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Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Fleißer, Marieluise



Ihr Leben und Schreiben war von der bayrischen Heimatstadt geprägt, ihren Ruhm in jungen Jahren errang sie in der Metropole der Weimarer Republik, in Berlin. Die Werke, die sie bekannt machten, die Dramen Fegefeuer in Ingolstadt und Pioniere in Ingolstadt , tragen den Stempel der Herkunft schon im Titel. »Sie hat einfach die Ãœberzeugung, daß man in der Provinz Erfahrungen macht, die es mit dem großen Leben der Metropole aufnehmen können«, schrieb Walter Benjamin 1929. Ingolstadt als Lebensform - das bedeutet für das Kind des Eisenwarenhändlers Fleißer eine Erziehung, die durch bayrisch-provinziellen Katholizismus und durch eine materiell behütete kleinbürgerliche Familie geprägt ist, in der die »Besonderheit« des Mädchens, der Hang zu Büchern, durchaus akzeptiert wird. I4jährig kommt sie in ein klösterliches Internat in Regensburg, wo sie 1919 das Abitur macht. Anschließend schreibt sie sich als Studentin der Theaterwissenschaft in München ein. Sie wohnt in Schwabing, doch ein unbeschwertes Bohemeleben will ihr nicht gelingen; die Großstadt wird weniger als Befreiung aus provinzieller Enge, denn als Ort der Fremdheit und Kälte im mitmenschlichen Umgang erfahren. Die Suche nach Schutz und Geborgenheit konkurriert noch mit der Lust auf Abenteuer: die biographisch getönten Erzählungen der F. aus den 20er Jahren geben darüber Auskunft. Ãœber Lion Feuchtwanger, dem sie ihre ersten literarischen Versuche zeigt, lernt die Studentin Bertolt Brecht kennen. Er erkennt die spezifische Begabung der F., das »Geschehen als Ausdruck« zu geben und das bayrische Idiom als Sozialcharakteristik zu verwenden. Für F. wird die Begegnung mit dem jungen Brecht lebensbestimmend — noch als sie in den 70er Jahren ihre Texte für die Werkausgabe überarbeitet, richtet sie sich nach seinen vermeintlichen Ansprüchen. 1924 jedenfalls bricht sie auf sein Anraten und nach seinem Vorbild ihr Studium ohne Examen ab, will sich als Autorin behaupten — und muß aus Geldmangel vorläufig zurück ins väterliche Haus, während Brecht nach Berlin übersiedelt. Als er sich dort für das erste Drama der F., Fegefeuer in Ingolstadt , einsetzt und eine Vorstellung auf der »Jungen Bühne«, dem Experimentiertheater, durchsetzt, reist sie nach Berlin, erlebt die Probenarbeit Brechts, nimmt seine Änderungsvorschläge an. Der Erfolg gibt ihr Recht: sowohl der Kritiker Alfred Kerr als auch Herbert Ihering — sonst durchweg Antipoden - sind sich in ihrer Begeisterung für die junge Dramatikerin einig. Im Spiegel des Geschlechterverhältnisses entfaltet der Text ein Panorama der provinziellen kleinbürgerlichen Gesellschaft zwischen den Kriegen, die keine Außenseiter duldet. Sprachlosigkeit angesichts der eigenen Empfindungen drückt sich in Sprachklischees aus, die erwachende Sexualität Jugendlicher in religiöser Verblendung. Die Sprache der F. offenbart ein Talent, unbeeinflußt von literarischen Vorbildern eigene Erfahrung in einer authentischen Form zu verallgemeinern.

      Im Sommer 1926 ermuntert Brecht sie zu einem neuen Stück, nachdem sie ihm von der Anwesenheit preußischer Pioniere in ihrer Heimatstadt und den Auswirkungenauf das soziale Leben, von den kurzfristigen Liebesabenteuern, erzählt hat. Ihr ist der Kern des Sujets, die Wirkung der Militä rordnung auf mannliches Verhalten, eigentlich fremd, und sie arbeitet an den Pionieren in Ingolstadt weitgehend nach den dramaturgischen Vorstellungen Brechts, verdichtet den Stoff zu einer Sozialstudie mit modellhaften Situationen, wahrend ihre ureigenste Stärke in der Schilderung der von Trostlosigkeit und verzweifelter Anstrengung gekennzeichneten Begegnung zwischen Mann und Frau liegt. Nach einer wenig beachteten Uraufführung in Dresden verschärft Brecht die sexuell anstößigen Dialoge und Handlungselemente des Stücks, so daß sich selbst das libertine Berliner Publikum verunsichert fühlt, die rechte Presse von nationaler Schande spricht , die eigentlich abgeschaffte Zensur wieder in Kraft tritt und der Lngolstädter Bürgermeister sich über die öffentliche Verhöhnung seiner Heimatstadt beklagt. Die 28jährige Autorin findet sich plötzlich in einem öffentlichen Kampffeld, auf dem sie sich nicht bewegen kann. Sie hatte sich kaum mehr mit dem Stück identifiziert und es Brecht, der immer wieder Änderungen verlangt hatte, gleichsam überlassen. Der Skandal aber ist ausschließlich mit ihrem Namen verbunden. Brecht, der kaum begreift, warum sie darunter so leidet, steht ihr nicht bei, hat er doch sein eigenes Ziel — die Provokation des Publikums, der Kritik und der Zensur - erreicht.
      Daß die F. in dieser Situation die Beziehung zu Brecht abbrach, zeigt, wie wenig sie seinem Ideal der Härte und der Anpassung an die »Kälte der Welt« gerecht werden konnte und wollte, zeigt aber auch ihre Stärke: keine andere der zahlreichen Frauen, die mit Brecht lebten und arbeiteten, hat sich je aus eigenem Entschluß von ihm getrennt.
      Doch das Bedürfnis nach Schutz setzt sich durch: F. geht unmittelbar darauf eine Verbindung mit dem nordisch-völkisch orientierten Dichter und Journalisten Hellmut Draws-Tychsen ein und gerät in der literarischen Szene Berlins ins rechte Lager, ohne sich über die Tragweite dieses Schritts im Klaren zu sein. In dem Stückfragment Der Tiefseefisch schildert sie durchsichtig, wie eine hilflose Dichterin zwischen dem exzentnschen Odenschmied und dessen Mannen und dem neusachiichen Schriftsteller und seiner »Literaturwerkstatt« bis zur Selbstaufgabe getrieben wird. Brecht hat ihr die Veröffentlichung dieses Textes untersagt, sie hat sich daran gehalten. Obwohl die Beziehung zu Draws-Tychsen sie an den Rand der psychischen Zerrüttung bringt, ist es auch eine Zeit neuer Erfahrungen und hterarischer Produktivität.
      F.s Selbstverständnis, »aus dem Unbewußten heraus« zu schreiben, stand ja konträr zum Brechtschen Literaturbegriff, während es den Vorstellungen Draws-Tychsens durchaus entsprach. F. hat in Brecht das Genie bewundert und gehebt, nicht sein literarisches Programm, auf das er sie zu verpflichten suchte. Die Draws-Geschichten, die um 1930 entstehen, sind für das Verhältnis von Leben und Schreiben der F. aufschlußreich. Gequält von der Geldnot und der hochfahrenden Art ihres Verlobten, beschreibt sie mit souveräner Heiterkeit und einem genauen Blick für die Schwäche ihres Partners, dem sie sich gleichwohl unterwirft, die bizarren Situationen, die er immer wieder produzierte. Nachdem er durchgesetzt hat, daß sie ihren Verlag Ullstein verläßt und damit einen Vertrag löst, der ihr eine gewisse materielle Sicherheit garantiert hat, schreibt sie als Auftragsarbeit für den neuen Verlag Kiepenheuer ihren


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Fleißer,  Marieluise    





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