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Schiller, Friedrich



Geb. 10.11.1759 in Marbach am Neckar; gest. 9.5.1805 in Weimar
»Ich möchte nicht gern in einem anderen Jahrhundert leben und für ein anderes gearbeitet haben. Man ist ebensogut Zeitbürger als man Staatsbürger ist; und wenn es unschicklich ist, ja unerlaubt gefunden wird, sich von den Sitten und Gewohnheiten des Zirkels, in dem man lebt, auszuschließen, warum sollte es weniger Pflicht sein, in der Wahl seines Wirkens den Bedürfnissen und dem Geschmack des Jahrhunderts eine Stimme einzuräumen?« . Als Seh. dies schrieb, hatte er noch wenig mehr als zehn Jahre zu leben, waren Die Räuber , Die Verschwörung des Fiesko zu Genua , Luise Millerin , Vom Wirken der Schaubühne auf das Volk , die Ode Ad die Freude und das große

Gedicht Die Götter Griechenlands und Don Carlos veröffentlicht und aufgeführt, hatte er seine berühmt gewordene Antrittsvorlesung an der Universität Jena gehalten und neben zahlreicheren kleineren auch seine beiden großen historischen Abhandlungen Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung und Geschichte des Dreißigjährigen Krieges geschrieben, hatte er sich als Herausgeber mehrerer Anthologien und Zeitschriften versucht, zahlreiche Rezensionen verfaßt , sich schließlich unter dem starken Einfluß Immanuel Kants intensiv mit der Philosophie beschäftigt und sich zum Ziel gesetzt, »sich mit dem vollkommensten aller Kunstwerke, mit dem Bau einer wahren politischen Freiheit zu beschäftigen« . Bis zu dieser Zeit , die durch die Freundschaft mit Goethe fortan auch starke positive Akzente erhielt, enthält der biographische Katalog eine lange Liste negativer Erfahrungen: das Fehlen jeder kontinuierlichen Familienbindung, keine wirkliche Verwurzelung in der schwäbischen Heimat; keine Möglichkeit, den gewünschten Beruf des Theologen zu ergreifen, weil die Abhängigkeit der Familie vom Dienst für den württembergischen Landesherrn Carl Eugen diesen über das Schicksal des Kindes bestimmen ließ.
      So absolvierte der junge Seh. auf Befehl Carl Eugens eine militärisch-medizinische Ausbildung an der neugegründeten Carlsschule in Stuttgart und wurde danach zum schlecht bezahlten und noch schlechter behandelten »Regimentsmedikus« , bis er sich dem Unverständnis des absolutistischen Fürsten für die literarischen Interessen des jungen Mannes durch Flucht entzog.
      Dennoch fallen Sch.s erste dichterische Arbeiten in die Zeit der Carlsschule; Dichtung galt hier natürlich nicht viel, auch wenn einzelne Lehrer wie Professor Abel das erkennbare Talent des jungen Eleven nach Kräften förderten. Die wenigen, die von Sch.s Versuchen wußten, waren von seinen Ergebnissen nicht gerade begeistert; sie warfen ihm vor, seine Texte seien »künstlich«, »exaltiert«, »herzlos«; es gelang ihm offensichtlich nicht, seine »innere Bewegung« in angemessener, sprachlich differenzierter Weise zum Ausdruck zu bringen. Das erkannte Seh. auch selbst {Brief an Boigeol, 1777), und er bemühte sich zeitlebens, dem entgegenzuwirken; dennoch verstummte die Kritik an seiner Sprache eigentlich nie ganz; so lachten Caroline Schlegel und ihre Freunde 1799 über Das Lied von der Glocke, daß sie »fast von den Stühlen gefallen« wären, und Jean Paul kritisierte in seiner Vorschule der Ästhetik »die zu Juwelen versteinerte Hand«, die, wenn nicht das Spielen, dann doch das Hören störe.
      Seh. hat die Empfindungen seiner Leser bis ins 20. Jahrhundert »polarisiert«, seine Werke wurden immer wieder als »Ideenmagazin« gesellschaftlich und politisch mißbraucht, ihr ästhetischer Wert aber verkannt. Schon sein erstes Drama, Die Räuber, löste durch den berühmten, nicht von Seh. stammenden Zusatz: »In tirannos« eine Kette von Mißverständnissen aus: Sch.s Kampf um die Aufführung in Mannheim brachte ihm wegen wiederholtem unerlaubten Verlassens seiner Arbeitsstelle eine Haftstrafe und
- als Folge seiner anschließenden Flucht
- eine lebenslange Entfernung von der schwäbischen Heimat ein, wenn man von dem kurzen Versuch absieht, nach dem Tode Carl Eugens im Oktober 1793 in Stuttgart zu leben . 1782 war Seh. in Kontakt mit dem Intendanten des Mannheimer National-theaters, Wolfgang Heribert Freiherr von Dalberg, gekommen. Obwohl dieser ein »opportunes Ritterstück«, auf keinen Fall ein »revolutionäres«, inszenieren wollte, erlebte Seh. bei der Premiere seiner nun schon mehrfach umgearbeiteten Räuber im Januar 1782, daß das Drama trotz einer völlig unangemessenen Inszenierung eine überwältigende Wirkung beim Publikum erzielte, während die literarische Kritik es kaum zu Kenntnis nahm. Deshalb wollte Seh. mehr für die »Ã–ffentlichkeit« seiner Dramen tun und versuchte, seine »Bühnentheorie« publik zu machen; aber alle diese Bemühungen brachten keinen Erfolg, auch seine Rede vor der »Deutschen Gesellschaft« in Mannheim wurde zwar mit Beifall aufgenommen, änderte die Einstellung des Intendanten von Dalberg aber nicht; Sch.s einjähriger Vertrag als Mannheimer »Theaterdichter« wurde im August 1784 nicht verlängert. Damit blieb ihm eine »Wirkung der Schaubühne auf das Volk«, die über bloße Unterhaltung hinausgehen sollte, versperrt, und die Möglichkeit, als unabhängiger Schriftsteller zu leben und zu schreiben, war gescheitert. An Jens Baggesen schrieb Seh. 1791: »Von der Wiege meines Geistes bis jetzt, da ich dies schreibe, habe ich mit dem Schicksal gekämpft, und seitdem ich die Freiheit des Geistes zu schätzen weiß, war ich dazu verurteilt, sie zu entbehren ... Ich habe mir diesen Beruf gegeben, eh ich seine Forderungen geprüft, seine Schwierigkeiten übersehen hatte.«
Dennoch versuchte Seh., »freier Schriftsteller« zu bleiben; zehn Jahre äußerster finanzieller Bedrängnis, Einschränkung, Abhängigkeit und Ratlosigkeit trieben den jungen Dichter auf geistige, materielle und räumliche Wanderschaft; seine Gönner waren entweder selbst adelig , oder sie lebten in Abhängigkeitvon einem Hofe ; Seh. mußte um alle Vergünstigungen bitten - und er hat es getan: Auf eigene Bitte hin wurde er »fürstlicher Rat« , was ihm persönlich später den Zugang zur Weimarer Hofgesellschaft erleichterte; ebenfalls auf sein Gesuch hin machte ihn der Meininger Hof zum »Hofrat«, so daß er nun auch Ämter übernehmen konnte; aber erst die Erhebung in den erblichen Adelsstand öffnete ihm völlige »Gleichberechtigung« bei Hofe .
      Verschieden kurze, oft heftige Zuneigungen zu Frauen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß Seh. von diesen Begegnungen sich »Harmonie« und Ansporn für seine literarischen Arbeiten erhoffte; selbst der Sommer 1788 in Volkstedt, der seiner Verlobung und Heirat mit Charlotte von Lengefcld vorauslief, bildete hier keine Ausnahme: »Herz und Kopf jagen sich bei mir immer und ewig; ich kann keinen Moment sagen, daß ich glücklich bin, daß ich mich meines Lebens freue. Einsamkeit, Abgeschiedenheit von Menschen, äußere Ruhe um mich her und innere Beschäftigung sind der einzige Zustand, in dem ich noch gedeihe. Diese Erfahrung habe ich diesen Sommer gar häufig gemacht« . Der hier zitierte Sommer war der von 1788 in Volkstedt, der seiner Verlobung und Heirat mit Charlotte von Lengefeld vorauslief, in dem er Charlotte und deren Schwester täglich sehen, daneben aber auch unter relativ günstigen Bedingungen arbeiten konnte. So ist es völlig verständlich, daß die Ernennung zum Professor für Geschichte in Jena ihn zwar zunächst beflügelte, wie die schon erwähnte Antrittsvorlesung vom Mai 1789 - wenige Tage vordem Zusammentritt der Generalstände in Frankreich! - auf eindrucksvolle Weise zeigt; doch schon bald erkannte Seh. auch die Last dieser Tätigkeit. Andererseits trieb sie ihn zu neuen Ideen: er huldigte nicht einem primitiven Fortschrittsglauben, sondern er wollte die »beschädigte« menschliche Gesellschaft von innen reformieren durch stete Konfrontation mit der »Idee der Totalität« . Er suchte also in der Geschichte nach den großen verbindenden Ideen und Kategorien, die über das empirische Geschehen des Moments hinausreichten, eine Aufgabe, die er zunächst allein der Schaubühne vorbehalten hatte; hier setzte er fort, was Voltaire und Charles de Montesquieu philosophisch, Jacques Benigne Bossuet spezifischer schon begonnen und der Göttinger Historiker August Ludwig von Schlözer in seiner Vorstellung einer Universalhistone ausgebaut hatte: aufgeklärte Geschichtswissenschaft im umfassendsten Sinne. Da Seh. moralisches Handeln und die Idee einer allgemeinen »politischen Ästhetik« mehr interessierten als detailgetreue Wiedergabe der Fakten, sollten die Geschichtsquellen die Vielfalt politischer, soziologischer, theologischer, philosophischer Aspekte aufzeigen - und damit auch den Widerstreit von »Idee« und »Wirklichkeit«. Schon während der historischen Arbeiten verschob sich also Sch.s Schwerpunkt wieder zum Dichterischen hin. So ist Wallenstein z.B. mehr ein »interessanter Charakter«, ein gescheiterter Ideenträger, als eine rein historische Figur: Seh. spürte, daß er als Historiker die Fragen nicht beantworten konnte, die ihm die historische Figur aufgab. In dieser Situation war die Begegnung mit der Philosophie Immanuel Kants von nicht zu unterschätzender Bedeutung; denn durch sie wandte sich sein Interesse endgültig von der Historie zur Ästhetik, von der »Realität« zur Kunst.
      Zugleich lieferte Kants Philosophie Seh. die Möglichkeit, ein »System« der Ästhetik anzustreben und dieses System zu erklären als den »Versuch eines mündig gewordenen Volkes, seinen Naturstaat in einem sittlichen umzuformen« .
      Die Schriften Kants haben Seh. in dieser Zeit intensiv beeinflußt, und in der Auseinandersetzung mit Kants Gedankenwelt ist er - besonders in ästhetischen Fragen - zu einer Klarheit vorgedrungen, die weit über die ästhetischen Schriften hinaus sein späteres Schaffen geprägt hat. Wilhelm von Humboldt, der ab 1793 engen Kontakt zu Seh. hatte, empfand dessen Verhältnis zu Kant kongenial nach; er schrieb 1830 über Seh.: »Ihn, der immer über seiner jedesmaligen Beschäftigung schwebte, der die Poesie selbst, für welche die Natur ihn bestimmt hatte und die sein ganzes Wesen durchdrang, doch auch wieder an etwas noch Höheres anknüpfte, mußte eine kehre anziehen, deren Natur es war, Wurzel und Endpunkt des Gegenstandes seines beständigen Sinnens zu enthalten ... Sich fremder Individualität nicht unterzuordnen, ist Eigenschaft jeder größeren Geisteskraft, jedes stärkeren Gemüts, aber die fremde Individualität ganz, als verschieden, zu durchschauen, vollkommen zu würdigen und aus dieser bewundernden Anschauung die Kraft zu schöpfen, die eigne nur noch entschiedener und richtiger ihrem Ziele zuzuwenden, gehört wenigen an und war in Seh. hervorstechender Charakterzug. Allerdings ist ein solches Verhältnis nur unter verwandten Geistern möglich, deren divergierende Bahnen in einem höher liegenden Punkte zusammentreffen, aber es setzt von Seiten der Intellectualität die klare Erkenntnis dieses Punktes, von Seiten des Charakters voraus, daß die Rücksicht auf die Person gänzlich zurückbleibe hinter dem Interesse an der Sache.« Diese »Sache« war für Seh. die ästhetische Erziehungdes Menschen zur geistigen Freiheit. Die »Eigentümlichkeit seines intellektuellen Strebens« bestand gerade darin, die Identität des Ursprungs von Philosophie und Poesie »zu fassen und darzustellen« : Mit dem Blick auf die Verhältnisse in Europa fragte Seh. deshalb im 8. Brief zur ästhetischen Erziehung: »Woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind? Es muß also, wenn es nicht in den Dingen liegt, in den Gemütern der Menschen etwas vorhanden sein, was der Aufnahme der Wahrheit ... im Wege steht. Ein alter Weiser hat es empfunden, und es liegt in dem viel bedeutenden Ausdrucke versteckt: sapere aude. Erkühne dich, weise zu sein. Energie des Muts gehört dazu, die Hindernisse zu bekämpfen, welche sowohl die Trägheit der Natur als die Feigheit des Herzens der Belehrung entgegensetzen.« Denn nach Seh. soll »alle Verbesserung im Politischen ... von Veredlung des Charakters ausgehen«. Glaubte Seh. also an diese »Wahrheit« und die Möglichkeit, eine Veredlung des menschlichen Charakters zu erreichen? Die ästhetischen und philosophischen Schriften, die ebenso wie die spätere Lyrik in enger Zusammenarbeit mit Johann Wolfgang Goethe entstanden , die großen Dramen , Maria Stuart und das Fragment des Demetrius, aber auch den Gedichtentwurf Deutsche Größe , umkreisen direkt oder indirekt die Frage der Veredlung des menschlichen Charakters. Eine Antwort kann nur mit Seh. gegeben werden: Immer wieder ist auf die »Unzulänglichkeit« seiner Helden hingewiesen worden - von Karl Moor über Fiesko bis Wallenstein und Demetrius. In seiner Ästhetik hat Georg Wilhelm Friedrich Hegel diese Frage am Beispiel Wallensteins erörtert; über ihn heißt es dort: »Kaumhat er sich entschlossen, als er die Mittel, deren er sich gewiß glaubt, unter seinen Händen zerlaufen, sein Werkzeug zerbrechen sieht. Denn was die Obristen und Generale letztlich bindet, ist nicht die Dankbarkeit für das, was er ihnen Dankenswertes durch Anstellung und Beförderung erwiesen hat, nicht sein Feldherrnruhm, sondern ihre Pflicht gegen die allgemein anerkannte Macht und Regierung, ihr Eid, den sie dem Oberhaupte des Staats, dem Kaiser ... geschworen haben«. Wo kann bei solch verwirrenden Beziehungen, wie Seh. sie Wallenstein vor den Augen des Zuschauers erleben läßt, der handelnden Figur Wahrheit erreichbar sein? Muß ein solcher Wallenstein sich nicht in seiner Schwäche an alte vertraute Fehler halten? Sind diese »Fehler« nicht gerade das »Menschliche« an Wallenstein?
Kritische Beobachter haben früh erkannt, daß Seh. in der Struktur seiner Dramen, in Aufbau und Verknüpfung der Handlung viel stärker, als es auf den ersten Blick erscheinen mag, der Aufklarung verpflichtet geblieben ist. Seine als »Ideenträger« konzipierten Figuren verfügen nicht über eine reiche Psyche, sie repräsentieren selten ihr Unbewußtes dem Publikum; das unterscheidet sie deutlich von Dramenfiguren des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Sprache dieser Figuren kann also nicht so sehr Ausdruck subjektiver Gedanken- und Gefühlswelt lebendiger Individuen sein, als vielmehr kommentierende, trans-zendierende Reflexion des Dichters, der den Reden der auftretenden Personen die Tendenz zum Ideell-Gültigen geben wollte . Tatsächlich reden und handeln Sch.s Dramenfiguren immer in einem über Raum und Zeit hinausweisenden Sinngefüge - es ist leicht, dies als »Deklamieren« zu bezeichnen und vom heutigen Verständnis des Dra-mas her abzulehnen. Unter dem Einfluß der Französischen Revolution hatte Seh. aber begriffen, daß die geistigen Voraussetzungen für eine Entwicklung zur Freiheit noch keineswegs gegeben waren, und daß sie auf der Bühne im Modell leichter publikumswirksam entwickelt werden konnten als in theoretischen Schriften; man muß also zwischen Sch.s theoretischen Schriften und seinen Dramen nach 1790 permanente Verbindungslinien ziehen; die Bühne sollte »hier und jetzt bewegen«, die Wahl der sprachlichen Mittel hatte für ihn dabei nicht Vorrang. Seine ganz auf die Verkörperung von Ideen und Modellen gerichtete Darstellungsweise nahm also eine manchmal krasse Schwarzweißzeichnung der Charaktere in Kauf; die »Grundidee«, die auf dem Wege der Vernunft zu erreichende »Freiheit des Menschen zum Absoluten« im Guten und im Bösen — sollte dem Theaterpublikum sichtbar gemacht und als Denkmodell für eigenes Verhalten begriffen werden - eine wahrhaft kühne Forderung! Das berühmte Urteil Georg Büchners von 1835, »Idealdichter« wie Seh. hätten »fast nichts als Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos, aber nicht Menschen von Fleisch und Blut« geschaffen , der Idealismus sei »die schmählichste Verachtung der menschlichen Natur« , kritisierte einen Mangel, den Seh. kaum als Vorwurf empfand: Ihm waren nicht einzelne Figuren und deren persönliches Tun oder Lassen entscheidend, sondern die Gesamtheit der Ideen, die sie verkörperten.
      Wie Seh. in seinen ästhetischen Schriften immer wieder darlegte, wollte er die »Totalität in unsrer Natur«, die den Menschen geraubt oder von der Gesellschaft mutwillig zerstört worden war, »durch eine höhere Kunst wiederherstellen« . Diese Aufgabe sah Seh. durchaus politisch, wenn er kritisierte: »Das jetzige Zeitalter, weit entfernt, uns diejenige Form der Menschheit aufzuweisen, welche als notwendige Bedingung einer moralischen Staatsverbesserung erkannt wor-den ist, zeigt uns vielmehr das direkte Gegenteil davon.« Jede Hoffnung auf eine Verbesserung dieser Verhältnisse werde solange »schimärisch« bleiben, »bis die Trennung in dem inneren Men-sehen wieder aufgehoben und seine Na- tur vollständig genug entwickelt ist, um
selbst die Künstlerin zu sein und derpolitischen Schöpfung der Vernunft ihre Realität zu verbürgen« .
      Wie schon erwähnt, wollte Seh. in
seinen Dramen bei den Figuren, die
historische Größen darstellen, deren menschliche Unzulänglichkeiten nicht verstecken. Dabei mußte seine Darstel
lung mehrfach in Gegensatz zu einer

»Gerechtigkeitsharmonie christlicher
Prägung« geraten, die für Karl Moor

vielleicht noch gelten mochte; indem
der Mord an Wallenstein aber nicht in

einer höheren Gerechtigkeit aufgeho
ben wird, sondern das Werk schwacher
Menschen bleibt, hatte Seh. seine Ideen vom christlichen Dogma erkennbar ab-gelöst. Ein solches Heraustreten aus al
len Konventionen der Zeit wurde von
vielen Zeitgenossen als Blasphemieempfunden und auf fast alle Werke Sch.s übertragen. Die 1794 einsetzende Freundschaft
mit Goethe bedeutete für Seh. ein un-endliches Gespräch über alle Gegenstände der Kunst, der Literatur,

des Denkens überhaupt: eintausend
Briefe und mehr als sechzig Wochen gegenseitiger Besuche bis zu Sch.s Ãœber-Siedlung nach Weimar im Dezember 1799 legen aller Kritik zum Trotz ein

deutliches Zeugnis von der geistigen
Nähe der beiden ab, mochten auch ihre
Anschauung der Natur und ihre Wegezur Kunst völlig verschieden sein, wievor allem Seh. mehrfach brillant formu
liert hat. Diese außerordentlich produk-tive und von materieller Not endlich
freie letzte Lebensphase Sch.s ist vonmehr als einem Dutzend schwerer Krankheiten verdüstert; nach 1795 ist Seh. eigentlich niemals völlig ohne Beschwerden gewesen, er hat, wie Peter Lahnstein es ausdrückt, »am Tod entlang gelebt«: »Es war ein Sicheinrichten mit der Krankheit, eine Gewöhnung an sie, eine Art von Zusammenleben mit ihr« , so daß »Verfeinerung«, »Sensibilität« und »Benervung« ihm nur realisierbar wurden durch »Arbeit, die ihm doch alles ist, ihm, dem fleißigsten der Dichter!« . Seh. selbst bestätigt dies, etwa wenn er sagt: »Der Fleiß ... gibt nicht nur die Mittel des Lebens, sondern er gibt ihm auch seinen alleinigen Wert« . Dies galt sogar noch für die letzten Wochen seines Lebens, als er sich unmittelbar nach der Arbeit am Wilhelm Teil an Ãœberlegungen, Entwürfe und Sammlungen zum Demetrius machte, »dem wohl gewaltigsten Entwurf seines Lebens, der mit allen seinen Implikationen und ungeheuren Anforderungen seinen Geist produktiv aufflammen ließ, während sein Körperliches am knappsten Rande der Lebensmöglichkeit schwebte« . Mitten in diesen Vorarbeiten zum Demetrius finden sich unter den Gründen, die gegen das Schreiben des Stückes sprechen, die Worte: »Die Größe der Arbeit«. Es ist schwer nachzuvoll-ziehen, in welchem Maße in diesen letzten Wochen seines Lebens das Bewußtsein von der Tragik des Demetrius und des eigenen Lebens ineinanderflössen, bis die Natur den Abwehrkräften seines Körpers gegen die Krankheit ein Ende setzte. Goethe war nach der Nachricht von Sch.s Tod krank geworden, schrieb aber schon bald die erste Fassung des Gedichts Epilog zu Schillers Glocke, das erstmals bei der Totenfeier in Lauch-städt und fortan alle fünf Jahre vorgetragen wurde. 1827 wurden die Gebeine Sch.s von ihrer ersten Grabstelle im Kassengewölbe auf dem alten Friedhof der

Jakobskirche in die herzogliche Familiengruft auf dem neuen Weimarer Friedhof umgebettet. In dieser Zeit hatte Goethe Sch.s Schädel mehrere Monate bei sich in der Wohnung, zumindest das, was er dafür hielt - eine Reliquie von zweifelhafter Herkunft, wohl dem Kassengewölbe entnommen, aber kaum der authentische Schädel Schillers . In einem Gedicht auf den Schädel verehrte er »die gottgedachte Spur, die sich erhalten«.
      Als Goethe wenig später seinen Briefwechsel mit Seh. herausgab, spottete August Wilhelm Schlegel in einem scharfen Epigramm über »den blassen Wagner und den kräftigen Faust«; auf Eduard Mörike dagegen hatte »der Geist dieser beiden Männer« eine ganz andere Wirkung: »Mein Kopf war aufs äußerste angespannt - meine Gedanken liefen gleichsam auf den Zehenspitzen, ich lag wie über mich selbst hinausgerückt und fühlte mich neben aller Feierlichkeit doch unaussprechlich vergnügt. Statt mich niederzuschlagen, hatte der Geist dieser beiden Männer eher die andere Wirkung auf mich. Gar manche Idee - das darf ich Dir wohl gestehen - erkannte ich als mein selbst erworbenes Eigentum wieder, und ich schauderte oft vor Freuden über seiner Begrüßung«. 1830 leitete Wilhelm von Humboldt seinen Briefwechsel mit Seh. mit einem ungewöhnlich scharfsinnigen Essay ein: Ãœber Schiller und den Gang seiner Geistesentwicklung. Humboldts hier getroffene Feststellungen haben bis heute Gültigkeit behalten, weil sie in ihrer »Nähe zum Gegenstand« nicht übertroffen werden können. Der »dynamischen« Seite Sch.s setzte Heinrich Heine im ersten Buch der Romantischen Schule 1833 ein Denkmal: »Schiller schrieb für die großen Ideen der Revolution, er zerstörte die geistigen Bastillen, er baute an dem Tempel der Freiheit...«. Sch.s Selbstverständnis ist in lapidarer Kürze einem Stammbuchblatt für einen Unbekannten zu ent-nehmen: »Alles unser Wissen ist ein Darlehn der Welt und der Umwelt. Der thätige Mensch trägt es an die Mitwelt und Nachwelt ab, der unthätige stirbt mit einer unbezahlten Schuld. Jeder, der etwas Gutes wirkt, hat für die Ewigkeit gearbeitet« .
     

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