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Hofmannsthal, Hugo von



Geb. 1.2.1874 in Wien;gest. 15.7.1929 in Rodaun bei Wien
»Allzugenau war es ihm sichtbar, daß er allüberall auf verlorenem Posten stand: aussichtslos war der Weiterbestand der österreichischen Monarchie, die er geliebt hatte und nie zu lieben aufhörte; aussichtslos war die Hinneigung zu einem Adel, der nur noch ein karikaturhaftes Scheindasein führte; aussichtslos war die Einordnung in den Stil eines Theaters, dessen Größe nur mehr auf den Schultern einiger überlebender Schauspieler ruhte; aussichtslos war es all das, diese schwindende Erbschaft aus der Fülle des maria-theresianischen 18. Jahrhunderts, nun im Wege einer barock-gefärbten großen Oper zur Wiedergeburt bringen zu wollen. Sein Leben war Symbol, edles Symbol eines verschwindenden Ã-sterreichs, eines verschwindenden Theaters -, Symbol im Vakuum, doch nicht des Vakuums.«
Wenn H. auf die »formidable Einheit« seines Werks verweist, so scheint sie in Hermann Brochs eindringlicher Analyse auf ihren innersten Begriff gebracht: politische, soziale und künstlerische Aussichtslosigkeit und Vergeblichkeit, denen der Dichter aber dennoch mit seinem Lebenswerk einen unbeirrbaren und beharrlichen Widerstand entgegenzusetzen wußte. Mit dem Zusammenbruch der k. u. k. Monarchie 1918 wurde für H. diese Erkenntnis zum Lcbensproblem, »das Paradoxon des scheinbaren Noch-Bestehen-Kön-nens bei tatsächlichem Ende«. Das Kriegsende bildete denn auch die eigentliche Zäsur in seinem Leben und Werk, die beide aus einem geistig-politischen >Vorher< und >Nachher< zu begreifen sind.
      Geboren wird H. in Wien zu einer Zeit, die voller Spannungen ist. Im Jahr der Weltausstellung 1873 kommt es zum großen Börsenkrach, in dem das spekulierende Großbürgertum, darun-ter auch sein Vater, einen Großteil des Vermögens verliert; trotz des Ausgleichs mit Ungarn von 1867 ist das Nationalitätenproblem im Bunde mit dem erstarkenden Panslavismus, Nationalismus und Antisemitismus eine ständig wachsende Belastung für den Erhalt des Kaiserreichs; Kunst und Literatur antworten auf diese bedrängenden Gegenwartsprobleme mit Flucht in einen unverbindlichen Ã"sthetizismus, dessen unterschwellige Katastrophenstimmung mit den Schlagwörtern >decadenceFin de sieclel'art pour l'artSym-bolismus< oder >Romantizismus< nurmehr kaschiert erscheint. Prägnanter wird die Stimmung der Jahrhundertwende gefaßt in den Seitenhieben von Karl Kraus und Hermann Bahr gegen die herrschende Literatenschicht -die »Kaffeehausdekadenzmoderne« als »fröhliche Apokalypse Wiens«. »Die de-molirte Litteratur« - zu ihren Vertretern zählt Karl Kraus 1897 ausdrücklich auch den jungen H., der noch als Gymnasiast in den einschlägigen literarischen Kaffeehauskreisen mit sprachvollendeten Gedichten debütierte und von Bahr und Arthur Schnitzler als Wunderkind gefeiert wurde. Stefan George hatte den jungen Dichter als Mitarbeiter für seine Blätter für die Kunst gewonnen, in denen 1892 das dramatische Fragment Der Tod des Tizian erscheint; bis 1897 treten neben Gedichte voller Musikalität und Sprachmagie weitere dramatische Arbeiten: Alkestis und Der Thor und der Tod als das wohl berühmteste Werk des jungen H. Er selbst charakterisiert sie im Rückblick als »Stücke ohne Handlung, dramatisierte Stimmungen«. »Das Bekenntnishaffe, das furchtbar Autobiographische daran« ist oft übersehen worden; es enthüllt sich als die Auseinandersetzung des jungen Dichters mit dem Todeserlebnis als Lebensüberfluß; die Schrecklichkeit des Todes wird in allen Dramoletts durch ein gesteigertes dionysisches Lebensgefühl
überwunden: Tod und Leben verschmelzen im mystischen Erlebnis zu einer höheren, göttlichen Einheit. Die Hingabe an dieses rauschhafte Daseinsgefühl wird aber bereits in dem Märchen der 672. Nacht in Frage gestellt: »Die tödliche Angst vor der Unentrinnbarkeit des Lebens« führt zur Erkenntnis, daß eine humane Existenz jenseits des schönen, aber verarmenden Lebens - von H. als Zustand der »Präexistenz« beschrieben - in Sittlichkeit und in Verantwortung gegenüber der Lebensaufgabe gesucht werden muß. Der Ã"sthetizismus wird erkannt als ausweglose Verstrickung in eine verführerische Scheinwelt; wie wird er überwunden? 1901 gibt H. die durch Dissertation und Habilitationsschrift in Romanistik vorbereitete Universitätslaufbahn zugunsten des Schriftstellerberufs auf; in demselben Jahr heiratet er und zieht in das »Fuchsschlössel« in Rodaun bei Wien, das er bis zu seinem Tode bewohnt. Die neuen Verhältnisse zusammen mit der Erschöpfung des lyrisch-subjektiven lugendstils führen in eine tiefe schöpferische Krise: der »bivalente Zustand zwischen Präexistenz und Verschuldung«, zwischen Ã"sthetizismus und Lebensschicksal muß entschieden werden. Der sogenannte »Chandos-Brief« sucht diese Wandlung zu formulieren; in ihm äußert sich nicht nur die Verzweiflung über den Sprachverlust - »die abstrakten Worte zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze« -, sondern auch die Kritik an der Gefühlsintensität, »das ganze Dasein als eine große Einheit« erleben zu wollen. Die in der Jugendlyrik beschworene Einheit von Mensch, Ding und Traum ist endgültig zerbrochen. Nach dem »Tod des Ã"stheten« sucht H. die Rettung aus der Schaffenskrise durch den »Anschluß an große Form« zu finden. Dies bedeutet die Wende zum objektiveren dramatischen Stil und zur Prosa , in denen sich der Sprache als traditionell geprägter Form der Konversation dennoch schöpferisch begegnen läßt. Mit der Umgestaltung von Thomas Otways Gerettetem Venedig beginnt 1904 die neue Epoche des Dramatikers, die vielen Bewunderern seines Jugendwerks unverständlich bleibt. Gleichzeitig beginnt sich H. dem griechischen Drama zuzuwenden . In der Zusammenarbeit mit Richard Strauß seit 1906 zeigt sein dramatisches Schaffen vertierteren Ausdruck, »die Erfüllung traditioneller theatralischer Forderung« mit der Oper als »der wahrsten aller Formen«. Die lebenslange enge Verbindung zwischen Dichter und Komponist findet neben Elektra, Ariadne auf Naxos , Die Frau ohne Schatten und Arabella in der triumphalen Aufführung des Rosenkavaliers ihren Höhepunkt. Der Stoff aus der Zeit Maria Theresias führt H. zur Entdeckung des Barock und des habsburgischen Mythos; Calderon wird für die Bühne neu zu gewinnen versucht ; die schwierige Umgestaltung des Schauspiels Das Leben ein Traum in ein religiös-politisches Trauerspiel der Gegenwart weist auf die Grenzen dieser Anverwandlung aus dem Geist des spanischen Barock.
      Aus demselben Geist der Allegorie entsteht für die von H. mitbegründeten Salzburger Festspiele 1920 die Neufassung des englischen Jedermann. Die Ãoberzeugung, daß man »nach verlorenen Kriegen Lustspiele schreiben muß«, die »das Einsame und das Soziale« zusammenfügen, läßt ihn an sein Jugendwerk anknüpfen . Es entstehen in rascher Folge Der Schwierige , Der Bürger als Edelmann nach Moliere , Der Unbestechliche . Indiesen Komödien findet das Konversationsstück seinen unüberbietbaren Höhepunkt: »Das erreichte Soziale«.
      Die Neubesinnung auf die Rolle Ã-sterreichs und seiner kulturellen Grundlagen nach dem Weltkrieg -»Ã-sterreichs tausendjähriger Glaube an Europa« - führt H. zu einer verstärkten kulturpolitischen Aktivität, wie sie in der Münchener Rede Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation ihren konzentrierten Ausdruck findet. Die dort verkündete Idee einer »konservativen Revolution« als »schöpferischer Restauration« mit dem Ziel einer »neuen deutschen Wirklichkeit« vor dem Hintergrund europäischer Tradition sollte in den innenpolitischen Krisen Ã-sterreichs und Deutschlands ungehört verhallen. 1929 stirbt H. einige Tage nach seinem Sohn.

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Hofmannsthal,  Hugo    


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