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Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Fichte, Hubert



Hat er je darüber gesprochen oder geschrieben, den Wörtern verfallen. Namen nachhorchend? Für den einen Fichte unserer Geistesgeschichte, den Philosophen Johann Gottheb Fichte, war das Ich absolut, nicht nur Bewußtsein von sich selbst, sondern auch Tat, denn es setzte erst sich und dann die Welt ; für den anderen, den 1935 in Perleberg geborenen, in Hamburg und Oberbayern aufgewachsenen Schriftsteller F. war das Ich das Nicht-Ich, nämlich »das Donnerwort, das Zentnerwort, das Echowort: die Lüge«. Die mitteleuropäische, die eurozentrische Identitäts-Lüge. Identität erschien F. etwas höchst Fragliches, etwas Untestes. Wandelbares, ein Schichtengemisch, in dem Archaisches und Gegenwärtiges synkretistisch sich überlagerte wie in den afro-amerikanischen religiösen Kulten der Karibik und Südamerikas. Identität, als Welt-Vertrauen, war ihm eine überall zu erforschende Sehnsucht, kein Zustand; das Ich, sagte Arthur Rimbaud - ein Unruhe-Poet wie F. -ist ein Anderer.

      Uneheliches Kind einer Souffleuse, die sich als Schauspielerin träumte, in der Nazi-Nomenklatur »Halbjude«, nach der Bombardierung Hamburgs als Protestant in bayrisch-katholischer Umgebung, einem Waisenhaus, aufgewachsen. Homosexueller: das sind existentielle Erfahrungen der Ausgeschlossenheit, der Fremde, der Bedrohung, der Nicht-Identität mit den Anderen , welche F. früh geprägt haben; sein ganzes vielgestaltiges, offenes, ausgreifendes Oeuvre hält daran fest, läßt sich davon bewegen und erregen. Eine vergleichbar intensive, sich selber reflektierende Sensibilität, eine ähnliche Zärtlichkeit für das Fremde und im Umgang mit ihm findet sich in der ganzen deutschen Gegenwartsliteratur nicht.
      Seit er in die Welt kam, war F. in ihr nicht heimisch: deshalb hat er sie bereist, durchforscht, erfahren. Physische und psychische Erfahrung, durch die Eindrücke im Selbst gefiltert, gebrochen und analytisch zerlegt : das macht F.s Romane, ethno-poetische Studien, seine Interviews und Essays zu einzigartigen Zeugnissen einer sowohl autobiographischen als auch ins Universale ausfahrenden Poesie und Sprachkunst, Wort-Imagination und Beschwörung des Fremden .
      Denn ob der Kinderschauspieler, der Landwirt in Schweden und der Schäfer in der Provence, der Stipendiat der Villa Massimo oder der Reporter und Reisende in Afrika, der Karibik, in Nord- und Südamerika sich in die Wirklichkeit einfädelte : F.s Wahrnehmung war von der stets gleichen Vorurteilslosigkeit, Sensibilität und Genauigkeit. Im Fremden war er heimisch.
      Kindheit und Jugend, aus der Perspektive von Kindern und Halbwüchsigen gesehen: das hat er in seinen Debüt-Erzählungen Der Aufbruch nach Turku und dem ersten Roman Das Waisenhaus vorgelegt; gerade das Waisenhaus gehört zu den ungewöhnlichsten Büchern der deutschen Nachkriegsliteratur. Detlevs Imitationen >Grünspan< . zuvor das Porträt der Hamburger Szenenkneipe Palette und ihres Stammpersonals und danach die Interviews aus dem Palais d Amour — später zum Interview-Roman IVolli Indienfahrer umgearbeitet — und abgeschlossen im Versuch über die Pubertät : in diesen Arbeiten schießt F.s Hamburger Ethnopoesie, gewonnen an den Rändern der Geseüschaft, in der Subkultur und in tabuisierten Sprach- und erotischen Erlebniswelten zu einer Tetralogie zusammen, welche das autobiographische Ich, seine Ängste und Sehnsüchte, seine Neugier und seine Analytik zum Prisma macht, die intimsten und die allgemeinsten Erfahrungen zu zerlegen.
      Schon der Versuch über die Pubertät verläßt die Hamburger Welt, indem F. seine Erfahrungen mit religiösen Riten und Festen in Bahia und auf Haiti mit den Riten der Pubertät in Mitteleuropa verspiegelt. Seine zusammen mit der Fotografin Leonore Mau unternommenen Reisen zu den Orten ekstatischer Lebens- und Todeserfahrungen, in der Karibik und Lateinamerika, führten zu großangelegten Studien , in denen Protokolle in Litaneien, Stenogramme in Gedichte transzendieren. Eine »Ethnopoesie« des Fremden legte da F. vor. die Erkenntnisse, Erfahrungen, Beobachtung und Beschreibung jedoch nicht an die eigene Metapher, das mitgebrachte Bild verrät. »Wäre nicht eine andere Welterfahrung denkbar? Nicht Touropa, Spartakus Guide und Marcel Mauss - die Magazinierungen von Erlebnissen, das Präparieren von Erfahrungstrophäen - sondern Warten, in der Mitte einer Welt und ihres Geschehens, bis das Fremde auf einen zukommt und sich erschließt?«
Das große Projekt seiner letzten Jahre, eine auf 19 Bände geplante Geschichte der Empfindsamkeit , ist Fragment geblieben; aber die »geschlossene Form«, auf die unsere tonangebenden Kritiker immer pochen, auf die das Publikum so scharf ist, war ohnehin F.s Sache nie.
      Seine Prosa zersplittert oder überschreitet die Grenzen zwischen Erzählung und Essay, Beschreibung und Ritus, zwischen Bück und Gedanke. Gisela Lindemann hat, aufgrund des optischen Eindrucks seiner Bücher, vom »Dichter als Setzer« gesprochen: Ein Satz, zwei Sätze = eine Zeile, Leerzeilen zwischen den einzelnen »takes«.
      Man könnte aber auch an einen Mosaikarbeiter denken, der winzige Steinchen zusammen mit größeren neben- und hinterernandersetzt: Wortkonzentrate, Blitzlichter auf Momente der Welt oder: Skalpell-Schnitte in ihren weichen Leib: F. seziert, imaginiert, halluziniert. Das Geheimnis seiner Prosa sind die Leerstellen zwischen seinen lapidaren Sätzen und überscharfen Bildern. In diesen Dunkelfeldern, im Dazwischen versteckt sich seine poetische Kraft; es ist eine sehr diskrete, zarte, aber auch robuste Kraft: das Andere wahrzunehmen und das Nicht-Ich sich vorstellen zu können. Denn erst wenn wir wissen, wer die anderen sind, wissen wir auch, wer wir selbst sind.
      Wangenheim, Wolfgang von: Hubert Fichte. München 1980.
      Wolfram Schütte


Selby hubert

Der radikale Humanist Hubert Selby erzählt in seinen realistischen Romanen und Kurzgeschichten von den Kehrseiten des amerikanischen Traums von Freiheit, Reichtum und Glück. Selby heuerte als 16-Jähriger bei der Handelsmarine an. Wegen Tuberkulose musste der schwächliche Jüngling ab 1946 vier Jahre .....
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