Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Autoren

Index
» Autoren
» Deutschsprachige autoren
» Walther von der Vogelweide

Walther von der Vogelweide



Um 12

   Im Reiserechnungsbuch des Passauer Bischofs Wolfger von Erla ist zum Martinstag ein »Waltherus can-tor de Vogelweide« als Empfänger eines Geldgeschenks für einen Pelzrock aufgeführt. Dies ist das einzige, auf einen deutschen Lyriker des Hochmittelalters als »Dichter« bezogene urkundliche Zeugnis, zugleich das einzige sichere Datum aus W.s Leben. Nach eigenem Bekunden lernte er »ze österriche« »singen unde sagen«. Mehr ist über seine Herkunft nicht zu erfahren. Literarhistorische Spekulation hat zwar einige Geburtsorte propagiert, vor allem im Layener Ried im Grödnertal , ohne andere Basis als den politisch-national fundierten Enthusiasmus des 19. Jahrhunderts. Für eine regionale Fixierung müßte erst zu klären sein, ob W.s Beiname ein Her-kunfts- oder ein Künstlername ist. Auch die frühere ständische Einordnung W.s als »ritterbürtig« kann sich nicht auf Belege aus W.s Zeit stützen. Er selbst hebt nie auf Geburtsadel ab, sondern stets nur auf Gesinnungs- und Handlungsadel: »so bin ich doch, swie nider ich si, der werden ein!« Er war also wohl ein fahrender Sänger unbekannter Herkunft, der an weltlichen und geistlichen Höfen um Brot sang.


      Weitere Lebensdaten können aus sei-ner politischen Lyrik erschlossen werden, die in der mittelhochdeutschen Dichtung etwas Neues darstellt: W entwickelte aus der älteren, von Spervo-gel vertretenen moralisch-belehrenden Spruchdichtung ein poetisch-publizistisches Organ, mit dem er zu den politischen und geistigen Streitpunkten seiner Zeit z. T. scharf Stellung bezog. Die ältesten Sprüche fallen wohl ins Jahr 1198, in dem, nach dem Tode Kaiser Heinrichs

VI.

, die Nachfolgekontroversen zwischen dem Staufer Philipp von Schwaben und dem Weifen Otto von Poitou einer ersten Entscheidung zustrebten. W. war in diesem Jahr, nach dem Tod seines bisherigen Gönners, des Herzogs Friedrich, von Ã-sterreich in den Westen des Reiches gezogen und hatte offenbar am Hof des staufischen Thronprätendenten Philipp Aufnahme gefunden. Die frühen Sprüche, die er als Philipps zunächst engagierter Parteigänger verfaßte, wurden auch seine bekanntesten, z. B. der sog. Reichston: Ich saz üfeime steine oder der Magdeburger Weihnachtsspruch . Aus der staufischen Parteinahme resultierte wohl auch W.s lebenslange Frontstellung gegen Papst Innozenz I

II.

, welcher Otto, den Gegenspieler Philipps, favorisiert hatte. W. polemisierte aber nicht nur gegen Papst und Kurie , sondern bald auch gegen Philipp und nach dessen Tode auch gegen den Nachfolger, Otto IV, dem er sich zunächst als höchstem Repräsentanten des Reichs zugewandt hatte. Alle Kritik ging von dem Idealbild eines weltlichen und geistlichen Herr-schertums aus, mit dessen Würde W die machtpolitischen oder materiellen Interessenhändel und die oft kleinlichen Machenschaften unvereinbar hielt. Eine Verletzung des Herrscherideals sah er auch in der mangelnden »milte« , in der Gleichgültigkeit gegenüber der materiellen Not der nachgeordneten Schichten. Humorvoll, grimmig oder ätzend ficht W. hier auch für eigene Belange, für seine eigene Versorgung, bis ihm schließlich Friedrich IL ein nicht näher bestimmbares Lehen verlieh . Gekämpft hatte er lange auch um die erneute Aufnahme an dem »wünneclichen hof ze Wiene« Leopolds

VI.

, der ihm aus unbekannten Gründen versperrt blieb. Als weitere fürstliche Gönner nennt er den Landgrafen Hermann von Thüringen, den Markgrafen Dietrich von Meißen, Herzog Bernhard von Kärnten, Graf Die-ther von Katzenellenbogen, Erzbischof Engelbert von Köln, nach denen meist auch ein bestimmter Lied-Ton genannt wird.
      W war nicht nur der bedeutendste mittelhochdeutsche Sangspruchdichter, er war auch der vielseitigste und bis heute am stärksten lebendig gebliebene Minnesänger. Er hatte im Stil Reinmars des Alten zu dichten angefangen, dem er einen zweistrophigen preisenden und zugleich kritischen Nachruf widmete. Gegen Reinmars ihm prätentiös erscheinende Leidensminne mit ihrem Abso-lutheitsanspruch vertrat W. eine neue Minnekonzeption, die Minne auf Gegenseitigkeit, nicht durch Unterwerfung . Noch radikaler löste er sich von der Hohe-Minne-Tradition in den Mädchenliedern . Ausgetragen wurden die gegensätzlichen Auffassungen vom rechten Frauenpreis in der sog. Reinmar-Walther-Fehde, in welcher W. Lieder Reinmars parodierte oder übertrumpfte .
      W. gestaltete auch religiöse Themen, in radikaler Skepsis etwa Vil wol gelobter got, weiter einen Marienieich und Kreuzzugslieder als politische Mahnungen an Kaiser und Papst, schließlichmutmaßlich das sog. Palästina-Lied, zu dem die einzige, wohl authentische Melodie W.s überliefert ist. Die Elegie, ein resignierter Lebensrückblick, steht wohl am Ende seines Schaffens gegen 1230. Nach einer Notiz in einer Handschrift aus der Mitte des 14. lahrhunderts soll W. im Kreuzgang des Würzburger Neumünsters begraben sein, wo ein neuzeitliches Denkmal mit einem Lobspruch Hugos von Trimberg an ihn erinnert.
      W. war schon im Mittelalter allgemein als der größte deutsche Lyriker anerkannt, wie zahlreiche Nennungen bei zeitgenössischen und späteren Dichtern verraten. Dies belegt auch die relativ reiche handschriftliche Ãoberlieferung. Seine Hochschätzung hat sich ununterbrochen erhalten. Die Meistersinger zählten ihn zu ihren Zwölf Alten Meistern. An der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit kreuzen sich zwei Rezeptionsstränge: Bei dem Meistersinger-Historiographen Cyriacus Spangenberg ist nur noch sein Name bekannt. Zur selben Zeil beginnt aber mit dem Schwei zer Rechtshistoriker Melchior Goldast die Neubelebung des Wissens um W.s Werk unmittelbar aus der handschriftlichen Ãoberlieferung .

 Tags:
Walther  der  Vogelweide    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com