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Stifter, Adalbert



Geb. 23.10.1805 in Oberplan/ Böhmerwald; gest. 28.1.1868 in Linz
Albert St. entstammt einer Handwerkerfamilie, in der man Leinen webte und mit Flachs handelte. St.s Leben hat sich im wesentlichen in der europäischen Kernlandschaft zwischen Prag, Passau, Linz und Wien abgespielt; diese Landschaft zwischen Moldau und Donau beherrscht auch das Werk; nur einmal in seinem Leben kommt St. in den Süden ; seine Weltanschauung, sein Wesen und Werk erscheinen zutiefst österreichisch, völkerverbindend und insgesamt östlich ausgerichtet. Trotz unver-kennbarer zeittypischer Erscheinungsformen tendiert St. ins Ãoberzeitliche; die großen Romane Der Nachsommer und Witiko sind literarische Entwürfe gegen die herrschenden politischen und sozialen Strömungen; politische Massenbewegungen. Die einsetzende Verstädterung und die Anzeichen der industriellen Revolution, des beginnenden Maschinen-Zeitalters strahlen nur wie von ferne in sein Werk; wo sie allerdings erfaßt werden, wie etwa in den Wiener Reportagen , dem Tandelmarkt oder den späten Winterbriefen aus Kirchschlag , erkennt man nicht nur den naturwissenschaftlich geschulten Beobachter, sondern auch den entschiedenen Zeitkritiker. Naturbegriff und Landschaftsdarstellung in seinem Werk sind äußerst komplex und durchmessen die aus der späten Romantik bekannten Muster bis hin zum nihilistischen Schauer; es finden sich aber auch Anklänge an die bis ins Utopische gesteigerten real-symbolischen Darstellungsweisen des späten Goethe der Waudcriahre wie jene rätselhaften säkularisierten »Offenbarungslandschaften« in der Mappe eindrucksvoll in ihrer Ruhe und Erstarrung. Walter Benjamin hat einmal von einer »geradezu pervers und raffiniert verborgenen Dämonie« der Natur bei St. gesprochen. Die in vielen seiner Texte einbrechenden oder wie selbstverständlich vorhandenen Fremden und »Wilden«, z.B. das »wilde Mädchen« im Waldbrunnen , stellen nur den äußersten Rand des Personenspektrums dar, sind doch die Entsagungsfiguren St.s, meist Zurückgekehrte, einzelne, oftmals wie St. selbst kinderlos. Resignierte und Sonderlinge, allesamt fremd und unzeitgemäß in ihrem Glauben, daß in der Versöhnung mit der Natur letztlich eine Entsühnung früher, zumeist durch Leidenschaft erzeugter Schuld, ihre »soziale Bewährung« erreichbar sei.
      Die biographischen Spuren im Werk sind vielfältig und nachhaltig, aber selten oberflächenhaft festzumachen. Das gilt für die von der Mutter ererbte Triebhaftigkeit, gegen die er lebenslang angekämpft und angeschrieben hat. Es gilt aber auch für jenes »Zugrunderichtende«, das er zum erstenmal als Zwölfjähriger beim Unfalltod des Vaters unmittelbar miterlebt; das gilt vor allem für sein unglückliches erotisches Schicksal, das seinen Lauf nimmt, als Fanny Greipl seine leidenschaftliche Zuneigung abweist. Die unglückliche Liebe des Studenten zu ihr, 1827 einsetzend, eine schwere Belastung St.s über den frühen Tod Fannys im Jahr 1839 hinaus, ist denn auch vorrangiger Gegenstand der biographischen Arbeiten zu St. Das gilt aber auch für das über Jahrzehnte so Ungewisse berufliche Schicksal. Dabei hatte St. das traditionsreiche Gymnasium des Stifts Kremsmünster, gefördert von Pater Placidius Hall, von 1818 bis 1826 glänzend durchlaufen, sich besonders der antiken Literatur, aber auch der Malerei und Naturkunde gewidmet und als notwendige Voraussetzung für den erstrebten Staatsdienst in Wien mit dem Jurastudium begonnen; in der Tat aber ist die Verstörung durch die nicht erwiderte Liebe zu Fanny Greipl derart, daß sie ihn für Jahre aus der Bahn wirft; weder schließt er das Studium ab , noch hat er, der sich als Hauslehrer über Wasser hält , Erfolg bei seinen Bewerbungen. 1837 heiratet er die Modistin Amalie Mohaupt, die Ehe bleibt kinderlos, die beiden Ziehtöchter sterben früh . Ab 1840 meldet sich der Schriftsteller St. zu Wort, die Malerei tritt zurück, erste Erzählungen erscheinen in Journalen und Taschenbüchern, dann übernimmt der bedeutende Prager Verleger Gustav Heckenast Werk und Betreuung. St. verkehrt in den Wiener Salons, muß sich den Auseinandersetzungen in dem vongegenseitiger Konkurrenz beherrschten Literaturbetrieb stellen, u.a. mit Friedrich Hebbel; er empfindet die heraufziehende bürgerliche Revolution als überfällig, plant einen Robespierre-Roman, wendet sich aber dann von der Revolution ab. Er wirkt pädagogisch und ministerial, zunächst als Schulrat für Oberösterreich, gründet eine Realschule in Linz, dem Wohnsitz, scheidet aber auf eigenen Wunsch 1865 vorzeitig aus dem Schuldienst aus und wird zum Hofrat ernannt.
      Seit 1840 entfaltet sich St.s Werk in Schüben. Das ständige, im Falle der Mappe meines Urgroßvaters lebenslange, Umarbeiten nennt er »Roden«. Und es erscheinen die Romane, die ihn nach einem halben Jahrhundert des Vergessens seit Beginn des 20. Jahrhunderts zum >Klassikerdraußen< ausblenden. Seine edlen, sich vollkommen konfliktfrei darstellenden und souverän über die Schätze der Natur und des Geistes gebietenden »Kunst«-Menschen spielen ein Spiel, das angesichts der wirklichen Gegebenheiten der zweiten Jahrhunderthälfte alle Merkmale einer rückwärtsgewandten Utopie aufweist. St.s letzter Roman Wi-tiko scheint dies unwillkürlich zu unterstreichen, wenngleich er an den für das 19. Jahrhundert typischen historischen Roman anknüpft und die Frühzeit der tschechischen Staatsgründung im 12. Jahrhundert behandelt. In diesem Roman, der aufgrund seiner Vielzahl ungewöhnlicher Stilmittel Ver-wirrung und Kontroversen hervorgerufen hat, entwirft er ein politisches Handlungsmodell, das ganz auf demokratischer Rationalität gegründet ist. Der Versuch einer symbolischen Ãoberwölbung seines Werks in der vierten, der »letzten« Fassung der Mappe meines Urgroßvaters scheitert; die nunmehr zum Roman ausgestaltete Erzählung bleibt Fragment. St. fügt sich am 26. Januar 1868 mit dem Rasiermesser eine tödliche Wunde zu; er stirbt zwei Tage später, ohne noch einmal das Bewußtsein erlangt zu haben. »Die Vollendung der Dichtung mußte dem Leben versagt bleiben, das unter dem gewaltsamen Harmonisierungswunsch am Ende zerbrach« .
     

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