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Walser, Martin



Geb. 24.3. 1927 in Wasserburg am Bodensee
Was haben der Bodensee und der Pazifik gemeinsam? Besonders ähnlich sind sie sich nicht, und doch spielen beide wichtige Rollen im Werk eines Mannes, der auszog, um einer der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegszeit zu werden. Seiner Herkunft schämt sich W nicht, im Gegenteil. Wenn man ihn reden hört, weiß man, woher er kommt, und das merkt man auch, wenn man seine Werke liest. Doch sind seine Stoffe, gleichwohl in der Region verankert und auf nationale Themen bezogen, solche, die man als welthaltig bezeichnen kann. W. ähnelt darin dem großen Romancier des 19. Jahrhunderts, Theodor Fontane. Was dem einen die Mark Brandenburg und Großbritannien waren, sind dem anderen die Bodensee-Region und die USA.

      An Umfang und Breite der literari-schen Tätigkeit nach 1945 kann sich unter den bekannteren Autoren wohl nur noch Günter Grass mit W. messen. Neben der Prosa, für die W. vor allem bekannt ist, finden sich Hörspiele, Dramen, Gedichte, Reden, Aufsätze, Artikel, wissenschaftliche Abhandlungen, Ãobersetzungen, Drehbücher und herausgegebene Werke. Dabei ist W. immer einer der streitbarsten Autoren deutscher Sprache gewesen. Aufregung über seine Werke gab es bereits in der Anfangszeit, und es gab sie zuletzt 2002 anläßlich der Veröffentlichung von Tod eines Kritikers, ein Roman, der sich satirisch mit der Rolle der Medien in der Gesellschaft auseinandersetzt.
      W. wuchs in seinem Geburtsort Wasserburg auf. 1938 starb sein Vater. Wie sehr dies den Jungen geprägt hat, läßt sich an dem stark autobiographisch eingefärbten Roman Ein springender Brunnen von 1998 ablesen. Nach dem Besuch der Lindauer Oberschule wechselte W. 1943 an das dortige Gymnasium und schloß 1946 mit dem Abitur ab. Während der Schulzeit wurde er für Kriegsdienste herangezogen und geriet in Gefangenschaft. Nach dem Abitur studierte W. Literatur, Geschichte und Philosophie, 1947 bis 1948 in Regensburg und anschließend in Tübingen. 1951 promovierte er dort mit einer Arbeit über Franz Kafka. Beschreibung einer Form. Versuch über Kafka erschien 1961 im Druck.
      Von 1949 bis 1957 wohnte W. in Stuttgart, arbeitete als Redakteur und Reporter für den Süddeutschen Rundfunk. 1950 heiratete er Käthe Neuner-Jehle, 1952 wurde die erste von vier Töchtern, Franziska, geboren. Von 1953 an gehörte W. zur Gruppe 47, der von Hans Werner Richter initiierten Literatenvereinigung. 1955 gewann er den Preis der Gruppe für die Erzählung Templones Ende, sie ist in W.s erster Buchveröffentlichung enthalten, die im selben Jahr herauskam: Ein Flugzeug über dem Haus und andere Geschichten.
      1957 zog W. nach Friedrichshafen, also zurück an den Bodensee, und machte sich dort als freier Schriftsteller selbständig. 1968 siedelte er ins nahegelegene Ãoberlingen-Nußdorf über. Er hat verschiedentlich, insbesondere in den 1970er und 1980er Jahren, Gastprofessuren in den USA wahrgenommen. So bilden beispielsweise die Erfahrungen seines Aufenthalts an der renommierten University of California in Berkeley 1983 den Hintergrund für den 1985 veröffentlichten Roman Brandung. W. ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt, der Sächsischen Akademie der Künste, des PEN-Clubs und des Verbands deutscher Schriftsteller. Zu seinen zahlreichen Preisen und Auszeichnungen gehören der Gerhart-Hauptmann-Preis , der Georg-Büchner-Preis , der Große Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels .
      Bereits in seiner ersten Buchpublikation Ein Flugzeug über dem Haus von 1955 sind wichtige Merkmale von W.s Prosa zu beobachten. An den Geschichten läßt sich allerdings noch deutlich der Einfluß Franz Kafkas ablesen. Geschildert werden Situationen, die alltäglich zu sein scheinen und doch jede AJltagslogik außer Kraft setzen. Meist wird aus der die Glaubwürdigkeit des Erzählten einschränkenden Ich-Perspektive berichtet. Die den Band eröffnende Titelgeschichte schildert einen Nachmittag im Garten eines villenähnlichen Hauses, gefeiert wird der Geburtstag der Tochter. Als die Jugendlichen von der Frau des Hauses allein gelassen werden, brechen archaische Verhaltensmuster durch. Zunächst sieht der Erzähler sich und die anderen Jungen von den Mädchen bedroht. Nachdem aber ein alter Mann, Großonkel des Geburtstagskindes Birga, die Jungen zu »Mitleid« auffordert und zugleich als
»Wölfe« bezeichnet, geschieht eine Verwandlung. Die Verhältnisse kehren sich um, die Mädchen werden nun bedroht und Birga wirft dem alten Mann vor, sie »ausgeliefert« zu haben. Der Lärm eines Flugzeugs initiiert den Angriff der Jungen, die nun »Herr über den Garten, das Haus und die Mädchen« werden. Die Geschichte schließt mit der Bemerkung, der Großvater weine aus seinem Mansardenfenster »in die Zukunft hinein«.
      Unschwer ist eine ausgefeilte Symbolik erkennbar. Die Hitze des Nachmittags deutet auf die des Geschehens. Der Garten ist der Raum zwischen Zivilisation und roher Natur, doch das domestizierende Element hält nur vor, bis die Jungen ihre Möglichkeiten begreifen. Das Flugzeug, der »Koloß aus Stahl«, läßt sich als Symbol für die fortschreitende Technisierung der Gesellschaft lesen, die hier auch mit Dehuma-nisierung gleichgesetzt werden kann, und es ist zugleich ein ins Groteske gesteigerter Phallus, eine von zahlreichen sexuellen Konnotationen. Man kann vermuten, daß W. hier Kritik an gesellschaftlichen Entwicklungen mit Kritik an Rollenstereotypen verbinden will - seit dem 18. Jahrhundert gilt der Mann als das aktive und die Frau als das passive Geschlecht, Frauen waren den Männern in Ehe und Gesellschaft untergeordnet.
      In seinem ersten Roman Ehen in Philippsburg von 1957 wird W.s Gesellschaftskritik konkreter. Die Schilderung des sozialen Aufstiegs von Hans Beu-mann spiegelt kritisch die Verhältnisse der Wirtschaftswunderzeit - hinter der Fassade der Philippsburger guten Gesellschaft verbergen sich Machtspiele, Korruption und Untreue. Zugleich wird deutlich, daß W sein bestimmendes Thema gefunden hat: Er führt an den Figuren vor, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist. Dabei reduziert W. seine Figuren nicht auf bestimmte Eigenschaffen und die Handlung auf monokausale Zusammenhänge. W.s Helden sind Täter und Opfer zugleich, sie werden von ihren mehr oder weniger verborgenen Wünschen und Sehnsüchten getrieben. W. greift damit Erkenntnisse der modernen Psychoanalyse auf, die in seinem Werk bis heute weiterwirken, etwa in dem folgenden Aphorismus von 2003: »Es würde genügen, mit sich selbst übereinzustimmen, um gesund zu sein. Aber man wäre dann unfähig, etwas wahrzunehmen« .
      Der illusionslose Blick des Illusionisten führt zu der charakteristischen Mischung von Sympathie und Abscheu, die viele der Figuren beim Leser erzeugen, etwa das Ehepaar Ellen und Sylvio Kern in dem Roman Ohne einander . Insbesondere die Bedeutung der Sexualität im Rollenspiel der Geschlechter und der gesellschaftlichen Funktionen wird von W. immer wieder deutlich herausgearbeitet und mit Macht, die Menschen über andere ausüben, in Verbindung gebracht. In der Anlage der Romane orientiert sich W. an verschiedenen Autoren , ohne sie zu kopieren - es entstehen komplexe Psychogramme und Handlungsgefüge, denen die Kritik wohl nicht zuletzt deshalb oft mit Unverständnis und mit dem Einfordern traditioneller Erzählweisen begegnet ist. Wichtige Hinweise zu seinen Vorbildern und dem eigenen poetischen Verfahren hat W. in seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen gegeben, die 1981 unter dem Titel Selbstbewußtsein und Ironie veröffentlicht wurden.
      Manchen seiner Protagonisten bleibt W. über mehrere Romane treu, so An-selm Kristlein in Halbzeit , Das Einhorn und Der Sturz , Franz Hörn in Jenseits der Liebe und Der Brief an Lord Liszt , Helmut Halm in Ein fliehendes Pferd und Brandung , Gottlieb Zürn in Seelenarbeit , Das Schwa-nenhaus und Jagd , oder auch dem Alter ego Meßmer aus den Aphorismensammlungen Meßmers Gedanken und Meßmers Reisen . Die Figur wird witzigerweise als Gastprofessor Tassilo Herbert Meßmer in Brandung erinnert, dem parallel zur ersten Aphorismensammlung publizierten Roman. W.s Werk ist ein dichtes Gewebe - um nicht zu sagen: ein Dschungel - von Verweisungszusammenhängen, die zweifellos genauerer Untersuchung bedürften.
      Eines der bestimmenden Themen in W.s Werk ist von Beginn an die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, vor allem mit der Zeit des Nationalsozialismus, dem Holocaust und der deutschen Teilung. In vielen Prosawerken, etwa in dem Roman Halbzeit, ist die Kritik an der fehlenden Aufarbeitung der Nazivergangenheit Bestandteil der Handlung. In den Stük-ken der Deutschen Chronik indes steht sie im Mittelpunkt: Als erstes zeigt Eiche und Angora von 1962, wie die Täter der NS-Zeit weitermachen, als sei nichts gewesen. Die Opfer der Vergangenheit -hier stellvertretend der im Lager durch Medikamenteneinnahme kastrierte
Alois Grübel und seine Frau - sind auch die Opfer der Gegenwart. In Der schwarze Schwan von 1964 haben zwei ehemalige KZ-Ã"rzte auf unterschiedlichen Wegen zu ihrem alten Beruf zurückgefunden. Sie können ihre Schuld verdrängen, doch ihre Kinder schaffen es nicht, sich damit abzufinden. Diese beiden Stücke werden wegweisend für die Auseinandersetzung mit der Schuld der älteren Generation im Theater der 1960er Jahre. Bis zum dritten Teil der Deutschen Chronik vergehen drei Jahrzehnte: Kaschmir in Parching zeigt, daß die Erinnerung an die Geschichte nunmehr zwischen Verdrängen und Ritualisierung pendelt.
      In seiner vieldiskutierten und nach Meinung der jüngeren Forschung von vielen falsch verstandenen Rede zur Ver-leihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von 1998 hat W. die Frage der Ritualisierung neu gestellt, sie auf die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und mit der 1989/90 überwundenen deutschen Teilung bezogen. W. geht von der Anerkennung der Schuld des Massenmordes an den Juden aus, plädiert aber für eine individuelle Auseinandersetzung damit und kritisiert jene »Intellektuellen, die sie uns vorhalten«. Der Autor stellt die provokante Frage, ob sie »dadurch, daß sie uns die Schande vorhalten, eine Sekunde lang der Illusion verfallen, sie hätten sich, weil sie wieder im grausamen Erinnerungsdienst gearbeitet haben, ein wenig entschuldigt, seien für einen Augenblick sogar näher bei den Opfern als bei den Tätern?« Die Seite der Täter zu verlassen ist für W. undenkbar - dies spricht gegen die seinerzeit stark verbreitete Auffassung, W. versuche, die Schuld der Deutschen am Holocaust zu relativieren. In der Friedenspreisrede geht es auch um die Folgen der Teilung - W. plädiert zum Schluß für die Freilassung eines ehemaligen DDR-Spions. Die Problematik von Menschen, die glauben, ihrem Staat zu dienen und von diesem zu Spionagezwecken instrumentalisiert werden, war bereits 1987 Gegenstand der Novelle Dorle und Wolf. Vor 1989 hat sich W. auch verschiedentlich in Reden und Aufsätzen für ein Ende der Teilung stark gemacht; und die individuellen, psychischen Folgen der Trennung in BRD und DDR hat er wenig später beispielhaft in dem Roman Die Verteidigung der Kindheit dargestellt.
      Den bisher größten Skandal um W. löste 2002 ein offener Brief Frank Schirrmachers in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus, in dem Schirrmacher begründete, weshalb die FAZ W.s neuen Roman Tod eines Kritikers nicht zum Vorabdruck annehmen würde. Der fAZ-Mitherausgeber warf W. vor, den Kritiker Marcel Reich-Ranickimit der Titelfigur des Romans nicht nur karikiert, sondern verunglimpft zu haben. Der offene Brief steigert sich bis zum versteckten Vorwurf, W. habe klischeehaft auf die jüdische Abstammung Reich-Ranickis angespielt und folglich einen antisemitischen Roman geschrieben. Im Feuilleton tobte ein heftiges Gefecht der Kritiker, das erst an Substanz gewann, als der Roman veröffentlicht und damit jedem zugänglich wurde. Jüngere Publikationen der Forschung haben Schirrmachers Vorwurf entkräftet und als Versuch dargestellt, den einstigen Ziehvater Reich-Ranicki mit allen Mitteln zu verteidigen.
      Ein populäres Mißverständnis in der Auseinandersetzung mit W. dürfte sein, daß man ihn als einen Autor betrachtet, dem es um >deutsche< Themen geht. Dabei handeln zum Beispiel Ein springender Brunnen und die Friedenspreis-Rede nicht primär über den Nationalsozialismus, sondern über Fragen der Schuld, des Gewissens und des Erin-nerns. W. hat 2002 in einem Spiegel-Interview betont, er sei gegen nichts so empfindlich wie gegen Machtausübung, da sei ihm eine Gallenkolik lieber. Diese Eigenschaft teilt er mit vielen seiner Figuren. Neben dem komplementären Verhältnis von Bodensee und USA, Region und Welt sind Individuum und Gesellschaft zu nennen, wobei dieser Autor im Zweifelsfalle immer die Position des Individuums einnimmt, des Entrechteten, des Machtlosen. W zeigt die Zwänge, denen wir alle ausgesetzt sind, mit einer grundsätzlichen Sympathie für das Versagen dessen, der den Zwängen nicht standhalten kann, und einer Antipathie gegen jenen, der seine Macht über andere mißbraucht. Meistens haben, ganz wie im wirklichen Leben, W.s Figuren ein bißchen von beidem. Das macht sein Werk so menschlich und so notwendig.
     

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