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Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Hochhuth, Rolf



H. hatte seine Zeitgenossen mit dem ersten von ihm verfaßten Theaterstück offenkundig an einem wunden Punkt getroffen. Am 20. Februar 1963 unter der Leitung von Erwin Piscator uraufgeführt, erregte und schied Der Stellvertreter die Geister wie kein anderes Stück zuvor: rüde Polemiken. Tumulte, eine Anfrage im Bundestag, aber auch begeisterte Zustimmung, Ãœbersetzungen in fast zwanzig Sprachen, Inszenierungen in ungefähr dreißig Ländern. Warum rührte ein junger, gänzlich unbekannter Autor, der die nationalsozialistische Ära nur als Kind und Jugendlicher miterlebt hatte, an eine derart tabuisierte Frage wie die nach der möglichen Mitschuld Papst Pius X

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am Tode zahlloser Juden, weil sich dieser zu keiner öffentlichen Verurteilung der Hitlerschen Massenmorde bereitfand?

H. entstammt einer traditionsreichen Bürgerfamilie, in der er eine behütete Kindheit verlebt. Nach eigenen Aussagen ein »miserabler Schüler«, aber voller Leidenschaft für Bücher, geht er 1948 nach der Mittleren Reife vom Gymnasium ab und beginnt eine Buchhändler-Lehre. Zwischen 1950 und 1955 arbeitet er in Buchhandlungen in Marburg, Kassel und München, besucht als Gasthörer Vorlesungen, erarbeitet sich im wesentlichen das Werk der deutschen Realisten und der Historiker des 19. Jahrhunderts. In diese Zeit fallen H.s erste eigene Schreibversuche, sie bleiben unveröffentlicht. 1955 wird er Verlagslektor , 1957 heiratet er. Rückblickend erinnert sich H. besonders an die Tage des Zusammenbruchs des NS-Regimes: »Diese Anschauung von...unerhörten Begebenheiten hat mich geprägt für immer... Und dieses Gefühl hilfloser Unzulänglichkeit... gegenüber der Geschichte traf mich wie ein Erdbeben«. An anderer Stelle fuhrt er aus: »Mein Vater heißt Hitler. Für mich, den ehemaligen Pimpf in Hitlers Jungvolk, den Schwiegersohn einer von Hitler Enthaupteten, den... Augenzeugen vom Abtransport der Juden - für mich hegt die Auseinandersetzung mit Hitler allem zugrunde, was ich...schreibe.« Geschichte gilt H. als schicksalhaft: sie bestimmt zwar das menschliche Dasein, entzieht sich letztlich aber der Erkenntnis und Beeinflussung. Andererseits bestand er — darin unterscheidet er sich etwa von Theodor W. Adorno oder Friedrich Dürrenmatt - auf der Entscheidungsfreiheit und Verantwortlichkeit des Individuums auch in der modernen Massengesellschaft. Maßstab menschlichen Handelns dürften jedoch nicht Ideologien oder Religionen sein — diese unterstellten der Geschichte ein Ziel oder einen höheren Zweck und instrumentalisierten den Menschen dadurch -, sondern nur dessen Moralität. Diese Moralität des individuellen Handeln selbst unter Bedingungen existentieller Bedrohung: das ist H.s Thema; sie auszuloten und gerade von geschichtsmächtigen Personen, wie z.B. Pius X

II.

, unbeirrbar einzufordern, ist wesentliche Aufgabe des Schriftstellers. H. bedient sich dazu einer besonderen Form des Dokumentartheaters. Zwar entfaltet er mittels umfangreicher dokumentarischer Einschübe den historischen Hintergrund seiner Stücke, doch sind Personen und Handlungen in Abhängigkeit von deren Idee teilweise fiktiver Natur. Der Erfolg des Stellvertreters war jedoch so spektakulär, daß er ungeach-tet dieser Spezifik dem ganzen Genre zum Durchbruch verhalf und eine neue Phase im westdeutschen Nachkriegstheater einleitete. 1963 übersiedelt H. nach Basel, um die Distanz zu gewinnen, die ihm zur konsequenten Erfüllung seiner Aufgabe notwendig erscheint. Hier wird ihm der existentialistische Philosoph Karl Jaspers Freund und Mentor. H. verfaßt erste Gedichte, veröffentlicht die Erzählung Die Berliner Antigene . 1967 folgt das Winston Churchills Kampf gegen Hitler behandelnde Theaterstück Soldaten. In einer Vielzahl von Offenen Briefen mischt er sich in die Politik ein, fordert deren moralische Erneuerung.
      In diesen Arbeiten treten sein Menschenbild und politisches Credo deutlisch zutage. H. widerspricht der von Karl Marx und Herbert Marcuse vertretenen Auffassung, im Gefolge eines Wandels der Gesellschaft könne der »neue Mensch« entstehen. Nicht der Mensch sei veränderbar, er bleibe der »alte Adam«, neige zum Mißbrauch ihm zufallender Macht; wenn überhaupt, dann sei Fortschritt nur möglich durch eine Verbesserung der Institutionen, sie müßten Machtkonzentration verhindern. »Nicht mehr übersehbar«, schreibt H., »daß jeder Goliath unerträglich ist - nicht aber, weil er sich rot verkleidet oder das Gold Hebt oder das Kreuz: sondern weil er ein Goliath ist... Und Ãœbermacht ist immer faschistisch, gleichviel, ob in privater, ob in staatlicher Faust« .
      Nicht nur in den Essays, auch in seinen Theaterstücken wendet sich der Autor jetzt der Gegenwart zu, doch bleibt er seinem eigentlichen Thema, der moralisch motivierten Auseinandersetzung mit der Macht, treu. Und wiederum sind es einzelne, »anständige Menschen«, die aufbegehren: der Senator, der mit einer Handvoll Gleichgesinnter die oligarchische Macht der 120 vermögendsten Familien der USA mittels eines Staatsstreichs zu brechen sucht; die Kommunalpolitikerin, die unter bewußter Mißachtung geltender Gesetze das Los der Bewohner einer Obdachlosensiedlung verbessert. Diese Rigorosität, mit der H. die ökonomisch Mächtigen einerseits und den ideologisch begründeten Machtanspruch der Linken andererseits attackiert, schafft ihm zahlreiche Gegner. H. sitzt zwischen allen Stühlen. Nach dem Monodram Tod eines Jägers , in dem die fiktive Lebensbilanz Emest Hemingways Anlaß ist für Reflexionen über die soziale Verantwortung des Schriftstellers, wendet er sich mit dem Essay Teil 38 , der Erzählung Eine Liehe in Deutschland und dem Stück Juristen erneut der NS-Zeit zu. Wiederum erweist sich dabei die politische Brisanz seiner Themen: Äußerungen H.s in Eine Liebe in Deutschland über die Tätigkeit des damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Filbinger als Militärrichter im Dritten Reich führen nach langer öffenthcher Debatte zu dessen Rücktritt im August 1978. Die beiden bisher letzten Stücke Ärztinnen und Judith erreichen mit ihren aktuellen Themen keinen solchen Wirkungsgrad, sie bestätigen jedoch H.s Rolle als der rigorose Moralist und Mahner der neueren deutschen Literatur. Die Kritik hat H. immer wieder die mangelnde Beherrschung formaler Mittel vorgeworfen - damit mag sie in der Tendenz recht haben, aber, so fragt Claus Peymann 1980, »enthält dieser Begriff nicht auch Gefahren?... Ich empfinde eine Lücke, die zwischen unseren theatralischen Ausdrucksmitteln klafft und den blutigen Themen, die sich stellen. Vielleicht könnte H. mit seinen Stücken diese Lücke schließen helfen.«
Taeni. Ramer: Rolf Hochhuth. München 197

Christian Pohl


'einer, der das weltbild seiner zeit verändert - zur gestalt hermann oberths in rolf hochhuths tragödie hitlers dr. faust

Ãœber kaum einen anderen deutschsprachigen Gegenwartsautor herrscht in der literaturwissenschaftlichen Diskussion so wenig Konsens wie über den Dramatiker, Dichter, Prosaisten und Essayisten Rolf Hochhuth. Man kann an Rolf Hochhuths Schreibmodus die provokante Mixtur aus archivalischer Faktizität un .....
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Index » Kontextualisierung und Analyse -Zur Literatur der Goethezeit, des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts

Rolf hochhuth (geb. i93i)

mit seinem Drama 'Der Stellvertreter" . Im Mittelpunkt steht die Gestalt Pius XII., des regierenden Papstes in der Zeit des Naziregimes. Ihm wird vorgeworfen, Hitler nicht den Widerstand geleistet zu haben, den er auf Grund seiner Stellung und aus seiner moralischen Amtsverpflichtung heraus hät .....
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Rolf hochhuth und die gemütlichkeit

Deutsche Schriftsteller unserer Zeit unterhalten sich gern über deutsche Schriftsteller unserer Zeit. Auch neulich, als sich einige Meister der Feder, begleitet von ihren meist andächtig lauschenden Damen, zu einem geselligen Beisammensein trafen, plauderte man über die Kollegen. Zurückhaltend, eins .....
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Hochhuth, rolf

Einstein Hinck, Walter. In: Frankfurter Anthologie 14, 1991, S. 239-242. .....
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Haufs, rolf

Baum und Himmel Ueding, Gert. In: Frankfurter Anthologie 10, 1986, S. 255 - 258. Das hält wer aus Kunert, Günter. In: Frankfurter Anthologie 5, 1980, S. 261 - 264. Drei Strophen Borchers, Elisabeth. In: Frankfurter Anthologie 9, 1985, S. 241 -243. Jeden Tag Delius, Friedrich Christ .....
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Biebricher, rolf

Biograhe: *26.1.1 in Wiesbaden. R. Biebricher ist seit 1949 als Journalist tätig, er arbeitete als Redakteur für verschiedene deutsche Tages- und Wochenzeitungen und beim Rundfunk. Als freier Journalist schrieb er mehrere Reportagen über Jugend- und sozialpolitische Themen und veröffentlichte unter .....
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Becker, rolf und alexandra

auch unter dem Pseud.: Malcom F. Browne Biografie: *Rolf Becker 25.11.1923 in London, ^Alexandra Becker 10.7.1925, tl990. R. Becker wuchs in Erfurt auf und begann nach dem Krieg zu schreiben. Später arbeitete er als Aufnahmeleiter für verschiedene Filmproduktionen. Ab 1953 war er als freier Autor t .....
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Rolf dieter brinkmann (i940—i975): einen jener klassischen ...

Aufatmen für einen Moment Rolf Dieter Brinkmann war um 1970 in Deutschland der Prophet der amerikanischen Underground-Literatur, mit der Anthologie Acid. Neue amerikanische Szene , aber auch mit den eigenen Gedichtbänden Die Piloten und Westwärts 1 & 2 . Von Frank O Hara übernahm er die Technik .....
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Rolf dieter brinkmann (i940-i975)

Before I sink into the big sleep / want to hear the scream of the butterfly Durch den frühen Tod Rolf Dieter Brinkmanns auf einem Londoner Boulevard im April 1975 erlitt die jüngere deutsche Literatur einen tragischen Verlust. Müßig zu spekulieren, welche Rolle er, schon zu Lebzeiten im Ruf des En .....
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Einen jener klassischen - rolf dieter brinkmann

schwarzen Tangos in Köln, Ende des Monats August, da der Sommer schon ganz verstaubt ist, kurz nach Laden Schluß aus der offenen Tür einer dunklen Wirtschaft, die einem 5 Griechen gehört, hören, ist beinahe ein Wunder: für einen Moment eine Ãœberraschung, für einen Moment Aufatmen, f .....
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Rumäniendeutsche lyrik der 70er bis 90er jahre: 'aktionsgruppe banat - richard wagner - franz hodjak - werner söllner - rolf bossert - klaus hensel (i973-i997)

I. In der zweiten Hälfte der 60er Jahre glitt ein Lichtstrahl Hoffnung über die kahl geschlagene und verödete Kulturlandschaft Rumäniens. 1965 war aus der Riege der kommunistischen Spitzenfunktionäre ein geradezu unorthodox junger, 47-jähriger Mann namens Ni-colae Ceausescu zum Ersten Parteisekretä .....
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Krappen, rolf

Toskana Neis, Edgar. In: Städte und Landschaften, 1978, S. 131 - 133. .....
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Brinkmann, rolf dieter

Bild Zeller, Michael, In: Gedichte haben Zeit, 1982, S. 205 - 209. Die Dunkelheit als ein Dunst für meine Frau Zeller, Michael. In: Gedichte haben Zeit, 1982, S. 216-218. Die Orangensaftmaschine Hügel, Hans-Otto. In: Deutsche Gegenwartslyrik, 1982. S. 44 - 68. Einen jener klassischen .....
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Schneider, rolf

Porträt des Dichters R. M. Dietze. Walter. In: Wissen aus Erfahrungen, 1976, S. 741 - 759. .....
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