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Moritz, Karl Philipp



Geb. 15.9.1756 in Hameln; gest. 26.6.1793 in Berlin
M., der erste psychologische Schriftsteller der deutschen Literatur und Mitbegründer der idealistischen Kunsttheorie, hat in seinem Anton Reiser eine Kindheit und lugend geschildert, für deren Scheußlichkeit es in der Weltliteratur wenige Parallelen gibt; der Roman beruht auf nichts anderem als der detailgenauen Beschreibung seiner eigenen ersten zwanzig Lebensjahre. M. wird als Sohn eines Militärmusikers und Unteroffiziers geboren. Der Vater war Anhänger einer pietistischen Sekte und terrorisierte die gesamte Familie, besonders einfallsreich jedoch seinen Erstgeborenen mit seiner sinnen- und lebensfeindlichen »Ertötungs«-Tugend. »Ein freundlicher Blick, den er einmal erhielt«, so erinnert sich M., »war ihm ganz etwas Sonderbares, das nicht recht zu seinen übrigen Vorstellungen passen wollte.«

Schon früh flüchtete sich das Kind aus der hysterischen Herzlosigkeit seines Elternhauses ins Lesen. Seinem autobiographischen Spiegelbild, dem jungen Reiser, ging es wie dem Bürgertum seiner Zeit, das sich kulturell aus seiner dem Adel untergeordneten Stellung emanzipieren wollte: »Durch das Lesen war ihm nun auf einmal eine neue Welt eröffnet, in deren Genuß er sich für all das Unangenehme in seiner wirklichen Welt einigermaßen entschädigen konnte.« Aus der Schule, bei der M. trotz der zeitüblichen grausamen Erziehungsmethoden »glaubte, mehr Gerechtigkeit als bei seinen Eltern zu finden«, nimmt ihn der Vater im Alter von zwölf Jahren, steckt ihn zu einem Hutmacher im entfernten Braunschweig in die Lehre - aus Gründen des »Glaubens«, denn der Handwerker, ein frömmelnder Sadist und schamloser Ausbeuter, gehörte ebenfalls den Quietisten an. Der Anton Reiser liest sich wie ein Kommentar zu der neuen Situation. Der Hutmacher »schien zu glauben, da nun mit Antons Seele doch weiter nichts anzufangen sei, so müsse man wenigstens von seinem Körper allen möglichen Gebrauch machen«. Ein Selbstmordversuch des dreizehnjährigen M. veranlaßt den Vater, seinen »mißratenen Sohn«, in dessen Herzen sich, der Konventikel-Sprachre-gelung zufolge, »Satan einen unzerstörbaren Tempel aufgebauet hatte«, wieder abzuholen. In Hannover, wohin die Eltern inzwischen gezogen waren - kurz darauf wird der Vater seinen allzu »weltlichen« Beruf zugunsten einer miserablen Dorfschreiberexistenz aufgeben-, erkennt der Garnisonspfarrer die Begabung des heranwachsenden Karl Philipp. Gegen den Willen des Vaters wird ihm der Besuch des Gymnasiums ermöglicht. Die Armut, die der Junge als außerordentlich demütigend empfand und die ihn zwang, Freitische und andere Almosen in Anspruch zu nehmen, verkrüppelt sein Selbstgefühl und erzeugt die klassischen Symptome der narzißtischen Störung: Selbstüberschätzung und Depression. Die phantastischen Auswege aus der Demütigung, die er seine Romanfigur Anton Reiser finden läßt, sind deshalb so interessant,weil er im Kleinen des Romans mit denjenigen kulturpsychologischen Taktiken voranzukommen sucht, die das Bürgertum als Ganzes zur selben Zeit verfolgt. Die psychologische Innenansicht der kulturellen Emanzipation des Bürgertums kennen wir fast nur aus dem Anton Reiser, einem »Buch, wie es kein anderes Volk der Erde besitzt« . Das Bild selbstbestimmter Individualität bot sich dem Bürgertum paradoxerweise an der Figur des adligen Dandy dar, der »öffentlichen Person«, wie er in Johann Wolfgang Goethes Lehrjahren heißt. Dem Adligen allein, nicht dem Bürger, so reflektiert Goethes Wilhelm Meister, ist »eine gewisse allgemeine, wenn ich sagen darf personelle Ausbildung möglich«. Wie in dem Roman seines späteren Freundes Goethe ist es für den jungen M. das Theater, das solche »personelle Ausbildung« vermitteln kann. Das Lesen, das Reiser »so zum Bedürfnis geworden war, wie es den Morgenländern das Opium sein mag«, ist nur Vorstufe zum öffentlichen Auttritt als Schauspieler oder Prediger.
      Im »Reich des schönen Scheins«, das Friedrich Schiller später zum Zentrum seiner Kunstphilosophie erhob, verschafft sich der Heranwachsende in seiner Phantasie die gelegentlich illusionäre Geltung, welche ihm in der Wirklichkeit von den bestehenden Verhältnissen verweigert wird. Die leidvollen Erfahrungen seiner Pubertät spiegeln das Dilemma einer in ihrer Entwicklung gehemmten bürgerlichen Klasse wider, die ihren Anspruch auf Mündigkeit von der Politik auf das Kulturelle verlagert hat - verlagern mußte. Das Reich der erhabenen Kunst, in der alle in der Wirklichkeit vorhandenen Widersprüche miteinander versöhnt sind und das den Dachstubenbewohner M. den täglichen Hunger vergessen ließ, wurde in seiner späteren, um das Bild des »in sich Vollendeten« kreisenden Kunstphilosophie systematisch als geistiges Territorium des Bürgertums entworfen. In der
Praxis wiederum scheiterte der Versuch von M., sich auf dem Theater als eine »Persönlichkeit« zu entfalten: als sich der Student 1776 hoffnungsvoll einer Schauspielertruppe anschließt, läuft diese bald danach auseinander. 1778 findet man M. als Lehrer am Waisenhaus in der Garnisonsstadt Potsdam wieder, einer Kinderaufbewahranstalt, die eher einem Arbeitslager glich und der unmenschlich strengen, preußischen Tradition aus den Zeiten Friedrich Wilhelms I. verhaftet war. Wie so viele, die unter ihrer Schule gelitten haben, ist M. ein begeisterter und einfühlsamer Lehrer, aber die trostlosen Zustände im Waisenhaus treiben ihn erneut an den Rand des Selbstmords. Noch im gleichen Jahr gelingt ihm der Absprung an das renommierte, im Geist der Aufklärungspädagogik geleitete Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, wo er es bis zum Konrektor bringt. Daneben entstehen publizistische Neben- und Brotarbeiten, M. gibt eine Zeitschrift mit dem griechischen Titel Erkenne dich seilet heraus. Er unternimmt eine Reise nach England und eine Wanderung durch Deutschland, bis er 1786 fluchtartig nach Italien aufbricht. In Rom erlebt er die beiden glücklichsten Jahre seines Lebens. Er schließt mit Johann Wolfgang Goethe, dem berühmten Verfasser der Leiden des jungen Werther - auf seiner ersten Italienreise unterwegs -, eine tiefempfundene Freundschaft, nachdem er sich schon als Jugendlicher bei ihm als Diener hatte verdingen wollen, nur um dem einzigen Mann, von dem er sich verstanden fühlte, nahe sein zu können. Im Rom fühlt er sich zum ersten Mal als Persönlichkeit, die sich Geltung verschafft hat: gleichberechtigt und gleichrangig geht er mit den großen Intellektuellen seiner Zeit um und übt insbesondere mit seinen ästhetischen Schriften entscheidenden Einfluß auf sie aus. Goethe hat den Freund mit dem Torquato Tusso in vie-len Zügen porträtiert. Durch die Vermittlung des Herzogs von Weimar wird M. schließlich 1789 Professor der Theorie der Schönen Künste in Berlin, er heiratet und bringt es zu Ansehen und Wohlstand. Aber ein dauerhaftes Lebensglück ist ihm auch jetzt nicht beschieden. Der Mann, der das Elend seiner bigotten Herkunft und die Unmündigkeit seiner Klasse nicht nur in seiner psychologischen Schriftstellerei und in seiner Theorie autonomer Kunst, sondern auch im praktischen Alltag überwunden zu haben schien, starb 1793 an Tuberkulose und fiel damit, im Alter von 37 Jahren, den elenden Lebensumständen zum Opfer, über die er sich gerade erst hinweggesetzt hatte.
     

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