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Sachs, Hans



Geb. 5.11.1494 in Nürnberg; gest. 19.1.1576 in Nürnberg
Er steht im achten Lebensjahrzehnt, da macht er Inventur gleich einem redlichen Gewerbetreibenden, pünktlich zum Jahreswechsel 1567. Zu revidieren ist, was er auf Lager hat an selbstgefertigten Produktionen: »Da inventirt ich meine Bücher.« Jene 34 Bände nämlich, worin er sein eigenes schriftstellerisches Werk handschriftlich eingetragen hat. Kauüeute verzeichnen ihren Warenbestand in Listen; er, was ihm im Laufe eines reichlichen halben Jahrhunderts an literarischen Erzeugnissen gelungen ist. Das Verzeichnis gerät ihm wiederum zum gereimten Poem, Titel: Summa all meiner gedieht [meiner sämtlichen Dichtungen]. Darin das erste Drittel bietet die kurzgefaßte Selbstlebensbeschreibung, der Rest Auskünfte über die Menge - mehr als 6000 Werke zählt er -sowie die Genres, die der »fleißige

Durchsucher« registriert. Er verfehlt nicht zum Beschluß, eine Eigentümlichkeit festzuhalten: »Gott sey Lob, der mir sendt herab / So miltiglich [freigebig] die schönen gab [Gaben] / Als einem ungelehrten mann, / Der weder latein noch griechisch kan«. Er mißt sich also am Ideal des Poeta doctus, des humanistischen Gelehrten-Dichters, ebenso selbst- wie standesbewußt. Er ist mehr als nur ein Meistersinger, ist Dichter, wie er es bereits 1517 vergleichend erkannte: »kern der singer auf todes bar [die TotenbahrE), / sein kunst mit jm al stirbet gar [ganz]; / wirf der dichter begraben, / sein kunst wirt erst erhaben.« [Der Nachruhm beginnt erst.]
Aus dem Blickwinkel des Barockgelehrten sollte später Daniel Georg Mor-hof die Besonderheit des Dichtertums von S. bestätigen : »und muß man sich verwundern / daß ein Hand-wereksmann / der Lateinischen und Griechischen Sprache unkundig / so mancherley Sachen hat schreiben können / die nicht ohne Geist seyn.« Wenn jedoch dieser Handwerksmann am Neujahrstag 1567 ausreichend Vorkehrungen dagegen treffen zu können meint, daß die Nachwelt ihn, den Urheber, und seine Schöpfungen jemals verkenne, so irrt er sich sehr. Zweihundert Jahre später spricht ein jüngerer Schriftsteller die Warnung aus, einer, der es sich zur Aufgabe machte, den älteren in Schutz zu nehmen: »In Froschpfuhl all das Volk verbannt, / Das seinen Meister je verkannt« - doch sie fruchtet wenig: Der Tümpel erweist sich demnächst als dicht bevölkert, darunter von Literarhistorikern. Sie bewerteten das Werk z. B. vermöge unhistorischer Anlegung des Maßstabs der klassischen Literaturperiode. Wilhelm Scherer äußert, in gelehrtem Dünkel nicht ahnend, daß der Bumerang seiner Schelte auf ihn selbst zurückfällt: »An keinem Dichter dessechzehnten Jahrhunderts läßt sich die ästhetische Unbildung der Epoche so mit Händen greifen wie an Hans Sachs.« Man trennt den Dichter von seinem Werk, läßt dies ungelesen, feiert jenen. So heißt es 1895, in einem Rückblick auf die S.-Feiern von 1894, als das Besitz-und Bildungsbürgertum des Wilhelminismus, inspiriert durch Richard Wagners Meistersinger-Oper , in Gestalt des Schuhmacher-Poeten sich selber glorifizierte: »es herrschte in allen Kreisen der deutschen Bevölkerung ein rühmlicher Wetteifer, es einander in der Verherrlichung des Dichter-Handwerkers zuvorzuthun; das alles aber aus keinem anderen Grunde, als aus Freude an dieser gesunden, männlichen Persönlichkeit, die ihre Zauberkraft aufs neue bewährte, und es verstand, Millionen von Menschen des verschiedensten Standes und Bildungsgrades zu fesseln, zu unterhalten, zu erfreuen, ja zu wohlthuendem und innerlich befreiendem Lachen hinzureißen.«
S. gibt uns ein Bild von seinem körperlichen Zustand an jenem Januartag 1567: Er mutmaßt - nicht ganz zu Recht, denn noch sechs Jahre, bis 1573, wird er weiter dichten -, die Inventarisierung werde zugleich sein »Valete« sein: »Weil mich das alter hart vexirt, / Mich druckt, beschwert und carcerirt« [einkerkert]. Spaßig ist sein Leben nie gewesen: geboren, als in Nürnberg die Pest regierte; Lateinschule, Handwerkslehre und Wanderschaft bedeuteten harte Arbeit und Entbehrungen, ebenso die Anfänge als Meistersinger . Seine erste Ehefrau, Kunigunde Creut-zer, gebar ihm sieben Kinder, sie verstarb 1560. Seit 1561 ist er mit Barbara Harscher verheiratet, die aus erster Ehe sechs Kinder mitbrachte. Ereignisse der Geschichte: andauernde Kriege, worin in wechselnden Konstellationen sämtliche europäischen Mächte verwickeltsind. Die Reformation, als deren Parteigänger und unermüdlicher Propagandist S. seit 1523 ununterbrochen wirkt, und deren Niederlage 1547, im Schmal-kaldischen Krieg, wonach eine Zeitlang um den Bestand der neuen Lehre gebangt werden mußte, beschäftigen die Zeitgenossen.
      Sein Werk ist zwiegespalten: Neben den ernsten schrieb S. eine Menge heiterer Dichtungen. Zunächst gibt es da -im 18. Jahrhundert wird Lessing ihre Bedeutung erkennen - die kleinste Gruppe von Schriften, die Prosa-Dialoge, sechs an der Zahl, die einzigen Texte im Gesamtwerk, die S. als Prosaisten zeigen. Sie entstanden sämtlich, als die politischen Auseinandersetzungen des Reformationszeitalters ihre Höhepunkte erreichten, in den Anfangsjahren des Bauernkriegs und des Schmalkaldischen Kriegs sowie im Zusammenhang mit den Kämpfen im Gefolge des Schmalkaldischen Kriegs . In ihnen behandelte S. reformatorische Grundfragen: Bibelverständnis, taktische und soziale Probleme der Reformation, sogar auch ökonomische wie politische. Waren diese Dialoge dem neuen humanistischen Vorbild zu verdanken, so haben die zahlreichen gereimten Streitgedichte - S. selber benannte sie Kampfgespräche - eine lange, von der Antike über das Mittelalter reichende Tradition hinter sich. In ihnen führte sich nicht selten S. selber als Gesprächspartner ein, meistens in der Konfrontation mit allegorischen Figuren bzw. Gottheiten: Klagrede der Frau Arbeit über den großen müßigen Haufen; Kampfgespräch zwischen Frau Armut und Pluto, dem Gott des Reichtums, über die Frage: welches unter ihnen das bessere sei.
      Neben diesen Texten, die man mit einem modernen Begriff als Beiträge zur >Theoriediskussion< bewerten könnte, stehen ausgesprochen lyrische -geistliche und weltliche, darunter auch Liebeslieder. Die größte Gruppe seiner Dichtungen , die Meisterlieder, möchte man heute allerdings kaum mehr als lyrische Gebilde gelten lassen, so streng strophisch sie auch gebaut sind. Ihnen, wie überhaupt dem Schaffen der Meistersinger, liegt eine Auffassung vom Wesen künstlerischer Leistung zugrunde, die, gemessen an der Norm, die seit der klassischen Literaturperiode herrscht, völlig andersartig ist. Gefordert war keineswegs das Ringen um die originäre Dichtung, Ausdruck einmaligen Schöpfertums, sondern die dichterische Gestaltung, die einem für alle Kunstgenossen, die >MeisterKnittelversSchwärmer< überwacht (>Schwärmer

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