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Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Kipphardt, Heinar



K. wuchs in dem Industriedorf Gnadenfrei am Eulengebirge auf. Sein Vater wurde wegen seiner sozialdemokratischen Haltung 1933 verhaltet und erst 1938 aus dem Konzentrationslager Buchenwald entlassen. Als i8jähriger entschloß sich K., Medizin zu studieren, »um das nationalsozialistische Deutschland mit einem bürgerlichen Beruf verlassen zu können«. Er studierte mit Fachrichtung Psychiatrie in Bonn, Köln, Königsberg, Würzburg und Düsseldorf. Zur Wehrmacht eingezogen, erlebte er als Soldat den Rückzug aus der Sowjetunion. Nach Kriegsende schloß er sein Studium mit der Promotion in Düsseldorf ab, war dann Assistenzarzt in mehreren Kliniken, zuletzt an der Universitätsnervenklinik der Charite in Ostberlin. 1950 wurde er Chefdramaturg am »Deutschen Theater« unter dem Intendanten Wolfgang Langhoff. Ãober seinen Anfang schrieb er 1953: »Am Drama bestach mich die direkte Wirkung, die große Ã-ffentlichkeit eben dieser Kunstgattung, das allabendliche, lebendige Weiterdichten einer Arbeit«. Im eigenen Alltag fand er den Stoff für seine erfolgreiche Satire auf die Literaturverhältnisse in der DDR. Drei Wochen nach dem 17. Juni uraufgeführt, war das Lustspiel Shakespeare dringend gesucht laut K. »ein Angriff auf eine Reihe von Borniertheiten, die in der damaligen Phase des sozialistischen Aufbaus verbreitet waren«. Die Satire scheint der selbstkritischen Haltung der SED entsprochen zu haben, denn sie erlebte in drei Spielzeiten 400 Vorstellungen und brachte ihrem Autor den Nationalpreis Dritter Klasse der DDR ein. Trotz seiner Kritik des westlichen Wirtschaftswunders in seinem nächsten Drama Der staunenswerte


Aufstieg des Alois Piontek machten sich wachsende Spannungen zwischen dem streitbaren Dramaturgen und der Partei bemerkbar; deutlich wurde dies vor allem in seinen Beiträgen in Zeitschriften, wo er den Spielplan des »Deutschen Theaters« und die Inszenierungen gegen immer heftigere Kritik verteidigte. 1959 endete diese Phase von K.s Leben und Schaffen, als er den Vertrag kündigte und nach Düsseldorf übersiedelte, »weil ich nach den Auseinandersetzungen um den Spielplan keine Bedingung für meine Arbeit mehr sah«.
      Nach zweijähriger Dramaturgentätigkeit am Düsseldorfer Schauspielhaus ließ sich K. in München nieder. Hier entstand 1962 das Schauspiel Der Hund des Generals, in dem er sich nicht nur mit heiklen Problemen der jüngsten deutschen Vergangenheit, sondern auch mit der eigenen Biographie auseinandersetzte. Der Fall eines militärischen Machtmißbrauchs im Zweiten Weltkrieg veranschaulicht die Unsicherheit bundesrepublikanischer Rechtsfindung gegenüber Verbrechen des Dritten Reichs und dient der Demaskierung der Legitimationsideologie. Die formalen Möglichkeiten eines Verhörs verweisen auf das Dokumentarstück In der Sache J. Robert Oppenheimer , Joel Brand sowie auf das erst 1983 erschienene Bruder Eichmann. Die Bezeichnung »dokumentarisches Theater« hat sich trotz kritischer Vorbehalte durchgesetzt: K. betonte, daß seine intensive Beschäftigung mit Quellenmaterialien zu Stoffen der Zeitgeschichte den Anspruch erhob, unbequeme historische Ereignisse anhand von exakten wissenschaftlichen Studien zu durchleuchten, um die heutige Gesellschaft zu belehren und auf indirekte Weise zu verändern. Die Aufdeckung der historischen Wahrheit in der Verhörsituation soll den Zuschauer dazu bewegen, nicht so sehr die eigene Vergangenheit als ähnliche Prozesse in der Gegenwart zu verstehen. In der Nachbemerkung zum Oppenheimer, meistgespieltes Stück der Theatersaison 1964/65, notierte K. seine Absicht, »ein abgekürztes Bild des Verfahrens zu liefern, das szenisch darstellbar ist und das die Wahrheit nicht beschädigt«. Zusammen mit Rolf Hochhuth und Peter Weiss schuf K. mit seinen Dokumentarstücken eine für die 60er Jahre charakteristische Form. 1970 wurde K. Dramaturg der Münchner Kammerspiele und forderte gesellschaftswirksames Theater, »das unsere Wirklichkeit reflektiert und Veränderungen begünstigt«. Nachdem er für ein Programmheft zu Wolf Biermanns Der Dra Dra Abbildungen führender westdeutscher Persönlichkeiten als kapitalistische Drachen vorgesehen hatte, wurde sein Vertrag nicht verlängert. Dies markierte das Ende der zweiten Phase seines Schaffens; er zog sich nach Angelsbruck bei München zurück, und es wurde still um ihn.
      Die Desillusionierung nach der Zeit der Hoffnung auf politische Veränderungen brachte K. zurück zu der Ãoberzeugung: »die politische Praxis des Schriftstellers ist sein Buch«. Der Film Leben des schizophrenen Dichters Alexander März sowie die Bearbeitung desselben Materials im Roman März und im Theaterstück März ein Künstlerleben enthalten K.s Ansichten über die tiefkranke Gesellschaft, womit er die »puritanisch-kapitalistische Leistungsgcsellschaft« meint, dargestellt am Beispiel eines psychisch gestörten Menschen, der sich unter dem Druck der Verhältnisse aus der Gesellschaft zurückzieht. Authentisches Material, insbesondere die therapeutischen Fallstudien des Psychiaters Leo Navratil und die Gedichte des kranken Dichters Herbrich , dessen Sammlung Alexanders poetische Texte 1977 erschien, wird mit fiktiven Momenten zusammengesetzt. Mit Alexander März stellt
Kipphardt einen »Gegentypus zur normativen Leistungsgesellschaft« vor: Schizophrenie entpuppt sich paradoxerweise als die einzige »gesunde« Reaktion auf eine zutiefst kranke Gesellschaft. 1981 veröffentlicht K. knapp 160 Träume aus den Jahren 1978 bis 1981 in seinen Traumprotokollen. An sich selbst registriert er die durch gesellschaftliche Zwänge verursachten Deformationen, er notiert Trauminhalte kommentarlos, verweigert dem Leser jedes Interpretationsangebot, bietet sie als literarischen Rohstoff. Nach dem Jahrzehnt des dokumentarischen Theaters, des Engagements, fand K. in seiner letzten Phase zurück zu der früheren Faszination der Psychiatrie und gleichzeitig zu einer »Neuen Subjektivität«, die für die späten 70er und frühen 80er Jahre in der Bundesrepublik charakteristisch sind. Trotz seines gelegentlich heftigen Nonkonformismus ging K. als Schriftsteller paradoxerweise konform mit den Entwicklungsphasen der Nachkriegsliteratur.


In der sache oppenheimer und kipphardt

Da der italienische Physiker Galileo Galilei 1642 gestorben ist, hat er gegen das Schauspiel >Leben des Galilei < des deutschen Stückeschreibers Bertolt Brecht nicht protestiert. Da jedoch der amerikanischePhysiker J. RobertOppenheimer glücklicherweise lebt, hat er natürlich gegen das Schauspiel >In .....
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Kipphardt,  Heinar    





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