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Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Frischlin, Nicodemus



Daniel Friedrich Schubart hat, aus vergleichbarer Erfahrung, den streitbaren Humanisten und Poeten einen »Bruder meines Geistes« genannt und ihm nachgerühmt: »Die Wahrheit schien ein Schwert in deinem Mund, ein Wetterstrahl!« Die Zwänge der feudalen Kleinstaaterei und die Zustände an den Universitäten des 16. Jahrhunderts haben das Leben F.s überschattet und schließlich frühzeitig zugrundegerichtet. Sein Leben und Werk machten ihn in der späthumanistischen Gelehrtenrepublik zu einem Außenseiter und zeigen manche weit in die Barockzeit vorausweisende Züge. Daß das Interesse an dem gelehrten Dichter stets eher seinem Leben als seinen Schriften galt, ist nicht zuletzt auf das Fehlen zugänglicher Textausgaben zurückzuführen; sein zeitgenössisches, sozial breit gestreutes Publikum hat ihn als einen hochbegabten Komödiendichter, einen überlegenen Spötter mit derbem Wortwitz und grobianischer Sprachkraft, einen glänzenden Redner und Stilisten sowie einen geistvollen und anregenden akademischen Lehrer im Gedächtnis behalten. Das weit verstreute poetische Werk in nahezu allen damals gepflegten Gattungen und Genres wird an Umfang übertroffen durch die Ergebnisse gelehrter Tätigkeit, die ihm u. a. einen Platz in der Rezeptionsgeschichte der lateinischen Grammatik sichern. Bedeutsam für die Entwicklung des Dramas im 16. und 17. Jahrhundert sind seine Komödien und Tragödien, die sich durch dramaturgische Neuerungen, bühnenwirksame Figuren und volkstümliche Sprache auszeichnen. Nach geradlinigem Bildungsgang und Ernennung zum außerordentlichen Professor der Poetik an der Tübinger Universität scheint ihm eine glänzende akademische und künstlerische Karriere eröffnet. Seine in der Tradition des lutherischen Schuldramas stehenden Komödien Rebecca und Susanna bringen ihm den Titel eines »Poeta laureatus« und ein Adelsprädikat als »comes palati-nus« ein; der Ausstellung eines bürgerlichen Frauenideals dient auch sein einziges gedrucktes deutsches Drama Fraw Wendeigard . Die aristophanische Komödie Priscianus vapulans streitet mit satirischer Schärfe gegen den Verfall der klassischen Bildung; Phasma wünscht alle nicht lutherisch-rechtgläubigen Konfessionen zum Teufel, nicht ohne durch Mehrdeutigkeiten und unterschwellige Ironie den Autor selbst dem Verdacht der Behörden auszusetzen. Das berühmteste und gelungenste Stück, Julius Redivivus verfolgt eine kulturpatriotische Zielsetzung: die Deutschen haben in der Kriegskunst wie in der Gelehrsamkeit das Erbe antiker römischer Größe angetreten; Caesar und Cicero repräsentieren den Freundschaftsbund zwischen Macht und Geist, den sich der Autor zwischem dem Landesfursten und humanistischen Gelehrten erträumte. Der Widerspruch zwischen heroisierendem Fürstenlob und gesellschaftskntischen Tendenzen durchzieht das Leben und Werk F.s; sein Schicksal war es, zwischen erbosten Adelscliquen und universitären Konkurrenten zerrieben zu werden. Anstoß dazu gab vor allem seine Oratio de vita rustica , in der die Ausbeutung der Bauern angeprangert war und nach deren Druck im Jahre 1580 F. aus dem Lande Württemberg verbannt wurde. Nachjahrelan-gem Wanderleben versucht er in Frankfurt am Main eine Existenzgründung als Buchdrucker, die von seinen Feinden verhindert wird. Sein scharfsichtiger und beißender

Spott auf die Borniertheit der politischen und wissenschaftlichen Zustände wäre, vervielfältigt durch die im Julius Redivivus hochgelobte Kunst des Buchdrucks, für sie zu gefährlich geworden. Unter erbärmlichen Verhältnissen auf der Burg Hohenurach eingekerkert, stürzt er bei einem Fluchtversuch zu Tode, »ohne sonderliche Ceremonien begraben«. Während die Speyerer Schulordnung von 1594 ihn einen »bei allen gelerten hochberumten« Dichter nennt, höhnt ihm die Zunft in Gestalt seines Tübinger Professorenkollegen und Lehrers Martin Crusius nach: »Frischlinus lieget hier, vom Falle bös verstaucht: Er war ein guter Kopf, doch hat er ihn mißbraucht.«
Elschenbroich. Adalbert: Eine textkritische Nikodemus Frischlin-Ausgabe. Vorüberlegungen. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik 12, 1980, 1, S. 179-195.
      Schreiner, Klaus: Frischlins »Oration vom Landleben« und die Folgen. In: Attempto, Heft 43/44 , S. 122-135.
      Strauß, David Friedrich: Leben und Schriften des Dichters und Philologen Nicodemus Frischlin. Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Frankfurt a.M. 1856.

      Jürgen Schutte


 Tags:
Frischlin,  Nicodemus    





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