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Johnson, Uwe



Geb. 20.7.1934 in Kammin/Pommern; gest. 23.2.1984 in Sheerness
Schon Mitte der 1950er Jahre erkannte der Leipziger Literaturhistoriker Hans Mayer das große erzählerische Talent des damals zwanzigjährigen Germanistikstudenten J. und empfahl seinen Schüler, der eine hervorragende Diplomarbeit über Ernst Burlach angefertigt hatte, dem westdeutschen Verleger Peter Suhrkamp, nachdem vier namhafte Verlage der DDR dessen frühes Romantyposkript Ingrid Babendererde abgelehnt hatten. Zu einer ersten Buchveröffentlichung kam es erst im Herbst des Jahres 1959 {Mutmaßungen über JakoB).

      ]., Sohn eines aus Mecklenburg stammenden Gutsverwalters und späteren Angestellten des Greifswalder Tierzuchtamtes, war in den letzten Kriegsjahren Schüler eines nationalsozialistischen Internats; zwischen 1946 und 1952 besuchte er die Oberschule in der Barlach-Stadt Güstrow. Der plötzliche Wechsel der politischen Systeme, den der Schüler J. anhand des Bildertauschs im Klassenzimmer genau registrierte, fand autobiographisch Niederschlag in der ersten seiner Frankfurter Poetik-Vorlesungen im Sommersemester 1979.
      Konflikte mit der »Freien Deutschen Jugend«, deren Mitglied J. lange Jahre war, vereitelten eine Anstellung des begabten Germanisten im Staatsdienst und zwangen ihn zu wissenschaftlicher Arbeit am heimischen Schreibtisch. In dieser Zeit entstanden eine neuhochdeutsche Prosabearbeitung des Nibelungenliedes und die Ãobersetzung von Herman Melvilles Israel Potter aus dem Amerikanischen; beide Bücher sind zwar in der DDR, jedoch zunächst ohne Angabe ihres Ãobersetzers, erschienen. Bemerkenswert sind ferner J.s Gutachten für Verlage aus den Jahren 1956 bis 1958, in denen er Editionspläne für Werkausgaben und Exposes vorlegt . Bernd Neumann hat diese bislang unbekannten Dokumente wie auch J.s Klausuren und frühen Prosaskizzen 1992 vorzüglich in den Bänden 3 und 4 der »Schriften des Uwe-Johnson-Archivs« ediert. Als gewissenhafter Philologe hatte sich ]. noch einmal in den 60er Jahren erwiesen: er gab Bertolt Brechts Me-ti heraus.
      Nachdem auch der Suhrkamp Verlag, besonders auf Betreiben des damaligen Mitarbeiters und Lektors Siegfried Un-seld, das Manuskript des Jugendwerks, genauer, dessen vierte Fassung, abgelehnt hatte, legte J. eine zweite Arbeit vor, den noch umfangreicheren Roman Mutmaßungen über Jakob. Daraus wurde sein erstes Buch, das in einer Erstauflage von 5000 Exemplaren erschien und rasch Gegenstand germanistischer Dissertationen wurde. J. hatte wegen dieser Publikationsmöglichkeit im Westen schweren Herzens seine mecklenburgische Heimat verlassen; er sei, wie er immer wieder in Interviews versicherte, nicht geflohen, sondern »übergesiedelt«.
      Während die Existenz eines J. in der DDR bis zum Erscheinen eines Aufsatzes von Horst Drescher in Sinn und Form ignoriert wurde, abgesehen von zwei polemischen Attacken in der kulturpolitischen Wochenzeitung Sonntag
und im Neuen Deutschland 1962, erkannten die Literaturkritiker des übrigen deutschsprachigen Raums sehr rasch die außerordentliche Belesenheit dieses jungen Autors, sahen in seiner komplexen Erzähltechnik und stilistischen Virtuosität Ã"hnlichkeiten zu den angloamerikanischen Vorbildern William Faulkner, Ernest Hemingway und James Joyce, konstatierten aber auch Kompositionsmerkmale des mouveau roman< eines Alain Robbe-Grillet und anderer zeitgenössischer Autoren. Die Reihe der Schriftsteller, mit denen J. in der Folgezeit verglichen wurde, ist endlos lang und reicht von Franz Kafka über Thomas Mann bis Robert Musil und Christa Wolf, Franz Tümmler und Fritz Rudolf Fries. Der entscheidende Impuls, der diesem Erstling eines völlig unbekannten Literaten in der westdeutschen Literaturszene zu so großer Popularität verhalf - gleichzeitig erschienen Die Blech trommel von Günter Grass und Heinrich Bölls Billard um halb zehn -ging jedoch nicht so sehr vom stilistischen Gestaltungswillen und dessen Eigenwilligkeit aus, sondern vielmehr von der spezifischen Thematik, die hier aufgegriffen wird: die Spaltung Deutschlands. Dieser thematische Aspekt der Mutmaßungen über Jakob, so zeigt es die Wirkungsgeschichte dieses Romans, wurde von der Literaturkritik einhellig überbewertet, zuweilen hypostasiert, was zu einer simplifizierenden Etikettierung J.s führte, die die feuilletonisti-sche Publizistik des europäischen Auslands nach dem Erscheinen der Ãobersetzungen unkritisch übernahm und weiter propagierte. J. wurde für diesen Roman, der nicht nur die sprachliche und menschliche Entfremdung der beiden Teile Deutschlands vielperspektivisch ausleuchtet, sondern auch das politische Klima der 1950er Jahre vergegenwärtigt , mit dem Fontane-Preis des Berliner Senats ausgezeichnet.
      War das Thema der Mutmaßungen die detailgenaue Rekonstruktion einer entscheidenden Lebensphase des Reichsbahn-Dispatchers Jakob Abs bis zu dessen tragischem Tod bei einem Arbeitsunfall auf einem Rangiergleis, waren die Protagonisten DDR-Bürger, so ist im zwei Jahre später folgenden Roman die handlungstragende Figur ein Hamburger Journalist namens Karsch, der von einer früheren Freundin, einer Schauspielerin, zu Besuch in die DDR eingeladen wird und dort den politisch engagierten Radrennsportler Achim kennenlernt. Dieser Karsch wird von einem DDR-Verlag beauftragt, zu den zwei bereits geschriebenen Biographien über das Sport- und Jugendidol Achim eine dritte zu verfassen, stößt bei seinen Recherchen in der Vergangenheit des gefeierten Rennfahrers jedoch auf Fakten - begeisterter Hitlerjunge, Teilnahme am Aufstand des 17. Juni, die sich mit der ideologischen Konzeption eines staatlichen Verlags nicht in Einklang bringen lassen. Die engen Grenzen der Pressefreiheit erkennend, reist Karsch wieder ab. In diesem Roman, der ja vor dem Mauerbau geschrieben wurde, sind noch die Hoffnungen der Entstalinierungsphase spürbar, die Möglichkeiten eine Kooperation zwischen einem westdeutschen Publizisten und einem ostdeutschen Verlag in Sachen Sport werden immerhin zur Diskussion gestellt. Diesei Roman übei die Anfänge der Entstehungsgeschichte einer letztendlich gescheiterten deutschdeutschen Sportler-Biographie liest sich einfacher als sein Vorgänger, wenngleich J. auch hier mit einer Frage-Antwort-Technik arbeitet, die nach einer ersten Textlektüre Fragen offenläßt. Die Kritik nahm das Werk euphorisch auf; namhafte europäische Literaturverlage erkannten dem erst 27jährigen J. den Internationalen Verlegerpreis zu; Ãobersetzungen des Romans folgten daraufhin in sieben Sprachen und lösten ein breites Echo in der Presse aus. J. reiste ein erstes Mal in die USA, wo er nicht nur las, sondern auch seinen poetologischen Essay Berliner Stadtbahn vorstellte.
      Die Mailänder Kontroverse mit Hermann Kesten im Spätherbst 1961 hatte zu einer Diskussion im Deutschen Bundestag geführt; die CDU forderte eine Rücknahme des Villa-Massimo-Stipendiums, des staatlich geförderten Rom-Aufenthalts für Schriftsteller und Künstler; dazu kam es jedoch nicht, da ein Tonband den Beweis erbrachte, daß Kesten den jungen Autor verleumdet hatte.
      Im Jahr 1964 betätigte sich J. journalistisch als Kritiker des DDR-Fernsehens für den Westberliner Tagesspiegel ; 1965 erschien wieder ein größerer Prosatext , in dem J. auf Stilexperimente und komplizierte Erzählstrukturen verzichtet: er schildert eine Flucht von Ost nach West. Mit Recht ist daraufhingewiesen worden, daß dieser Text eine Zäsur und einen vorläufigen Schlußpunkt in seiner literarästhetischen Entwicklung setzt. Das fiktionale Handlungspotential, das sich aus den Konsequenzen der deutschen Teilung ergab, schien erschöpft.
      J. wählt für die Jahre 1967/68 New York als seinen neuen Wohnsitz, arbeitet bei Harcourt-Brace-Jovanovich als Schulbuch-Lektor , schließt Freundschaft mit der Verlegerin Helen Wolff, beobachtet die amerikanische Alltagswirklichkeit, liest und archiviert die New York Times und sammelt unermüdlich Stoff für seine Jahrestage, deren erster Band 1970 erscheint. Die ersten Impressionen des New Yorker Lebens verarbeitet J. in einem kleinen Drehbuch zu einem Film von Christian Schwarzwald . Detaillierte Milieustudien, der Vietnamkrieg und die Berichterstattung über ihn, Rassenprobleme und Alltäglichkeiten beschäftigen den Autor, der gleichzeitig Quellenstudien zur deutschen Geschichte der jüngsten Vergangenheit treibt, zu Vergleichen findet und langsam ein vielfädiges Erzählgerüst um seine Protagonistin Ge-sine Cresspahl, die NATO-Sekretärin aus den Mutmaßungen spinnt, auf zwei Zeitebenen den Roman vorantreibt und sich als einer der bedeutendsten Erzähler der Nachkriegszeit erweist. Noch bevor die Tetralogie abgeschlossen ist, erst 1983 erscheint der vierte Band, erhält J. den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung , den Wilhelm-Raabe-Preis der Stadt Braunschweig und den Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck, die höchsten literarischen Ehren, auf die 1983 der Kölner Literaturpreis folgt.
      1974 sucht ]. freiwillig das Exil; er zieht nach Sheerness-on-Sea, auf eine Themse-Insel, lebt zurückgezogen als »Charles«, gerät infolge einer Ehekrise in eine »Schreibhemmung«, die seine literarischen Projekte verzögert. 1974 erscheint ein schmales Bändchen, ein Nekrolog auf Ingeborg Bachmann ; 1977 gibt J. die umfangreiche Autobiographie der Publizistin Margret Boveri unter dem Titel Verzweigungen heraus. Sein sachkundiges und faktenreiches Nachwort umfaßt 60 Druckseiten und könnte ebenso als Monographie gelesen werden. 1979 wird J. Gastdozent für Poetik an der Frankfurter Goethe-Universität und resümiert über den Schriftstellerberuf, reflektiert eigene Erfahrungen, erzählt Anekdoten, gewährt Einblicke in das »Handwerk des Schreibens« und rechnet mit so manchem Zeitgenossen ab . In einem Beitrag zu einer Festschrift für Max Frisch verarbeitet J. seine Ehekrise. In sprachlich dichter, zumeist konjunktivischer, überaus steifer Prosa skizziert ein Dr. John Hinterhand sein Unglück. Diese autobiographischen Assoziationenerschienen 1982 als Buch unter dem Titel Skizze eines Verunglückten.
      Vereinsamt und alkoholkrank starb J. im Februar 1984 in England. Ein Jahr nach seinem Tod entschloß sich der Suhrkamp Verlag, das einstmals verworfene Typoskript Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953 zu publizieren, jene politische Schulgeschichte, die mit einer Flucht in den Westen endet und aus der J.s Verbundenheit zu seiner mecklenburgischen Herkunft spricht. J. hat seinen gesamten Nachlaß dem Verleger Siegfried Unseld testamentarisch zugesprochen. Der Suhrkamp Verlag hat daraufhin in Verbindung mit der Frankfurter Goethe-Universität ein »Uwe-Johnson-Archiv« eingerichtet, das seine umfangreiche Arbeitsbibliothek und seine Mecklenburgiana-Sammlung sowie zeithistorische Dokumente beherbergt. Mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands ist J.s erzählerisches Werk zunehmend ins Blickfeld germanistischer Interessen gerückt, und durch die szenisch interpretierende, vierteilige Fernseh-Verfilmung seines opus magnum Jahrestage hielt der Autor Einzug in die Wohnzimmer auch nicht-lesender Bevölkerungsschichten. Auf dieser medialen Ebene haben Margarethe von Trot-ta , Christoph Busch und Peter Steinbach einen unschätzbaren Beitrag zur Popularisierung J.s geleistet.
      Die Veröffentlichung der Briefwechsel mit dem Schriftsteller-Kollegen Max Frisch , dem Verleger Unseld hat der Forschung zwar nur wenige neue Impulse geben können, doch das bisher bekannte Lebensbild des Menschen und Denkers J. weiter verdichtet; die Korrespondenz mit der Philosophin Hannah Arendt setzt die Reihe der Brief-Editionen fort. Eine tiefschürfende Auslotung dieses Dichterlebens war bereits 1994 dem in Trondheim lehrenden Germanisten

Bernd Neumann mit einer ersten, umfassenden J.-Biographie gelungen, die schon im Vorfeld ihres Erscheinens lebhafte Diskussionen ausgelöst hat. Im selben Jahr wurde vom Neubrandenburger »Nordkurier« und der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft der U.-J.-Preis gestiftet.
     

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