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Walser, Robert



Geb. 15.4.1878 in Biel;gest. 25.12.1956 in Herisau/Aargau
»Der Roman, woran ich weiter und weiter schreibe, bleibt immer derselbe und dürfte als ein mannigfaltig zerschnittenes Ich-Buch bezeichnet werden können.« W. wuchs in einer großen Familie als siebentes von acht Kindern auf. Kein Wunder, daß ihm nur eine nachlässige Erziehung zuteil wurde. Die Mittel reichten nicht aus, um dem Sohn eines Buchbinders und Kaufmanns eine gehobene berufliche Karriere zu ermöglichen. Nach dem Progymnasium absolvierte er eine Banklehre. Auch sonst kümmerte man sich nicht sehr um ihn. Der autobiographische Züge tragende Simon sagt im Roman Geschwister Tanner , er sei als Kind immer sehr gern krank gewesen, weil er von der Mutter verhätschelt werden wollte. Seine seelisch labile Mutter hatte aber mit ihren Depressionen genug zu tun. Sein Vater war von robuster Statur; er konnte Armut und Demütigungen ruhig und gelassen wegstecken. W. hatte von beiden etwas geerbt. Nach seiner Tätigkeit als Bank- und Büroangestellter ging er für ein Jahr nach Stuttgart zu seinem Bruder Karl, dem Maler. Er war es, der W. auf den Geschmack am selbständigen Leben brachte. Seine Pläne, in Stuttgart Schauspieler zu werden, scheiterten. Danach hatte er acht Jahre in Zürich, mal hier mal dort, gearbeitet, meist für wenig Lohn, als Commis oder Diener, als Angestellter in einer Nähmaschinenfabrik, als Assistent bei einem Erfinder, u.a. auch 1903 als Gehilfe des Ingenieurs Dubler in Wädenswil am Zürichsee. Die Erlebnisse dort lieferten ihm den Stoff zu seinem Roman Der Gehilfe . Wie in seinem ersten Buch, Fritz Kochers Aufsätze von 1904, ist auch dieser Roman aus der für W. typischen Perspektive eines unscheinbaren jungen Mannes erzählt, dem bisweilen der Schalk aus den Augen blitzt.
      »Stets betrachtete ich mit großer Lust die Pracht und den Glanz; mich selbst jedoch wünschte ich von jeher in einen ruhigen, bescheidenheitsreichen Hintergrund zurückgestellt, um von hier aus in das helle Leuchten mit frohen Augen hinein- und hinaufzuschauen.« Die Helden seiner allesamt autobiographischen Romane und Prosastücke können nichts verlieren, sie sind besitzlos. Dafür aber haben sie die Freiheit, mit ihrer Existenz zu experimentieren. W. und seine Figuren sind trotz oder gerade wegen der öffentlichen Mißachtung in erhöhtem Maß unvoreingenommen beobachtend, staunend und erlebnishungrig zugleich.
      Welch energischer Ton, mit dem W. 1905 seinen Aufbruch nach Berlin untermalt! »Eine Stadt, wo der rauhe, böse Lebenskampf regiert, habe ich nötig. Eine solche Stadt wird mir guttun, wird mich beleben. Eine solche Stadt wird mir zum Bewußtsein bringen, daß ich vielleicht nicht gänzlich ohne gute Eigenschaften bin. In Berlin werde ich in kürzerer oder längerer Zeit zu meinem wahrhaften Vergnügen erfahren, was die Welt von mir will und was ich meinerseits von ihr zu wollen habe.« Wie recht er hatte! 1905 reiste er seinem Bruder Karl nach Berlin nach. Erfüllt von kühnen Hoffnungen, begannen für ihn produktive Jahre. Er arbeitete an den Zeitungen Die neue Rundschau, Die Schaubühne, Die Zukunft mit, lernte Max Liebermann, Max Slevogt und Gerhart Hauptmann kennen. Sechs Romane schrieb er hier, wovon allerdings nur drei erhalten sind. Nacheinander entstanden Geschwister Tanner - in nur sechs Wochen niedergeschrieben -, Der Gehülfe und Jakob von Gun-ten . Was die Welt von ihm wollte, mußte er aber auch recht bald schmerzlich erfahren. Alle Romane waren klägliche Mißerfolge. Er schrieb zu eigenwillig, zu persönlich, wollte keine der en vogue befindlichen Schreibmanieren übernehmen, nannte als Wahlverwand-te vielmehr Jakob Michael Reinhold Lenz, Clemens Brentano, Heinrich von Kleist und Nikolaus Lenau. Bruno Cas-sirer, bei dem seine Romane erschienen und der ihn erst förderte, stutzte mit der Zeit über diesen linkischen, trockenen Schweizer, der sich keine Spur anpassungswillig zeigte, und wandte sich schließlich ab von ihm. Jugendlich unbekümmert war W. nach Berlin gegangen, herb und verbittert kehrte er 1913 heim, krank im Innern, ohne Zuversicht und ohne Glauben an die Menschen. In Biel nahm er zu seiner Schwester Lisa, die wie er unverheiratet geblieben war, wieder ein enges, vertrauliches Verhältnis auf. Aufweiten Spaziergängen in der freien Natur fand er wieder zu sich. Poetischer Ertrag davon waren viele kleine Prosastücke, die er in Zeitungen veröffentlichte. Die Bieler Jahre waren für ihn nach eigener Angabe die glücklichsten seines Lebens. Er machte sich die Natur bewußt. Ohne weltfremde Sentimentalität beschreibt er den Wald, die Bäume, die Blumen, war glücklich über seine Betrachtungen und genoß es, sich bewegen zu können. »Was schreien und keifen möchte, ist ausgeschlossen. Vielmehr ist jedes einzelne Wesen, indem es sich dicht ans andere lehnt, vollauf gesättigt und still vergnügt. Sie vertragen sich gut, da sie einander beleben und ergänzen.« Wie weit sind davon hastige, vielbeschäftigte Menschen entfernt! Seiner Eigenart blieb W. treu, er wollte unter allen Umständen nur sich selbst gehören, keine Macht und Not brachte ihn davon ab. Er wußte aber auch, daß er nach bürgerlichen Maßstäben ein Müßiggänger war; er spöttelte oft in diesem Sinn über sich. Wie seine Schriftstellerei, war sein Leben ein einziges Experimentieren. Bewegung war ihm wichtig. So vagabundierte er von Stadt zu Stadt, von Quartier zu Quartier, von Stellung zu Stellung. Da er keinen Besitz, nicht einmal Bücher hatte, fiel ihm das Nomadisieren leicht. Mit der Sprache stellte er Ver-suche an, auch um sich die muntere Entdeckerfreude wachzuhalten. Immer blieb er den unbeachtet am Rande liegenden, existierenden Dingen und Menschen seines unmittelbar nächsten Erfahrungskreises zugetan. Seine Prosastücke sind ihm, wie er sagt, »Alltagsvertiefungsversuche«. »Was habe ich anderes in der Poesie getan, als alles, was mir ins Auge fiel, wortreich darzustellen, verwundert zu bereden und angenehme Gedanken und Empfindungen damit zu verknüpfen?«
1921 siedelte W. nach Bern über. Nach vielen Jahren mühsam behaupteter Dichterfreiheit mußte er nun wieder untergeordnete Lohnarbeiten annehmen. Auch wechselte er hier wieder häufig seine Wohnungen, fünfzehnmal in sechs Jahren. Sein seelischer Zustand begann sich wieder zu verschlechtern, Angst und Halluzinationen peinigten ihn. Seine Schriftstellerei fiel ihm auf einmal schwer, der Schwung von früher erlahmte, die schöpferische Glut war am Erlöschen. In winzigster Schrift und mit Bleistift schrieb er kaum entzifferbar, nur noch für sich. »In den letzten Berner Jahren quälten mich wüste Träume: Donner, Geschrei, würgende Halsgriffe, halluzinatorische Stimmen, so daß ich oft laut rufend erwachte.«
1929 ging er schließlich in die Heilanstalt Waldau. Vorher hatte er aber noch seine Schwester um ihre Meinung zu diesem Entschluß gebeten. Insgeheim wollte er zu ihr nach Bellelay ziehen. Da sie aber schwieg, fügte er sich ihrem unausgedrückten Willen. In Waldau schrieb er nur noch wenig, 1933 nach der Ãoberweisung nach Herisau nichts mehr. W. war ein unauffälliger, geduldiger Insasse, der keinerlei Ansprüche mehr an das Leben stellte. Er verschloß sich in sich selbst und war bei aller Bescheidenheit unnahbar und wenig gesprächig. Nur seiner Schwester Lisa und seinem späten Freund Carl Seelig, der 1944 die Vormundschaft über ihn übernahm und W.s Werk als Herausgeber betreute, öffnete er sich noch. Zu ihm sagte er am Ende seines Lebens: »Wenn ich nochmals von vorne beginnen könnte, würde ich mich bemühen, das Subjektive konsequent auszuschalten und so zu schreiben, daß es dem Volk gut tut. Ich habe mich zu sehr emanzipiert. Ich will mit dem Volk leben und mit ihm verschwinden.« W. starb auf einem einsamen Spaziergang.

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