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Zuckmayer, Carl



Geb. 27.12.1896 in Nackenheim; gest. 18.1.1977 in Visp
Der Dramatiker, sonst kein Freund von Larmoyanz, war bewegt, als er die Veteranen des Ersten Weltkriegs an einem Frühlingstag, fünfzig Jahre nach dessen Ausbruch, über die Champs-Elysees marschieren sah, »freundliche Gestalten, wie man sie in jedem Bistro« traf, die ihm »furchtbar alt« vorkamen, wie er sich selbst, und denen er sich am liebsten angeschlossen hätte auf dem Weg zum »Grabmal des Unbekannten Soldaten«: »jenes zerrissenen, zermörserten, atomisierten Niemand, der das Symbol unserer Zeit geworden ist. Ich hatte das Gefühl, ich müßte hingehen und sie umarmen, diese Groß- und Kleinbürger, Pensionäre und Handwerker, ich müßte ihnen sagen: >Hier bin ich! der auf euch geschossen hat, dem ihr nach dem Leben trachten mußtetFeindeandres Volki;eindi. / Sprecht immer: DAS BIN ICH!« Die Schlußzeilen betonen die Aufgabe des Künstlers, völkerverbindend zu wirken. Z. gibt darin eine pantheistische Variante der katholischen Erneuerungsbewegung und distanziert sich deutlich vom Existenzialismus: »Was zersprengt wird / Von den Kräften der Zeit, / Bindet ... neu / In Euren Werken.« In unermüdlichen Diskussionen mit jungen Deutschen über Des Teufels General, dessen politischer Inhalt recht fragwürdig gezeichnet war, sollte die Botschaft der Ãoberwindung des Generationenkonflikts und der Ablehnung eines Kollektivschulddenkens an dem zu liebenswert geratenen General Harras und dem zu blaß wirkenden Oderbruch als Widerstandsfigur deutlich werden. Im Drama wird diese junge Generation auf Hartmann projiziert, als die Symbolfigur von Harras' besserem Ich. Z. erlitt durch diese Anstrengung in hunderten von Diskussionen 1948 seinen ersten Herzinfarkt.
      Der großbürgerliche Sohn eines aufstrebenden Mainzer Fabrikanten und einer jüdisch-evangelischen Mutter aus musischem, theaterliebendem Verlegerhaus hatte nicht genug Geduld, um sein Studium durchzuhalten. Z. beschäftigte sich ziemlich systemlos mit Jura und Nationalökonomie, mit Literatur- und Kunstgeschichte, sogar mit Biologie und Zoologie. Er hatte Verbindungen zu dem linken sozialdemokratischen Darmstädter Kreis um Carlo Mierendorff. Schon im zweiten Jahr gab er im jugendbewegten Künstlerkreis von Heidelberg Aufführungen von Bellmann-Liedern zur Laute und verfaßte Stücke. Als das Kreuzweg-Drama 1920 in Berlin angenommen wurde, wechselte er endgültig zum Theaterberuf über und zog in die Großstadt. Danach war er Regieassistent in Berlin und Dramaturg in Kiel, später in München. Mit dem Antipoden und Freund Bertolt Brecht arbeitete er seit 1925 bei Max Reinhardt als Dramaturgie-Assistent. Ãober ihn äußerte Z. 1961, Brecht, dessen anarchischer ßuii/Phase sich das Stück Pankraz oder Die Hinterwäldler, ein lehrreicher Mißerfolg, verdankt, bleibe für ihn »der genialste Dichter und Szeniker« seiner Generation: »Der Dialektiker, das ist mir nicht so bedeutsam.« So wie Z. als Student die Soziologie nur »als Ausdruck des Zeitgeistes, am Rande« fesselte , blieb auch seine wirkungsstärkste zeitkritische Komödie, Der Hauptmann von Köpenick durch die eingearbeiteten Märchenmotive für eine ahistorisch-menschliche Deutung offen: Am Ende des in der Berliner Atmosphäre von 1931 geschriebenen Stücks, worin Z. den nationalsozialistischen Gefolgsleuten und Hindenburg-Deutschen zusetzt, indem er gegen Kadavergehorsam, übertriebene Uniformverehrung und Preußische Militärbürokratie polemisiert, findet auch der deutsche Kaiser noch Grund zum Lachen.
      Z. befürwortete Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues, obwohl die Filmversion dieses Romans von der Zensur verboten wurde. Gleichzeitig attackierte Z. in seinen Reden Joseph Goebbels, so daß er 1933 Aufführungsverbot erhielt und daraufhin emigrierte: zunächst mit seiner Frau , der Schauspielerin und späteren Autorin Alice Herdan nach Henndorf bei Salzburg, dann über die Schweiz nach Hollywood und New York. Z.s Mut und die genaue Einschätzung der damaligen Mentalität deutscher Militärs retteten ihm das Leben, als er 1938 an der Schweizer Grenze »wie ein kommandierender General« von einer SS-Ehrenwache zum Schweizer Zug eskortiert wurde; der Autor kam sich vor wie sein eigener Köpenick. In New York war Z. Lehrer an der von Erwin Piscator geleiteten Theaterabteilung einer Exil-Hochschule. Schließlich zog er nach Vermont. Dort pachtete er ab 1941 eine Farm. Der faschistische Einbruch bewirkte, aufs Ganze gesehen, eine Quali-tätsverschlcchterung des Werks, das um 1930 seinen, auch zeitkritischen, Höhepunkt erreichte, wie wichtige Drehbücher unterstreichen , daneben erarbeitete er die Bühnenfassung von Ernest Hemingways pazifistischem A Farewell to Arms. Der eigene Widerstand in Theodor Haubachs Eiserner Front erschien ihm später als »zu wenig, zu spat«; er bekannte sich zur »kollektiven Scham« . Noch einmal geriet Z.s Gabe der Charakterzeichnung ins Rampenlicht, als 2002 sein 1943/44 entstandener Ge-heimreport für das Office of Strategie Services über 150 Künstlerpersönlichkeiten Hiter-Deutschlands, aus dem Nachlaß herausgegeben, erschien. Die moralische Bipolarität der Menschen zeigte er ebenso treffend wie die Abwegigkeit des Kollektivschulddenkens. Unter den Autoren galt Z.s Vorliebe den Inneren Emigranten, unter den Verlegern vor allem Peter Suhr-kamp und Henry Goverts. Z. erwies sich auch hier als Meister der Zwischentöne.
      Z. wollte, obwohl vom Nachkriegsdeutschland dankbar geehrt, nicht mehr dort leben. Seit 1951 lebte er wechselweise in den USA, der Bundesrepublik und der Schweiz. Seit 1958 in Saas-Fee schrieb er an seinem größten Prosa-Erfolg Als wär's ein Stück von mir, der heute die sieben Nachkriegsdramen verblassen läßt. Der Titel des Ludwig-Uhland-Liedes weist auf die den Krieg überwindende Liebe, ein Wert, dem auch der späte Briefwechsel mit Karl Barth galt. Der herausragende Denker der Bekennenden Kirche hatte dem Büchnerpreisträger nach der Lektüre der Memoiren geschrieben.
      Durch den Briefwechsel kam es 1967 zur letzten der vielen intensiven Freundschaften Z.s mit bedeutenden Zeitgenossen. Barth nannte ihn einen »spät, aber um so dankbarer entdeckten ... etwas jüngeren Bruder« und bescheinigte seinem Werk bei aller »menschlichen Dunkelheit, Verkehrtheit und Misere« eine »nirgends versagende Barmherzigkeit«, ein durch >»weltliche< Schriftstellerei« faktisch ausgeübtes »priesterliches Amt« . In den Dramen nach 1949, angefangen mit Barbara Blomberg ist, ungeachtet Z.s hoher Zielsetzung, der Zug ins episch Breite immer weniger zu übersehen. Das Vierein-halb-Stunden-Stück hatte Heinz Hilpert um ein Drittel kürzen müssen. Als Z. 1961 dem Freund im Wiener Burgtheater zum Probenbeginn von Die Uhr schlägt eins das Stück begeistert vorlas, um dann seine Reaktion zu hören, soll der trockene Berlinergesagt haben: »Ick habe nur Striche je-hört, Carl!«

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Zuckmayer,  Carl    


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