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Kafka, Franz



Geb. 3.7.1883 in Prag; gest. 3.6.1924 in Kierling bei Klosterneuburg
Das »Grenzland zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft habe ich äußerst selten überschritten, ich habe mich darin sogar mehr angesiedelt als in der Einsamkeit selbst. Was für ein lebendiges schönes Land war im Vergleich hierzu Robinsons Insel«. Dies stellt K. wenige Jahre vor seinem Tod fest. Noch immer lebt er als Junggeselle im Bereich der elterlichen Familie, die ihn einengt und bevormundet, am Rande sowohl des assimilatorisch gesinnten wie des neuen nationaljüdischen Judentums, in einem Beruf, der ihm »unerträglich« ist, »weil er meinem einzigen Verlangen und meinem einzigen Beruf, das ist der Literatur, widerspricht«; in seiner Geburtsstadt, die er von jeher verlassen will, weil sie ihm Ausdruck dieser Gefangenschaft ist. Alle Fluchtversuche - Heirat, Assimilation, Zionismus, Ortswechsel, vor allem aber eine Existenz als freier Schriftsteller - sind bisher schon in den Anfängen gescheitert.

      Der tschechisch-jüdische Vater stammte aus der Provinz und hatte nach der Heirat mit einer wohlhabenden Deutsch-Jüdin in Prag ein Geschäft für Kurzwaren und Modeartikel gegründet. Von vornherein waren die Eltern entschlossen, ihren wirtschaftlichen Erfolg zur Verschmelzung mit der systembejahenden, herrschenden deutschen Ober-schicht zu nutzen. Dennoch steht K. zeitlebens über den Vater den Tschechen näher als die meisten seiner deutsch-jüdischen Altersgenossen und damit zwischen allen drei Völkern Prags. Der Aufstiegswille zeigt sich auch im Bildungsweg des Sohnes: Er hatte das humanistische Gymnasium zu besuchen und Jura zu studieren. 1907 hat K. mit Examen, Doktordiplom und Gerichtsjahr alle Voraussetzungen für den Staatsdienst. - Im Gegensatz zu anderen Autoren des sogenannten »Prager Kreises«, Max Brod, dem lebenslangen Freund und Propagator, Oskar Baum, Willy Haas, Egon Erwin Kisch, Franz Werfel u.a., hat K. noch nichts veröffentlicht. Nur der unmittelbaren Eingebung folgendes Schreiben vermittelt ihm Glück, und stets ist es autobiographisches Interesse, das bei ihm die literarische Produktion hervortreibt. Daraus folgen Widerwille und Widerstand gegen ihre Veröffentlichung, oft auch die Vernichtung des Geschriebenen, das solchen Maßstäben nicht standhält. Schon die älteste erhaltene Erzählung Beschreibung eines Kampfes formt die späteren Themen und Darstellungsmittel vor: Isolation, Mißlingen und Scheitern, Rettungsversuche, Verwandlungen und Tiermetaphern. Kleine Prosa veröffentlicht 1908 erstmals Franz Blei, der in seinen Zeitschriften ausschließlich von ihm entdeckte oder früh geförderte Schriftsteller druckte, wie Rudolf Bor-chardt, Max Brod, Carl Einstein, Rene Schickele oder Robert Walser.
      Von einer ersten Stelle in einer privaten Versicherungsgesellschaft wechselte K. 1908 zur halbstaatlichen »Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag« und blieb hier bis zu seiner Pensionierung. Böhmen war der am weitesten industrialisierte Raum der Donaumonarchie und die führende Versicherungsanstalt deshalb in ständiger Erweiterung. K. arbeitete bald in leitender Stellung in ihrer wichtigsten »technischen« Abteilung und hatte z.B. über die Klassifizierung der Betriebe nach Gefahrenklassen zu entscheiden und dabei auch Betriebe zu inspizieren. Mit diesem Aufgabenbereich stand er mitten in der modernen Welt: Die Arbeiterschaft und ihre Probleme, das Ausgeliefertsein des Menschen an Mächte, die als anonym erlebt werden, Arbeitgeber, Versicherung, Staat, waren eine tägliche Erfahrung. So hat seine berufliche Tätigkeit K.s Bild von der Welt wesentlich mitgeformt.
      Nachhaltigstes Erlebnis dieser Jahre ist die Begegnung mit einer polnischjüdischen Theatergruppe, die seit 1910 wiederholt in Prag gastiert. K. faszinieren ihre jiddische Sprache, ihre ostjüdische Religiosität und ihre gebärdenstarken Darbietungen der volkstümlichen Stücke, und er lernt in der Freundschaft mit ihrem Hauptdarsteller Jiz-chak Löwy »gierig und glücklich originäres Judentum« kennen. Die Verarbeitung der gestenreichen, innere Vorgänge ins Sichtbare wendenden und sich bis zur Groteske steigernden jiddischen Schauspiele bereitet den Durchbruch zum eigentlichen Schreiben vor.
      1912 entsteht in einer einzigen Nacht Das Urteil. »Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Ã-ffnung des Leibes und der Seele«, die Geschichte sei »wie eine regelrechte Geburt mit Schmutz und Schleim« aus ihm herausgekommen. Sie wird nach einer öffentlichen Lesung sofort erkannt als »Durchbruch eines großen, überraschend großen, leidenschaftlichen und disziplinierten Talents«. Gewidmet ist sie Feiice Bauer.
      Die 24jährige Berlinerin Feiice hatte K. bei Brod kurz gesehen, und eine ihn zerreißende Beziehung begann. Sein umfangreichstes Briefwerk entsteht, in dem er um Feiice wirbt, sich darstellt, verteidigt und angreift. Der »Kampf« um Feiice, der »andere Prozeß« , z.T. zeitgleich mit der Entste-hung des Romans Der Prozeß, dauert bis Ende 1917: Juni 1914 kommt es zur Verlobung, im Juli wird sie wieder gelöst. 1917 erfolgt die zweite Verlobung, im Dezember die endgültige Trennung, vorgeblich wegen K.s Erkrankung.'; Den Ausbruch einer offenen Lungentuberkulose sieht K. selbst als befreiende Folge der Auseinandersetzung mit Feiice, die er sucht, wenn er nicht schöpferisch tätig ist, und die er flieht mit all ihren bürgerlichen Vorstellungen von Ehe, Reputation und Wohnung, sobald er sich seines Schreibens sicher ist: »So geht es nicht weiter, hat das Gehirn gesagt, und nach fünf Jahren hat sich die Lunge bereit erklärt zu helfen.«
Das Urteil steht als erste größere Arbeit K.s in einem Jahrbuch des Kurt-Wolff-Verlags. Mit ihm hatte Brod den Freund auf einer Ferienreise nach Weimar zusammengebracht, wohin sie die Verehrung Johann Wolfgang Goethes führte. Wolff sammelte nach und nach die wesentlichsten, seit 1914 pauschal als »Expressionisten« bezeichneten jungen Dichter; auch K., dessen Bücher nun hier erscheinen, wird deshalb irrtümlich von vielen Zeitgenossen als Expressionist mißverstanden. Das Urteil und die sofort darauf entstandenen Erzählungen Die Verwandlung und Der Heizer , die K. unter dem Titel Söhne zusammenfassen wollte, variieren freilich das damals als expressionistisch empfundene Thema des Vater-Sohn-Konflikts, wenn auch auf die eigentümlichste Weise. In jeder der drei Novellen führt der Schuldspruch des Vaters zum Tod des Sohnes, und jedesmal ist eine Art von Verführung der Anlaß. In der Verwandlung erwacht der Sohn, der als Ernährer der Familie die Rolle des Oberhaupts übernommen hat, eines Morgens als »ungeheueres Ungeziefer«; der Vater kann seine Autorität zurückgewinnen, der Sohn wird allmählich eins mit seiner Mistkäfer-Gestalt und weiß, daß er zu »verschwinden« hat; eine Putzfrau wirft seine
Ãoberreste in den Müll. Die scheinbar einsinnige Geschichte ist gleichwohl mehrschichtig angelegt; mythologische, tiefenpsychologische und gesellschaftspolitische Bezüge sind erkennbar, so daß eine Ausdeutung der Vaterfigur möglich oder nötig ist: beispielsweise als Personifikation von Macht schlechthin, die den Menschen zum Tier deformiert, oder präziser, etwa als Kapitalismus, womit die Verwandlung den Prozeß der Entfremdung symbolisieren könnte. Die Verwandlung ist die erste Erzählung, die eine Tiermetapher geschlossen durchkomponiert; zahlreiche »Tiergeschichten« werden ihr folgen. Der Roman Der Verschollene {AmerikA), 1927, dessen erstes Kapitel der als »Fragment« erschienene Heizer darstellt, bleibt wie viele andere Erzählungen unvollendet: Auch darin wiederholt sich das Mißlingen im Leben K.s und seiner Gestalten.
      Obwohl K. vom Kriegsdienst freigestellt ist, kann er sich dem Krieg nicht entziehen: Prag ist frontnahe Großstadt, und so flüchten vor allem die polnischen Juden aus den Kriegsgebieten hierher. K. vollendet 1914 die zeitkritische Novelle In der Strafkolonie, die Kurt Tucholsky nach ihrer Veröffentlichung als »unbedenklich wie Kleist« rühmen wird. Ein neuer Roman Der Prozeß entsteht und bleibt bis 1925 liegen; »Fräulein Bürstner«, Ursache der Verhaftung »K.s« verweist hier mit ihren Initialen auf Feiice Bauer wie das Kürzel für die Hauptgestalt auf den Dichter selbst. Im Lauf des Krieges intensiviert sich K.s Verhältnis zum Zionismus, auch der Umgang mit Flüchtlingen nähert ihn dem Ostjudentum. Die Erzählungen des Buches Ein Landarzt stehen in Verbindung zu chassidi-schen Geschichten, wie sie u.a. Martin Buber sammelte, der sich seit langem für das neue Judentum engagiert. K., häufig mißtrauisch gegen die eigene Produktion, ist von der Qualität seiner neuen Geschichten so überzeugt, daß ereine »Orgie beim Lesen« zweier in Bubers Zeitschrift Der Jude gedruckten »Tiergeschichten« empfindet, und muß »immer erst aufatmen von Eitelkeitsund Selbstgefälligkeitsausbrüchen«. Als die Landarzt-Erzählungen 1919 als Buch mit der Widmung »Meinem Vater« erscheinen, sind sie eine Art positiver Abrechnung mit dem Vater und Gegenstück zum Brief an den Vater . Dieser Brief, mit einem Umfang von 60 Druckseiten, ist der schonungsloseste biographische Versuch K.s; er geht aus von seinem jüngsten gescheiterten, dritten Heiratsversuch und stellt seine Entwicklung unter der erdrückenden Person des Vaters, dem »zuschnürenden Ring seines Einflusses« dar, der alle Lebensversuche zum Mißlingen verurteilte. Eine weitere leidenschaftliche Beziehung scheitert: Die Ãobersetzerin seines Heizers ins Tschechische, Milena Jesen-skä, hat K. 1920 brieflich kennengelernt und erfährt sie schnell »als lebendiges Feuer, wie ich es noch nie gesehen habe«; aber sie vermag sich aus ihrer zerrütteten Ehe und ihrem Wiener Boheme-Kreis nicht zu lösen. Ein dritter Roman, Das Schloß , der den Kampf des angeblichen Landvermessers »K.« um Aufnahme in die Dorfgemeinschaft und um Annäherung an das Schloß berichtet, hat dieses Geschehen integriert. Mit ihm ist die »Trilogie der Einsamkeit«, wie Brod die drei unvollendet gebliebenen Romane nennt, abgeschlossen.
      Sofort nach der endlich ei reichten vorzeitigen Pensionierung arbeitet die große Erzählung Forschungen eines Hundes K.s wechselndes Verhältnis zum Judentum auf, freilich in der Form der Parabel, die unabhängig vom Leben des Autors Gültigkeit hat. Wiederholt erwägt er die Ãobersiedlung nach Palästina - neben seinen Hebräisch-Studien der sicherste Beweis für eine Bejahung der zionistischen Ziele. Da trifft er in den Sommerferien 1923 an der Ostsee auf die etwa zwanzig Jahre alte Ostjüdin Dora Diamant. Von ihr, der Gefährtin seines letzten halben Jahres, wird er sich »gut und zart behütet« fühlen, »bis an die Grenzen irdischer Möglichkeit«. Die Palästina-Pläne sind in dem Versuch, mit Doras Hilfe Prag zu entrinnen und in Berlin zu leben, aufgehoben. Eine Robinsonade, denn die sich verschlimmernde Krankheit läßt ihn mitten im »wilden« Berlin wie auf einer Insel leben, und doch ein Neubeginn mit neuer Aktivität und Produktivität. Der hier entstandene Bau und die späteste Erzählung josefine die Sängerin zeigen die von der Krankheit unberührt gebliebenen, wenn nicht gesteigerten Fähigkeiten K. s. Im März 1924 erzwingt die notwendig gewordene ständige ärztliche Kontrolle die Rückkehr nach Prag. K.s Tod wird nur von wenigen persönlichen Bekannten wahrgenommen. Brod, als Verwalter und Propagator des Werks, wird den Nachlaß - ein Vielfaches des von K. selbst Veröffentlichten -, den Nachruhm vorbereitend, begleitend und steigernd, nach und nach publizieren.
      Bald darauf machte das Dritte Reich nicht nur der deutsch-jüdischen Symbiose ein Ende, zu deren außergewöhnlichen Ergebnissen eben K.s Werk gehört, es vertrieb auch ihre noch lebenden Repräsentanten und K.s Werk ins Exil. Doch gerade dadurch erhielt dieses Werk nun prophetische Qualität: Die Verfemten und Geflüchteten sahen darin ihre eigene Ohnmacht gegenübel den realen und anonymen Mächten vorweggenommen. Und die eskalierenden Ereignisse - Weltkrieg und Nachkrieg, die Herrschaft des Stalinismus - bestätigten immer wieder von neuem, daß K.s Werk parabolisch die absurde Welt der Gegenwart in präziser Unheimlichkeit darstelle. Im Vorfeld des Prager Frühlings bekam es sogar politische Funktion, indem die Möglichkeiten seiner - zunächst unerwünschten - Interpretationals Instrument zur Befreiung aus dem stalinistischen Totalitarismus verstanden wurden . Schon längst war K. in allen westlichen Staaten berühmt, in zahllose Sprachen übersetzt und extensiv interpretiert. Jetzt sollte sein Werk den restlichen Teil der Welt erobern. Denn von keinem anderen Autor des 20. Jahrhunderts ging eine derart starke Aufforderung zur Interpretation, zur Exegese, zur Analyse aus. K.s rätselhafte und verrätselte Dichtungen faszinierten bis hin zum Zwang, sie auszulegen, ihnen nachzuspüren, sie nachzuahmen. Keiner Interpretation - weder der philosophischen, theologischen , psychoanalytischen, gesellschaftspolitischen oder rein artistischen, noch deren Mischformen oder Spielarten - schien er sich zu widersetzen. »Ã"therisch wie ein Traum und exakt wie ein Logarithmus«, urteilte Hermann Hesse schon 1925 und nannte K. einen »heimlichen Meister und König der deutschen Sprache«.
     

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Kafka,  Franz    





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