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Kaschnitz, Marie Luise



Geb. 31.1.1901 in Karlsruhe; gest. 10.10.1974 in Rom
»Als eine ewige Autobiographin, eine im eigenen Umkreis befangene Schreiberin werde ich, wenn überhaupt, in die Literaturgeschichte eingehen, und mit Recht. Denn meine Erfindungsgabe ist gering. Ich sehe und höre, reiße die Augen auf und spitze die Ohren, versuche, was ich sehe und höre, zu deuten, hänge es an die große Glocke«. Orte heißt der Titel des letzten von K. veröffentlichten Buches. Es sind kurze Prosastücke, selten mehr als eine Druckseite umfassend - isolierte Augenblicke, die aus dem Gedächtnis hervorgeholt werden, ins helle Licht der aufblitzenden Erinnerung gestellt, »als sei jedes dort gesprochene Wort, jededort gelebte Empfindung Stoff geworden ..., als sei es nur nötig, das Außen zu beschwören, um alles andere wieder Gestalt werden zu lassen.« K. ist ein eindrucksvolles Beispiel für jene künstlerische Alterswildheit einer Sprach-und Ausdrucksverknappung, einer Formverdichtung, einer unkonventionellen Absage an die eigene Herkunft. In einem sehr präzisen Sinne - dies enthüllt ihr Spätwerk - hat K. immer Orte beschrieben: Orte des Lebens, Erinnerungsorte, Gedankenorte, aber auch Orte der geschichtlichen Verbrechen, des Todes und des Eingedenkens.

      Marie Luise von Holzing-Berstett stammte aus badisch-elsässischem Adelsgeschlecht. Sie wuchs in Berlin auf, wo ihr Vater als General in preußischen Diensten stand. Sie hat diese wohlbehütete, sozial privilegierte Jugend später immer als eine angstbeladene, qualvolle Zeit erinnert. Mag sie schreibend auch eine große Trennung von ihrer Vergangenheit vollzogen haben, so blieb sie in ihrem Lebensumkreis, ihrem Lebenszuschnitt doch von adligen Wcrtvor-stellungen geprägt. Nach einer Lehre als Buchhändlerin kam sie 1924 erstmals nach Rom. Dort befreundete sie sich mit Guido von Kaschnitz-Weinberg, der bis 1932 als Assistent am Deutschen Archäologischen Institut tätig war. 1925 heirateten sie; 1928 wurde die einzige Tochter geboren. Die Universitätslaufbahn ihres Mannes bestimmte die weiteren Lebensstationen: 1932 Königsberg, 1937 Marburg, 1941 Frankfurt a.M., 1953 Rom. Seit 1956 war Frankfurt der ständige Wohnsitz, unterbrochen von längeren, regelmäßigen Aufenthalten in Rom sowie im heimatlichen Schwarzwalddorf Bollschweil bei Freiburg. An der Seite ihres Mannes durchkreuzte K. auf zahllosen For-schungs- und Studienreisen das gesamte Abendland, dessen Grenzen auch die Landkarte ihres Werks abstecken.
      Sie scheint nur langsam und unter Mühen zum Schreiben gefunden zu ha-ben. Die frühen Gedichte, Erzählungen und Romane sind überwiegend anempfundene Literatur: klassizistisch in der Form, neuromantisch in der Sprache, unpolitisch in der Mythisierung einer als zeitlos erlebten Natur. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Gegenwart - wie in dem Roman Liebe beginnt - bleibt vereinzelt. »All meine Gedichte waren eigentlich nur der Ausdruck des Heimwehs nach einer alten Unschuld oder der Sehnsucht nach einem aus dem Geist und der Liebe neu geordneten Dasein« . Noch die Trümmerpoesie unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Faschismus war eine humanistisch überblendete Fluchtliteratur . Erst durch die Absage an den Feierton des Ewigmenschlichen findet sie als Lyrikerin in den frühen 1950er Jahren zu einer eigenen Sprache . In immer erneuten Ansätzen stellt sie sich in ihren mit dem Vorbild Paul Celans, aber auch mit den unversöhnlichen Widersprüchen der Kunsttheorie des Freundes Theodor W. Adorno auseinandersetzenden Gedichten der Trauerarbeit und dem Eingedenken des Faschismus, der sich in den Katastrophen der Gegenwart fortzeugt. Ihre Lyrik ist Vergegenwärtigung der Leidenswahrnehmung und Leidensfähigkeit - selbstquälerisch und selbstzweitelnd »Kargwort neben Kargwort« setzend.
      Den Tod ihres Mannes 1958 hat sie als einschneidenden Bruch ihrer Biographie erlebt, als Verlust, aber auch als Identitätsgewinn, dem sich nun die Schleusen der Erinnerung öffnen. Erinnerung - wie sie jetzt zum bestimmenden Verfahren ihres Schreibens wird -hat mit Archäologie zu tun; wie diese ist sie Erdarbeit: ein Freilegen des verschütteten Ich. Das wohl konsequenteste Beispiel für die facettierte Schreibweise von K.s autobiographischer Prosa ist die Beschreibung eines Dorfes . Sie beschreibt in diesem so eigenwilligen wie vollkommenen Prosatext aber nicht das Dorf Bollschweil, nicht ihre Erinnerung und auch nicht die Wirklichkeit seines gegenwärtigen Zustands, sondern - gleichsam in »Patrouillengängen« - die Arbeit, die sie im Vorfeld einer letzten Endes naiv verbleibenden literarischen Abbildung zu leisten hat: »Die Technik der Skizze hat keine andere Funktion, als auf einen eigentlichen Text zu verweisen, der niemals geschrieben werden wird« .
      Eine Vorkämpferin der Frauenemanzipation war K. nicht. Sie hat sich gerne auf eine »weibliche Position« zurückgezogen, unter der sie dann auch wieder litt, wenn man ihr Werk als »Damenliteratur« apostrophierte. Die karge, gleichsam Bild an Bild, Einstellung an Einstellung reihende Lyrik und Prosa ihrer letzten Jahre, das Aussparen und Ãoberspringen jeder Vermittlung und selbstsicheren Perspektive, als sei das Ganze das Unwahre; die mangelnde epische Fülle und dramatische Vehemenz, die sie zum ästhetischen Prinzip erhebt, all dies erzeugt durch eine Art kindlicher Holzschnittechnik und Schwarzweißmalerei, vergleichbar jenen »traumhaft anmutenden Landschaftsskizzen«, von denen sie Horst Bienek erzählte, sie »mit ganz elenden Kinderbuntstiften ausgeführt zu haben, während mein Mann seinen archäologischen Studien nachging«. Gestorben ist K. in Rom, begraben liegt sie im heimatlichen Bollschweil.
      Rettung durch Phantasie überschrieb sie den letzten Vortrag, den sie nicht mehr halten konnte. Der Titel spielt an auf die verwandelnde Kraft der Kunst, an die sie bis zuletzt geglaubt hat: »Adorno hat mir einmal von Gegen-bildern gesprochen, die es gälte aufzurichten, um die Bilder des Friedens und der Harmonie erst recht zur Geltung zu bringen.«

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Kaschnitz,  Marie  Luise    





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