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Seghers, Anna (d.i. Netty Reiling)



Geb. 19.11.1900 in Mainz, gest. 1.6.1983 in Berlin
S. entstammte einer Familie von Kaufleuten aus dem Rheinhessischen; die Eltern Reiling gehörten zur orthodoxen

Israelistischen Religionsgemeinde in Mainz, ihre einzige Tochter erhielt eine traditionelle jüdische Erziehung. An der Universität Heidelberg absolvierte sie ein breitangelegtes Studium und promovierte mit einer Arbeit über Jude und Judentum im Werke Rembrandts . Mit Studienfreunden wie dem Sinologen Philipp Schaeffer und dem Sozialphilosophen und späteren Wirtschaftswissenschaftler Laszlo Radvanyi , ihrem späteren Mann, diskutierte S. soziale Fragen und marxistische Ideen, vertiefte ihre Kierkegaard-und Dostojewski-Lektüre. Auch die philosophisch-politischen Anschauungen des Emigranten-Kreises um Georg Lu-käcs, Karl Mannheim und Julia Läng waren von Einfluß auf die Genese der Autorschaft S.' und v. a. auf ihre Gestaltung des >RevolutionsmythosRevolutionsmythos< in exi-stenziellem Sinn an. Ihre erste veröffentlichte Erzählung, Die Toten auf der

Insel Djal. Eine Sage aus dem Holländischen, nacherzählt von Antje Seghers , erzählt in Text und Subtext vom Vorgang des Lebendig- und Wirklichwerdens durch das Wort, aus der Schrift heraus: Dies betrifft sowohl die fiktive Erzählerin als auch die männliche Hauptfigur aus dem 16./17. Jahrhundert, den Pfarrer Jan Seghers. Ihn, den Toten, führt der Glaube an das lebendige Wort Gottes zurück ins Leben -und dieser selbe Vorgang >produziert< die aus dem Text der Sage abgeleitete Autorschaft Seghers.
      S. und Radvanyi heiraten 1925 in Mainz, leben danach in Berlin, wo Radvanyi Lorenz SchmidT) zuerst für die KPD, später als Leiter der Marxistischen Arbeiterschule arbeitet. Die Kinder Peter und Ruth werden 1926 und 1928 geboren. 1927 veröffentlicht S. die Erzählung Grubetsch, 1928 Aufstand der Fischer von St. Barbara und erhält für beide den angesehenen Kleist-Preis des Jahres 1928. Neben weiteren Erzählungen, operativer Kurzprosa und publizistischen Arbeiten entsteht ihr erster Roman, Die Gefährten , den Siegfried Kracauer eine »Märtyrerchronik« nannte, den Revolutionären gescheiterter Aufbrüche im Gefolge der Oktoberrevolution gewidmet.
      Im Januar 1933 beginnen Jahre des Exils, zunächst in Frankreich, ab 1941 in Mexiko. S. engagiert sich weiterhin politisch und publizistisch für den antifaschistischen Kampf. Literarisch vollzieht sie mit Der Kopflohn. Roman aus einem rheinhessischen Dorf im Spätsommer 1932 die Wende zum Deutschlandroman - zugleich bestimmt vom Auftrag, Aufklärung über das NS-Regime zu leisten, wie durch Sehnsucht und Heimweh: Diese Haltung prägt ihre gesamte im Exil entstandene Prosa und Essayistik: so z.B. die programmatische Rede Vaterlandsliebe , den Bergarbeiterroman Die Retung und vor allem den Roman, der ihren Weltruhm begründet, Das siebte Kreuz , ihren »Heimatroman aus Hitlerdeutschland« . Die um 1937 begonnene Arbeit an diesem Roman unterbricht S., um in zwei Briefen an Georg Lukäcs die Grundlagen ihrer Poetik zu formulieren. »Diese Realität der Krisenzeit, der Kriege usw. muß ... erstens ertragen, es muß ihr ins Auge gesehen und zweitens muß sie gestaltet werden«, schreibt sie. Die Unmittelbarkeit des Erlebens hebt sie gegenüber der normativen literarischen Methode hervor, gegen den Klassiker Goethe setzt sie Dichter wie Lenz, Hölderlin, Kleist, deren Werk die Spuren krisenhaften Umbruchs trägt und denen sie sich verwandt fühlt. Ihre Lebensverhältnisse werden zunehmend bedrückender; zur politischen Gefährdung kommt die Sorge um das tägliche Brot. Nach der Besetzung von Paris durch die Wehrmacht gelingt S. schließlich mit ihren Kindern die Flucht in unbesetztes Gebiet, in die Nähe des Lagers Lc Verriet, wo ihr Mann interniert ist. Ihre Briefe aus dem Winter 1940/41 dokumentieren ihre tiefe Depression, die sie nur schreibend aushalten, ja überleben kann. Die Arbeit an dem Roman Transit , der die unmittelbaren Spuren dieser Krisenerfahrung trägt, rettet ihr das Leben. War Das siebte Kreuz eine Heimatbeschwörung, so steht Transit für absolute Heimatlosigkeit. Im März 1941 verläßt die Familie auf einem Frachtschiff Marseille, Frankreich und Luropa. »Ich habe das Gefühl, ich wäre ein Jahr tot gewesen«, schreibt S. an Freunde in Mexiko, wo die Flüchtlinge im November ankommen. Die Veröffentlichung von Das siebte Kreuz macht S. weltberühmt. Die Zeit materieller Not ist vorbei, sie hat erstmals wieder Ruhe zum Arbeiten. Die Nachricht von der Ermordung ihrer Mutter in dem polnischen Lager Piaski trifft sie existenziell. Nach einem Autounfall schwebt S. wo-chenlang zwischen Leben und Tod. Danach entstehen die Erzählungen Ausflug der toten Mädchen und Post ins Gelobte Land, ein Abschied von der Mutter und der durch Bomben zerstörten Heimatstadt die eine, ein Requiem auf die ermordeten Juden die andere. Der große Roman Die Toten bleiben jung , eine Chronik deutscher Geschichte von 1917 bis 1945, entsteht bereits im Zeichen der Rückkehr nach Deutschland.
      Im Frühjahr 1947 vertauscht S. die Geborgenheit des mexikanischen Exils mit der Trümmerlandschaft Deutschlands. An die dreißig Jahre lebt sie zusammen mit ihrem Mann im zweiten Stock eines Mietshauses in Berlin-Adlershof. Ihre Entscheidung für die DDR war keine so ungebrochene, wie es ihre offiziellen Stellungnahmen nahelegen. Ein neuer «Originaleindruck« stellte sich nicht mehr ein. S., die sich in der Weltfriedensbewegung engagiert und lange Jahre Vorsitzende des Schriftstellerverbandes bleibt, wird zu einer wichtigen Repräsentantin der DDR. Mehr als in früheren Jahren ist ihr Schaffen nach 1947 von theoretischen Ã"ußerungen begleitet. Neben einfacher, didaktischer Kurzprosa wie Friedensgeschichten und den Karibischen Geschichten , in denen sie im historischen Gewand über das Scheitern der Revolution reflektiert, entstehen mythisch-legendenhafte Erzählungen wie Das Argonautenschiff und schließlich die beiden großen DDR-Romane Die Entscheidung und Das Vertrauen . S.' Gegenwartsbewältigung als Autorin endet mit dem Aufstand von 1953 und Stalins Tod. Ihre Prosa bleibt der Aufgabe verpflichtet, über Kontinente und Epochen hinweg »Gedächtnis der Revolution« zu sein und so für Die Kraft der Schwachen zu zeugen. Wichtige Akzente in der neueren DDR-Literatur setzt S. mit Erzählungen wie Das wirkliche Blau und Die Reisebegeg-nung , die den engen Realismusbegriff um das Romantische und das Phantastische erweitern. Die Erzählung Ãoberfahrt kann als späte Bilanz gelten: Sie thematisiert die Trauer um den unwiederbringlichen Verlust der auf die sozialistische Idee gerichteten Lebenshoffnung. S., die sich mit zunehmendem Alter und aus gesundheitlichen Gründen immer mehr öffentlichen Aufgaben entzieht, wird mehr und mehr zu einer »Legendenperson, mit ihrem Urbild nur teilweise identisch, zum anderen Teil aber aus den Bedürfnissen derer gemacht, die die Legende schaffen« . Daß hinter dieser »Legendenperson« ein Mensch mit Widersprüchen sichtbar wird, ist auch der Veröffentlichung der 1957/58 entstandenen fragmentarisch gebliebenen Erzählung Der gerechte Richter anzumerken, die in einer für die Erzählerin S. ideologisch wie ästhetisch nicht zu bewältigenden Radikalität die sozialistische Idee mit ihrer deformierten stalinistischen Realität konfrontiert und damit eine für die DDR-Literatur frühe Bilanz des Scheiterns des Sozialismus gibt.
     

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