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Lenz, Siegfried



Geb. 17.3.1926 in Lyck/Masuren
Nicht erst seit seinem unerwarteten Bestseller Deutschstunde wird L. vorgeworfen, seine Vermarktung in den Medien und die Breitenwirkung seiner Werke beweise, daß sein Schreiben im
Grunde auf das rückhaltlose Einverständnis, auf eine »Komplizenschaft mit dem Leser« hin angelegt sei. Seine Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit in den Romanen, Erzählungen, Geschichten und Hörspielen trage zu sehr die Spuren des Persönlichen und sei gleichzeitig so allgemein, ja neutral gehalten, daß er damit der Neigung seiner Leser entgegenkomme, die unliebsame nationalsozialistische Vergangenheit zu verdrängen. Diesem Entgegenkommen entspreche auch die traditionelle, kaum einmal ästhetische Experimente wagende Stilhaltung, die eingängige Natur-, Landschafts- und Personendarstellung seiner Eigenbrödler und Sonderlinge, vor allem aber die autobiographisch-lebensgeschichtliche Tendenz, die »menschliche Botschaft«, von der sowohl die »zeitlos-archaischen«, der Fxi-stenzphilosophie der 1950er Jahre und Ernest Hemingways stoisch-skeptizisti-scher Weltsicht verpflichteten Kurzgeschichten und Romane wie die großen Romane der 1960er und 1970er Jahre getragen sind. Abgesehen von der fragwürdigen Gleichsetzung des Leserverhaltens mit der Absicht des Schreibenden übersieht eine solche Charakterisierung, wie nachhaltig L. jeweils aus dem Zeitkontext heraus, in ihn eingreifend und ihn übersteigend, geschrieben hat; zunächst in einer ersten Phase der unmittelbaren Verarbeitung des Kriegs und der Nachkriegszeit: Es waren Habichte in der Luft van 1951. L. thematisiert in diesem Roman Flucht und Entkommen, Widerstand und Entzug als Schlüsselerlebnis des siebzehnjährigen Notabiturienten, der zur Marine eingezogen wird und sich kurz vor Kriegsende in den Wäldern Dänemarks versteckt, die drohende standrechtliche Erschießung stets vor Augen. Es folgen der Roman Duell mit dem Schatten , ein Band mit Erzählungen , das Hörspiel Das schönste Fest der Welt und der Roman Der Mann im Strom , indem L. vom Scheitern eines älteren Mannes im Dschungel des Konkurrenzkampfes erzählt. Das tragische Scheitern eines Sportlers stellt er in dem Roman Brot und Spiele dar, dann erscheinen Erzählungen und »Geschichten aus dieser Zeit« .

      In der »Spurensicherung« und der literarischen Erinnerungsarbeit entdeckt L. einen zweiten Antrieb zum Schreiben, um die verlorene Heimat Masuren in der Literatur zu vergegenwärtigen - ihre Landschaft, ihre Seen, die Wälder, den Menschenschlag und die Sprache —, sei es in der Form der heiter-anekdotischen, schwankhaften Erzählung oder der bedeutsamen Dokumentation Masurens im Heimatmuseum von 1978. Das stark ausgeprägte Zeit- und Gegenwartsbewußtsein von L., das sich u.a. in der Parteinahme für die bei Kriegsende zu Millionen aus ihrer Heimat Vertriebenen und seinem Engagement für die Ostpolitik Willy Brandts ausgedrückt hat, rührt von der journalistischen Vergangenheit des jungen L. her, der sein nach Kriegsende aufgenommenes Studium der Philosophie, der Anglistik und der Literaturwissenschaft abbricht, um Feuilletonredakteur bei der Zeitung Die Welt in Hamburg zu werden. Seit diesem Zeitpunkt hat er planmäßig zu schreiben begonnen und bereits 1951 den Sprung in die Existenz als freier Schriftsteller gewagt. Hamburg und der Norden bleiben über Jahrzehnte Lebensraum und Sphäre seiner Wirkung; heute lebt L. mit seiner Frau im dänischen Jütland.
      Die zweite Werkphase des mit zahlreichen kleineren und größeren Literaturpreisen ausgezeichneten Autors setzt mit dem
Hörspiel bzw. Drama Zeit der Schuldlosen ein; es folgen der Roman Stadtgespräch , dann die Erzählungen Der Spielverderber . Inzwischen hat sich L., obgleich kein Parteimitglied, für den Bundestagswahlkampf der SPD engagiert. Die Schriftstellerexistenz empfindet er zunehmend als Instanz öffentlicher politischer Verantwortung, als soziales Gewissen, ohne daß er als geborener Erzähler und Geschichtenerfinder in ein Moralisieren verfiele, vielmehr spielt er in epischer Breite alle Varianten des Denkbaren und Möglichen durch, um seine Leser wach-zurütteln. »Und wenn Daniel sich gestellt hätte?«, lautet der Einleitungssatz des Stadtgesprächs.
      Der überraschende Erfolg des im bedeutsamen Jahr 1968 - die außerparlamentarische Opposition erlebte ihren Höhepunkt, der »Tod der Literatur« wurde proklamiert - erschienenen Romans Deutschstunde ist in der Fähigkeit von L. begründet, anknüpfend an die großen Zeitromane des 19. Jahrhunderts, Theodor Fontanes und Wilhelm Raabes vor allem, gesellschaftliche und politische Strömungen und Entwicklungen aufzunehmen und sie erzählerisch als Lebensschicksale verstehbar zu machen. Siggi Jepsen, der Held der Deutschstunde, leistet seine Strafarbeit über »die Freuden der Pflicht« eigentlich für alle Deutschen - eine Lizenzausgabe erschien 1974 in der DDR. Das Erscheinen des Buchs fiel nicht zufällig auch in eine Periode erstarkender neonazistischer Umtriebe. Während sich Siggi Jepsen mit seiner Strafarbeit von der Vaterwelt ablöst, ist L. dabei zu erkunden, warum die oft gepriesene »deutsche Seele« so anfällig für den Faschismus ist. L. schließt damit an die großen Erziehungs- und Bildungsromane des 19. Jahrhunderts an, an das, was deutsche Wirklichkeit, deutsche Tradition, falsch verstandene Loyalität, deutschen Wachtraum stets ausgemacht hat.
      Die Deutschstunde ist aber auch ein Zeitroman: Die autoritär geführte Anstalt, in der Siggi Jepsen einsitzt, ist eine Chiffre der restaurativen späten Adenauer-Ära.
      Der Auseinandersetzung mit dem fatalen Pflichtbegriff in der Deutschstunde folgt 1973 der Roman Das Vorbild, in dem sich L. mit dem Vorbildlichen, Leidbildhaften, dem lebensgeschichtlich Bedeutsamen, auf mehrere Figuren facettenartig verteilt, befaßt. Während Siggi Jepsen die »Heimatkunde« seines Großvaters noch verspottet, wird dieses Thema der Heimat, ihres Verlustes und ihrer Wiederfindung — freilich keiner realhistorischen Heimat - im 1978 erschienenen Roman Heimatmuseum in epischer Breite gestaltet. Mit dem Heimatmuseum ist, so scheint es, dem genuinen Erzähler L. sein zweites Meisterwerk, nach der Deutschstunde, gelungen; reich an unvergeßlichen Landschaftsbildern der Heimat Masuren, Einzelschicksalen, einverwoben in Zeit und Raum, sonderlingshaften Figuren und historischen Rückblenden. Der Verlust wendet sich hingegen ganz dem Privat-Subjektiven, dem Einzelschicksal zu: Sprachverlust als Verlust der menschlichen Beziehungen, als Weltverlust. Der novellenartig angelegte Roman widerruft im Sinne und Geist humaner Verantwortung den Emanzipationsprozeß der Frau - Nora mit Namen! - sie bleibt bei dem Freund, der die Sprache verloren hat und gewinnt damit eine neue Identität. Der Roman Exerzierplatz , wiederum erzählt aus der Perspektive eines Außenseiters und Sonderlings, beschreibt den Weg einer Verwandlung: Aus dem ehemaligen Exerzierplatz wird eine Baumschule, es öffnet sich ein Weg aus der Fatalität der Geschichte heraus in eine konkrete, realisierbare Utopie. Eher in das Erzählmuster des Trivialromans führt der Roman, Die Klangprobe ; gemeint ist die »Tauglichkeitsprüfung« des Steinmetz und Bildhauers Bode am
Material, am Stein. Leitmotivisch umspannt und gliedert den Roman die »gelungenste Figur des Meisters«, der »Wächter«, Entwicklungs- und Knotenpunkt der erzählerischen Fäden. Ganz nach dem Muster seines Erzählens wird die im Alltäglichen angesiedelte und von einer mitunter etwas aufgesetzt wirkenden Symbolik des Steins und seiner Bearbeitung durchzogene Geschichte aus dem Blickwinkel des Sohnes, Jan Bode, eines Kaufhausdetektivs vorgetragen.
      Auch wenn L. in den 1990er Jahren nicht mehr im Zentrum des >postmo-dernen< Literaturbetriebs steht, bleibt sein Rang in der deutschen Gegenwartsliteratur unbestritten - ebenbürtig seinen Generationsgenossen M. Walser, G. Grass und früher H. Böll. Die Romane der letzten Jahre, u.a. Die Auflehnung oder besonders Arnes Nachlaß - der 14jährige Außenseiter Arne schafft es nicht, sich zu integrieren -greifen typische Themen des Autors auf. Sein neuester Roman Fundbüro ist durchzogen von leiner Ironie; die Motivik des >Findens< und >Wie-derfindens< bestimmt den Roman um den 24jährigen Henry Neff im Fundbüro eines Hauptbahnhofs. Die Essay-Bände Ãœber den Schmerz oder zuletzt Mutmaßungen über die Zukunft der Literatur erinnern an den bedeutenden Essayisten L., der nach vielen Preisen und Auszeichnungen in einem über fünfzigjährigen äußerst produktiven Schriftstellerleben 1999 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt erhält. Was L. einmal über die Literatur gesagt hat, daß sie nämlich »das kollektive Gedächtnis der Menschen darstell« {Ãœber das GedächtniS), das gilt exemplarisch für sein schriftstellerisches Gesamtwerk und seine Lebensleistung: er ist und bleibt so etwas wie das lebende Gedächtnis der Nation in der so bewegten und zerklüfteten Nachkriegs- und Gegenwartsgeschichte und ist nach wie vor einer der meist gelesenen Autorender Gegenwart und jüngsten Vergangenheit.
     

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Lenz,  Siegfried    





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