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Roth, Joseph



Geb. 2.9.1894 in Brody/Galizien; gest. 27.5.1939 in Paris
»Mein stärkstes Erlebnis war der Krieg und der Untergang meines Vaterlandes, des einzigen, das ich je besessen: der österreichisch-ungarischen Monarchie.« Dieses Bekenntnis R.s aus den letzten Wochen der Weimarer Republik erklärt wichtige Ursachen jener Orientierungslosigkeit, die sein Leben und Werk in mehrfacher Hinsicht als Die Flucht ohne Ende, so der Titel eines Romans aus dem lahre 1927, erscheinen ließ. Als österreichisch-ungarischer Kriegsfreiwilliger wurde R. 1916 Mitarbeiter einer Soldatenzeitung. Mit den Erfahrungen an der Front begann er nach dem Zusammenbruch der Monarchie beim pazifistischen Wiener Blatt Der Neue Tag eine Karriere als Lokalreporter. Hier wie in Berlin, wo er wenig später rasch zum gefragten Mitarbeiter des Börsen-Courier und anderer Zeitungen aufstieg, verfaßte er Artikel über die Sorgen der »kleinen Leute« und Kriegs-opfer, Beobachtungen aus dem Alltag, Rezensionen neuer Filme, Bücher oder Theaterstücke - vertrat im festen Glauben an eine bessere Zukunft eine politische Linie, deren Grundlage ein humanitäres Sozialgefühl war. Einen Höhepunkt seines publizistischen Engagements brachte das Jahr 1924, als R. u.a. im Vorwärts und im Satire-Magazin Der Drache mit bissiger Lyrik und weitblik-kenden Glossen die immer stärker werdenden Rechtstendenzen in Politik und Kultur anprangerten. Nach der Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten freilich begann R. zu resignieren, sich vom tagespolitischen Journalisten zum Feuilletonisten alter Wiener Schule, zum rastlosen Reisereporter zu wandeln, der den Lesern der Frankfurter Zeitung aus Paris, Südfrankreich, Rußland, Italien, Albanien und anderen Ländern Europas berichtete. Zudem profilierte er sich mehr und mehr als Romancier.


      Wie er einerseits mit seinen Zeitungsartikeln nicht selten literarische Qualitäten erreichen konnte, sind andererseits R.s Essays, Erzählungen und Romane aus seinen Arbeiten für den Tag entstanden und meistens auch als Vorabdrucke in Zeitungen veröffentlicht worden. So sind lange Passagen aus älteren Artikeln in den Essay Juden auf Wanderschaft eingearbeitet, der den Autor - auf der Suche nach eigener Identität - als scharfsichtigen und mitleidenden Analytiker des Ostjudentums zeigt. All seine Romane vom Spinnennetz bis zu Rechts und Links haben aktuelle Fragen und Probleme zum Inhalt, die Protagonisten sind Kriegsversehrte, junge Männer der »Lost Generation«, emanzipierte Frauen; der Stil scheint dokumentarisch, so daß R. rasch als führender Vertreter der »Neuen Sachlichkeit« galt. Im Roman Hiob brachte er Neues, rückte von seinem bisherigen Werk ab: Er nahm Motive des biblischen Mythos auf und schrieb in einer Sprache, die sichzwischen Legende und Märchen bewegt. Mit seinem Hauptwerk Radetzky-marsch wandte er sich der Vergangenheit, seiner alten Heimat zu: In impressionistischen Bildern, voller Wehmut, aber auch kritisch mit der »unbestechlichen Genauigkeit eines k. und k. Berichts« schilderte er den Untergang der Donaumonarchie.
      R. konnte den großen Erfolg seiner Bücher nicht auskosten. Die Geisteserkrankung seiner Frau Friedl weckte ein starkes Schuldgefühl in ihm und erforderte viel Geld, so daß ihn sogar die einst bekämpften rechtsgerichteten Münchner Neuesten Nachrichten mit einer Stargage als Feuilletonisten gewinnen konnten, in dessen Artikeln sich zunehmend ein starker Kulturpessimismus durchsetzte. Nach Hitlers Machtergreifung verließ R. als einer der ersten Deutschland. Er ging ins Exil nach Paris, reiste nach Wien, Salzburg, Amsterdam, Marseille, Nizza und Polen. Verstärkt trat er wieder als Journalist â- ml, als Kampier gegen den Nationalsozialismus. Doch im Grunde war er schon zu pessimistisch, fühlte sich so, wie er 1934 den Roman Tarabas untertitelte: als Gast auf dieser Erde.
      Bereits vor der Zeit des Exils hatte R. in seiner Orientierungslosigkeit die Flucht in den Alkohol angetreten, ohne jedoch die Suche nach Heimat aufzugeben. Bald glaubte er, im intakten Ordnungssystem des Katholizismus Halt finden zu können; bald hielt er die Wiedereinführung der Habsburger-Monarchie für die einzige Möglichkeit, Ã-sterreich vor dem Faschismus zu retten. Deshalb vertrat R., so oft es ihm möglich war, in Artikeln und Vorträgen katholisch-legitimistische Ideen, und auch sein erzählerisches Spätwerk wurde wesentlich von der Glorifizierung und idealisierten Ãoberzeichnung der alten Donaumonarchie geprägt. Die Kehrseite dieser realitätsfernen Position war in R.s letzten Lebensjahren immer häufiger erbitterte antizionistische oder antikommunistische Polemik, die auch vor Freunden nicht haltmachte. Auf der anderen Seite blieb R. seiner humanitären Haltung treu, setzte sich ein für Opfer der Zeit, unterstützte einen Emigrantenhilfsfonds, half beim Aufbau der Pariser Freiheitsbibliothek, hielt Reden auf antifaschistischen Kongressen. Selten ist die Gegensätzlichkeit der Welten, in denen R. lebte, sinnfälliger gewesen als bei seiner Beerdigung: Die Zeremonie fand nach katholischen wie jüdischen Riten statt, das Grab zierten ein Kranz mit schwarz-gelb unterlegtem letzten Gruß des Hauses Habsburg und ein Kranz mit roter Schleife, niedergelegt im Auftrag des »Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller« von Egon Erwin Kisch.
     

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