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Jean Paul (d.i. Johann Paul Friedrich Richter)



Geb. 21.3.1763 in Wunsiedel; gest. 14.11.1825 in Bayreuth
»Ich habe ihn ziemlich gefunden, wie ich ihn erwartete: fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willens und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht« . Den Weimarer Klassikern, auf der Suche nach Bündnispartnern und Gefolgsleuten ihrer Literaturpolitik, muß J. in der Tat, seiner Bildung wie seiner Biographie nach, wie ein herabgeschleuderter Mondbewohner erschienen sein. Wohl bei keinem zweiten Großen der deutschen Literatur klaffen Wirklichkeit und Phantasie, äußeres Dasein und erschriebene Wunschwelt so weit auseinander wie bei J. Die Ereignis-losigkeit seines bürgerlichen Lebens, die völlige Verlagerung des Handelns und Denkens nach Innen, die vorausdeutende Darstellung des gelebten Alltags in der Literatur - er hat sie selbst bestätigt, als er seiner früheren Freundin Emilie von Berlepsch, die er damit vor einem

Besuch warnen wollte, 1810 schrieb: »Nur versprechen Sie sich ... von dem wenig, der ... wenig andere Freuden mehr hat als die, bis zum Sterben zu schreiben und nicht blos von der Feder, sondern auch für die Feder zu leben, müßt' er sie sogar in eignes Blut eintunken.« Johann Paul Friedrich Richter, der sich seit 1792 als Autor Jean Paul nannte, wuchs in beengten, erdrückenden Umständen auf. Das eingeschränkte, eingeschrumpfte Dasein seiner Idyllenhelden Wutz und Fixlein, denen das geistige Selberstillen die Liebe und der Meßkatalog die Bibliothek ersetzen muß - er hatte dies selbst gekannt, erfahren und erlitten. Der Vater war Lehrer, Organist und Pfarrer im oberfränkischen Raum -subalternes Faktotum in Ã"mtern, deren Inhaber dazu gezwungen waren, in materieller wie geistiger Ausstattung von der Hand in den Mund zu leben. In charakteristischer Verkehrung hat J. später seine harte Kindheit und lugend zur Idylle verklärt . Die Wurzeln seiner psychischen Frustrationen und Neurosen, seines zwanghaften Schreibens, selbst noch von Fasson und Statur seines Werkes -das fremd im Kunstraum der Klassik und Romantik steht - liegen hier, in der materiellen Not und den Hungerjahren seiner Jugend. Der Heranwachsende entkam den Entbehrungen, aber auch den Forderungen des Alltags durch die Flucht in eine Lesewut, die so kurios wie konsequent war, so verbissen wie abwegig sich nährte. Er las sich durch die Werke aller Wissenschaften; griff nach allen Büchern, die er erreichen konnte und legte sich von allem, was er studierte, Kollektaneen an. Exzerpierte er anfangs noch ganze Gedankengänge, so bald nurmehr Kuriosa und Besonderheiten, ausgefallene und absonderliche Begebenheiten, Erklärungen oder auch nur
Worte. Aus dieser enzyklopädischen Belesenheit, aus dieser Verzettelung des Wissens, die noch an der polyhistorischen Gelehrsamkeit der Aufklärung teilhat, bezog J. den unerschöpflichen Vorrat an entlegenen Kenntnissen, an witzigen Gleichnissen, an frostiger Satire, mit denen er in seinen Romanen die Leser immer wieder aus dem Dampfbad der Rührung ins Frostbad der Abkühlung hinaustreibt. Rückblickend hat er diese Jahre, in denen er Werk an Werk -und die meisten fürs Schreibpult - reihte, seine »satirische Essigfabrik« genannt. Nur ein weltfremder Sonderling konnte damals noch mit solcher Ausdauer auf die Satire setzen, eine aus der Mode gekommene Form, die kaum ein Verleger mehr drucken, kaum ein Publikum mehr lesen mochte . Aus Angst, zwischen Kopf und Herz nicht die richtige Mischung zu treffen, überließ er sich bis Ende der 1780er Jahre - 1781 war er nach Leipzig gezogen, von dort 1784 vor seinen Gläubigern wieder ins heimatliche Franken geflohen, wo er sich seit 1787 als Hofmeister betätigte - einem ganz und gar kopfstimmigen Schreiben. Erst persönliche Schicksalsschläge, die sich am 15. 11. 1790 in einer Todesvision entluden , machten ihn zum Dichter. Sie lösten die Erstarrung, unter der seine schwärmerische Phantasie, seine Alliebe bislang begraben lagen - um so mehr, als er die eigene Wiedergeburt als einen Widerhall jenes Menschheitsmorgens erfuhr, den die deutschen Intellektuellen durch die Französische Revolution angebrochen glaubten. Unmittelbare Frucht dieses Erlebnisses war Die unsichtbare Loge und die dem Roman als Anhang beigegebene Idylle Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal. Mit dem Roman, einer damals im Kanon der poetischen Gattungen jungen Form, hatte J. endlich das Gefährt gefunden, das breit und umfassend genug war, seine entgegengesetzten Stilmittel und Empfindungen, seine Abschweifungen und Extrablätter, eingeschalteten Reflexionen und Anreden an den Leser aufzunehmen und in einer Art Kontrastharmonie dennoch zu einem Ganzen zu binden. Mit der Froschperspektive des Wutz, in der die Totalität der Welt durch den naiv-kindlichen Blickwinkel, das Große durch das Kleine relativiert wird; mit der Doppelperspektive des hohen Menschen und des Humoristen, wie sie der Loge zugrunde liegt, hatte er sich zugleich des Stils seines Erzählens versichert: jener Mischung aus empfindsam-gefühlvoll die Stimmung des Herzens, die Erregung des Inneren wiedergebender Begeisterung, und aus satirisch-humoristischer Entlarvung der Wirklichkeit. Dieser Stil, diese Romanform wird alle seine weiteren Werke einschließlich des am populärsten gewordenen Romans Flegeljahre kennzeichnen. Den endgültigen Durchbruch beim zeitgenössischen Publikum erzielte J. mit seinem zweiten Roman, Hesperus . Er machte J. zum Liebling der Weiber, zum Idol zahlloser Verehrerinnen , vor deren wirklichem Begehren der platonische Tuttiliebhaber sich jedoch jeweils erschreckt zurückzog; er verschaffte ihm 1796 auch die erste Einladung nach Weimar, das Interesse Goethes und Schillers, die Freundschaft Johann Gottfried Herders und Christoph Martin Wielands und damit den Eintritt in die literarische Welt. Wie sein Wutz blieb J. in all den Verlockungenund Versuchungen das häusliche Schalentier, das sich nicht öffnete. Mit keiner der namhaften Verehrerinnen, die um sein Herz und seine Hand buhlten, sondern ausgerechnet mit Karoline Mayer verheiratete er sich 1801: »Mein Herz wil die häusliche Stille meiner Eltern, die nur die Ehe giebt. Es wil keine Heroine - denn ich bin kein Heros -, sondern nur ein liebendes sorgendes Mädgen; denn ich kenne jezt die Dornen an jenen Pracht- und Fackeldisteln, die man genialische Weiber nent« . Den zeitgenössischen Literaturbetrieb, den klassischen Ã"sthe-tizismus, den philosophischen Egoismus Weimars und Jenas studierte er, um ihn dann in seinem »General- und Kardinalroman« Titan in all seinen krankhaften wie verbrecherischen Verirrungen abzubilden. Der Einkräftigkeit des Geniewesens, wie die Klassiker und Romantiker es propagierten, setzte er die Allkräftigkeit der harmonischen Bildung entgegen: »Titan solte heissen Anti-Titan; jeder Himmelsstürmer findet seine Hölle; wie jeder Berg zulezt seine Ebene aus seinem Thale macht. Das Buch ist der Streit der Kraft mit der Harmonie.« Wolfgang Ha-rich hat im Titan die Gestaltung einer prosaepischen Revolutionsdichtung unter deutschen Verhältnissen gesehen -gleich weit entfernt von der Weimaraner Anpassung ans »juste milieu« wie von dessen universalpoetischer Verflüchtigung durch die Jenaer Romantiker. Daß dieser heroischen Utopie keine Wirkung beschieden war, lag sicher nicht allein an der deutschen Misere, sondern war auch Ausdruck einer Ãoberforderung der von Laurence Sterne übernommenen humoristisch-ausufernden Romanform, der J. hier etwas aufzwang, was diese nicht zu leisten vermochte und sie entweder durch Ãoberdehnung oder Ausdünnung auszehren mußte. Ungehemmter, vollkommener ist J. dort, wo er, wie im Siebenkäs oder in den Flegeljahren, den Doppelroman von

Phantast und Humorist, von Idealismus und Realismus schreiben, den Einbruch des Kosmischen ins Häusliche zeigen kann. Beide Male war es seine erklärte Absicht, eine »Synthese des Dualism zwischen Poesie und Wirklichkeit« zu stiften. Beide Male aber überwindet der Schluß nicht die Gegensätze, sondern schreibt sie fest. Beide Romane mußten notwendigerweise offen enden, im Sinne einer auf Lösung zielenden Totalität Fragment bleiben. In den Flegeljahren stärker noch als im Siebenkäs erscheint der Fragmentcharakter zugleich als die bewußt beabsichtigte Vermittlung zwischen irrealer, weil außerhalb einer Möglichkeit zur Verwirklichung liegender Utopie und realer, jedoch unerträglicher Wirklichkeit. Damit aber schlagen die Flegeljahre die Brücke zum ironischsatirischen Spätwerk, in dem diese Problematik thematisiert wird. Nach seiner Verheiratung zog es J. in immer engerer Annäherung - zunächst 1801 nach Meiningen, 1803 nach Coburg - wieder in seine Heimat zurück. Im August 1804 schließlich übersiedelte er nach Bay reuth - hauptsächlich des guten Bieres wegen . Von kurzfristigen Reisen abgesehen sollte er Bayreuth bis zu seinem Tode nicht mehr verlassen. Jetzt erst entwickelte und kultivierte er jene philiströsen, spießigen Züge, die sein Bild der Nachwelt überlieferten: wie er, von Frau und Familie mehr und mehr sich zurückziehend, wie ein Junggeselle jeden Morgen von seinem Hund begleitet zur Rollwenzelei, einem malerisch vor den Toren der Stadt gelegenen Wirtshaus zog, wo er, von der Wirtin Dorothea Rollwenzel mütterlich umsorgt, im Garten oder auf seiner Stube sitzend, fast täglich arbeitete. Als Folge der politischen Misereund der persönlichen Resignation zerfiel auch seine von der humoristischen Subjektivität - sein Humor ist die Verschmelzung aus empfindsamem Gefühl, visionärer Utopie und satirischem Witz - gestiftete Romankunst. Nach 1805 kehrte er zur kleineren Form zurück, schrieb Aufsätze und Beiträge für Zeitschriften, politische Flugschriften, Satiren, vereinzelt auch größere satirische Charakterstücke und Erzählungen . Einmal noch griff er zum Roman - in dem von desillusio-nierender Ironie erfüllten Alterswerk Der Komet , das ebenfalls Fragment blieb und als dessen innere Fortsetzung man die um das Problem von Todessehnsucht und Unsterblichkeit kreisende Abhandlung Se-lina ansehen darf. J.s Bedeutung nach 1806, erst recht nach 1815, lag darin, daß er sich nicht aus der Politik zurückzog, sondern aktiv und mit satirischen Mitteln reagierte und zu wirken versuchte . Nicht zuletzt diese Haltung kann erklären, warum er für viele Zeitgenossen bis hin zu den Autoren des Jungen Deutschland zum Vorbild wurde. Erst nach der Jahrhundertmitte verfiel er der Vergessenheit. Aber die ästhetischen Voraussetzungen des modernen, experimentellen Romans, dessen Menschenbild und Wirklichkeitszertrümmerung sich in vielem mit den Erfahrungen, den formalen und stilistischen Eigenheiten J.s treffen, haben seiner Kunst aufs neue Leser zugeführt.
     

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Jean  Paul  (d.i.  Johann  Paul  Friedrich  Richter)    





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