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Schnitzler, Arthur



Geb. 15.5.1862 in Wien; gest. 21. 10.1931 in Wien
In seinem für die Beziehung von Psychoanalyse und Sch.s Dichtung aufschlußreichen Glückwunschschreiben zum 60. Geburtstag des Dichters hat Sigmund Freud die Distanz zu seinem »Collegen« Seh. mit einer Art »Doppelgängerscheu« erklärt. Er schreibt dazu: »Nicht etwa, daß ich so leicht geneigt wäre, mich mit einem anderen zu identifizieren oder daß ich mich über die Differenz der Begabung hinwegsetzen wollte, die mich von Ihnen trennt, sondern ich habe immer wieder, wenn ich mich in Ihre schönen Schöpfungen vertiefe, hinter deren poetischen Schein die nämlichen Voraussetzungen, Interessen und Ergebnisse zu finden geglaubt, die mir als die eigenen bekannt waren. Ihr Determinismus wie Ihre Skepsis - was die Leute Pessimismus heißen -, Ihr Ergriffensein von den Wahrheiten des Unbewußten, von der Triebnatur des Menschen, Ihre Zersetzung der kulturell-konventionellen Sicherheiten, das Haften Ihrer Gedanken an der Polarität von Lieben und Sterben, das alles berührte mich mit einer unheimlichen Vertrautheit ... So habe ich den Eindruck gewonnen, daß Sie durch Intuition - eigentlich aber in Folge feiner Selbstwahrnehmung - alles das wissen, was ich in mühseliger Weise an anderen Menschen aufgedeckt habe.« Freuds Doppelgängerscheu kann mit einigem Recht auf die Befürchtung bezogen werden, in Seh. dem mit »unheimlicher Vertrautheit« zu begegnen, was in ihm selbst versagte Möglichkeiten geblieben sind. Seh. lediglich eine Begabung zur Intuition zuzusprechen, verkürzt indes den wahren Sachverhalt, denn der Schriftsteller hatte sich als Mediziner mit der Psychoanalyse und ihrer Vorgeschichte eingehend befaßt. Als Sohn eines angesehenen Medizinprofessors hatte Seh. - wie Freud - an der Wiener Universität bei den damals herausragendsten Vertretern der Wiener medizinischen Schule studiert. Für die Zeitschrift seines Vaters, die Internationale Klinische Rundschau, hatte der Student als Medizinjournalist gearbeitet und dabei die Studien Charcots in der Ãobersetzung Freuds rezensiert. Hypnose und Suggestion wurden von Seh. experimentell angewandt. Folie hierfür blieb allerdings der Determinismus - der freie Wille ist nichts anderes »als die für die Dauer der persönlichen Existenz in das Individuum gesperrte Kausalität« - semer durch Hermann von Helmholtz beeinflußten Anschauung, die am empiristischen und positivistischen Wissenschaftskonzept festhielt. In seiner Autobiographie Jugend in Wien , die bis 1889 reicht, berichtet er ausführlich über seine wissenschaftlichen und literarischen Anfänge.

      Für die Literatur war ihm, der zum Literatenkreis der Jungwiener gehörte, die Psychoanalyse eine außerordentli-che Unterstützung, denn auch die »neueren Dichter« hätten erkannt, »daß die Seele im Grunde kein so einfaches Ding sei«. Als Mediziner sah er sich jedoch zu Einwänden gegen Freuds Theorie veranlaßt; Theodor Reik, von dem auch die erste wissenschaftliche Untersuchung zu Seh. stammt, spielte hierbei die Vermittlerrolle. Die Einwände Sch.s betrafen nach Michael Worbs die Erklärung psychischer Störungen einzig aus der Sexualität, obwohl dies gerade angesichts von Sch.s Werk befremden muß und vielleicht lediglich als eine Rationalisierung betrachtet werden darf. In seinem Plädoyer für eine »psychologische Literatur« schreibt Seh.: »Die Begrenzungen zwischen Bewußtem, Halbbewußtem und Unbewußtem so scharf zu ziehen, als es überhaupt möglich ist, darin wird die Kunst des Dichters vor allem bestehen.« Deshalb sprach er sich gegen die Ãoberdetermi-nierung der Bildung des Unbewußten in der Psychoanalyse aus und führte als Korrektiv der Freudschen Topik ein »Mitlelbewußtsein« ein: »Das Mittelbewußtsein wird überhaupt im Ganzen zu wenig beachtet. Es ist das ungeheuerste Gebiet des Seelen- und Geisteslebens; von da aus steigen die Elemente ununterbrochen ins Bewußte auf oder sinken ins Unbewußte hinab. Das Mittelbewußtsein steht ununterbrochen zur Verfügung. Auf seine Fülle, seine Reaktionsfähigkeit kommt es vor allem an.« Er kritisierte den gewohnheitsmäßigen Rekurs auf das Unbewußte, der häufig zu vorschnellen Antworten führe. Auch die Freudsche Topik »Ich/Ãober-Ich/Es« bedachte er mit dem Schematismus-Vorwurf, schließlich formulierte sein Empirismus Vorbehalte gegen jegliches ganzheitliches Erklärungsmodell, mithin auch gegen die Psychoanalyse. »Ich schreibe Diagnosen«, erklärte Seh. kategorisch zu seinen literarischen Arbeiten. Seinen eigenen Determinismus weichte Sch.s Skepsis auf, indem pragmatisch ein »Als ob« des freien Willens ent-gegengesetzt wird. Aus diesem Dualismus entspringen die Rollenkonzepte seiner Dramen und das Luigi Pirandello verwandte Spiel im Spiel .
      Eine Opposition zu seinem Determinismus bilden auch die liberalen Ideen, denen sich Seh. bereits seit früher Zeit verschrieben hatte. Der Wiener Liberalismus definierte den Menschen als rationales, autonomes Wesen, das durch - moralische - Selbstbeherrschung und Verfügung über die Natur das gesellschaftliche Glück ermögliche. Seh. ist darin Repräsentant seiner Zeit. Egon Friedell nannte ihn auch deshalb einen Darsteller der »Topographie der Wiener Seelenverfassung um 1900«. Die Krise des Wiener Liberalismus, die äußerlich mit dem Großen Krach an der Börse von 1873 eingeleitet wurde, brachte eine entschiedene Umorientierung in der Kunst mit sich. Karl Kraus stellte dazu polemisch fest, daß der »Wirkungskreis des Wiener Liberalismus auf ein Premierenpublikum« beschränke. Carl E. Schorske sieht als Resultat dieser Krise den Aufbau einer Ersatzwirklichkeit in der Kunst, die durch Introversion hervorgebracht wurde: der Weg nach Innen führte zur Selbstanalyse und zum Narzißmus, die in der Wiener Literatur der Jahrhundertwende im Zentrum stehen, zumal der Naturalismus in der versinkenden Habsburger-Metropole so gut wie nicht Tritt fassen konnte. Was Richard Hamann und Jost Hermand demnach über die Epoche festgestellt haben, gilt in besonderem Maße für Seh.: »Man schließt sich ab, beschränkt sich auf seinen ästhetischen Innenraum und gerät so in eine Landschaft der Seele, die fast ausschließlich auf dem Prinzip der autistischen Bezogenheit beruht.«
Ein Tagebuchzitat vom 19. Februar 1903 soll stellvertretend für die Art der Selbstbeobachtung bei Seh. stehen: »die Disharmonie, der Kampf zwischen zwei direct entgegengesetzten Lebens-anschauungen, der mein Wesen charak-terisirt und mich zu einer ewigen inneren Unruhe verdammt. Revolutionär ohne Muth, abenteuerlustig ohne die Fähigkeit Unbequemlichkeiten zu ertragen - Egoist ohne Rücksichtslosigkeit -und endlich ein Künstler ohne Fleiss -ein Selbsterkenner ohne Tendenz zur Besserung - ein Verächter des allgemeinen Urtheils mit der kleinlichsten Empfindlichkeit - so einer ist dazu geboren, alles zu bereuen, was er angefangen - denn er setzt nie sich selber ein, und es gibt kein Glücksgefühl ohne diese Entschlossenheit.« Das Tagebuch führte Seh. mit Akribie von 1879 bis zwei Tage vor seinem Tode; wegen der Intimität des Inhalts verbarg er es sogar vor seiner Frau. Es bezeugt »Schnitzlers Anstrengung, der Flüchtigkeit des Lebens die Festigkeit des Geschriebenen entgegenzustellen«, wie Werner Welzig, der Herausgeber der Tagebücher, konstatiert hat.
      Der Dualismus von Kausalität und »Als ob« eines freien Willens brachte Seh. zu einem eigenen dramatischen Stil, der bei der französischen Konyersa-tionsliteratur Anleihen machte und die Handlung fortschreitend durch den geistreichen, eleganten Dialog auflöst. Die Figuren und ihr Charakter erhalten dadurch etwas Schwebendes, Undeutliches, Verwischtes; ihre Gesten und Reden verlieren sich im Unbestimmten. Nur einmal begegnen wir einem klinischen Realismus: in der frühen Novelle Sterben . Als Novum führte Seh. den inneren Monolog in die deutsche Literatur ein, der eine Verwandtschaft mit der Technik der freien Assoziation der Psychoanalyse aufweist, die ihrerseits wiederum eine gewisse Abhängigkeit von der Talmud-Exegese verrät. Im Lieutenant Gustl , einer Satire auf den Ehrenkodex der k. u. k. Offizierswelt, und in Fräulein Else , der Darstellung des tödlichen Konflikts zwischen Selbstbewahrung und Opfer für die Familie, hat er dieses Ausdrucksmittel mit wachsender Präzision eingesetzt. Im Reigen , einer Serie von zehn Einaktern, die wegen ihrer erotischen Offenheit mehrmals verboten wurde, herrscht allein schon äußerlich die Figur des Kreisens vor: jeder Einakter hat den Dialog vor und nach dem Geschlechtsakt zum Inhalt, eine über alle Standesgrenzen sich hinwegsetzende, potentiell ins Unendliche reichende Fortsetzung des Begehrens und seiner sprachlichen Rituale. Der erotische Reigen zieht alle Klassen in seinen Bann; die Abenteuer eines Grafen und eines Dichters, die einer luxuriösen Dame wie einer Prostituierten rollen als Bilderfolge eines modernen Totentanzes ab. Das »süße Mädl« wird hier ebenso zum erotischen Beuteobjekt der sog. besseren Herren wie in Johann Nepomuk Nestroys Posse Das Mädl aus der Vorstadt. Die Vorstädte Wiens mit ihrer kleinbürgerlichen Bevölkerung hatten gegenüber der Metropole eine eigene Lebensform und Theaterkultur hervorgebracht. Die Putzmacherinnen sind die exemplarischen weiblichen Vertreter eines Milieus, das nur auf den ersten Blick idyllisch anmutet. Seh. entdeckt dahinter die fatale Verkettung von Armut, Ausbeutung und grober Begier, die durch Geldscheine verdeckt wird. Gerade der Kontrast von Metropole und Vorstadt lieferte ihm die polaren Charaktere, die sozialen Spannungen, die skrupellosen Typen und die einfachen Mädchen mit ihrer sanften und oft verwüsteten Schönheit. Einzelne Stichwörter sollen kurz das Zentrum andrer Werke bezeichnen: >Hypnose< in Die Frage an das Schicksal aus dem Anatol-Zykus; >Hysterie< im Paracelsus-Stück ; >Inzest< in der Novelle Frau Beate und ihr Sohn ; schließlich behandelt die meisterhafte Traumnovelle die psychische Funktion des Traumlebens durchaus in einem der Freudschen Traumdeutung verpflichteten Sinne. Durch diese kleine Zusammenstellung mag deut-lich werden, in welchem Maße Seh. die Themen der Psychoanalyse zu Sujetentwürfen gruppierte. Für sein literarisches Werk gilt insgesamt eine erstaunliche Kontinuität sowohl in thematischer als auch in formaler Hinsicht.
      Als Jude war Seh. dem Antisemitismus in Wien ausgesetzt. In dem Schauspiel Professor Bernhardi und in dem Roman Der Weg ins Freie hat er die Situation des jüdischen Intellektuellen und der jüdischen Bourgeoisie behandelt. Der Zionismus galt ihm zwar als moralisches Postulat, er lehnte aber die Errichtung eines Judenstaates als geschichtsblind ab. Der große Roman Der Weg ins Freie ist darüber hinaus jedoch eine eindringliche Darstellung der Wiener Kultur und ihrer bürgerlichen Träger; er beschreibt »die sich zersetzende moralisch-ästhetische Kultur Wiens im Fin de siede« . Hugo von Hofmannsthal hat die Bedeutung Sch.s folgendermaßen festgehalten: Als »Arzt und Sohn eines Arztes, also Beobachter und Skeptiker von Beruf, ein Kind der obern Bourgeoisie und des endenden 19. Jahrhunderts, einer skeptischen, beobachtenden und >historischen< Epoche« habe Seh. »die sehr gebildete, scharf pointierte, an Reflexen und geistreichen Formeln reiche Sprache dieser bestimmten sozialen Gruppe« geschrieben. Seine Tagebücher, die ediert vorliegen, geben umfassend Auskunft über Leben und Werk, seine Lektüren und seine Erfahrungen zwischen Traum und Tod.
     

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Schnitzler,  Arthur    





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