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Meyer, Conrad Ferdinand



Geb. 11.10.1825 in Zürich; gest. 28.11.1898 in Kilchberg
»Wie erbärmlich war ich nicht in Zürich daran! Was mich niederwarf und aufrieb, war die Mißachtung, das Für-krankgelten, in der ich lebte, sowie micham tiefsten jene Hinweisung auf meine in den letzten Jahren unverschuldete Berufslosigkeit kränkte«. Dies schreibt einer, der seine Gymnasialausbildung unterbricht, dessen Jurastudium scheitert und der schließlich wegen gesteigerter Depressivität eine Heilanstalt aufsuchen muß . Für die streng calvini-stische Mutter ist er der »arme Conrad«, ein Außenseiter, der die Erwartungen der patrizischen Familientradition, nach der die männlichen Mitglieder eine geachtete Stellung im öffentlichen Leben zu erreichen haben, kläglich enttäuscht. Dabei erlebt M. eine sorglose Jugend in bürgerlicher Geborgenheit. Aber nach dem Tod des Vaters entsteht eine langwierige Lebenskrise, eine zunehmende Isolation, mit der Angst verbunden, von der bürgerlichen Umwelt als mißraten angesehen zu werden. M. widmet sich philologischen und historischen Studien. Besonders die französische Literatur beeinflußt ihn. Der Tod der Mutter bedeutet eine gewisse Befreiung vom Erwartungsdruck und erlaubt die dauerhafte Annäherung an die geliebte Schwester Betsy. Im gleichen Jahr sichert eine beachtliche Erbschaft verfügbare Zeit für das Ziel, Dichter zu werden. Reisen nach Paris und München und insbesondere nach Rom wecken die Begeisterung für Kunstwerke der Antike und Renaissance. Auf den ersten Blick führt M. das behagliche Leben eines Rentiers. Die Heirat mit Luise Ziegler , welche aus einer führenden Züricher Familie stammt, beschleunigt die erhoffte gesellschaftliche Rehabilitierung. Hinzu kommt eine wachsende literarische Anerkennung. Die Versdichtung Huttens letzte Tage macht ihn auch im Bismarck-Reich bekannt. Die meisten seiner elf Novellen erscheinen in J. Rodenbergs Deutscher Rundschau, einer angesehenen Zeitung für das nationalliberale Bürgertum. Seine Sammlung Gedichte begründet den Ruhm als bedeutendster zeitgenössischer deutschsprachiger Lyriker. Trotz materieller Sicherheit und gesellschaftlicher Anerkennung bleiben tiefsitzende Ã"ngste vor den Ansprüchen des selbstbewußt werdenden Proletariats, aber auch gegenüber der gesamten zeitgenössischen bürgerlichen Gesellschaft, die ihm »roh« erscheint. 1857 schreibt er in einem Brief aus Paris, »die Börse«, der »Katholizismus« und der »Neid des Proletariats« seien »die drei Pesten der Gegenwart«. Ab 1891 erfaßt M. eine senile Melancholie, von der er sich nicht mehr erholt.


      Den liberal-konservativen Autor, den Bewunderer von Friedrich Schiller und Otto von Bismarck, stellt die Literaturgeschichtsschreibung zwischen bürgerlichen Realismus und Ã"sthetizismus. Im Vergleich zu Gottfried Keller, Wilhelm Raabe oder Theodor Storm empfindet sich der Künstler M. als Außenseiter, während er als Rentier ohne demokratisches Traditionsbewußtsein eher den Interessen seiner Klasse verpflichtet bleibt. Aus der Kollision zwischen einer an der italienischen Renaissance orientierten, durch Jacob Burckhardt vermittelten Persönlichkeitsauffassung und der als spießig empfundenen Enge der Gesellschaft ergibt sich andererseits eine schärfere Trennung zwischen formbewußter Kunst und chaotischem Leben. »Die brutale Actualität zeitgenössischer Stoffe«, so M., bleibt deshalb für die Novellistik ausgeschlossen. Darin gründet die Vorliebe für historische Stoffe, für Staatsaktionen und große Persönlichkeiten wie Jenatsch , Thomas Beckett {Der Heilige, 1880), Fernando Francesco d'Avalos Pe-scara oder Angela Borgia . Andere Novellen sind im Horizont großer geschichtlicher Gestalten angesiedelt, so Die Richterin in der Zeit Karls des Großen oder Die Leiden eines Knaben in der Lud-wigs des X

I

V.

Alltägliche Konflikte des Volkslebens spielen in den Novellen keine Rolle. M. schreibt keine kulturgeschichtlichen Novellen, er bedient sich vielmehr der Form, um in »historischer Maskerade« eigene Empfindungen und Erfahrungen auszudrücken. Die Leidenschaften und tragischen Konflikte der auf sich gestellten Hauptpersonen sind meist hochgradig psychologisiert. Dem gehobenen Personal entsprechen Wortschatz und Satzbau, die ohne Elemente der Umgangssprache auskommen. So vermitteln die Novellen, häufig verstärkt durch die Rahmenerzählung, den Eindruck einer distanzierten Objektivität. Persönlich Stimmungshafte Elemente sind ihnen fremd.
      Letzteres gilt auch für die Lyrik. »Ein Lyriker ist er nicht«, urteilt Theodor Storm aus Sicht der traditionellen Erlebnislyrik. Schon die Titel der ersten beiden Gedichtbände verweisen auf eine objektivierte Gegenständlichkeit, die anonym erscheinenden Zwanzig Balladen von einem Schweizer und die Romanzen und Bilder von Conrad Ferdinand Meyer . Er schreibt eine unpersönliche Lyrik, die auf keinen individuellen Erlebnisgrund verweist. Die Balladen wirken so handlungslos wie historische Genrebilder. Die für M. charakteristische Abwendung vom Erlebnisgedicht und die Hinwendung zu symbolhaft-verdichtender Aussage führt, häufig befördert durch straffende Bearbeitungen, zu einer neuen lyrischen Sprache. Im Gegensatz zum französischen Symbolismus bleiben die Symbole M.s aber noch im Bereich bürgerlich-wohlanständiger Rede.
     

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Meyer,  Conrad  Ferdinand    





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