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Raabe, Wilhelm



Geb. 8.9.1831 in Eschershausen; gest. 15.11.1910 in Braunschweig
Gegen Ende des Jahres 1854 entschließt sich der 23jährige R. plötzlich, einen Roman zu schreiben. Er hatte sowohl die Schule als auch eine Buchhändlerlehre vorzeitig abgebrochen, bevor er aus der Braunschweiger Provinz an die Berliner Universität gekommen war, um sich als Gasthörer philosophisch-historischer Vorlesungen weiterzubilden. Der Erstlingsroman Die Chronik der Sperlingsgasse, veröffentlicht 1856 unter dem Pseudonym »Jacob Corvinus«, wird zu einem überraschenden Erfolg -R. kann triumphierend nach Hause in das kleinstädtisch-bürgerliche Milieu zurückkehren, das er als scheinbarer Versager verlassen hatte und das zeitlebens seine Welt wie die seiner Werke bleiben wird: »Das hervorstechend Angenehme, was die Franzosen gezeugt haben, ist Paris, das, was den Deutschen gelungen ist, sind die deutschen Mittelstädte.« In den folgenden Erzählungen und Romanen zeichnet sich allmählich als zentrales Thema seiner Werke ab: die Erinnerung an die Kindheit als Erinnerung an ein verlorenes authentisches Leben; noch im Spätwerk wird es heißen, »Heimweh« sei »die Quelle aller Poesie«. In Verbindung mit der in R.s Büchern geschilderten Provinzwelt ist es gerade dieses romantische Motiv, das zum Fehlurteil über ihn als Dichter beschaulicher Winkel geführt hat.

      Nach der obligatorischen Bildungsreise und der anschließenden Verlobung zieht R. 1862, am Hochzeitstag, mit seiner Frau noch einmal in eine Großstadt, diesmal nach Stuttgart. Er hatte die Stadt auf der Reise als eines der Zentren des geistigen Lebens der Zeit kennengelernt und nimmt nun, »als junger Ehemann im vollen geselligen, litterarischen und - politischen Tummel und Taumel der Tage«, an diesem Leben teil; er trifft u.a. Friedrich Theodor Vi-scher, Paul Heyse und Ferdinand Frei-ligrath. Zum wesentlichen Bestandteil der Stuttgarter Jahre von 1862 bis 1870 wird die Freundschaft mit dem Ehepaar Jensen. Zwischen Marie Jensen und R. entsteht eine starke geistige und emotionale Beziehung; zusammen mit Wilhelm Jensen, einem damals bekannten Schriftsteller und Journalisten, tritt er öffentlich für die liberalen Ideale des Bürgertums und für die kleindeutsche Reichseinheit unter preußischer Führung ein. In Stuttgart schreibt R. den Entwicklungsroman Der Hungerpastor , der bald Aufnahme in den bürgerlichen Bildungskanon fand, sein größter Verkaufserfolg wurde und bis heute sein bekanntester Roman geblieben ist. Doch schon bei den nächsten größeren Werken, Abu Telfan oder Die Heimkehr vom Mondgebirge und Der Schüdderump , läßt das Interesse des Publikums nach, das biedermeierliche Idyllen wünscht, während in seinen Büchern das kritische Potential immer deutlicher hervortritt. Besonders Abu Telfan dokumentiert in einer für R. spezifischen Form den Niedergang bürgerlicher Ideale, wie er dann in der wilhelminischen Gesellschaft offen zu Tage treten wird. Indem der Roman einer philisterhaften Bürgerwelt gesellschaftliche Außenseiter gegenüberstellt, die für die aufklärerischen Ideale autonomer Menschlichkeit einstehen, kann gerade solches Außenseitertum sowohl Mißstände einklagen wie zum Appell an die Gesellschaft werden. In diesem zweiten zentralen Thema R.s liegt der eigentlich realistische Kern seiner Werke begründet, denn die Außenseiter sindkeineswegs einfach die humorvoll geschilderten kauzigen Sonderlinge, als die sie oft gesehen werden.
      Ziemlich überstürzt zieht die Familie R. 1870, mitten in den Wirren der Mobilmachung für den Deutsch-Französischen Krieg, endgültig zurück in die heimatliche »Mittelstadt« Braunschweig. Vermutlich haben der Wegzug der Jensens, die weiter sinkenden Verkaufszahlen seiner Bücher und die allgemeine geistige Entwicklung des deutschen Bürgertums zu R.s resignativem Rückzug ins Private geführt. Jedenfalls lebt er nun bis zu seinem Tod die Existenz eines patriarchalischen Familienvaters und Stammtischgenossen, wie sie in seine Bücher passen würde. Verbindungen nach außerhalb bestehen fast nur noch durch den Briefwechsel mit Freunden aus der Stuttgarter Zeit, vor allem mit dem Ehepaar Jensen. Die neu entstehenden Bücher werden kaum noch gekauft oder beachtet - »Ein gutes Zeichen. Ich werde immer unter den großen Toten mitaufgeführt« -, denn R. weigert sich weiterhin entschieden, Zugeständnisse an den Publikumsgeschmack zu machen. Erst viel später, als er sich schon als »Schriftsteller a. D.« bezeichnet, gelingt es seinen Stammtischfreunden, aus Anlaß seines siebzigsten Geburtstags eine R.-Renaissance in Deutschland einzuleiten: Man kennt ihn plötzlich wieder, seine Bücher werden gelesen, und nach seinem Tod konstituiert sich sogar eine »Raabe-Ge-meinde«. ledoch geschieht dies alles aus dem Geist des wilhelminischen Lehrerbeamtentums, das in R. vor allem einen humorvollen Weltweisen erkennen will. Aus heutiger Sicht sind es unter seinen fast siebzig Werken in erster Linie solche aus der Braunschweiger Zeit, denen er seine literarische Anerkennung verdankt. Auch er selbst bezeichnet dann seine bekanntesten Bücher, die Chronik und den Hungerpastor, als »abgestandenen Jugendquark« und schätzt das Spätwerk wesentlich höher ein. In ihmentwickelte er nämlich die bloße inhaltliche Gegenüberstellung von Philistertum und gesellschaftlichen Außenseitern weiter zur bipolaren Erzählstruktur von bürgerlichem Erzähler und einzelgängerischem Helden.
      Vor allem zeigt sich dies im Stopfkuchen , den R. für sein bestes Buch hielt, und in Die Akten des Vogelsangs , wo sich die bipolare Struktur zudem mit dem Thema der verlorenen Kindheit verbindet. Besonders in diesen beiden Werken zeigt sich, wie es für R. immer schwieriger wird, der zunehmend undurchschaubarer werdenden Erfahrungswirklichkeit am Ende des 19. Jahrhunderts gerecht zu werden; aber -so schreibt er -: »Je mehr ihm das Leben entglitt, desto mehr wurde er Dichter.« Der angestrebte Verweisungsbezug der bipolaren Struktur führt deshalb zu immer komplexeren Erzahlvorgängen. Schließlich beginnen sich in der endlos scheinenden Modulation und Assoziation von Bildungszitaten und Erinnerungsbruchstücken, die das Spätwerk zur ebenso anstrengenden wie lustvollen Lektüre machen, auch R.s eigene Begriffe und Wertvorstellungen aufzulösen - in den Bruchstellen erscheint der sensible, neurotisch-depressive R., den er selbst immer verleugnete und der doch in einzelnen Brief- und Tagebuchstellen erkennbar ist: »und so ist das, was ihr meine sonnige Heiterkeit nennt, nichts als das Atemschöpfen eines dem Ertrinken Nahen.« In den verzweifelten wie vergeblichen Versuchen R.s, der bildungsbürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts literarisch noch Sinn abzugewinnen, kündigt sich schon eines der wichtigen Themen des 20. Jahrhunderts an: die Problematik der Sprache selber. In diesem Spätwerk liegt demnach die Bedeutung R.s, eine Bedeutung, wie sie in seiner Epoche vielleicht nur noch Gottfried Keller und Theodor Fontane zukommt. Diese beiden wohnten 1854 auch in Berlin; aber der »Nesthocker« hat sie, es ist kaumverwunderlich, zeitlebens nicht persönlich kennengelernt.
     

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