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Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Koppen, Edlef



Das Ende des Ersten Weltkrieges erlebte K. in einer Irrenanstalt, in die er wegen Befehlsverweigerung eingehefert worden war. Der 1893 Geborene hatte einen für seine Generation typischen Weg als kriegsfreiwilliger Student — mit Eisernem Kreuz und Leutnantspatent - zurückgelegt, bevor er sich zu einer pazifistischen Gesinnung durchrang.

      Bereits während des Kriegs erschienen seine ersten literarischen Arbeiten, Gedichte gegen den Krieg, die in die Zeitschrift Die Aktion aufgenommen wurden. Nach dem Krieg, aus dem K. mit einer Lungen Verletzung zurückkehrte, erschienen in den 20er Jahren weitere Gedichte in Die Hören und Die Dichtung. Er veröffentlichte aber auch zahlreiche Aufsätze und Rezensionen , eine Ãœbersetzung und einige Erzählungen. K. wurde 1921 Lektor bei dem Verlag Kiepenheuer & Witsch in Potsdam und 1925 Mitarbeiter der literarischen Abteilung der »Funkstunde Berlin«, 1932 deren Leiter. In dieser Tätigkeit hat er sich, wie Fritz Homeyer sich 1961 erinnerte, eine ganze Generation von Dichtern und Schriftstellern verpflichtet: »Bei seiner beratenden Verlagstätigkeit, im Rundfunk und im Film freigebig und unaufhörlich anderen aus dem Reichtum seines Wesens und seiner Ideen schenkend, verschwenderisch bis zur Selbstaufgabe, blieb ihm kaum Zeit zu eigener Produktion.«
Zu einem ganz großen Werk reichte die Zeit aber doch. 1930 erschien im Horen-Verlag Heeresbericht, ein Werk, das man nach seiner Neuentdeckung und Neuauflage 1976 als literarisch interessantesten Versuch bewerten kann, den Ersten Weltkrieg als Bildungsweg darzustellen, der zum Pazifismus fuhren müßte. K.s Rundfunkerfahrungen haben ihn dabei wohl in einer dialektischen Montagetechnik geschult, die das Werk in die Nähe Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz, Karl Kraus Die letzten Tage der Menschheit rückt, aber auch an Erwin Piscators und Kurt Schwitters Zitat- und

Montagetechniken erinnert. In Heeresbericht reihen sich Tagebuchaufzeichnungen, Zeitungsnotizen, Briefe aus der Heimat, Professorenproklamationen, Kriegspredigten, und Zensuredikte aneinander, gegliedert durch jene entstellenden offiziellen Mitteilungen der Obersten Heeresleitung, die dem Roman seinen Namen geben. Die Frontperspektive der stark autobiographisch geprägten Figur Adolf Reisigers wird somit ergänzt durch und kontrastiert mit den Kriegsvorgängen in der Heimat und im Führungsstab. Es wird dadurch deutlich, wie in einer gesteuerten Öffentlichkeit ein falsches Bild vom Krieg und von den tatsächlichen Kräfteverhältnissen erzeugt wird. Reisiger macht einen beispielhaften Lernprozess gegen das anerzogene Pflichtgefühl durch, bis er den Krieg zum »größten Verbrechen, das ich kenne«, erklärt.
      Im Vergleich zu anderen Kriegsromanen der Zeit wurde das Buch kein Erfolg: es wurden keine 10000 Exemplare verkauft; 1935 verboten es die Nationalsozialisten. Prophetisch wirkt heute die zeitgenössische Rezension des Journalisten, Schriftstellers und Filmdramaturgen Axel Eggebrecht, der im Tagebuch den ausbleibenden Verkaufserfolg kommentierte: »Wie wenig Hoffnung kann man für die nächste Zukunft einer Menschheit haben, für die ein solches Buch zu spät kommt, nicht mehr Mode ist, ein wenig beachteter Nachzügler. Allerdings dürfte es später einmal seine große Konjunktur erleben. Nach dem nächsten Weltkrieg nämlich. Erstaunt und erschüttert wird man da lesen, wieviel wir wußten — und wie wenig wir davon wissen wollten.« 1933 wird K. vom Rundfunk entlassen, weil er nach seiner »bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür« bot, »jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat« einzutreten. Ein weiteres Buch, Vier Mauern und ein Dach erschien noch 1934, dann wurde K. mit einem totalen Veröffentlichungsverbot belegt. Unter dem Pseudonym Joachim Felde konnte er dank der Unterstützung einiger Berliner Tageszeitungen noch Kurzgeschichten und Rezensionen publizieren, 1937 fand er für kurze Zeit eine Stelle bei einer Filmfirma. Zwei Jahre später starb er an den Spätfolgen seiner Verschüttung im Ersten Weltkrieg - sein Manuskript über den Nationalsozialismus blieb unvollendet.
     


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Koppen,  Edlef    





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