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Schmidt, Arno



Geb. 18.1.1914 in Hamburg; gest. 3.6.1979 in Celle
»»VERFLUCHTE ZEITN!< - )«. Der atomare Dritte Weltkrieg ist bereits abgelaufen, wenn die Richter-Figur Kol-derup in der Schule der Atheisten auf zwei Worte bringt, was die literarische Laufbahn seines realen Autors Seh. treffender kaum überschreiben könnte. Der Mythos vom »unmenschlichen, un-bezwinglichen Zentralmassiv« seiner Literatur, der zumal seit Erscheinen des großen Typoskript-Romans Zettel's Traum die Rezeption behinderte, wo nicht ersetzte - dieser Mythos verdeckt das eigentlich Unmenschliche, gegen das der Autor lebenslang schreibend rebellierte. Es ist dies die als deviatha-nisch< begriffene Verkettung permanent zerstörerischer Kräfte. Nicht nur in der Außenwelt: »Um das Wesen des besagten Dämons zu beurteilen, müssen wir uns außer uns und in uns umsehen. Wir selbst sind ja ein Teil von ihm.«

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs als Sohn eines Polizisten und einer Gerberstochter in das amusische Klima Hamburger Mietskasernen-Kleinbürgerlichkeit hineingeboren, hat Seh. von Anfang an Teil an der stumpfen Rohheit einer engen Alltagswelt. Das drückende Herkunftsmilieu bietet dem früh in sich selbst zurückgezogenen Hochbegabten auch späterhin kaum adäquate Entwicklungschancen. Für überragende Leistungen - Seh. macht 1933 Abitur in Görlitz, der Lausitzer Heimat der Eltern - steht ihm als Preis nur Arbeitslosigkeit und zermürbende Stellungsuche bevor; anstatt einer systematischen wissenschaftlichen und künstlerischen Ausbildung ergibt sich ab 1934 lediglich der Posten in der Lagerbuchhaltung einer schlesischen Textilfabrik. Im Mai 1937 folgt bereits die erste Kasernierung -kurz darauf die Verehelichung des 23jährigen mit der Arbeitskollegin Alice
Murawski . Diesem Versuch des Aufbaus einer eigenen Privat-Gegenweit folgt jedoch sogleich weitere Kasernierung, 1939 die Einberufung zum Krieg , bis Ende 1945 schließlich britische Gefangenschaft. Die aufs Ã"ußerste reduzierten Lebensbedingungen in wechselnden Notunterkünften lassen auch nach Kriegsende kaum Spielraum für die dennoch ständig weiterentwickelte literarische Produktion: »Wie unnatürlich das ist, macht der Leser sich gemeinhin nicht klar ... Wir hatten ja nicht einmal SchreiPapier in jenen Jahren, dicht nach '45; mein >Leviathan< ebenso wie sein literarisches Programm, »die Nessel Wirklichkeit fest anfas-sen; -und uns alles zeigen: die schwarze, schmierige Wurzel; den giftgrünen Natternstengel; die prahlende Blumen«, sie werden dann auch schnell als Provokation registriert. Wegen »Gotteslästerung« und »Pornographie« läßt man Seh. 1955 gerichtlich verfolgen, und er weicht ins hessische Darmstadt aus; intern zensiert man seine Texte . Bis ein breiteres Lesepublikum Zugang zu seinem Werk findet, vergehen zwei Jahrzehnte, in denen Seh. bereits den Großteil seiner Kurzprosen , seiner Romane und seiner literarhistorischen Studien {Dya Na Sore und Fouque, 1958; Belphegor. Nachrichten von Büchern und Menschen, 1961; Sitara oder Der Weg dorthin, 1962; Die Ritter vom Geist, 1965) fertiggestellt hat.
      Das Augenöffnende seiner Prosakunst nehmen zuallererst Schriftsteller mit ähnlichem Erfahrungshintergrund wahr: Seh. »experimentiert: rasierklingenscharf bis an die Grenze des Möglichen ... er verhält genau, wo die Sprache ihr Maximum an Deutlichkeit hat, auf der anderen Seite würde das Chaos sein, Sprachtrümmer, Worthack, die lädierte Grammatik«; so Peter Rühmkorf 1956. »An den Grenzen der Sprache« operiert Seh. von der Injektionstechnik »schärfster Wortkonzentrate« der frühen Prosa über die Mehrspaltentechnik von KAFF und Zettel's Traum, über die späten Novellen-Comödien bis hin zum /u/ia-Fragment 1979. Die Barrieren der konventionalen Schriftsprache noch über die »fonetische Schreibunk« des genau abgehörten Alltagssprechens hinaus überschreitend stößt Seh. forschend bis an das mehrsinnige Wurzelwerk der Wörter und damit in Tiefenschichten des Sprechens vor, die das Bewußtsein gewöhnlich absperrt. Sein Diktum: »Der Schriftsteller soll alleine gehen«, ihm oft genug als elitärreaktionär angelastet, hat nicht zuletzt in dieser Pionierhaltung seine Basis. Von James Joyce, mit dem Seh. hier vielfach verglichen wurde, unterscheidet ihn freilich die elementare Bindung an die Naturwelt, deren Gestalten sein Werk von Anbeginn mitbevölkern; in noch kaum kenntlichen Metamorphosen zuletzt in Abend mit Goldrand . »In Gesellschaft von Bäumen« und unter den - ihm stets mitlebenden - Texten »vergessener Kollegen« bleiben dem Autor zwanzig »zu späte« Jahre in der ihm gemäßen menschenarmen Landschaft am Rande des Heidedorfs Bargfeld in Niedersachsen. Anfang Juni 1979 stirbt der Autor über der Arbeit an dem Dialogroman Julia, oder die Gemälde; aus dem Nachlaß ersehbar war ein Held, der - durch eine Bildleinwand hindurch - die Welt der gewöhnlichen Erscheinungen hätte verlassen können. Das Fragment erschien 1983. Das Werk des »verhinderten Volksschriftstellers« aber steht immer noch zur Entdeckung an. Hilfreich dazu erscheint seit 1987 die editorisch verläßliche »Bargfelder Ausgabe«. Eine Hörbuchfassung des Erzählwerks, gelesen von Jan Philipp Reemtsma, ist gleichfalls leicht zu erreichen.
     

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