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Tieck, Ludwig



Geb. 31.5.1773 in Berlin; gest. 28.4.1853 in Berlin
I. ist als Klassiker kein lebendiger Bestandteil der heute gelesenen Literatur. Daß sein Name am geläufigsten blieb in Verbindung mit der maßgeblichen deutschen Shakespeare-Ãœbersetzung, zu der er strenggenommen keine Zeile beitrug, die er vielmehr, nach August Wilhelm Schlegels Rückzug, als Redaktor und Herausgeber zu Ende geführt hat , liefert dafür nur eine letzte Bestätigung. Die Nachwelt stufte ihn, der nach Goethes Tod als der repräsentative Schriftsteller der deutschen Literatur galt und noch bei seinem Tode von Friedrich Hebbel als »König der Romantik« gefeiert wurde, als ein Talent minderen Ranges ein. Das Urteil des Literarhistorikers Friedrich Gundolf - »Er fing an als Unterhaltungsschriftsteller niedrigen Niveaus, er hörte auf als Literaturgreis und Unterhaltungsschriftsteller hohen Niveaus« - hält noch im Lob die Herablassung, ja Verachtung fest. Man bewunderte den wendigen, witternden Nachahmer der jeweils virulenten Zeitströmung, der es von der Schauerliteratur seiner Anfänge bis zur Behandlung der Fraucnemanzipation in der Vittoria Accorombona immer mit der Aktualität hielt. Man respektierte den geschickten Zweitverwerter alter Stoffe und Formen, der sich elisabe-thanische Schauspiele, deutsche Volksmärchen und Volksbücher, mittelalterliche Gedichte und Epen gleichermaßen produktiv zunutze machte; schätzte nicht zuletzt den bahnbrechenden Lite-raturvermittlcr, Ãœbersetzer und verdienstvollen Editor . Aber den Rang eines eigenständig schöpferischen Autors sprach man ihm bis in die jüngste Zeit immer wieder ab. Mit seinen weitgespannten Interessen, seiner umfassenden Belesenheit, der nervösen Unrast seiner so auf-nahmesuchtigen wie labilen Psyche war T. der erste »moderne« Dichter der deutschen Literatur - Eigenschaften, auf die vor allem Arno Schmidt hinwies.

      Geboren als Sohn eines gebildeten Handwerkers, kam er bereits in früher Jugend mit der Welt des Theaters in Berührung; den größten Schauspieler, der je die Bühne nicht betrat, hat ihn Clemens Brentano genannt. Berlin, durch Friedrich

II.

zu einem Zentrum der Aufklärung geworden, hat ihn ent-scheidend geprägt. T. war ein Großstadtmensch, dessen Werk durch und durch urbane Züge trägt - noch seine Naturbegeisterung, seine frühromantische Landschaftsdichtung entstammten poetischer Einbildungskraft. Mit seinen seit 1821 erscheinenden Novellen, aber auch schon mit vielen der frühen Werke erschloß er der Dichtung den Alltag des modernen Lebens, die Atmosphäre der Stadt. Dem behenden, gewitzt-distan-zierten, ironischen Tonfall - der Meister des Gesprächstons war ein weitgerühmter Rezitator eigener und fremder Texte —, der aufs Raffinierteste das Bekenntnis mit der Konversation zu mischen weiß, begegnen wir schon in den präromantischen Erzählungen, die er von 1794 bis 1798 für den populären Alma-nach Straußfedern des Berliner Verlegers und spätaufklärerischen Literaturpapstes Friedrich Nicolai verfaßt hat. Gerade seine schriftstellerischen Anfänge, die Jahre zwischen 1789 und 1796, als er noch in die Schule der Trivialliteratur ging und um Geld schrieb, hat man T. später immer besonders angekreidet.
      Daß der Frühreife, der seinen Lehrern August Ferdinand Bernhardt und Friedrich Eberhard Rambach bei der Ausarbeitung von Sensationsromanen half, in knapp fünf Jahren ein gutes Dutzend Dramen und zwei Schauerromane neben vielem anderem verfaßte, wenig später aber zum Mitbegründer der Romantik wurde, um im Alter dann die Gesellschaftskunst der Novelle in Deutschland heimisch zu machen - diesem verschlungenen Hin und Her ließ sich keine Entwicklung, kein Reifeprozeß abgewinnen. Die Literaturwissenschaft verfiel auf den Ausweg, nur die Werke der romantischen Jahre gelten zu lassen. Zweifellos war dies T.s glücklichste Zeit, als er, im Mittelpunkt eines großen Kreises von Freunden stehend, jene Resonanz des Gesprächs und der wechselseitigen Anregung fand, die er zum Schreiben als Stimulans benötigte. In schneller Folge entstanden jene Werke, die noch heute seinen Ruhm ausmachen: die ironischsatirischen Märchenspiele , in deren Verkehrungsprinzip auch zeitkritische Bezüge durchklingen; die teils holzschnitthaft-naiv stilisierten, teils dämonisch-abgründigen Volksbuchbearbeitungen und Märchenerzählungen ; schließlich die Lesedramen Leben und Tod der heiligen Genoveva und Kaiser Octavianus , in denen Friedrich Schlegels Programm einer »progressiven, romantischen Universalpoesie« vielleicht am reinsten, gewiß aber auch am blassesten verwirklicht ist.
      Blutleer wirkt heute auch der Roman Franz Sternbalds Wanderungen , dem neben Wackenroders Herzensergie-ßungen wegweisenden Text für die romantische Miltelaltersehnsucht und Kunstreligion; »Wenn alle Menschen Künstler wären oder Kunst verständen, wenn sie das reine Gemüt nicht beflecken und im Gewühl des Lebens abängstigen dürften, so wären doch gewiß alle um vieles glücklicher. Dann hätten sie die Freiheit und die Ruhe, die wahrhaftig die größte Seligkeit sind.« Die Wirklichkeit T.s sah anders aus. Die Abhängigkeit von Verlegern und Publikum, von Freunden und Mäzenen machten den ständig in Geldnöten Schwebenden, wohl auch über seine Verhältnisse Lebenden, zum »Freibeuter der Gesellschaft« . »Jener fröhliche Leichtsinn« - so schrieb er während seiner Lebenskrise, als er am Sinn aller Kunst zweifelte, am 16. 12. 1803 an Friedrich Schlegel -, »in welchem ich mich doch nur eingelernt hatte, ist mir eigentlich sehr unnatürlich, von meiner frühesten Kindheit hängt mein Gemüth zu einer schwärmeri-schen Melankolie und je älter ich werde, je mehr tritt meine Kindheit entwickelt wieder in mir hervor.« Daß das Dämonische ans Alltägliche angrenzt, das Seltsamste mit dem Gewöhnlichen sich mischt, hatte T. früh erfahren und es als eine Poetik des Wunderbaren zu erfassen und zu gestalten versucht.
      Zeitweise wurden die Depressionen in den Jahren zwischen 1803 und 1818 so stark, daß sie den Schaffensdrang völlig lähmten. In dieser krisenhaften Situation nahm er das Angebot seines Freundes Wilhelm von Burgsdorff an und übersiedelte im Herbst 1802 in die ländliche Einsamkeit der Mark Brandenburg, nach Ziebingen. Dort lernte er - seit 1798 mit Amalie Alberti verheiratet - die »Gräfin«, Henriette von Finckenstein, kennen, die ihm Geliebte, Muse und Mäzenin in einem ist und fortan mit seiner Familie lebt. Bis 1819 blieb Ziebingen sein Wohnsitz, unterbrochen durch Reisen nach München , Rom , Wien , Prag , London und Paris . In diesen lahren vollzog sich der entscheidende Wandel seines Werks - ein Wandel, für den, neben den Anregungen durch den Zie-binger Kreis, die Freundschaft mit dem Philosophen Karl Wilhelm Ferdinand Solger von ausschlaggebender Bedeutung war. Den pathologischen Nihilismus seines Frühwerks lernte er, wenn nicht zu überwinden, so doch in wissender Ironie, der Selbstaufhebung des Endlichen, zu bannen. Der Ziebinger Kreis, dem er in den Rahmengesprächen des Phantasus , einer Sammlung seiner romantischen Erzählungen und Spiele, ein bleibendes Denkmal gesetzt hat, wurde mit seiner Gesprächskultur und literarischen Geselligkeit auch zur Keimzelle von T.s Novellistik.
      1819 zog er nach Dresden. Als Hofrat und Dramaturg des Theaters nahm er bald eine zentrale Stellung im kulturellen Leben der Stadt ein. Seine Leseabende, die er wie ein Dichterfürst zelebrierte, lockten Gäste aus nah und fern an. Auch als Schriftsteller gewann er nun endlich die Reputation und Ausstrahlung, die ihn beim Lesepublikum bekannt und populär machten. 1821 erschienen die beiden ersten Novellen , denen bis 1841 noch über dreißig weitere folgten : »Ich bilde mir ein, eigentlich unter uns diese Dichtart erst aufzubringen, indem ich das Wunderbare in die sonst alltäglichen Umstände und Verhältnisse lege.« Seine Novellen, die den Zeitgenossen zum Vorbild für die Gattung wurden, spiegeln thematisch wie stilistisch die ganze Physiognomie der biedermeierlichen Gesellschaft wider. Charakteristisch für T.s Novellenkunst ist das ironische Changieren zwischen den Standpunkten, das »begebenheitliche« Interesse der Konversation, dem es nicht um Ãœberzeugungen, sondern um die Form, das Spiel geht.
      1842 folgte T. einem Ruf des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV, auf Dauer wieder in seine Heimatstadt Berlin überzusiedeln. Mit der Einladung verband der König den Wunsch und die Aufgabe, Musteraufführungen auf der Bühne des Potsdamer Neuen Palais in Szene zu setzen. Theatergeschichte gemacht hat von diesen Aufführungen nur die Inszenierung von Shakespeares Sommernachtstraum mit der Bühnenmusik von Felix Mendelssohn Barthol-dy . Geschrieben hat T. nach der letzten, noch in Dresden entstandenen Novelle Waldeinsamkeit nichts mehr.
      Die letzten Lebensjahre des Alternden waren von Einsamkeit, Resignation und fortschreitender Krankheit bestimmt. Auf die Revolution von 1848 reagierte er mit Unverständnis, ja Verbitterung. Er verstand die Zeit nicht mehr, die über ihn hinwegging. Robert Minder hat als die beiden Pole von T.s
Leben und Werk »Partizipation« und »Mystifikation« benannt: »Mit jener ist echte, volle Hingabe an ein Ereignis gemeint; mit dieser eine limitierte Teilnahme, die der Lust an Nachahmung und der Gabe mimischer Brillanz entspringt.« Von den frühesten Versuchen noch des Schülers bis zu dem großen, bedeutenden Altersroman Vittoria Acco-rombona zieht sich eine »Einheit von Enthusiasmus und Ironie« . In diesem Sinne ist T. in allen Wandlungen, in allen Masken und Wendungen, immer Romantiker geblieben -auch dort noch, wo sein Werk schon an den heraufdämmernden Realismus einer neuen Zeit grenzt.
     

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