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Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Mörike, Eduard



Die Familie hatte aut ihn gesetzt. Die Onkel und Tanten sorgten nach dem Tod seines Vaters, eines Amtsarzts, für die gehörige theologische Ausbildung am Tübinger Stift. Er scheint die Situation damals intuitiv so erfaßt zu haben: die Großfamilic als Zwang, die Bildung als Macht. M. beugte sich, konnte aber bis an sein Lebensende keinen rechten Unterschied mehr machen zwischen verwandtschaftlichen Bindungen, gesellschaftlichen Zwängen und eigenem Wollen: Mit einer Kusine kam er öfter zusammen — er meinte, sie heiraten zu müssen; eine Fremde begehrte ihn — er flüchtete in Krankheit; sein Bruder August lehnte sich gegen die Familie auf— er stand auf Seiten der Mutter, und der Lieblingsbruder schied aus dem Leben; zugleich durchlebte der Theologiestudent die Glaubenszweifel seiner Zeit , bevormundet von einer pietistischen älteren Schwester, die bald darauf starb.

      Mit solchen tiefgreifenden Erlebnissen sind die Voraussetzungen für Leben und 1 Dichtung des jungen M. gegeben, und nur Modifikationen, freilich gewichtige, bestimmen ihre Zukunft. Mit nahezu psychoanalytischem Blick erkannte M. die prägende Wirkung der frühen Zeit , seine von daher rührende Triebstruktur hat er stets dichterisch dargestellt. Sein Werk ist und bleibt für das Extrem offen, für individuelle Begegnungen, die unmerklich ihre Bedingungen stellen, für persönliche Neigungen im Widerstreit mit öffentlicher Moral, für gesellschaftliche Verantwortung, die Bedürfnisse anderer einschränkt, für die Utopie eines allgemeinen Einverständnisses auf der Basis von individualistischer Anarchie.
      Sein äußeres Leben ist schnell erzählt. Es brachte nach dem Examen keine wesentlichen Einschnitte: Sein Versuch als freier Schriftsteller scheiterte ebenso wie seine Hoffnung, sich als Pfarrer von Vikaren vertreten und somit fürs Dichten freistellen zu lassen. Lange Zeit war er selber Vikar und nur kurz Pfarrer . Der mittellose Pensionär heiratete 1851, lebte dann in Stuttgart, floh zwischendurch aufs Land, hatte zwei Töchter und wußte nie richtig, sich zwischen der Frau und seiner jüngeren Schwester Klara zu entscheiden. Er gab Deutschunterricht an einer Mädchenschule, erhielt den Dr. h. c. und den Professortitel . Ãœber die Grenzen des Königreichs Württemberg kam er kaum hinaus.
      Seine Dichtung lebt aus der Spannung zwischen dem Dasein in jeder Beziehung kleingehaltener Verhältnisse und krisenhaften Entscheidungssituationen, sie changiert zwischen Biedermeier und Existentialismus und hat bisher alle Lesergenerationen beeindruckt. Die frühen Werke, bis zu dem Roman Maler Nolten etwa, gestalten mit eindrucksvollen psychologischen Mitteln nachvollziehbare menschliche Erlebnisse im Rahmen von sogenannten Naturgesetzen. Lösungen der Konflikte ermög-licht allein das »Schicksal«; die fatalistischen Ergebnisse werden mit Chiffren dargestellt; hier ist der M., der Deutungen offen läßt und den Leser zwar fasziniert, ihm aber den verständnisvollen Dialog verweigert.
      Zunehmend bildete M. die Drangsal des einzelnen als allgemeines Verhängnis ab, das sogar die Dichtung erfaßt . Selbst Verwirklichung als zwischenmenschUche Verständigung wird sein Thema und anhand verschiedenster Gesprächssituationen und -formen ins Werk umgesetzt; Freundschaft und Liebe finden auf den unterschiedlichsten sozialen Ebenen ihre Darstellung : Vereinigung in Harmonie entpuppt sich aber stets als Illusion , wenn sie überhaupt zustandekommt und wenn nicht der Bruch, vielfach gebrochene Menschen am Ende stehen. In der Idylle und im Märchen findet M. vorzüglich seine Formen für die Darstellung des »Wunderbaren«, und stete Rückblenden verdeutlichen im Erzählgestus die gebrochene Perspektive : Die Wahrheit des Geschehens ist erdichtet, die Dichtung verfügt nur über Detailkenntnisse, die sie erst — mit humoristischem Augenzwinkern — zu einem Ganzen konstruiert. Die Kunst wird da schon selbst zum Thema.
      So sehr beherrschte M. die Formen, sie mögen vom Volkslied oder aus antiker Dichtung abgeleitet sein, in der Tradition von Abenteuergeschichte oder in der neuen Gattung der historischen Novelle stehen, daß er sich erlauben konnte, mit ihnen zu spielen. Am Anfang des Maler Nahen war noch Kunst als Verständigungsfaktor unter Individuen thematisiert; von nun an mußte nicht mehr darüber gesprochen werden: M. setzte vielmehr den Gattungszwang eines Versmaßes als für den Leser bekannt voraus und führte in den rhythmischen Abweichungen, in der unüblichen Wortwahl oder im unangemessenen Thema die Schwierigkeiten des Widerstands vor: Die Form ist hier die Macht, der sich das Geschehen zu fügen, der einzelne zu unterwerfen hat; und in den meist komischen Irregularitäten liegen die Krisen, zeigen sich auch Chancen für das Individuum . Die Macht erleidet im Kleinen Schiffbruch. Aber sie bleibt Macht, weil sie den Kunstrahmen absteckt, in dem die Ereignisse spielen. Die Fiktion der Kunst signalisiert sich, auch die Harmonie der Kunst ist eine Illusion. Vor dieser Erkenntnis floh M. bisweilen in Unsinnspoesie , deshalb gab er immer öfter den Anlaß seiner Dichtung an: Dann war wenigstens der Vollzug von Kunst als gelungene zwischenmenschliche Verständigung zu betrachten, in einer Zeit allerdings, als die Dichtung derlei Rollen in der Gesellschaft zu spielen aufhörte.
     


Mörike, eduard

Geb. 8.9.1804 in Ludwigsburg; gest. 4.6.1875 in Stuttgart Die Familie hatte auf ihn gesetzt. Die Onkel und Tanten sorgten nach dem Tod seines Vaters, eines Amtsarzts, für die gehörige theologische Ausbildung am Tübinger Stift. Er scheint die Situation damals intuitiv so erfaßt zu haben: die Großfam .....
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Eduard mörike - um mitternacht

Gelassen stieg die Nacht ans Land, lehnt träumend an der Berge Wand, ihr Auge sieht die goldne Waage nun der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn; und kecker rauschen die Quellen hervor, sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr vom Tage, vom heute gewesenen Tage. Das uralt alte Schlummerlied, .....
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Eduard mörike (i804-i875): gesang zu zweien in der nacht - die tönende welt

Gesang zu Zweien in der Nacht Sie: Wie süß der Nachtwind nun die Wiese streift, Und klingend jetzt den jungen Hain durchläuft! Da noch der freche Tag verstummt, Hört man der Erdenkräfte flüsterndes Gedränge, Das aufwärts in die zärtlichen Gesänge Der reingestimmten Lüfte summt. Er: Vernehm ich d .....
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Eduard mörike (i804-i875)

geworden, zugleich wohl der bedeutendste deutsche Lyriker neben Goethe und Hölderlin. In Ludwigsburg geboren, studierte Mörike wie Hölderlin am Tübinger Stift Theologie, aber ohne innere Berufung. Hier erweckte das verwirrende Liebeserlebnis zu der plötzlich aufgetauchten Maria Meyer, einer Schweiz .....
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Der feuerreiter - eduard mörike

Sehet ihr am Fensterlein Dort die rote Mütze wieder? Nicht geheuer muß es sein, Denn er geht schon auf und nieder. Und auf einmal welch Gewühle 5 Bei der Brück, nach dem Feld! Horch! das Feuerglöcklein gellt: Hinterm Berg, Hinterm Berg Brennt es in der Mühle! .....
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Septembermorgen - eduard mörike

Im Nebel ruhet noch die Welt, Noch träumen Wald und Wiesen: Bald siehst du, wenn der Schleier fällt, Den blauen Himmel unverstellt, 5 Herbstkräftig die gedämpfte Welt In warmem Golde fließen. Hier ist die Natur in einem bestimmten Augenblick gesehen, wenn im frühen Herbst die Sonne mit dem Nebel kä .....
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Gebet - eduard mörike

Herr! schicke, was du willt, Ein Liebes oder Leides; Ich bin vergnügt, daß beides Aus deinen Händen quillt. 5 Wollest mit Freuden Und wollest mit Leiden Mich nicht überschütten! Doch in der Mitten Liegt holdes Bescheiden. Literarische Analyse: Das Gedicht gehört in den Bereich der Gedankenlyrik. .....
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Er ist s - eduard mörike

Frühling läßt sein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte; Süße, wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll das Land. 5 Veilchen träumen schon, Wollen balde kommen. - .....
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Mörike, eduard

Abreise Weber, Werner. In: Forderungen, 1970, S. 134 -137. Heydebrand, Renate von. In: Mörikes Gedichtwerk, 1972, S. 94-98. Ach nur einmal noch im Leben Heydebrand, Renate von. In: Mörikes Gedichtwerk, 1972, S. 84-89. Kienzle, Michael und Mende, Dirk. In: DU 31, 1979, H. 2, S. 61 - 84. Labay .....
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Mörike, eduard

Eduard Mörike ist ein Dichter, dessen Leben und Werk sich jeder vereinfachenden Epochenzuordnung entziehen muss. Sowohl Biedermeierliches, Spätromantisches wie auch verstörend Unharmonisches, Zerrissenes finden sich in seiner Lyrik und Prosa. Nach dem frühen Tod des Vaters, eines Amtsarztes, schlug .....
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Schullerus, eduard

Astern Sienerth, Stefan. In: Deutsche und rumäniendt. Lyrik, 1981, S. 280 - 282. .....
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Bernstein, eduard

Die liebenswürdige und bescheidene Erscheinung B.s steht in merkwürdigem Kontrast zu dem Skandal, den seine Thesen ab 1S96 in der deutschen Sozialdemokratie auslösten. Man kann vermuten, daß er den großen Lärm eigentlich gar nicht selbst verursacht hat. sondern daß sein »Revisionismus« Tendenzen zur .....
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Im abstände folgt mörike von den lyrikern dieser zeit der unglückliche - deutsch-ungar- nikolaus lenau (niembsch von strehlenau), i802-i850.

Auch Lenau fand den Ausgleich zwischen romantischem Wesen und der wirklichen Welt nur in seiner Dichtung. Er hat den Sprung aus der romantischen Befangenheit seines Wesens in die Realität der Welt um 1840 wohl gewagt und ist nach Amerika gegangen, um Farmer zu werden; aber vor der Wirklichkeit .....
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Eduard schullerus

1877 in Kronstadt geboren, besuchte Eduard Schullerus zunächst die Honterusschule und anschließend die Rechtsfakultät in Presov und Klausenburg. Zwischendurch hielt er sich ein Jahr lang in Berlin auf. 1900 kehrte er in seine Vaterstadt zurück, wo er als Praktikant am Kronstädter Gerichtshof, dann .....
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Eduard schullerus - astern

Liebst du die amethystenen Sterne, Mädchen, Die von verdorrten, sommermüden Hängen Durch all das herbstzeitstille große Welken Als späte Boten frohen Lebens leuchten? Du kennst sie nicht? — Wohlan, so wandern wir Nach unseren Bergen, wo der Sonnenschein, Der herbstlich blasse, seine Kinder wärm .....
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Mörike,  Eduard    





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