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Rilke, Rainer Maria



Geb. 4.12.1875 in Prag;gest. 29.12.1926 in Val-Mont/Wallis
»Generationen deutscher Leser galt und gilt er als die Verkörperung des Dichterischen, sein klangvoll-rhythmischer Name wurde zum Inbegriff des Poetischen« . Als Fazit von R.s Nachruhm liest sich das wie die Sockelinschrift für die Büste eines endgültig ins Musee imaginaire kanonischer Dichtung abgeschobenen Autors. Nach der schwärmerischen Verehrung R.s als seherischen Weltan-schauungskünders in den 1950er Jahren, nach der dann vehement einsetzenden Kritik am geschmäcklerischen, apolitischen oder gar kryptofaschisti-schen Ã"sthetizisten nun also die gleichgültig-freundliche Erhebung in den Rang des Klassikers?

Tiefpunkte der Wirkungsgeschichte eröffnen immer auch die Möglichkeit einer unbefangenen Neuentdeckung. Wer in diesem Sinne einen Zugang zu Leben und Werk R.s sucht, findet ihn vielleicht in der folgenden Briefstelle aus dem Jahre 1915: »Solange man gezwungen ist, das Andere auch jedesmal für das Falsche, Arge, Feindliche zu halten, statt eben schlechthin für - das Andere, solange bekommt man keine gelassene und gerechte Beziehung zur Welt, in der jedes Raum haben soll, Teil und Gegenteil, ich und der von mir Allerverschiedenste. Und nur unter Voraussetzung und Zugebung einer solchen, vollzähligen, Welt wird man auch das eigene Innere, mit seinen internen Kontrasten und Widersprüchen, weit und geräumig und luftig einrichten.« Im Kern enthält dies kurze Zitat R.s Existenzentwurf und Dichtungsprogramm zugleich: Rückhaltlose Offenheit gegenüber Wirklichkeit wie menschlichem Du, aber auch gegenüber den Abgründen des eigenen Ich, dem Unbewußtem, der eigenen Kreatürlich-keit; zugleich jedoch das Bemühen, jenseits aller Konventionen und Schablonen, jenseits von Verdinglichung und Verdrängung, das Formlose und Fremde durch dichterische Gestaltung modellhaft in neue, spielerisch-schwebende und doch genaue Ordnungen zu überführen. So verstanden war Kunst für R. »auch nur eine Art zu leben« - allerdings eben »durch ihre angeborene Un-eigennützigkeit, Freiheit und Intensität jeder menschlichen Betätigung irgendwie vorbildhaft«. Von einem gelungenen Kunstwerk geht daher der Appell aus: »Du mußt dein Leben ändern« .
      Die psychische Disposition, die diesem Programm zugrundeliegt, ist biographisch zunächst als erlittene Beschädigung, als »Ich-Schwäche«, faßbar. Vor allem die unheilvolle Familienkonstellation wird prägend: der schwache Vater Josef R., in seiner Militarkarriere gescheitert und in die eintönige Beamtenexistenz eines Bahninspektors gezwungen - dagegen die dominierende Mutter Sophie, aus großbürgerlichem Haus, voll unerfüllter Ambitionen, die sie auf den Sohn überträgt. Nicht nur viele der frühen Erzählungen und Dramen zeugen vom vergeblichen Versuch R.s, sich aus der Abhängigkeit von ihr zu lösen, in der er sich »ganz willenlos, ganz Besitz ihrer Liebe« fühlte ; noch der Vierzigjährige wird ein Gedicht mit der verzweifelten Klage beginnen: »Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein«. Ebenso traumatisch wirkt sich die Militärschule aus, in der er von 1885 an auf eine Offizierslaufbahn vorbereitet werden soll - für den bisher in seinem Elternhaus überbehüteten, verzärtelten, ohne Kontakt mit Gleichaltrigen Aufgewachsenen »eine gewaltige Heimsuchung«, »unter fünfhundert Knaben eine
überlebensgroße Erfahrung der Einsamkeit«.
      Es ist R.s große Lebensleistung, diese Bedrohungen seiner Identität nicht nur überstanden, sondern ins Positive gewendet zu haben, was freilich nur in der Dichtung - die er als »eine Art Selbstbehandlung« der Psychoanalyse vorzog -wirklich gelang. Dort war etwa seine ungeheuer gesteigerte Sensibilität, seine Fähigkeit, auch feinste Nuancen einer Farbe, eines Tons, einer Stimmung wahrzunehmen, ausbalanciert durch das Vermögen ästhetischer Gestaltung. Im Leben da gegen mußte er sie als heillose Zerstreutheit empfinden -»meine Sinne gehen, ohne mich zu fragen, zu allem Störenden über« -, als lästige Stimmungsabhängigkeit, als Nebeneinander von »lahmem Willen« und »jähen, nervösen Willenseruptionen«, als »komplizierte Wechselwirkung körperlicher und seelischer Depressionen«. Auch persönliche und räumliche Bindungen gelangen R. nur in der Dichtung. Mit dem Abbruch eines in Prag und München nur halbherzig betriebenen Studiums entschied sich R. für den Dichterberuf; seither hat es ihn nie länger als einige Jahre an einem Ort gehalten. Sein unstetes Wanderleben -meist in Mietswohnungen, oft auch als Gast adeliger und großbürgerlicher Gönner, wie der Fürstin Marie von Thurn und Taxis oder der Schweizer Industriellengattin Nanny Wunderly-Volkart - endet erst 1921 mit der Ãobersiedelung in den einsamen Schloßturm von Muzot im Schweizer Wallis. In der Welt seines Werks aber formt und verdichtet sich die Vielzahl intensiver Stadt- und Landschaftserlebnisse zum »imaginären Raum« seiner inneren Landschaften. Allen Liebesbeziehungen - und es gab nicht wenige -entzieht R. sich, sobald sie zum »Schicksal« zu werden drohen, d. h. zur äußer-lichen, nicht mehr von spontaner Zuneigung getragenen Verpflichtung. So trennt er, der gehofft hatte, durch Ehe und Familie zum »Wirklichen unter Wirklichem« zu werden, sich 1902 nach nur einem Jahr des Zusammenlebens von seiner Frau, der Bildhauerin Clara, geb. Westhoff, und seiner Tochter Ruth. Die meisten seiner Liebesbeziehungen dauern nicht lange, sind auch wiederholt in abstandwahrenden Briefwechseln vorentworfen, hinter deren emotionaler Intensität das tatsächliche Erlebnis dann weit zurückbleibt. Sein im Leben unerreichtes Ideal einer »besitzlosen Liebe«, in der jeder der Partner zum »Wächter der Einsamkeit«, der Freiheit und Eigenheit des anderen werden soll, hat R. wiederum allein in seiner Dichtung verwirklicht: im lyrischen Entwurf eines idealen Gegenübers , vor allem aber in seiner nie »besitzenden«, sondern »gleichnishaften Aneignung« gestalteter »Dinge«. All das läßt verstehen, wieso sich für ihn das Crundproblcm seiner Existenz im Konflikt von Kunst und Leben konzentrierte: »In einem Gedicht, das mir gelingt, ist viel mehr Wirklichkeit als in jeder Beziehung oder Zuneigung; wo ich schaffe, bin ich wahr.« Und: »In der Kunst ist wirklich Raum für alle Gegensätzlichkeiten der inneren Verhältnisse, nur in ihr.«
Wie immer, wenn aus ganz und gar existenzieller Dichtung Weltliteratur entsteht, ist auch in R.s Fall das Biographisch-Besondere von zeittypischer Repräsentanz. Daß er sich dessen bewußt werden konnte, verdankt er vor allem der Begegnung mit der Schriftstellerin und späteren Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salome, die - nicht nur Freundin, sondern emanzipierte geistige Partnerin bedeutender Männer - den Zweiundzwanzigjährigen zu vertiefter Beschäftigung mit Friedrich Nietzsche anregt, ihm später auch Sigmund Freud nahebringt. Nietzschesprogrammatische Bejahung des in ständiger Wandlung begriffenen irdischen Daseins auch als Kreatürlichkeit, Schmerz, Tod und Trieb, unter Verzicht auf die ohnehin brüchig gewordenen Sicherungen von Metaphysik wie Naturwissenschaft, und Freuds Entdek-kung der Tiefendimension des Unbewußten gaben R. Bestätigungen und Anhaltspunkte für die Verallgemeiner-barkeit seiner Existenzproblematik. So konnte er die Annahme aller Schichten seiner offenen Persönlichkeitsstruktur zugleich als »universale Ontodizee«, d.h. als »Rechtfertigung und Rühmung« des ganzen Seins , verstehen.
      Viel unmittelbarer noch fand er in der Liebesbeziehung zu Lou, die ihm in lebenslanger Freundschaft auch später Halt und Hilfe gewährte, das, was seiner formal virtuosen, wegen ihrer Inhaltsleere und Epigonalität aber völlig mittelmäßigen Jugenddichtung so dringend fehlte. Durch Lou, die R. ein »unsagbar Wirkliches« war, verlor die Welt tür ihn »das Wolkige, dieses Sich-Formen und Sich-Aufgeben, das meiner ersten Verse Art und Armut war«. Dichtungen, die das aus Bildklischees des Fin de siecle errichtete Traumkönigreich der frühen Lyrik erstmals hinter sich lassen, sind die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke und das Stunden-Buch . Den entscheidenden Durchbruch aber bringt die nächste Werkstufe mit dem Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge und den zwei Bänden der Neuen Gedichte . In den Tagebuchaufzeichnungen seines fiktiven Stellvertreters Malte läßt sich R. ganz auf die Schockerfahrungen des Pariser Großstadtlebens ein, auf Vermassung und Vereinzelung, Reizüberflutung, Krankheit, Armut, Angst und Tod, und versucht über die Aufarbeitung der Kindheit eine Neubegründung seiner Identität, die unter dem Motto stehen könnte: »Wer macht sich neu und zerschlüge sich nicht vorher ...« Die analoge »harte Sachlichkeit« der parallel entstehenden Gedichtbände gewinnt er in Auseinandersetzung mit der Plastik Auguste Rodins und den Bildern Paul Cezannes, die ihn in Wirklichkeitszuwendung wie Formwillen bestätigen. Zeigten R.s frühere Werke noch ganz jugendstilhaft die Verwobenheit von Ich und Welt, einen durch Reimornamente und Klangkaskaden verschlungenen »Teppich des Lebens« , so strebt er jetzt nach einer genauen Beobachtung einzelner Dinge, Lebewesen oder Geschehnisse und ihrer abstrahierenden Zusammenfassung zu »Kunstdingen«. Nicht um objektive Wiedergabe des Außen geht es R. dabei, auch nicht mehr um bloße Stimmungslyrik, sondern eben um ein Drittes, in dem äußeres Objekt und inneres Erleben des in der Darstellung ganz zurückgenommenen Subjekts aufgehoben sein sollen. Als durch »Vereinfachung« und »Auswahl« gestaltete Erlebnisse sind diese Gedichte so auch »Beweis der Einheit und Wahrhaftigkeit« des Ich, geschlossene und damit der Veränderung enthobene »Figuren«, Chiffren einer offenen, doch nie verfließenden Identität. Das folgende Jahrzehnt steht dann ganz im Zeichen einer Lebensund Schaffenskrise. Zum einen muß R. erkennen, daß trotz der ästhetischen Lösungen alle existenziellen Probleme fortbestehen, zum anderen zerstört der Weltkrieg den ihm lebenswichtigen europäischen Kulturraum und spricht in seiner grauenvollen Sinnlosigkeit jeder Ontodizeebemühung Hohn. R.s »innere Vereisung« löst sich erst 1922 mit Vollendung der bereits 1912 begonnenen Duineser Elegien und der gleichzeitigen Niederschrift der Sonette an Orpheus -großen Weltgedichtzyklen wie dem Waste Land oder den Cantos der amerikanischen Dichter TS. Eliot und Ezra Pound. Ging es im mitt-leren Werk darum, vom genau beobachteten Einzelnen zu Grundfiguren menschlichen Erlebens zu kommen, so wird hier aus zu »lyrischen Summen« verknappten Erfahrungen ein neuer poetischer Mythos der » condition hu-maine« geschaffen, der zugleich ein poetisches Gegenbild zur entfremdeten Zivilisationswelt der Gegenwart entwirft. In seinen letzten Lebensjahren schreibt R. dann gelassen-entspannte Gedichtzyklen in französischer Sprache, aber auch kühn verknappte, an den französischen Spätsymbolisten Paul Va-lery anknüpfende Lyrik. Zu ihr zählen die Verse, die der 1926 an Leukämie qualvoll Verstorbene testamentarisch zu seinem Grabspruch bestimmte: »Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,/Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.«

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Rilke,  Rainer  Maria    





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