Neuschöpfung: keine mit der Minnethematik verbundene Abschiedsklage wie im früheren Minnesang, sondern ein auf dem Kreuzzug verfaßter Rückkehrappell. Zwei weitere Lieder sprechen von einem Pilgerzug über den Rhein und von einer Kriegsfahrt nach Kärnten unter Bischof Eberhard von Salzburg . Alles in allem recht unsichere Anhaltspunkte für einen Lebensumriß. Reich ist die Nachwirkung N.s: Schon zu seinen Lebzeiten hat die Dörperthematik in die Werke anderer Lyriker ausgestrahlt, so in die Burkharts von Hohenfels und Gottfrieds von Neifen; als »Bauernautorität« zitiert ihn Wernher der Gartenacre im Helmhrccht. Die Rolle eines Dörperfcindes ist von seinem lyrischen Protagonisten schon im Mittelalter auf den Dichter selbst übertragen worden .
      In diese Rolle scheint zur Zeit der Herzöge Friedrich der Schöne und Otto zu Beginn des 14. Jahrhunderts ein Angehöriger des Wiener Hofes geschlüpft zu sein. Dessen Grab ist noch heute an der Südwestecke des Wiener Stephansdoms zu sehen; dort findet sich auch schon die Symbolgestalt, der Fuchs, der in den folgenden literarischen Traditionen einen weiteren Beinamen lieferte, bes. für das Volksbuch Neidhart Fuchs, das Ende des 15. Jahrhunderts aus Liedern und Schwänken vor allem N.s zusammengestellt wurde. N.s Werk wurde zum Gattungsbegriff für Texte mit dörperlichen Werbe- und Raufszenen. Einige der unter seinem Namen überlieferten Schwankgedichte bildeten dann auch den Kern einer neuen Spielgattung, der Neidhartspiele .
     


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Neidhart    





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