Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Autoren

Index
» Autoren
» Deutschsprachige autoren
» Werfel, Franz

Werfel, Franz



Geb. 10.9.1890 in Prag;gest. 26.8.1945 in Beverly Hills
Als W. 1945 einem Herzinfarkt erlag, ließ ihn seine Frau wunschgemäß in Smoking und Seidenhemd begraben, weltlich also, was angesichts der stark ausgeprägten religiösen Thematik seines Werkes verwundern mag. W.s Wende zum Religiösen, zum Christlichen und zum Jüdischen, war keineswegs durch seine Kindheit vorgeprägt. Als Sohn eines Prager Kaufmanns geboren, wuchs er im deutsch-jüdischen Kulturraum der Moldau-Metropole auf, unter anderem befreundet mit Max Brod und Franz Kafka. Nach einer kurzen Lehre als Spediteur erhielt er den Alibiposten eines Lektors im avantgardistischen, um die Literatur des Expressionismus verdienten Kurt-Wolff-Verlag, der ihm für die üppige Eigenproduktion reichlich Zeit ließ. Angetreten als hymnisch-pathetischer Lyriker in der Nachfolge des amerikanischen Naturlyrikers Walt Whitman , verlagerte sich der Schwerpunkt seines Schaffens zunehmend auf die Dramen- und Romanproduktion. Nach symbolisch-expressiven Ideendramen wandte W. sich der Gestaltung historischer Ereignisse und Charaktere zu . Seine Novellen und Romane nehmen zwar auch ihren Ausgang von der expressionistischen Mode, stehen z. T. unter dem Einfluß der Psychoanalyse und verschmähen keineswegs reißerische Effekte. Seit ihm, dem Musikfreund und glühenden Verdi-Verehrer, mit seinem Verdi-Roman der Durchbruch als Romancier gelang, hat W. stets eingängige Psychologie und effektvolles Szenarium verbunden, etwa in seinem umfangreichsten Roman Barbara oder die Frömmigkeit , in dem die realistisch geschilderten Weltkriegserfahrungen, die untergründige Bindung an das alte Ã-sterreich und die dezidierte Zivilisationskritik einander die Waage halten, oder im Epos über den Freiheitskampf der Armenier, Die vierzig Tage des Musa Dagh , oder im Legendenroman Das Lied von Bernadette - ein Grund auch dafür, daß sein
Werk bei den Zunftleuten in Mißkredit gefallen ist. Neben schwer erträglicher, gefühlsgeladener und rhetorischer Suada enthält sein Werk freilich auch sprachlich virtuose Glanzstücke, so Teile des Romans Der veruntreute Himmel , so Partien des Fragment gebliebenen antifaschistischen Romans Cella oder die Ãoberwinder .
      Nach Jahren schriftstellerischen Erfolgs traf auch ihn, der inzwischen mit der berühmten Femme fatale Alma Mahler-Gropius verheiratet war, das Desaster der nationalsozialistischen Machtübernahme mit voller Wucht. Beim Anschluß Ã-sterreichs hielt sich der reisefreudige W. gerade in Italien auf. Die nächsten Jahre verbrachte er im Exil, mit den Stationen Mailand, Zürich, Paris, London, Vichy und Marseille. Nach einer abenteuerlichen Flucht über die Pyrenäen gelang ihm von Portugal aus die Ãoberfahrt nach New York . Bekannt ist W.s Gelübde in Lourdes: wenn die Flucht nach Amerika gelänge, wolle er der Heiligen Bernadette zu Ehren ein Buch schreiben. Umgehend löste W. sein Versprechen ein; der sofort einsetzende Erfolg des Romans überraschte den Autor selbst. Nach Zwischenaufenthalten in New York, Los Angeles und Santa Barbara erwarb W. ein Haus in Beverly Hills.
      W. war als Schriftsteller ungeheuer fruchtbar. Außer fünfzehn Dramen, zahlreichen Novellen, neun vollendeten und zwei unvollendeten Romanen hat er eine Fülle von essayistischen Arbeiten ver-fasst. Im Zentrum seines literarischen und denkerischen Werkes stehen Probleme des Glaubens und der Kampf gegen den Zerfall der Werte - eine in der ersten Jahrhunderthälfte herrschende Thematik, die er ganz im Sinne des christlichen Glaubens diskutiert. Unver-kennbar ist W.s Annäherung an die katholische Kirche. Ohne je offiziell zu ihr überzutreten oder sich taufen zu lassen, ringt er doch in zahlreichen Aufsätzen und Aphorismen um seine Synthese aus Judentum und Christentum, in denen er, der Sinnenmensch, europäische Kultur und Tradition am bildkräftigsten ausgedrückt sieht. W.s Hang, das irdische Geschehen metaphysisch zu verankern, stört in zunehmendem Maße die stilistische Einheit seiner Werke. Sinnliche Anschauung und kritische Reflexion gehen allmählich unter im Strom abstrakter Leerformeln und verblasener Rhetorik. Diese Einwände gelten auch für seinen letzten, in den USA entstandenen Monumentalroman, Stern der Ungeborenen , in dem W. eine Bilanz der Menschheitsentwicklung zieht. Vom Anspruch her als moderne Divina Commedia geplant, tendiert das Opus doch eher zur Science Fiction. Neben grandiosen Partien gibt es auch hier wieder poetisch-denkerische Durststrecken, ein Charakteristikum für W.s schwungvolle, jedoch unkritische Schreibweise. Bestes Produkt der Spätzeit ist zweifellos die Komödie Jakobowsky und der Oberst , in der W. mit souveräner Ironie das moderne Ahasverschicksal zweier weltanschaulich grundverschiedener Emigranten gestaltet, in der Ãoberzeugung, daß eines fernen Tages auch die religiösen Gegensätze sich finden, »wie die Parallelen im Unendlichen«.
     

 Tags:
Werfel,  Franz    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com