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Novalis (d.i. Georg Philipp Friedrich von Hardenberg)



Geb. 2.5.1772 auf Gut Oberwiederstedt bei Mansfeld; gest. 25.3.1801 in Weißenfels
Der schwäbische Spätromantiker Justi-nus Kerner übersendet am 25. Januar 1810 Ludwig Uhland einen Auszug aus dem biographischen Porträt des N., das August Coelestin Just, ehemaliger Vorgesetzter und väterlicher Freund des Dichters während seiner Ausbildung im thüringischen Bad Tennstedt, 1805 veröffentlicht hatte. Kerner kommentiert diese Lebensbeschreibung wie folgt: »Es macht aber eine sonderbare Wirkung und stört doch, wenn man sich den Novalis als Amtshauptmann oder als Salzbeisitzer denkt. Das ist entsetztlichü Ich hätte mir sein Leben doch viel anders vorgestellt. Die Jungfer Charpen-tier stört auch so die Poesie. Aber sein Tod ist schön und noch vieles schön.« Befremdlich wirkt auf Kerner - ebenso wie auf viele spätere N.-Leser im 19. und 20. Jahrhundert -die Vorstellung, daß dieser Dichter, der »unbestritten, aber aus umstrittenen Gründen als der Romantiker gilt« , mit Sorgfalt und Hingabe seinem bürgerlichen Beruf nachging: zunächst, im Anschluß an sein »mit der ersten Censur« abgelegtes juristisches Staatsexamen , als Aktuarius beim Tennstedter Kreisamt, das von seinem späteren Biographen Just geleitet wurde; danach als Akzessist bei der kursächsischen Salinenverwaltung in Weißenfels , wo er, nach intensiven naturwissenschaftlichen Studien an der Bergakademie in Freiberg, Ende 1799 zum Salinenassessor avancierte. Wenige Monate vor seinem frühen Tod erfolgte noch die Er-nennung zum Amtshauptmann im Thüringischen Kreis, doch seine schwere Lungenkrankheit ließ die Ausübung dieses Amts nicht mehr zu.
      Der spannungsvolle Doppelaspekt von beruflicher Laufbahn und Schriftstellerexistenz ist charakteristisch für N., der sich in dieser Hinsicht markant von Friedrich Hölderlin unterscheidet, stand doch für letzteren fest, daß die Poesie »ein ganzes Menschenleben« erfordert . »Die Schriftstellerei ist eine Nebensache - Sie beurteilen mich wohl billig nach der Hauptsache - dem praktischen Leben«, schreibt N. im Dezember 1798 an Rahel Just - und widerlegt damit das Bild seiner späteren Verehrer und Verächter, wonach seine Texte das Werk eines traumverlorenen, todessehnsüchtigen Geistes seien, der stets die Versenkung ins eigene Innenleben dem »praktischen Leben« vorgezogen habe. Zwar sind Traum, Liebe, »Mysti-zismusPoetisierung der Wissenschaftern zusammengeführt, so daß gesagt werden kann: »Ãober die Beschäftigung mit den Wissenschaften ist Novalis zum Romantiker geworden« . Bezeichnenderweise hat sich Friedrich von Hardenberg das Pseudonym >Novalisneues, brachliegendes Land< und nimmt auf eine mittelalterliche Familientradition Bezug; der Autor deutet sich somit als >der Neuland Bestellendes d.h. er verpflichtet sein Schreiben auf ein Programm ästhetisch-kultureller Erneuerung.
      Das theoretische Werk, das den größten Teil von N.' schriftstellerischer Produktion ausmacht - in der historischkritischen Ausgabe seiner Schriften umfaßt es zwei Bände, während das dichterische Schaffen nur einen Band füllt -, zeugt eindrucksvoll von der Breite und Intensität seiner Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Philosophie , aber auch mit ästhetisch-poetologischen, sprach- und zeichentheoretischen, poli-tisch-geschichtsphilosophischen sowie religiösen Fragestellungen. An Friedrich Schlegel schreibt er am 8. Juli 1796: »Mein Lieblingsstudium heißt im Grunde, wie meine Braut. Sofie heißt sie - Filosofie ist die Seele meines Lebens und der Schlüssel zu meinem eigensten Selbst.« Seine damalige »Braut«, d. h. Verlobte, war Sophie von Kühn, die tragische Heldin des in der älteren Forschung so populären Sophien-Mythos, wonach der frühe Tod der jungen Geliebten - sie starb am 19. März 1797 im
Alter von nur fünfzehn Jahren, zwei Jahre nach ihrer inoffiziellen Verlobung mit N. - als Urerlebnis des todessehnsüchtigen Romantikers aufzufassen sei. N.' anfänglicher Entschluß, der Geliebten »nachzusterben« , verblaßte allmählich zugunsten des Willens zum Weiterleben, zum Weiterlesen, -schreiben und -wirken. Im Dezember 1798 verlobte er sich ein zweites Mal, nun mit Julie von Charpentier, der Tochter eines Freiberger Berghauptmanns, die er Anfang desselben Jahres kennengelernt hatte.
      Zu den entscheidenden Ereignissen im Leben des N. zählt auch die Begegnung mit Friedrich Schlegel , dem er bis zuletzt in kongenialer Freundschaft verbunden blieb; durch ihr produktives >Symphilosophie-ren< wurden die beiden Freunde zu den prägenden Impulsgebern der Frühromantik. Im November 1799 fand in Jena das berühmte »Romantikertreffen« statt, an dem neben N. und seinem Bruder Karl die Brüder Schlegel, Dorothea Veit , Caroline Schlegel , Ludwig und Amalie Tieck, der Philosoph Schelling sowie der junge Physiker Johann Wilhelm Ritter teilnahmen. N. trug dort einige der Geistlichen Lieder sowie seine geschichtsphi-losophische Rede Die Christenheit oder Europa vor; letztere löste im Jenaer Kreis eine lebhafte Kontroverse aus und wurde schließlich auf Anraten Goethes, den man als Schiedsrichter hinzuzog, nicht im Athenaeum veröffentlicht.
      Mit Friedrich Schlegel teilte N. zunächst die Begeisterung für Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre ; seine Hochschätzung, die sich in der Formel verdichtete, Goethe sei »der wahre Statthalter des poetischen Geistes auf Erden« {BlüthenstauB), wich jedoch bald einer kritisch-ablehnenden Sicht-weise: »Wilhelm Meisters Lehrjahre sind gewissermaaßen durchaus prosaisch -und modern. Das Romantische geht darinn zu Grunde - auch die Naturpoesie, das Wunderbare - Er handelt blos von gewöhnlichen menschlichen Dingen - die Natur und der Mystizism sind ganz vergessen« . N.' unvollendeter Roman Heinrich von Ofterdingen, der 1799 begonnen und 1802 postum als Fragment veröffentlicht wurde, ist ausdrücklich als Gegenentwurf zum Wilhelm Meister konzipiert; einige Wochen vor Fertigstellung des ersten Teils erklärt N. gegenüber Ludwig Tieck: »Das Ganze soll eine Apotheose der Poesie seyn. Heinrich von Afterdingen wird im lsten Theile zum Dichter reif- und im Zwey-ten, als Dichter verklärt.«
Daß N. von der Nachwelt als Romantiker par excellence, als »der einzige wahrhafte Dichter der romantischen Schule« , rezipiert werden konnte, hängt sicherlich auch mit dem frühen Ende seines Schattens zusammen; denn anders als für Friedrich Schlegel, der sich später, nach seiner Konversion zum Katholizismus, vom Jugendwerk der Athenaeum-Zeit distanzierte, gab es für N. kein Leben und kein Schreiben nach bzw. jenseits der Frühromantik. Am 25. März 1801 erliegt der Dichter, noch nicht 29jährig, im Beisein Friedrich Schlegels seiner Lungenkrankheit. Sein Bruder Karl berichtet später, N. habe einige Tage vor seinem Tod, noch an Genesung glaubend, gesagt: »Wenn ich erst wieder besser bin, dann sollt ihr erst erfahren, was Poesie ist, ich habe herrliche Gedichte und Lieder im Kopfe.« Als 1802 postum die von Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck zusammengestellte erste Werkausgabe {Novalis SchrifteN) erschien - eine Ausgabe, die zwar die wichtigsten Dichtungen, aber nur einen willkürlich selektierten Bruchteil des theoretischen Werks enthielt, wodurch dem ganzen 19. Jahr-hundert ein einseitiges, verzerrtes N.-Bild überliefert wurde -, war die frühromantische Gruppe schon auseinandergefallen, das >Symphilosophieren< im Jenaer Kreis verstummt.
     

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