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Kraus, Karl



Geb. 28.4. 1874 in Jicin/Böhmen; gest. 12.6.1936 in Wien
Als ihm 1933 »zu Hitler nichts einfiel«, hörten die zahlreichen Kritiker in diesem Wort nicht die bittere satirische Abfertigung, erkannten nicht den Sinn dieses Verdikts vor seinem ganzen Werk: daß nämlich die Sprache nicht mehr imstande sei, den nationalsozialistischen Ungeist und seine Folgen für Deutschland in sich zu fassen. Und kaum einer von ihnen wußte oder ahnte, daß K. damals an der Dritten Walpurgisnacht schrieb und nicht dem Umfang, wohl aber der Gestalt nach den Schrecken der Nazizeit visionär vorwegnahm.

      Dieser Sohn eines Papierfabrikanten aus Böhmen, der in Wien aufwuchs und sich erst von seiner jüdischen Abkunft lossagen wollte, aber nach dem Ersten Weltkrieg auch aus der Katholischen Kirche wieder austrat, hatte im Elternhaus eine eher amusische Erziehung genossen. Gelernt hatte er nach dem Abitur 1892 nichts oder vielmehr nichts Attestables; etwas Jura studiert, was ihm vielleicht bei seinen späteren Prozessen zugute kam, etwas Germanistik und Philosophie, was ihm kaum genützt haben dürfte. Der Versuch einer Karriere als Schauspieler scheiterte trotz unbestreitbaren Talents, und so entschied er sich für eine Laufbahn als Journalist.
      K. gründete 1899 die Zeitschrift Die Fackel und avancierte mit ihrer immer stärker anwachsenden Verbreitung zu einer geistigen und moralischen Instanz ersten Ranges. Seine Herausgeberschaft war jedoch keinesfalls aus einem Mißerfolg geboren, wie es seine Feinde später glauben machen wollten - hatte man ihm doch unmittelbar zuvor die Feuilleton-Redaktion der Wiener Neuen Freien Presse angetragen, deren Mitarbeiter er bis dahin gewesen ist und die er später erbittert als ein Exempel für ihre Art des selbstgefälligen, bildungsbürgerlichen Journalismus verfolgte. K. zeichnet bei der Fackel nur als Herausgeber, tatsächlich aber ist die seit dem 1. April 1899 bis Februar 1936 mit nur zwei längeren Pausen erscheinende Zeitschrift sein Hauptwerk: Fast alle Beiträge nämlich stammen von ihm selbst; 37 Jahrgänge mit 922 Nummern in 415 Heften - oder rund 18000 Seiten. Nur in der ersten Zeit hat er gelegentlich fremde Beiträge angenommen und Mitarbeiter gelten lassen. Seine erklärte Absicht, die er mit der Fackel verfolgte, war die »Trockenlegung des Phrasensumpfes«: der Kampf gegen die liberale Mitte der bürgerlichen Gesellschaft, ihre Unkultur und vor allem ihre Presse.
      Einige seiner Beiträge, denen er überaktuelle Bedeutung beimaß, hat K. in Auswahlbände übernommen. Wie er schon in den Fahnenkorrekturen der Fackel Versionen oft mehrfach umarbeitete, so sind die Buchfassungen nun-mehr gänzlich erneuert oder doch wenigstens gründlich redigiert, kaum je aber mit der alten Vorlage identisch. Dahinter steht das sein ganzes Werk kennzeichnende Bemühen um eine dem Gedanken optimal angemessene äußere Form - gleichviel, ob es sich um eine einzelne Formulierung, um Seiten- oder Zeilenumbruch oder um ein einziges Komma handelte, welches ihn mitunter Stunden der Ãœberlegung und seitenlange Ausführungen kosten konnte.
      Gleich zu Beginn seiner Laufbahn, als er beabsichtigte, dem literarischen Kartell um den Schriftsteller und Kritiker Hermann Bahr und dessen korrupten Machenschaften Einhalt zu gebieten, verlor er unter dem Hohngeschrei seiner Gegner den Prozeß, den Bahr gegen ihn anstrengte. Es lohnt, den Bericht darüber in den Erinnerungen der Alma Mahler-Werfel zu lesen: Wie hilflos und beinahe komisch er vor Gericht, als die Zeugen umgefallen waren, durch Verlesen einer Novelle Bahrs diesen »entlarven« wollte.
      Die meisten seiner Schlachten aber hat er nicht vor Gericht geschlagen, sondern in der Fackel - und dort und vor der Geschichte denn auch gewonnen: Gegen die Päpste der politischen Publizistik und Theaterkritik Maximilian Harden und Alfred Kerr . Jenem, der nicht vor der Privatsphäre seiner Gegner einhielt, demonstrierte K. neben solcher Niederträchtigkeit auch durch Analyse seiner Sprache die Zweideutigkeit und Pseudo-Ästhetisierung seines Journalismus. Im Fall Kerr konfrontierte K. dessen Nachkriegspazifismus mit seinem früheren Opportunismus: durch bloßen Abdruck der kriegshetzerischen Gedichte Kerrs, von denen dieser sich nie distanziert hatte, freilich auch seiner nichtöffentlichen Äußerungen.
      Seinen Krieg gegen die »Preßbuben« führte K. in alle Richtungen; ob nun gegen die lournalisten der bürgerlichen Neuen Freien Presse, gegen des Zeitungs
Verlegers Imre Bekessys Revolverblätter oder gegen Siegfried Jacobsohns linksstehende Weltbühne, ob gegen den Berliner Literaturprofessor Richard M. Meyer, den Theaterintendanten Paul Schienther oder den Schriftsteller Stephan Großmann, den Literaturhistoriker Albert Sörgel, den Dichter Otto Ernst und viele andere, deren Namen heute kaum mehr den Spezialisten erinnerlich sind. Freilich war er oft ungerecht, und so manches Mal mag er auch sehr geirrt haben. Nie aber gemessen an den eigenen Maßstäben, die er besonders auch an seine eigene Sprache anlegte. Denn immer prangerte er zuerst die sprachlichen Untaten seiner Gegner an, die nach seiner Auffassung nur als eine andere Gestalt ihrer moralischen Verfehlungen oder verbrecherischen Handlungen erscheinen.
      Doch nicht nur durch Satire und Polemik, die ihn berühmt machten, hat er sich literarisch hervorgetan - auch als Verfasser von Aphorismen . Als Lyriker sodann beansprucht er einen Platz auf dem Parnaß. Als Dramatiker ferner: die heute fast vergessene satirische »Operette« Literatur oder Man wird doch da sehn etwa, vor allem aber Die letzten Tage der Menschheit , jenes gewaltige Weltkriegspanorama. Als Ãœbersetzer und Erneuerer schließlich hat er Sonette und einige Dramen von William Shakespeare nachgedichtet und Johann Nepomuk Nestroy und Jacques Offenbach neu bearbeitet. In seinen exakt 700 Vorlesungen bemühte er sich, neben den eigenen auch fremde Werke, zumeist Gedichte und Dramatisches, zu neuem Leben zu erwecken.
      K. besaß einen untrüglichen Sinn für literarische Qualität; mit Loyalität unterstützte er die Dichter Peter Altenberg, Frank Wedekind, Detlev von Liliencron und Else Lasker-Schüler. Er griff jedochauch mit einem unerbittlichen Haß alle emporgekommene Mittelmäßigkeit, alle Gesinnungslumperei an. Das mag erklären , mit welcher Unnachsichtigkeit, ja Intoleranz er seine Gegner attackierte und selbst vor Intrigen manchmal nicht zurückschreckte.
      Doch sein Kampf beschränkte sich nicht auf die Sprache. Einige Male hat er auch versucht, aktiv in die Politik einzugreifen. So fuhr er z. B. 1915 nach Rom, um den Kriegseintritt Italiens zu verhindern. Nach den Arbeiterunruhen 1927 forderte er den Polizeipräsidenten Wiens, Johann Schober, mit Plakaten zum Rücktritt auf. Seinen Polemiken haftet natürlich viel Partikulares an - das lenkt gleichwohl bei genauerer Lektüre nicht ab von dem, worum es ihm eigentlich zu tun war: daß Reinheit der Sprache eine Lauterkeit der Gesinnung, Wahrheit und Wahrhaftigkeit zugleich nicht bloß repräsentiere, sondern sie selber sei. Georg Christoph Lichtenbergs Idee von einer Physiognomik des Stils — in K. wird sie zu einer mit nachgerade religiösem Eifer verkörperten Lehre. Mit dieser Lehre hat er sich identifiziert: Er empfand sich selbst als den Wertmaßstab seines Zeitalters.
     

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