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Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Morgner, Irmtraud



»Mein Vater ist Lokführer. Jeder Junge, dessen Vater Lokführer ist, wünscht sich.. .erst mal den des Vaters. Ich war offensichtlich ein Mädchen und wünschte trotzdem so. ...Vielleicht zeigte dieser Wunsch das Körnchen natürliche Widerspenstigkeit an, das ein konventionell erzogener weiblicher Mensch als Anfangskapital braucht, um eine Chance zu nutzen, sich gegen die Strömung der Sitten irgendwann freizuschwimmen.« Die ersten Lebensjahre bieten keinerlei Chance, sich gegen die »Strömung der Sitten« zu stellen, sie sind geprägt von Faschismus und Krieg. Von Bildung und Ausbildung ist in dieser Zeit nicht die Rede. »Ich bin in einem Haushalt ohne Bücher aufgewachsen. Als mir die Befreiung 1945 zur Oberschule verhalf, war mein Wortschatz klein. Bei Räumarbeiten .. .geriet ich.. .an einen Koffer mit Reclamheften. Gymnasialsortiment deutsche Literatur und Philosophie. Ich erbeutete es und schwartete durch.« Verstanden habe sie damals wenig, erzählt M. heute, aber schon das Wenige habe ihr ein Leseerlebnis von der »Wucht eines Naturereignisses« verschafft. Die ersten Schreibversuche — Theaterszenen für die Laienspielgruppe — fallen noch in die Schulzeit. Das Studienfach Germanistik wählt M. eher zufällig und ohne große Ambitionen. »Die meisten männlichen Agitationsszenenschreiber wollten Wissenschaftler, Politiker oder Schriftsteller werden. Ich hatte Mühe, Redakteur werden zu wollen.« Von 1956 bis 1958 arbeitet sie als Redaktionsassistentin bei der Zeitschrift Neue deutsche Literatur. Seitdem lebt sie als freie Schriftstellerin. Die Erfahrungen bei der Zeitschrift nehmen ihr die akademische Scheu vor dem Kunstwerk; sie beginnt, selbst etwas »Redigierbares« zu schreiben. Bis sie den »Mut, Kunst zu machen«, aufbringt, vergehen allerdings noch zehn Jahre.

      Die ersten Erzählungen und Romane wertet M. heute kritisch: Ihr erstes Buch, sagt sie, sei erst 1968 entstanden. »In der Kunst darf man nur von Gegenständen reden, die man kennt. Das heißt, die man selber angefaßt hat, durchlebt... .Ich mußte also lernen, daß Schreiben.. .vor allem auch mit Biographie zu tun hat« — das ist ihre Schlußfolgerung aus den ersten Veröffentlichungen. Nun treten weibliches Leben und weibliche Sichtweise immer deutlicher in den Vordergrund ihrer Bücher. Hochzeit in Konstantinopel : eine Test-Reise vor der Hochzeit, nach der die Frau aus dem gemeinsamen Leben »aussteigt«. Die Gauklerlegende. Eine Spielfraungeschichte : ein Spiel mit den Gegensätzen weiblich und männlich, Phantasie und Rationalität. Die wundersamen Reisen Gustav des Weltfahrers : ein lokfahrender Großvater phantasiert sich ein abenteuerliches Leben zurecht. Wieder plant M. etwas »Kleines, Schlankes« - und heraus kommt eine Trilogie; Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura , Amanda, Ein Hexenroman - beide knapp 700 Seiten dick - und der Plan für einen dritten Band. Frauenbefreiung und der Zustand der Welt, um nichts Geringeres geht es: Männerherrschaft im Kapitalismus und im Sozialismus, Männerherrschaft und Krieg, die Entmachtung der Frauen in der realen Geschichte und in Mythen und Sagen, Utopien von befreiten Menschen. Den Mittelpunkt dieser Welt bildet der Frauenalltag in der DDR, den auch M. — zeitweise Ehefrau, unkündbar Mutter — am eigenen Leib erfährt. »Ich beschreib meine Situation. Ich lebe wie jede normale Frau zwei Schichten .. .Ich wirtschafte einerseits an meinem Schreibtisch an der griechischen Mythologie herum. Mit einer Hand blättere ich und denke, ich koche eine Suppe, und wir brauchen ganz dringend Sicherungen«. Für den weiblichen Lebensrhythmus mit seinen »alltäglichen Zerstückelungen« erscheint M. der Montageroman als angemessene Form, weil er das Arbeiten in begrenzten Zeiträumen und das Schreiben ohne ein starr vorgefaßtes Konzept möglich macht. Weiblicher Lebensrhythmus, weibliche Sichtweise - trotz dieser Termini lehnt M. Begriffe wie »Frauenliteratur« oder »weibliche Ästhetik« ab. Sie empfindet sie als diskriminierend, einengend: »Ich schreibe Bücher für Menschen.«


Morgner, irmtraud

Mit Irmtraud Morgner verband sich die Hoffnung auf eine Erneuerung der DDR-Literatur jenseits des staatlich verordneten Realismus. Ihre Romane versprachen, das sozialistische Anliegen der Literatur fortzuführen, aber auch den Bereich der lange verpönten Subjektivität zu integrieren und Anschluss an .....
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