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Strauß, Botho



Geb. 2.12.1944 in Naumburg/Saale
St., dessen Bühnenstücke seit Jahrzehnten zu den meistgespielten an deutschen Theatern gehören, ist ein Kristallisationspunkt der Literaturkritik. Sehen die einen in ihm »einen Buchhalter gegenwärtiger und vergangener Moden« , der nach dem Scheitern der studentischen Aufklärungsversuche das Irrationale salonfähig macht, so gilt er anderen als »sensibler Realist« , dessen literarische Rätselbilder einer von Wahnsinn bestimmten Wirklichkeit entsprechen.

      Geboren als Sohn eines Lebensmittelberaters, besuchte er das Gymnasium in Remscheid und Bad Ems; nach 5 Semestern brach er sein Studium der Germanistik, Theatergeschichte und Soziologie ab - nebenher versuchte er sich als Schauspieler auf Laienbühnen -, um sich als Kritiker und Redakteur bei der Zeitschrift Theater heute einen Namen zu machen. Zwischen iy und 1971) erlangte er hierbei einige Reputation und Bekanntheit. Den Wechsel vom Kritiker zum Theaterpraktiker vollzog St., als er in den frühen 1970er Jahren als Dramaturg an der Berliner Schaubühne unter Peter Stein arbeitete. Erheblichen Anteil hatte St. z.B. an der bekannten und erfolgreich verfilmten Inszenierung von Maxim Gorkis Sommergäste. Sein erstes Theaterstück, Die Hypochonder , fand allerdings kaum positive Resonanz. Die in dem Drama vorgeführten verschiedenartigen Angstsituationen, in denen das Publikum vergeblich nach einem Handlungsfaden suchte, wurden von der Kritik als ein esoterisches Verwirrspiel für Eingeweihte abgetan.
      Den Geschmack von Publikum und Kritik trafst, dann mit seiner Erzählung Die Widmung . Dargestellt wird der innere Leidensweg des Buchhändlers Richard Schroubek, der, verlassen von seiner Geliebten, sich aus seinen normalen sozialen Bezügen löst und sich ganz seinem Schmerz hingibt. Das Verlassensein und Herausgelöstwerden wird zu einer Grundkonstante im Werk des Autors. Auch die Protagonisten der späteren Dramen bewegen sich in geradezu künstlichen Handlungsräumen, die, zwischen Banalität und Exzentrik schwankend, einen klareren Blick auf die Befindlichkeit der Personen erlauben. Vor allem mit der Widmung wird St. zu einem herausragenden Literaten der in den späten 1970er Jahren besonders gepflegten sogenannten >Neuen Innerlichkeit.
      Seine Dramen Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle und Trilogie des Wiedersehens waren - da sie jetzt den Zeitgeist der von Agitprop und Dokument befreiten Kunst widerspiegelten - erste durchschlagende Theatererfolge. Zum besten Stück der Spielzeit 1978/79 wurde seine Szenencollage Groß und klein erklärt. Vorgeführt werden die Stationen eines Leidenswegs, den eine junge Frau auf der Suche nach Zuneigung und Geborgenheit in verschiedenen Räumen der gegenwärtigen Gesellschaft durchlebt, um schließlich im Zustand geistiger Verwirrung zu enden. Mit Hans Wolfschütz läßt sich feststellen, daß in den St.-Stücken der 1970er Jahre die Sehnsucht in einer Atmosphäre allgemeiner Erschöpfung »als einziger Lebensantrieb« fungiert und das Passive, das Warten, zur Haupteigenschaft der Personen wird. Auch in Kalldewey, Farce werden Personen vorgestellt, denen es an innerem Halt mangelt; gefühlskalte Menschen lassen keine Hoffnung aufkommen. Zunehmend deutlich wird die Tendenz, Gegenwartsprobleme auf überhistorische, mythische Grundlagen zu beziehen. Die Erzählweise schwankt zwischen Ironie und Melancholie. Das Fehlen einer Fabel sowie einer durchgehenden Problemkonstellation ist charakteristisch. Kaleidoskop- und collageartig sowie mit filmi-schen Schnitt-Techniken wird das Leiden des Individuums in der Gegenwart vorgeführt.
      Den Vorwurf des Esoterischen handelt sich St. dadurch ein, daß er z. B. in Der Park die Grenzen von banalem Alltag und Phantasiewelt aufhebt oder in den Reflexionen Paare, Passanten Versatzstücke aus Philosophie und Bildungsgut eigenwillig vermengt. Im Park wollen Oberon und Titania, die St. aus Shakespeares Sommernachtstraum geborgt hat, in den nüchternen und beziehungsgestörten Gegenwartsmenschen die verschütteten sinnlichen Energien zu neuem Leben erwecken. Allerdings, am Ende verändern sich nicht die Menschen, sondern die Götter ähneln immer mehr den lustlosen Alltagsmenschen.
      Um das Scheitern absoluter Liebe geht es in dem Drama Die Fremdenführerin . Während eines Urlaubs in Griechenland verliebt sich ein deutscher Lehrer in die Fremdenführerin, die ihm nicht nur die Ruinen der altgriechischen Kultur erklärt, sondern auch die Gefühlswelt durcheinanderwirbelt. Reagierte hier die Kritik recht verhalten, so wurde Die Zeit und das Zimmer von Publikum und Feuilleton gleichermaßen begeistert aufgenommen. In unzusammenhängenden Episoden wird das Verhältnis der Geschlechter zwischen Kampf und Nähewunsch vorgeführt. Mythische Gewalten scheinen im Schlußchor das Mißlingen der Liebe zu beeinflussen. Ein Mann überrascht eine unbekleidete Frau im Bade und entkommt, als wäre sie die rachedurstige Göttin Diana, ihren tödlichen Nachstellungen nicht. Das Stück bringt zugleich die deutsche Wiedervereinigungsproblematik in drastischer, manchmal allegorischer Weise auf die Bühne. Mythologisierung als Gegenbild zur modernen, von der bewußtseinsbildenden und erotischen Kraft des Mythos verlassenen Welt, das ist auch das zentrale Thema des von den Heim-kehr-Gesängen der Odyssee geformten Stückes Ithaka sowie von Die Ã"hnlichen , Kuss des Vergessens , Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia und Unerwartete Rückkehr . Die Welt, scheint St. in immer neuen Varianten sagen zu wollen, war einmal besser gedacht, als sie jetzt ist, und sie hat zwar heute nichts Besseres mehr verdient, aber das Bessere irgendwann einmal kennengelernt.
      Unter keinem Gattungsbegriff ist der >Roman< Der junge Mann zu fassen. Theoretische Visionen werden mit phantastischen Erzählungen verknüpft, satirische, allegorische und essayistische Momente, die insgesamt sich gegen eine plausible Deutung sperren, fließen ineinander. Spätestens seit dieser merkwürdig-unverständlichen Roman-schrift sowie auch dem 80seitigen Gedicht Erinnerung ... stehen sich Gegner und Befürworter seines Werkes unversöhnlich gegenüber. Günter Schä-ble sprach bereits von einem »Glaubenskrieg« und bezeichnete den Autor als Indiz für die »Wende in der Dichtkunst« zum konservativen Kitsch. Ein zentrales Thema der in regelmäßigem zeitlichen Wechsel zu den Dramen erscheinenden Prosa ist die Unmöglichkeit der Liebe, wie St. es in Kongreß. Die Kette der Demütigungen auf beinahe peinigende Weise vorführt. Wie durch ein Blitzlicht erhellt und stillgestellt wirken die Situationen, in die St. seine Figuren in Niemand anderes und in Beginnlosigkeit stellt. Philosophische und essayistische Reflexionen stehen hier gleichberechtigt neben erzählter Episode und wortwitzigem Apercu.
      Die polemische Kritik an der modernen Zivilisation ist Thema von Die Fehler der Kopisten und setzt fort, was St. 1993 in seinem heftig diskutierten Spiegel-Essay Anschwellender Bocksgesang kulturkritisch beleuchtet hatte. Seine Klagen über die Sinnentleerung inder Gesellschaft und seine Forderung nach intellektueller Führerschaft der kulturellen Eliten trägt ihm den Vorwurf ein, sein dünkelhaftes Denken sei reaktionär, irrational und antiaufklärerisch. Dem Autor von Die Nacht mit Alice, als fulia ums Haus schlich wird von Volker Hage zwar bescheinigt, er bleibe »der große Zeitgenosse unter den deutschen Gegenwartsautoren«, seine seismographische Prosa fange »scheinbar mühelos die Erschütterungen des Heute und die Vorbeben des Zukünftigen« ein. Doch wird St. mit seinen unzeitgemäßen Betrachtungen über das Ganze, das in immer kleinere, unverständliche Teile zerfällt {Der Aufstand gegen die sekundäre Welt. Bemerkungen zu einer Ã"sthetik der Anwesenheit, 2001), der ihn ehemals huldigenden links-liberalen Kultur-Schickeria endgültig als elitärer Niedergangsdiagnostiker suspekt. Der mit dem Jean-Paul-Preis , dem Georg-Büchner-Preis , dem Berliner Theaterpreis und dem Lessing-Preis ausgezeichnete Schriftsteller kann für sich in Anspruch nehmen, der vielleicht umstrittenste, einzelgängerischste und rätselhafteste deutsche Gegenwartsautor zu sein.
     

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Strauß,  Botho    





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