Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Autoren

Index
» Autoren
» Deutschsprachige autoren
» Lasker-Schüler, Else

Lasker-Schüler, Else



Geb. 11,2.1869 in Wuppertal-Elberfeld;gest. 22.1.1945 in Jerusalem
»Else Lasker-Schüler ist die jüdische Dichterin. Von großem Wurf ... Ihr Dichtgeist ist schwarzer Diamant, der in ihrer Stirn schneidet und wehe tut. Sehr wehe. Der schwarze Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist. Strahlt kindlich, ist urfinster. In ihres Haares Nacht wandert Winterschnee«. Die Metaphorik dieser Charakteristik ihres Freundes und Vorbildes Peter Hille aus dem Jahre 1904 zeichnet prophetisch Lebenslauf und Schaffensweg der damals 35jährigen Frau vor, die in ihrem ersten Gedichtband Styx Liebe und Tod, Einsamkeit und Verlassenheit aus dem Geist der Neuromantik thematisiert hatte.
      Prägende Lebenserfahrungen lagen hinter ihr: die in einem behüteten Elternhaus in Elberfeld als jüngste im Kreise von fünf Geschwistern einer gutbürgerlichen Familie aufgewachsene L.-S. hatte ihren Lieblingsbruder Paul , ihre innig geliebte Mutter Jeannette geb. Kissing und später ihren Vater Aron Schüler verloren. Ihr Tod bedeutete die Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit und hinterließ die lebenslange Sehnsucht nach der zum Mythos verwandelten Heimat ihrer Väter. Die Heirat mit dem Arzt Dr. Jonathan Berthold Lasker, Bruder des berühmten Schachmeisters Emanuel Lasker, am 15. Januar 1894 und die wenigen Ehejahre in Berlin endeten mit Entfremdung, belasteten sie zeitlebens mit Schuldgeiühlen, weckten aber in der zierlichen, schönen L.-S. - »ein schwarzer Diamant« - ihre schriftstellerischen und künstlerischen Neigungen. Die »Aussteigerin« fand um die Jahrhundertwende Anschluß an den Kreis der »Neuen Gemeinschaft« der Brüder Hart in Berlin-Schlachtensee; sie lernte die Schriftsteller dieser Lebensreformbewegung kennen, so Gustav Landauer, Martin Buber, Erich Mühsam, Ludwig Jaco-bowsky, schloß sich schwärmerisch Peter Hille an, den sie später {Das Peter Hille Buch, 1906) als »Petrus den Felsen« wie einen Heiligen verklärte.
      Vor allem lernte die junge Autorin in dieser Atmosphäre den Komponisten und Klaviervirtuosen Georg Lewin kennen, den sie - eine Erfinderin poetischer Namensformen - künftig Herwarth Waiden nannte und 1903 kurz nach ihrer Scheidung heiratete. Diese Verbindung eines von der modernen Kunst besessenen Organisationstalents mit ei-ner phantasiebegabten, ihre Umwelt, ihre Freunde und Zeitgenossen in ihr poetisches Spiel verwebenden Dichterin war ein Glücksfall für die Aufbruchstimmung im vorexpressionistischen Jahrzehnt: in dem von Waiden 1904 gegründeten Verein für Kunst in Berlin, in dessen Verlag L.-S.s zweiter Gedichtband Der siebente Tag erschien, lasen Richard Dehmel und Karl Kraus, Paul Scheerbart und Peter Altenberg, Max Brod und Paul Leppin und viele andere. Die Autoren, die L.-S. in Porträtgedichten besang und mit unbestechlicher Treffsicherheit in poetischen Prosaskizzen charakterisierte {Gesichte, 1913), wurden Vorreiter der 1910 aufkeimenden neuen künstlerisch-literarischen Bewegung des Expressionismus: sie waren die ersten Mitarbeiter der 1910 von Herwarth Waiden begründeten Zeitschrift Der Sturm, deren Name von L.-S. stammte und die das berühmteste Organ der modernen Kunst und der expressionistischen Dichtung wurde. Durch ihre eigenen Beiträge und durch ihr auffälliges, extravagantes Auftreten in den Berliner Cafes wurde L.-S. in der Vorkriegszeit zu einer Schlüsselfigur der sonst ganz männlichen Bewegung des Expressionismus.
      Durch die Trennung von Herwarth Waiden wieder auf sich allein gestellt, lebte sie als mittellose und heimatlose Schriftstellerin in Berlin und wurde in Künstler und Literatenkreisen eine ebenso angesehene und bewunderte wie in ihrer Unberechenbarkeit gefürchtete Persönlichkeit, die durch ihren unverschlüsselten Briefroman Mein Herz dem Berliner Frühexpressionismus ein Denkmal setzte. Die jüngeren Dichter gingen in ihre schwärmerischen, leidenschaftlichen Liebesgedichte ein, so Gottfried Benn, Georg Trakl, Paul Zech, Hans Ehrenbaum-De-gele und andere. Mit rührender Anhänglichkeit hatte sie durch eine Reise nach Rußland 1913 vergeblich versucht, ihren gefangengehaltenen todkranken
Freund, den Anarchisten Johannes Holzmann zu retten. Ihr ihm gewidmeter Gedichtzyklus wurde ein Epitaph.
      Mit sicherem Instinkt erkannte L.-S. auch das künstlerische Genie Franz Marcs, des »Blauen Reiters«, den sie in ihrer »Kaisergeschichte« unter dem Titel Der Malik verewigte. Der Roman erschien zuerst in Fortsetzungen 1916/17 in der Neuen Jugend, die der junge Herzfeld herausgab, den L.-S. Wieland Herzfelde nannte. Ihr Romantitel gab dem Malik-Verlag, einem bedeutenden sozialistischen Verlag der Weimarer Republik, den Namen. Mit dem Erscheinen der zehnbändigen Gesamtausgabe ihrer Werke bei Paul Cassi-rer in Berlin 1919-1920 stand L.-S. im Zenit ihres zeitgenössischen Ruhmes. In überarbeiteten und veränderten Fassungen veröffentlichte sie ihre vom Stil der Jahrhundertwende geprägten, durch eine sinnliche Bildersprache und kühne Wortschöpfungen auch dem expressionistischen Sprachstil zuzuordnenden Gedichte {Styx, 1902; Der siebente Tag, 1905; Meine Wunder, 1911; Hebräische Balladen, 1913), teils einprägsame Liebesgedichte und lyrische Denkmäler für Freunde, Zeitgenossen und Weggefährten, teils weltverlorene Gesänge , teils Verse mit jüdischer und orientalischer Thematik.
      Ihre stark autobiographisch durchsetzten Prosabücher, in denen sie sich als Meisterin der Verwandlungskünste erwies und als Tino von Bagdad, Prinz Jussuf, Prinz von Theben oder als Joseph von Ã"gypten auftrat, stattete L.-S. mit eigenen Zeichnungen und Aquarellen aus, die eine starke illustrative Begabung zeigen. Besonders ihre Gedichtauswahl Theben , der sie handkolorierte Lithographien beifügte, ist das reizvolle Zeugnis einer künstlerischen Doppelbegabung, deren grenzenlose Phantasie mit ihrem eigenen Leben, ihrem Herkommen undihrer Zeit spielte. »Ich kann ihre Gedichte nicht leiden«, schrieb Franz Kafka 1913, »ich fühle bei ihnen nichts als Langeweile über ihre Leere und Widerwillen wegen des künstlichen Aufwandes. Auch ihre Prosa ist mir lästig aus den gleichen Gründen, es arbeitet darin das wahllos zuckende Gehirn einer sich überspannenden Großstädterin«. Diese der Eigenwilligkeit und Eigenständigkeit L.-S.s sicherlich nicht gerecht werdende Kritik zeigt den Zwiespalt, in den ihre Freunde im Umgang mit der subjektiven Einzelgängerin, die man eine lyrische Anarchistin nennen könnte, gerieten.
      Leben und Werk sind bei der »jüdischen Dichterin« in der Tat aufs engste verknüpft, was sich in den Zeiten als tragisch erwies, in denen sie, wie in den Jahren der Weimarer Republik, keinen eigentlichen Freundeskreis mehr um sich scharen konnte. In einer durchaus erfrischenden, höchst subjektiven Abrechnung, Ich räume auf. , hatte sie mit ihren Verlegern gebrochen, so daß sie ohne diese hart zu kämpfen hatte, zumal der Tod ihres einzigen Sohnes Paul ihr Leben verdüsterte. Das Erscheinen des Sammelbandes Konzert bei Ernst Rowohlt und die gleichzeitige Verleihung des Kleistpreises für ihr Gesamtwerk schienen eine Wende zu bringen, erwiesen sich aber als bitterer Abgesang.
      Ihr weiteres ruheloses, ahasverisches Schicksal, das sie im April 1933 in die Schweiz, 1934 zum erstenmal in ihr Hebräerland und 1939 endgültig nach Palästina führte, wo sie, von den wenigen aus Deutschland entkommenen jüdischen Schriftstellern scheu verehrt, am 22. Januar 1945 in der Hadassah in Jerusalem als arme, alte Frau 76jährig verstarb, verdient nicht nur Mitleid, sondern auch Respekt vor einem erschütternden Alterswerk. Den frühen Gedichtbänden stellte sie 1943 ihr letztes Buch, Mein blaues Klavier, gegenüber, eine Sammlung später Verse einer »Verscheuchten«. Das erfolglose Drama Die Wupper fand in einem postum veröffentlichten Weltdrama khundich ein Gegenstück: jüdisches Schicksal und Heimatlosigkeit, Liebe und Enttäuschung, Weltangst und Zuversicht kamen in der Doppelgestalt des Ich und in ihrer subjektiven Sprachgestaltung noch einmal zum Ausdruck. Sie haben L.-S. zu einer der charaktervollsten und farbigsten Gestalten der deutschen Dichtung des 20. Jahrhunderts gemacht. Ihr Ruhm ist heute wieder so groß wie in ihrer besten Lebenszeit. »Der schwarze Schwan Israels« wird in dem Land ihrer Väter heute so verehrt wie die »Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist« in dem Land ihrer Kindheit und ihrer Sprache, deren Machthabern sie entflohen war.
     

 Tags:
Lasker-Schüler,  Else    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com