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Wolf, Christa



Geb. 18.3.1929 in Landsberg/Warthe, heute Gorzöw/Wielpolski
Sie kommt aus dem Kleinbürgertum. Der Vater besaß in Landsberg ein kleines Geschäft, ihre Kindheit blieb von den Schrecken des Nationalsozialismus und des Kriegs weitgehend verschont, ein Alltag in der »Volksgemeinschaft«. Im Januar 1945 muß die Familie mit den großen Flüchtlingstrecks Richtung Westen ziehen. Das Verlassen der Heimat, die Konfrontation mit Elend, Gewalt und Tod bedeutet für die 16jährige das Ende der Kindheit. In Mecklenburg wird sie nach Kriegsende als Schreibkraft eines Bürgermeisters eingestellt, besucht die Oberschule, macht 1949 -im Gründungsjahr der DDR - das Abitur und tritt in die SED ein, identifiziert sich mit den Idealen des neuen Staats und seiner Partei. Während ihrer Studienzeit heiratet sie den Essayisten Gerhard Wolf , mit dem sie teilweise zusammenarbeitet . Zwei Töchter gehen aus der Ehe hervor.

      Schon während des Germanistikstudiums in Jena und Leipzig, das sie 1953 bei Hans Mayer mit einer Arbeit über Probleme des Realismus bei Hans Fallada abschließt, setzt W. als Literaturkritikerin ihre frisch erworbenen Seminarkenntnisse um. Maßstab ihres Urteils istdie damals noch herrschende Ästhetik von Georg Lukäcs, sind die kunstfremden Normen des Sozialistischen Realismus. Sie schätzt an Anna Seghers, mit der sie seit den 1950er Jahren befreundet ist, die politisch standfeste, psychologisch motivierte Erzählweise, und orientiert sich an Seghers' Theorie der literarischen Produktion, in der die aktive Rolle des Autors betont wird. »Literatur und Wirklichkeit stehen sich nicht gegenüber wie Spiegel und das, was gespiegelt wird. Sie sind ineinander verschmolzen im Bewußtsein des Autors. Der Autor nämlich ist ein wichtiger Mensch«, steht in W.s Essay Lesen und Schreiben von 1972. In den 1950er Jahren ist W als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Schriftstellerverband tätig, Redakteurin der Verbandszeitschrift Neue Deutsche Literatur und Cheflektorin des Jugendbuchverlags »Neues Leben«. Ihre erste eigene literarische Arbeit, die Moskauer Novelle , hat sie später selbst kritisch kommentiert und sich vorgeworfen, darin die wesentlichen Konflikte jener Jahre ausgeblendet zu haben zugunsten literarischer Klischees im Dienste der Ideologie .
      1959, im Rahmen des »Bitterfelder Weges«, als die Partei die Künstler auffordert, sich in Fabriken und landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften Kenntnisse von der Wirklichkeit der Arbeitswelt zu verschaffen, hospitiert W als Lektorin des Mitteldeutschen Verlags Halle in einer Waggonfabrik, und nimmt an »Zirkeln Schreibender Arbeiter« beratend teil. Die Erfahrungen, die sie im Betriebsalltag gewinnt, gehen in eine Geschichte ein, in der das Scheitern einer Liebe mit dem Mauerbau 1961 verknüpft wird: Der geteilte Himmel ist der erste Roman, der als spezifische DDR-Prosa weltweit Anerkennung findet. Wenngleich stilistischdem bürgerlichen Realismus des 19. Jahrhunderts verpflichtet, ist der Text dennoch ein Novum, weil er die moralische Bewertung gesellschaftlicher Verhaltensweisen mit einer psychologischen Differenzierung verbindet, die das bis dahin in der DDR-Literatur geläufige Schema von Gut und Böse durchbricht.
      Es scheint eine Bilderbuchkarriere zu werden: die Autorin, - sie lebt jetzt mit ihrer Familie in Berlin, - ist als freie Schriftstellerin anerkannt, wird zwischen 1963 und 1967 Kandidatin des ZK der SED, ist Mitglied des PEN-Zentrums der DDR, erhält Auszeichnungen und Reiseerlaubnis in die Bundesrepublik . Aber schon im Dezember 1965 auf dem IL Plenum des ZK der SED stößt sie mit ihrem Diskussionsbeitrag, der mehr Erfahrung und Wirklichkeit, weniger »Typik« in der Literatur fordert, auf Kritik. Weniger spektakuläre Zurückweisung als kleinliche Bevormundung verringern zunehmend ihren Enthusiasmus. So kann man ihrem 1966 entstandenen Porträt Ingeborg Bachmanns an vielen Stellen die Formulierung der eigenen Situation ablesen: »Kühnheit? Wo hätten wir sie zu suchen, bei eingestandenem Rückzug vor Ãœbermächten, bei eingestandener Ohnmacht gegenüber dem Fremderwerden ihrer Welt? In den Eingeständnissen selbst? Gewiß, da sie nicht aus Routine, nicht freiwillig gegeben werden. Mehr aber noch im Widerstand. Nicht kampflos weicht sie zurück, nicht widerspruchslos verstummt sie, nicht resignierend räumt sie das Feld. Wahrhaben, was ist - wahrmachen, was sein soll. Mehr Dichtung sich nie zum Ziel setzen können« .
      Als 1968 ihr zweiter Roman Nachdenken über Christa T. erscheint, stößter in der DDR weitgehend auf Ablehnung und Befremden. Dem Text, der das Leben einer verstorbenen Freundin zu rekonstruieren und im Erinnern aufzubewahren sucht, ist als Motto ein Satz Johannes R. Bechers vorangestellt: »Was ist das: Dieses Zu-sich-selber-Kommen des Menschen?«. Die Frage wird im Roman höchst ambivalent >beantwortetMitmachen< - sei es im nationalsozialistischen Alltag, sei es beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaftsordnung. Die Ideale werden zunehmend von der Wirklichkeit im >real existierenden Sozialismus< in Frage gestellt, wenn nicht zersetzt.
      Auch mit dem nächsten Roman Kindheitsmuster, der nach eigenen Fr-Zählungen 1976 erscheint, bewegt sich die Autorin außerhalb der gängigen Bahnen. Auf mehreren stilistisch unterschiedenen Erzählebenen rekonstruiert sie wie für eine kollektive Psychoanalyse ihre Kindheit im Nationalsozialismus und zeigt, wie die damals eingeübten und verinnerlichten Erziehungsmuster im Verhalten der jetzt Erwachsenen unwillkürlich weiterwirken. Die historisch-politische Zäsur zwischen Faschismus und Sozialismus ist von psychischen Kontinuitäten überlagert, die das Handeln und die Gefühle der Menschen oft stärker beeinflussen als der verordnete Neubeginn. »Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.« beginnt der Roman, den die Autorin ihren beiden Töchtern gewidmet hat; Prosa als »authentische Sprache der Erinnerung«, übersetzte Erfahrung.
      Durch die Ausbürgerung Wolf Biermanns wird das Jahr 1976 in der DDR zum kulturellen und kulturpolitischen Einschnitt. W. gehört zu den ersten Unterzeichnern einer Protestpetition , welche die Partei bald zum Anlaß nimmt, mißliebige Künstler und Schriftsteller zu reglementieren, kaltzustellen oder ebenfalls auszuweisen. W. geht auf »innere Distanz«.
      Sie befaßt sich mit dem Werk und Leben der Karoline von Günderrode, an der sie die gesellschaftliche Widerstandskraft und die persönliche Tragik herausstellt, die in dem Unvermögen und der Weigerung liegt, sich mit der Realität zu arrangieren. Unter dem Titel Der Schatten eines Traumes gibt sie 1979 Günderrodes Schriften heraus, begleitet von einem einfühlsam-identifikatorischen Essay. Die politische Brisanz ihrer Beschäftigung gerade mit dem Romantikerkreis ist unverkennbar; W. sieht in ihm den »Versuch eines gesellschaftlichen Experiments einer kleinen progressiven Gruppe, die dann, nachdem die Gesellschaft sich ihr gegenüber Totalität und ablehnend verhalten hat, restriktiv in jeder Hinsicht, unter diesem Druck auseinanderbricht und in verschiedene Richtungen hin sich zurückzieht«. Im Rahmen dieser Studien entsteht der Prosatext Kein Ort. Nirgends . In einem statuarischen, den Fortschritt der Handlung mehr aufhaltenden als vorantreibenden Stil wird eine fiktive Begegnung zwischen der Günderrode und Heinrich von Kleist geschildert, die tiefe Vereinsamung der beiden Einzelgänger - jeder von ihnen wird Jahre später den Freitod wählen —, deren Gefühle wie abgeschnitten von der Außenwelt scheinen. Kraft einer geheimen Seelenverwandtschaft können sie einen Augenblick lang ein imaginatives Verständnis, eine freilich brüchige Solidarität fürein-ander formulieren. Neben diesem Ausbruch nach Innen, den die beiden Schriftsteller gegen die Gesellschaft betreiben, geht es der Autorin um die besonderen Bedingungen einer weiblichen Existenz als Künstlerin und Intellektuelle, die sie an der Günderrode, aber auch an Bettine von Arnim reflektiert . Auch in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung 1982 behandelt sie die Frage nach einem spezifisch weiblichen Weltbild und einer weiblichen Ästhetik, inspiriert von feministischen Theorien, die seit Mitte der 1970er Jahre im Gespräch sind.
      Angeregt durch die Lektüre der Ore-stie von Aischylos, der Inszenierung von Peter Stein an der Westberliner Schaubühne und einer Griechenlandreise beginnt sie 1980, sich mit der Kassan-drafigur auseinanderzusetzen. Die Antike dient in der Erzählung Kassandra als Folie: an der Seherin, deren Untergangsprophezeiung dazu verdammt ist, nicht gehört zu werden, entwickelt die Autorin die Rolle der Frau als Kontrastbild zur männlichen Rationalität, die auf kriegerische Vernichtung hinausläuft. Kassandra verkörpert aber auch die Seherkraft der Kunst angesichts der totalen Bedrohung, in der der Leser die weltpolitischen und atomaren Gefahren von heute erkennt. Mit diesem Text hat sich W. in die aktuelle Diskussion um Frieden und Abrüstung eingemischt und diese Thematik mit der Situation einer von der patriarchalischen Gesellschaft unterdrückten Frau verknüpft. In den Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra, die sie 1982 an der Frankfurter Universität als Gastdozentin vorträgt, ist das ganze Spektrum ihrer Arbeit unter den Anspruch gestellt, »gegen das unheimliche Wirken von Entfremdungserscheinungen auch in der Ästhetik, auch in der Kunst« anzuschreiben. Bewußt knüpft sie damit an die früheren Idealean. Ihr Schreiben hat sich indessen von einer eingeschränkten DDR-Problematik gelöst, ohne die eigene Geschichte zu verleugnen. Deutlich ist der persönliche Blick profiliert: fast immer hat sie die Perspektive einer Frau am Rand des Todes beschrieben, aus der heraus die Gesellschaft betrachtet wird: im Geteilten Himmel ebenso wie in Nachdenken über Christa T, in Kein Ort. Nirgends oder der Erzählung Kassandra, die vor dem Haus Agamemnons ihren Erinnerungsmonolog beginnt: »Mit dieser Erzählung gehe ich in den Tod.«
Mit der >Wende< in der DDR, dem Fall der Grenze zwischen Ost und West am 9. November 1989 und der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 bricht neben der Hoffnung >auf bessere Zeiten< gerade auch bei der Aufbaugeneration die Trauer über das große Misslingen des Experiments 'So-zialismus< durch. »Immer scheinen die unzumutbaren Forderungen sich auf Versäumnisse in ungelebten Lebenszonen zu beziehen, die nicht ohne weiteres durch nachgelebtes Leben auffüllbai sind« . Moralität und Integrität, womit sich eine zurückhaltend und gleichzeitig präsente gesellschaftliche Rolle einnehmen ließ, werden nun hinterfragt. Was bleibt- ein 1979 geschriebener und 1990 veröffentlichter Text -entfacht unter den Literaturkritikern im Westen erneut eine Auseinandersetzung über die »Gesinnungsästhetik« der Autorin, ihre politische Glaubwürdigkeit und ästhetische Qualität.
      Schon der Text von 1986, Störfall -Nachrichten eines Tages, der persönliche Gedanken und Gefühle anläßlich einer technologischen Katastrophe notiert: dem Unfall des Atomkraftwerks Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion, begleitet von den telefonischen Nachrichten über das Gelingen einer Gehirnoperation des Bruders, wurde in Ost und West viel gelesen, dabei aber auch einer grundsätzlichen literarischen Kritik unterzogen. Im Jahrzehnt nach dem

Zusammenbruch der DDR hat deren exponierteste Schriftstellerin einen einzigen längeren poetischen Text geschrieben: Medea. Stimmen . Zuvor war unter dem Titel Auf dem Weg nach Ta-bou eine Sammlung mit kleinen Texten, Artikeln und Aufsätzen herausgekommen; die 1990 erschienene, heftig diskutierte Erzählung Was bleibt war schon Ende der 1970er Jahre entstanden und für die Publikation gründlich bearbeitet worden.
      W setzt gegen des Euripides' »Medea«, die ihre Kinder mordet, die mythische Medea ins Recht, die ihre Kinder rettet. In der mehrstimmigen Rollenprosa dieses Buchs konterkariert W die vom Mann okkupierte Kultur, die »eine Angst vor dem Weiblichen, vor der Frau« entwickelt habe — so W. in der Rede »Von Kassandra zu Medea« anläßlich der Verleihung des Ehrendoktorats der Universität Turin, 1994 abgedruckt in Hierzulande Andernorts. Darin stehen auch drei Texte mit unterschiedlichen Erzählansätzen: »Begegnungen Third Street«, »Wüstenfahrt« und »Im Stein«. Die beiden ersten verarbeiten kalifornische Erfahrungen und Erlebnisse vom Anfang der 1990er Jahre, als W. Getty-Stipendiatin in Los Angeles war; die letzte, die eine Operation beschreibt, wirkt wie eine große Wörterkaskade, aber diese Kaskade ist erstarrt - der Titel Im Stein bezeichnet sie, möglicherweise absichtsvoll, sehr genau.
      Die Erzählung Leibhaftig setzt sich noch einmal mit der Aporie einer sozialistisch geprägten gesellschaftlichen und einer selbstbestimmten individuellen Existenz gegen Ende der DDR auseinander. Mustergültig führt diese Spannung der umfangreiche Band Ein Tag im Jahr. 1960-2000 vor: Vierzig Jahre lang hat W darin jeweils am 27. September eines Jahres Tagebuch geführt - das disziplinierte und faszinierende Gesamtbild einer Schriftstellerin, der nichts wichtiger war, als sich und ihrem tief humanen Menschenbild treu zu bleiben. Das belegt eindrucksvoll auch der biographische Band Eine Biographie in Bildern und Texten . Eine produktive Auseinandersetzung mit den Stärken und Schwächen des Gesamtwerks - das durchgehaltene Motiv der gemäßigten Klage und angepaßten Melancholie als Erzählhaltung -zeigt eine weiterwirkende Herausforderung, die das zumindest historische Interesse an der international bekanntesten zeitgenössischen deutschsprachigen Autorin wachhält.
     

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